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2010
2009
2008
WCTAG Historie
Zweites Taiji Neujahrsturnier in der Dacascos Kampfkunst-Akademie
Hamburg-Barmbek am 13. Februar 2010
Es muss schon etwas Besonderes sein, wenn sich zwanzig Kampfkunstschüler und drei
hochkarätige Schiedsrichter durch dichte Schneeschauer kämpfen, um in fünf Klassen die
Besten zu ermitteln. Aber das zweite Neujahrsturnier des WHKD und des Chen Taijiquan ist
inzwischen ja auch bekannt für seine lockere und fröhliche Atmosphäre. Und niemand wurde
enttäuscht: Auch in diesem Jahr war das Turnier ein voller Erfolg.
Gezeigt wurden Handformen, Waffenformen, Dingbu- und Houbu-Pushhand-Kämpfe. Unter
dem fachmännischen Blick der Kampfrichter Kai Schlupkothen, Ralf zum Felde und Jan
Leminsky traten Schüler aus Dortmund, Hamburg und Lüneburg an. Dabei war das Niveau
der einzelnen Teilnehmer bemerkenswert hoch.
Den strahlenden Siegern verlieh Sifu Christian Wulf persönlich die Medaillen. Ihm ist es als
Veranstalter ein wichtiges Anliegen, dieses Neujahrsturnier (der Termin richtet sich nach dem
chinesischen Jahresbeginn) als festen Termin für Anfänger und Fortgeschrittene zu etablieren,
die sonst nicht unbedingt die harte Auseinandersetzung im Wettkampf suchen. Das scheint zu
gelingen, dafür gilt ihm ganz besonderer Dank, ebenso Jan Leminsky, Taiji-Lehrer der Wu
Wei-Schule für seine Unterstützung als Schiedsrichter.
Wenn also sogar bei denkbar widrigsten Wetterverhältnissen so viele Kampfkunstbegeisterte
zusammenkommen, ist es so gut wie sicher, dass es auch ein Neujahrsturnier 2011 geben
wird. Der Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben.
Ausbilder Kai Schlupkothen
Dacascos Kung Fu Academy - Sigung Christian Wulf präsentiert:
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| 2. Taiji Neujahrs Turnier – 13.2.2010 |
1. Klasse Taiji Handformen
- Platz: Dennis Benkmann
- Platz: Niklas Schmidt
- Platz: Frederik Wahl
2. Klasse Taiji Waffenform
- Platz: Niklas Schmidt
- Platz: Constantin Canaza Chambi
- Platz: Frederik Wahl
3.
Sophia Canaza Chambi
3. Klasse Dingbu Pushhands Herren -75kg
- Platz: Frederik Wahl
- Platz: Michael Hoepfner
- Platz: Lasse Lingens
4. Klasse Dingbu Pushhands Herren +75kg
- Platz: Julien Jones
- Platz: Hendrik Thurnes
- Platz: Lasse Lingens
5. Klasse Houbu Pushands Männer
- Platz: Dennis Benkmann
- Platz: Hendrik Thurnes
Grandchampion Dingbu Herren
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Editorial 2010
Lieber Leser, liebes Mitglied,
Taijiquan ist eine Bewegungskunst mit hohem
philosophisch-spirituellen Wert. Zudem ist es eines
der effektivsten Selbstverteidigungssysteme
des chinesischen „Gongfu“, der chinesischen
Kampfkünste (Wushu). Kurz gesagt ist es eine Lebenskunst,
die keine Sparte auslässt und Leben
ganzheitlich so weit versteht, dass wir auf der
Erde stehen, aber in den Himmel reichen können.
Sein und Nichtsein bilden eine Einheit, die so als
vollständiges Leben verstanden wird. So freue ich
mich, dass unser Chen Magazin seit Kurzem nun
auch an ausgewählten Kiosken erscheint und damit
auch denen die Möglichkeit gibt, mit uns in
Kontakt zu treten, die vielleicht noch nie von Taijiquan
gehört haben. Es ist weltweit das einzige
Magazin, das ausschließlich über das System des
Chen Taijiquan berichtet. Ich bin froh, dass wir
zudem einen Weg gefunden haben, auf Werbung
von Außen im Magazin verzichten zu können. So
bietet sich uns eine einzigartige Plattform, im generellen
Teil des Heftes, engagiert und tiefgreifend
über das Chen Taijiquan berichten zu können,
ohne auf Mainstream Artikel Rücksicht nehmen
zu müssen. Im Verbandsteil wiederum können wir
alle Interessierten und all unsere Mitglieder mit
Erfahrungsberichten, Ankündigungen und allen
Informationen versorgen, die benötigt werden,
wenn man unsere Kunst nicht nur bestaunen,
sondern selber effektiv ausführen möchte. Denn
darum geht es doch: So effektiv wie möglich Taijiquan
begreifen zu können und in sich selbst eine
Tiefe zu erreichen, wirklich die Zusammenhänge
in und um uns verstehen und fühlen zu können.
Auch unsere WCTAG hat als größter eigenständiger
Taiji-Verband Europas weiterhin mächtig Zuwachs
erhalten: Zu unserer Hauptseite im Internet
(www.wctag.de) findet der Interessierte nun auch
eine eigene Kinderseite (www.wctag-kids.de), als
auch eine ausführliche Seite über unsere Hilfsprojekte
in China, Brasilien und Sri Lanka: www.wctag-
hilft.de. Ein großer Verband hat die Verpflichtung
zu helfen, wenn er kann. Und wir können -
wie alle Informationen auf dieser Seite hoffentlich
unter Beweis stellen.
Auch meine weitere Verbandsgründung in Brasilien
trägt ihre ersten großen Früchte, wie unsere
Webseite www.wcta.com.br zeigen kann.
Unser Verband geht somit langsam auf seine 40
Mitgliedsstaaten zu und gibt uns damit die Möglichkeit
wirklich sagen zu können „si hai – yi jia“
– „Vier Meere – eine Familie!“ Ich freue mich auf
diese große Gemeinschaft, die gerade auch durch
unsere Hilfsprojekte eine weltweit klassenlose
und alle Schichten durchdringende Dimension erhält.
Das macht mich sehr glücklich.
Taiji – der Mensch zwischen Himmel und Erde
– ich freue mich Ihnen diese faszinierende Welt
auch mit diesem Magazin hoffentlich wieder ein
Stück weit näher bringen zu können und wünsche
allen Mitgliedern ein erfolgreiches Jahr der Praxis
und viel guten Fortschritt zum eigenen und zum
Wohle aller!
Mit liebevollen Grüßen,
Jan Silberstorff
INTERVIEW MIT GROSSMEISTER
CHEN XIAOXING
19. GENERATION CHEN FAMILIE
Chen Xiaoxing, geboren 1952, leitet heute zusammen
mit seinem Sohn Chen Ziqiang die Taiji-
Schule in Chenjiagou. Trotz seiner weltweiten
Seminareinladungen hat er beschlossen, überwiegend
vor Ort in Chenjiagou zu bleiben, um an
der Quelle die Tradition hoch zu halten. Er ist der
jüngere Bruder von GM Chen Xiaowang und gilt
als einer der besten Taiji-Meister unserer Zeit.
Die Fragen wurden von der Reisegruppe der
WCTAG gestellt, die im August 2009 mit Jan
Silberstorff nach Chenjiagou gereist ist.
Frage: Großmeister Chen Xiaoxing, sie betreiben
schon ihr gesamtes Leben lang intensiv Taijiquan.
Wie kommen Sie zu Ihrer hohen Motivation, die ja
sicherlich für solch ein Training gebraucht wird?
Auch ich möchte gerne viel Taijiquan trainieren,
muss aber dennoch täglich meinen Schweinehund
überwinden, um zum Training zu gehen.
GM Chen Xiaoxing: (lacht) Du darfst das verschiedene
Umfeld nicht vergessen. Ich trainiere
seit meinem 8. Lebensjahr, das sind jetzt 49 Jahre.
Aber ich bin damit aufgewachsen, ich bin da hinein
gewachsen. Sieh, schon bevor ich laufen konnte,
hat jeder um mich herum Taijiquan trainiert und je
größer ich wurde – immer machten alle Taijiquan.
Es gab zu meiner Kindheit kein Fernsehen oder
ähnliches. Taijiquan war bei uns einfach das, was
man machte, worüber man sich unterhielt. So
macht man es schon von ganz alleine. Wenn man
dann besser wird, will man es nicht mehr missen
und es ist eher eine Überwindung, wenn man sich
entscheidet, einmal nicht zu trainieren, um etwas
anderes zu machen.
Frage: Wie ist es heute, Sie unterrichten viel und
kümmernsichumdie ganze Schuleundvielesmehr.
Haben Sie noch Zeit, für sich alleine zu trainieren?
Ich habe das während meines Aufenthaltes hier
noch nie gesehen.
GM Chen Xiaoxing: Ich bin hier recht bekannt
(lacht).Wenn ich hier in der Öffentlichkeit trainiere,
würden immer alle zugucken. Ich liebe es, ganz für
mich alleine in der Stille zu sein. So kann ich am
tiefsten in meine Praxis kommen und am Besten
trainieren. Daher trainiere ich immer morgens um
5 Uhr für mich bei mir, wo mich keiner sieht.
Frage: Die meisten hier trainieren den „Großen
Rahmen“ (dajia-laojia). Warum sieht man hier den
„Kleinen Rahmen“ (xiaojia) so selten?
GM Chen Xiaoxing: Der „Große Rahmen“ (dajia),
bzw. der „Alte Rahmen“ (laojia) ist von unserem
Vorfahren Chen Changxing. Die meisten lieben
diese Formen und sie haben sichammeisten durchgesetzt.
Der „Kleine Rahmen“ (xiaojia) ist von Chen
Youben entwickelt worden. Er ist auch überliefert,
aber nicht so stark wie der von Chen Changxing.
Frage: Seit es das von GMChenXiaowang ins Leben
gerufene Hilfsprojekt für Chenjiagou durch seinen
Kalligraphie-Verkauf gibt, ist hier viel passiert. Der
Chen Wangting Tempel wurde gebaut und nun soll
auch ein Chen Changxing Tempel entstehen. Die
eigentliche Taiji-Schule hier in Chenjiagou wirkt
jedoch ziemlich hinfällig. Warum wird diese nicht
auch wieder restauriert?
GM Chen Xiaoxing: Wir wollen auf jeden Fall diese
Schule hier restaurieren. Sie ist das Herzstück
von Chenjiagou. Wir alle, auch Euer Großmeister,
mein Bruder Xiaowang, hat sein Leben lang hier
trainiert. Aber es muss alles der Reihe nach gehen.
Zuerst sollen die beiden Tempel unserer Ahnen
fertiggestellt werden, dann kommt unser eigenes
Gebäude. Dazu kommt, dass wir uns bisher noch
nicht entschließen konnten, welche Teile auf welche
Weise und in welcher Reihenfolge restauriert
werden sollen. Es gibt verschiedene Ideen und
Pläne, aber wir haben uns noch nicht auf einen
definitiv festgelegt.
Frage: Was sind Ihre Ziele für die nächsten 10
Jahre?
GM Chen Xiaoxing: In den nächsten fünf Jahren
möchte ich gern wie gesagt unsere Taiji-Schule
hier renovieren…(kurzes Nachdenken)…und nach
weiteren fünf Jahren noch eine weitere eröffnen!
Großer Applaus der Zuhörer und Fragesteller;
Großmeister Chen Xiaoxing erhebt sich und
trainiert mit der Reisegruppe zwei Stunden lang
die 38er Form.
Jan Silberstorff
AUSZUG AUS DEM „TAIJIQUAN TU SHUO“
VON CHEN XIN, 16. GENERATION CHEN FAMILIE ÜBERSETZUNG INBI/SILBERSTORFF (AUSSCHNITT)
Während der Praxis des Tajiiquan ist es normalerweise
nicht notwendig, sich anfänglich in die
kardinalen Richtungen auszurichten. Wie dem
auch sei, da das Sternenbild des großen Wagens
nach Norden gerichtet ist, sollte der Ausübende
sich respektvoll in diese Richtung stellen, denn
dies ist die Quelle der entsprechenden Energie
im menschlichen Körper, bekannt als Zhong-Qi
oder Zentrale Innere Energie. Deshalb sind alle
Figuren (die in diesem Buch präsentiert werden)
nach Norden ausgerichtet, mit dem Rücken nach
Süden, den Osten zur Rechten und den Westen
zur Linken.
Um den Weg des Himmels zu bestimmen, musst
Du zu den Substanzen Yin und Yang Zuflucht
nehmen. Um den Weg der Erde zu etablieren,
musst Du das Konzept von Hart und Weich
anwenden; um den Weg der Menschen zu finden,
brauchst Du Wohlwollen und Rechtschaffenheit.
Fülle Deine Beine und Arme mit der Energie des
Seiden-Wickelns; richte Deinen Kopf auf und
schau gerade nach vorne. Wenn Du sitzt, sei wie
die Angel einer Tür; wenn Du stehst, sei wie ein
leerer Raum.
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| (Das Taijiquan Tu Shuo („der illustrierte Kanon des
Taijiquan“) ist das wohl umfassendste chinesische
Werk über Taijiquan. Es wurde innerhalb von 12 Jahren
Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst und gilt als einer
der wesentlichen Klassiker des Chenstils.) |
Konfuzius sagt, „Begegnest Du Respektlosigkeit,
schau nicht hin; begegnest Du Respektlosigkeit,
höre nicht hin; begegnest Du Respektlosigkeit,
sprich nicht einmal darüber; begegnest Du
Respektlosigkeit, bewege sie nicht.“ Während Du
Taijiquan praktizierst, sei dabei ehrfurchts- und
respektvoll, als ein natürlicher Teil des Prozesses.
Den etablierten Formen und Regeln folgend,
betrachte die Taiji Form, höre auf sie, sprich über sie und bewege Dich mit ihr von innen
heraus. Wenn Du die Form nicht übst, beruhige
Dein Gemüt und Dein Herz und befriede Deine
Energie um Dich mit dem spirituellen Element zu
vermischen.Währenddes Übens, beruhige Deinen
Geist und Deine Energie, um Deinen oberen und
unteren Körperpartien zu erlauben, sich frei und
natürlich ohne Künstlichkeit zu bewegen.Versuche
den Mechanismus des Taijiquan vernünftig in Übereinstimmung mit den inneren Normen und
Riten einzuleiten. Die Riten des Taijiquan besagen,
das man kein langsames und träges Qi durch den
Körper fließen lassen sollte. Wenn diese träge
Energie sich `verdickt´, wirst Du eine sehr große
Anzahl von Bewegungen gebrauchen müssen,
um der Heranbildung myriader Krankheiten
vorzubeugen, indem Du diese Energie aus allen
Bereichen des Körpers damit heraus treibst.
Die Riten basieren auf Respekt und Freude und
gehen hervor aus Friede und Harmonie. Wenn Du
respektvoll sein kannst und Frieden und Harmonie
beibehalten kannst, wirst Du ein guter Ausübender
des Taijiquan. Es wird gesagt, „Taijiquan ist der
Weg der Kunst.“ Wie die Meister sagen, „wenn
die etablierten Regeln sehr streng sind, wird
auch ein Weiser mit hohem Können trotz seines
Gongfu nicht in der Lage sein, ihnen zu folgen.“
Wenn es der Gegenstand der Kunst ist, was sollte
getan werden, es zu verstehen? Es wird ebenso
gesagt, dass du durch die Praxis des Taiji lernst,
Deine Tugend zu kultivieren, Deinen Charakter
zu korrigieren und dein Leben zu beschützen.
Wie Menzius sagt, „ohne etablierte Praktik und
Regeln kann man nicht entgegenkommend und
zurückhaltend in seinem Verhalten werden.“
Den Weg des Taiji zu praktizieren, die klassischen
Schriften nicht zurückzuweisen und jedem
einzelnen Wort vom Anfang bis zum Ende
Respekt entgegenzubringen – wer dieses tut,
kann sich selbst als mit ganzem Herzen dem
Studium des Taiji gewidmet bezeichnen. Seinen
Willensentschluss zu fördern bis er befreit ist von
dem Wollen, welches in seiner Brust gefangen ist,
so wird er die (große) Einheit in Übereinstimmung
mit dem einen Taiji Prinzip erreichen. Dieses
Prinzip oder die (große) Einheit ist das Studium
(der folgenden Seiten).
CHEN TAIJIQUAN ALS SELBSTVERTEIDIGUNG
FÜR FRAUEN ODER: „FÜR EINE FRAU PUSHST
DU GANZ GUT“
Zwar trainieren immer mehr Frauen Taijiquan, jedoch
bestehen bei vielen Frauen mit dem Thema Tuishou – den „Schiebenden Händen“ Berührungsängste.
Wolfe Lowenthal versucht in seinem Buch Es gibt
keine Geheimnisse dafür eine Erklärung zu finden:
„Professor Zheng Manqing war der Ansicht, dass
Frauen für das Taijiquan von Natur aus begabter
sind. Männer brauchen meist Jahre, bis sie dieses– den Frauen innewohnende Gespür für Feinfühligkeit
und Sanftheit entwickelt haben. Trotzdem kann
es auch bei Frauen jahrelang dauern, bis sich ihr Talent „auszahlt“. Und in der Zwischenzeit werden sie– wenn sie in einer unsensiblen Umgebung Tuishou üben – herum geschubst und, was sie wahrscheinlich
am meisten frustriert, von körperlich stärkeren
Männern „unterrichtet“, die sich – nur weil sie „gewinnen“
einbilden, mehr zu wissen.“ [1]
Dabei zeige sich die Qualität einer Taijischule, so
Lowenthal, unter anderem darin, „inwieweit Frauen
am Tuishou beteiligt sind“[2].
Das Tuishou-Training demonstriert deutlicher als
das Formentraining den kämpferischen Aspekt des
Taijiquan. Außerdem stellt es die Verbindung zur
Selbstverteidigung dar.
Taijiquan gilt als eine sehr effektive Selbstverteidigungskunst.
Aber gilt das auch für Frauen? Ist diese
alte chinesische Kunst in der Lage den heutigen Lebensbedingungen
von Frauen gerecht zu werden?
SELBSTVERTEIDIGUNG FÜR
MÄNNER UND FRAUEN
Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung von Angriffen
auf die seelische und körperliche Unversehrtheit
eines Menschen bezeichnet. Selbstverteidigung
heißt, sich selbst zu vertrauen, der eigenen Kraft und
Stärke, dem eigenen Gefühl und dem eigenen Willen.
In der Selbstverteidigung geht es nicht nur darum,
gegen jemanden zu kämpfen, sondern für sich
selbst einzutreten. Innerhalb dieses Verständnisses
ist Selbstbehauptung der Teil der Selbstverteidigung,
in dem es nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen
kommt. Vielmehr geht es um Grenzverletzungen
jeglicher Art, genauer gesagt, um Strategien
gegen diese Grenzverletzungen. Im Folgenden ist
mit Selbstverteidigung immer auch Selbstbehauptung
gemeint.
Voraussetzung für Selbstverteidigung ist zunächst
ein Bewusstsein seiner selbst zu haben bzw. zu
schaffen. Das bedeutet auch, sich der eigenen Angst
und der damit einhergehenden Einschränkungen bewusst zu werden und diese nicht mehr hinnehmen
zu wollen, um in dem Moment zu handeln und sich
zu wehren, in dem die eigene Distanzschwelle verletzt
oder durchbrochen wird. Begrenzungen als solche
wahrzunehmen ist nicht immer einfach. Neben
dem bereits erwähnten Bewusstsein braucht es auch
Mut, sich diese Ängste und Einschränkungen einzugestehen.
Selbstverteidigung für Frauen muss jedoch auch
innerhalb eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges
betrachtet werden. So schreibt Jan
Silberstorff in seinem Buch Schiebende Hände: „Ich
weise allerdings noch einmal darauf hin, dass in der
Frauenselbstverteidigung andere Gesetze gelten als
in der der Männer.“ [3]
Für eine frauenspezifische Selbstverteidigung ist
es zunächst notwendig, den strukturellen Aspekt
von Gewalt gegen Frauen zu verstehen: Verschiedene
Gewaltformen dienen der Einschüchterung und
halten Frauen in Angst. Sexuelle Gewalt zieht sich
durch alle sozialen Schichten und reicht von diskriminierenden
Gesellschaftsstrukturen bis zu direkten
körperlichen Übergriffen. Die Gewalttäter sind überwiegend
Männer und stammen meist aus dem nahen
familiären Umfeld oder aus dem Kollegen- und
Bekanntenkreis. Die alltägliche Gewalt besitzt viele Ausdrucksformen: Frauen werden beleidigt, eingeschüchtert,
vergewaltigt und ermordet.
Vergewaltigung sehen Autorinnen wie Susan Brownmiller
als Machtinstrument des Mannes gegenüber
der Frau. [4] Die Fakten sind bereits seit den 80-er
Jahren bekannt, und obwohl mittlerweile in der Öffentlichkeit
diesem Thema gegenüber eine größere
Sensibilität besteht, dämmt dies die Gewaltverbrechen
nicht ein. Diese Fakten sind daher eine Realität
für jede Frau, auch im 21. Jahrhundert, egal ob sie
persönlich davon betroffen ist oder nicht.
Um speziell Frauen die Vorteile des Taijiquan bezüglich
der Selbstverteidigung näher bringen zu können,
müssen diese Fakten und ihre Auswirkungen
im Unterricht Berücksichtigung finden.
Gewalt, besonders in ihrer sexuellen Ausprägung,
beschneidet in extremer Art und Weise die Selbstbestimmung
von Mädchen und Frauen und hindert
sie an der vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit.
Alltägliche Demütigungen beeinträchtigen das
Selbstwertgefühl von Mädchen stark. Häufig führen
Gewalterfahrungen dazu, dass Mädchen ihren eigenen
Körper ablehnen, ja sogar in ihm die eigentliche
Ursache der Gewalt sehen. Solche massiven Angriffe
haben weit reichende Folgen bezüglich der Körperwahrnehmung
und dem Verhältnis zum eigenen
Körper. Untersuchungen verschiedener Frauen-Notrufgruppen,
die von sexuellem Missbrauch Betroffene
beraten, bestätigen diese Auswirkungen. Die
betroffenen Frauen und Mädchen leiden vor allem
unter dem Gefühl, sich nicht wehren zu können und
verlieren das Vertrauen in die eigenen Stärken. Dies
kann dazu führen, dass Frauen ihren physischen und
geistigen Bewegungsraum einschränken. Manchmal
geschehen diese Einschränkungen sogar unbewusst
und werden dadurch folglich gar nicht als solche
wahrgenommen.
FRAUEN UND TUISHOU
Immer wieder gibt es im Taiji Frauen, die trotz jahrelanger
Trainingserfahrung, dem Tuishou skeptisch
gegenüberstehen. Im Taijiquan geht es um Weichheit,
Nachgiebigkeit, „ins Verlieren soll investiert“
(Zheng Manqing) werden. Eigenschaften die viele
Frauen sozialisationsbedingt sowieso schon mitbringen.
Oft ist es aber die andere Seite, die vielen Frauen
nicht zur Verfügung steht: Sich Raum nehmen,
stehen zu bleiben, entschlossen für sich selbst und
nicht nur für andere zu kämpfen fällt Frauen nicht
immer leicht.
Durch die Stehmeditation nehme ich mir zunächst
meinen eigenen Raum, den Raum in mir. Dies ist
Grundvoraussetzung dafür auch den Raum in der
Welt auszufüllen. Durch die ausschließliche Betonung
von Weichheit und Nachgiebigkeit wird im
Schiebende Hände-Training die Sozialisation von
Frauen erstmals noch verstärkt, anstatt ausgeglichen
bzw. überhaupt berücksichtigt. Für viele Frauen wäre es sinnvoll, zuerst mehr ins Gewinnen zu investieren,
sich Raum nehmen zu lernen, stehen bleiben zu
können bevor sie in etwas investieren, das sie sowieso
schon ganz gut können. Erst dadurch gibt es
überhaupt die Wahlmöglichkeit, und jede kann sich
entscheiden ob sie stehen bleibt oder weggehen
möchte. Sicherlich kommt auch für Frauen der Zeitpunkt,
ins Verlieren zu investieren. Für Frauen besteht
innerhalb des klassischen Taijiquan-Trainings
die Gefahr, den zweiten vor dem ersten Schritt zu
machen und so gar keine Wahl zu haben.
Auch um sich für andere einzusetzen, um anderen
helfen zu können, muss ich zuerst selbst stabil und
sicher sein, sozusagen in meinem eigenen Gleichgewicht
stehen. Nur so kann ich wirklich effektiv auch
für andere handlungsfähig werden.
Frauen äußern manchmal, dass sie keine Lust haben,
zusätzlich auch noch beim Taijiquan herum geschubst
zu werden. Oftmals haben sie einfach noch
keine positiven Erfahrungen innerhalb des „Pushhands“
gemacht. Gerade das „Pushhands“-Training
bietet jedoch viele Möglichkeiten, sich selbst kennen
zu lernen, den eigenen Handlungsspielraum zu erproben
und zu erweitern sowie sich spielerisch und
mit viel Freude dem kämpferischen Aspekt des Taijiquan
anzunähern. Es wäre doch zu schade, diesen
Teil des Kuchens noch nicht einmal probieren zu
wollen.
„Für eine Frau pushst du ganz gut“ hörte ich neulich
zum wiederholten Male während eines Seminares
von einem Taiji-Kollegen. Diese Aussage ist sehr
aufschlussreich: Auch im Taijiquan ist der Mann das
Maß aller Dinge. Deswegen ist es sinnvoll, Frauen
auch explizit von Frauen unterrichten zu lassen.
Um Frauen die Möglichkeit zu geben, sich die Erfahrungen
des Tuishou zu erschließen, habe ich gemeinsam
mit Almut Schmitz 2008 das erste stilübergreifende
Frauen Pushhands-Treffen in Deutschland
initiiert. [5] Die Idee ist, Frauen von Frauen unterrichten
zu lassen und einen Raum zu bieten, in dem sich
auch Frauen, die dem Pushhands eher skeptisch gegenüber
stehen, erproben können. Aber diese Treffen
bieten auch die Möglichkeit zum Austausch unter
erfahrenen „Pusherinnen“. Außerdem ist es ein
Anliegen, Netzwerke mit Frauen zu bilden, die sich
mit dem Thema Taijiquan bzw. Tuishou, stilübergreifend
beschäftigen möchten.
TAIJIQUAN UND SELBSTVERTEIDIGUNG
Im Vergleich zu meinen eigenen Erfahrungen mit Karate
und anderen Kampfkünsten sowie mit Selbstverteidigung,
wurde mir relativ schnell der große
Nutzen des Taijiquan, wie ich es in der WCTAG, unter
Chen Xiaowang und Jan Silberstorff erlerne, deutlich.
Da mich persönlich an den Kampfkünsten schon
immer ihre Wirksamkeit im Bezug auf die Selbstverteidigung
interessiert hat, fragte ich mich nach den ersten Erfahrungen mit der Stehmeditation im
Chen Taijiquan, der so genannten „Stehenden Säule“
(Zhanzhuang) schon hin und wieder: „Was soll
dieses „Herum-Stehen“, kombiniert mit den langsamen
Bewegungen des Taijiquan für eine ernsthafte,
körperliche Auseinandersetzung bringen?“
Bald spürte ich jedoch die ersten Veränderungen. Ich
fühlte und füllte mehr und mehr meinen eigenen, inneren
Raum. Ich wurde ruhiger und gelassener und
langsam entwickelte sich ein Gefühl der eigenen
Mitte. Das Training half mir im alltäglichen Stress
immer besser zu entspannen und loszulassen. Die
Möglichkeit, unter Druck bzw. unter Stress zu entspannen
und dadurch einen besseren Überblick zu
bewahren, kann in einer Selbstverteidigungssituation
von existenzieller Wichtigkeit sein.
Durch die Stärkung der eigenen Mitte, durch eine
ruhige und realistische Wahrnehmung, durch ein
friedvolleres und gesünderes Umgehen mit sich
selbst und anderen in Verbindung mit einer immer
besser werdenden eigenen Standhaftigkeit und einer
verbesserten Körperstruktur wächst auch die
Entschlossenheit, ganz und gar für sich einzustehen.
Die Voraussetzung dafür ist die Schaffung des eigenen
Bewusstseins, des Selbst-Bewusstseins. Gerade
die Stehmeditation schafft diesen Bewusstseins-Zustand.
Die Stehmeditation hilft, den eigenen Raum
wahrzunehmen und ihn zu bewahren.
Jedoch kann das Taijiquan-Training im Bezug auf
Selbstverteidigung auch seine Tücken haben. Festgelegte
Regeln mancher Systeme sind ein Nachteil
solcher Kampfkünste, für Männer wie für Frauen, da
die Gefahr besteht, sich auch in einer ernsthaften
körperlichen Auseinandersetzung automatisch, da
eintrainiert, an diese Regeln zu halten. So schreibt
auch Jan Silberstorff:
„Unter Missachtung der eigentlichen Zielsetzung
wird es (das Pushhands, Anm. d. Verf. ) oft herunter
gebrochen zu einem reinen Geschicklichkeitsgerangel,
welches mit der Zeit seine eigene Dynamik und
Reglementierung erhalten hat. Letztere ist jedoch
häufig nicht mehr von ernsthafter kampfbezogener
Relevanz“ (S. 24, Schiebende Hände).
Eine tatsächliche, körperliche Auseinandersetzung
zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass sie unfair,
hinterlistig und unkontrolliert ist. Alles ist erlaubt,
es gibt keine Regeln!
Dies zu berücksichtigen ist wichtig- für Männer und
für Frauen!
Hinzu kommen sollte, dass die spezielle Situation
von Frauen innerhalb des Taijiquan-Trainings Berücksichtigung
findet.
Meiner Meinung nach fängt die Selbstverteidigung
im Taijiquan bei den beschriebenen positiven Auswirkungen
der Stehmeditation an. Die Sicherheit mit
sich selbst sowie eine ruhige, zentrierte und friedliche
Ausstrahlung und eine feinere Wahrnehmung sind die besten Voraussetzungen für Selbstverteidigung,
da allein durch diese Ausstrahlung häufig
erst gar keine (körperlichen) Auseinandersetzungen
mehr zustande kommen. Dies gilt nicht in jeder Situation
und ist keine Garantie dafür, dass keine Übergriffe
mehr stattfinden.
Nicht unerwähnt sollen an dieser Stelle auch der
gesundheitliche und seelische Nutzen und das spirituelle
oder geistige Potential des Taijiquan bleiben.
So hilft es, sich gesund zu halten und die Zusammenhänge
der Welt und des Seins grundsätzlich
besser zu verstehen können. Das Taijiquan bietet
eine wundervolle Möglichkeit, sich etwas Gutes zu
tun: zur Ruhe zu kommen und sich immer besser zu
zentrieren und dadurch mehr Stabilität zu finden, um
den Widrigkeiten des ganz normalen Alltages besser
Stand halten zu können. So führt das Taiji-Training
vor allen Dingen hin zu einem entspannten, friedvolleren
und damit glücklicherem Leben und bietet
dadurch auch die Grundvoraussetzungen für einen
geistigen Weg.
TAIJIQUAN UNTERRICHT FÜR FRAUEN
Aus der Überzeugung, dass Chen Taijiquan eine
effektive Möglichkeit zur Selbstverteidigung sein
kann, biete ich schon seit mehreren Jahren Frauen
Taiji Kurse an. Innerhalb meines Trainingskonzeptes
für Frauen ist Selbstverteidigung immer wieder ein
zentrales Thema. Selbstverteidigung bedeutet für
mich mit Lust die EigenMacht wieder zu entdecken,
sich selbst wertzuschätzen, sich ernst zu nehmen.
Information und Aufklärung gehören genauso zum
Training wie der Spaß am Entdecken und Spüren
der eigenen körperlichen Stärken. Meine früheren
Erfahrungen mit feministischer Selbstverteidigung,
Wendo [6], hat mich genauso wie das Taiji-Training
gelehrt, dass nicht die erlernte Technik grundlegend
ist für den Erfolg, vielmehr ist es die Einstellung und
die Entschlossenheit. Innerhalb dieses Verständnisses
von Selbstverteidigung ist jede Entscheidung in
Ordnung, auch ein Nicht-Handeln kann eine Entscheidung
sein.Wenn Taijiquan als Selbstverteidigung für
Frauen funktionieren soll, müssen auch Themen wie
Angst und Wut, persönliche Hemmschwellen, beispielsweise
Schlaghemmungen oder Rollenverhalten
behandelt werden. Die Erfahrungen körperlicher
Selbstverteidigung sollten einen Übertrag finden in
den Alltag der Frauen, in dem keine körperlichen
Kämpfe stattfinden. So soll ein Bewusstsein über
die eigenen Muster und Konditionierungen als auch über die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten geschaffen
werden.
Die notwendigen Informationen und Fakten zu den
Situationen, in denen Frauen Grenzüberschreitungen
und Gewalt erleben, sollten im Taiji-Training genauso
Berücksichtigung finden wie die spezielle Sozialisation
von Frauen. Eine effektive Selbstverteidigung
für Frauen muss sich über diese Fakten im Klaren
sein und diese in ihr Konzept mit einbeziehen. Sonst
läuft jede Kampfkunst/Selbstverteidigung Gefahr für Frauen nutzlos zu sein. Wenn aber der speziellen Situation
von Frauen Rechnung getragen wird, bietet
Taijiquan auch für Frauen eine wirksame Möglichkeit
zur Selbstverteidigung.
Innerhalb des Taijiquan kann das Pushhands -Training
- mit der richtigen Intention geübt - sehr gut auf
körperliche Auseinandersetzungen vorbereiten, noch
dazu ohne großes Verletzungsrisiko. Es ist die Brücke
zur Selbstverteidigung, aber es muss auch klar
sein, dass es nicht die Selbstverteidigung an und für
sich ist. Jedoch bietet das Pushen eine wundervolle
Möglichkeit, die Taiji-Prinzipien zu zweit umzusetzen,
auszuprobieren bzw. zu überprüfen in wie weit
diese Übersetzung gelingt. Um den eigenen Stand
zu überprüfen und zu verbessern, sowie die eigene
Entschlossenheit zu stärken, können Übungen im
festen Stand (Dingbu) genauso verwendet werden
wie Übungen mit Schritten (Houbu). Darüber hinaus
kann gezeigt werden, wie die Taiji-Prinzipien gerade
auch in der Frauenselbstverteidigung angewendet
werden können. Chen Taijiquan kann so die Möglichkeit
bieten sich als Frau mit viel Freude mit der
kämpferischen Seite des Taijiquan zu beschäftigen.
Es kann helfen die eigene Entschlossenheit zu entwickeln,
für sich selbst einzustehen, für sich selbst
die Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst zu
sorgen, sich selbst etwas Gutes zu tun: Die Grenzen
wahrzunehmen und zu respektieren, bei anderen
und bei sich selbst.
Regelmäßiges Taiji-Training verschafft in erster Linie
Wohlbefinden und Gesundheit, es gibt uns Selbst-
Bewusstsein, es stärkt unser Selbst-Vertrauen und
bietet so die Basis für alles Weitere: Zufriedenheit
und Glück, spirituelles Wachsen mit Hilfe einer
Kampfkunst und eben auch die Möglichkeit zur effektiven
Selbstbehauptung bzw. Selbstverteidigung.
Und so beantwortete ich die anfangs gestellte Frage:
Ja - Chen Taijiquan ist eine effektive Selbstverteidigungskunst.
Unter bestimmten Voraussetzungen
auch für Frauen.
[1] Wolfe Lowenthal Es gibt keine Geheimnisse. Norderstedt: Kolibri-
Verl., 1993, S. 49.
[2] ebd.
[3] Jan Silberstorff, Schiebende Hände, Velbert : Lotus-Press,
2008, S.258.
[4] Susan Brownmiller, Gegen unseren Willen. Vergewaltigung
und Männergesellschaft, Frankfurt: S. Fischer 1978.
[5] 2010 wird dieses Treffen zum dritten Mal stattfinden: vom
04.06. bis 06.06. 2010 in Hamburg.
[6] Anfang der siebziger Jahre entstand in Kanada eines der ersten
feministischen Selbstverteidigungssysteme, Wendo, aus der
Erfahrung heraus, dass auch Frauen, die Kampfsport trainierten,
sich häufig in realen Angriffssituationen nicht mit Hilfe der erlernten
Techniken zur Wehr setzten. „Wendo“ ist eine Wortneuschöpfung – analog zu verschiedenen Budo-Künsten – die sich
aus „Wen“, einer Abkürzung für das englische „women“ (Frauen),
und „Do“, japanisch für Weg, zusammensetzt und „Weg der
Frauen“ bzw. „Frauen in Bewegung bedeutet“.
Literaturliste zum Thema von Sasa Krauter im Internet
unter www.wctag.de
Sasa Krauter
Dipl. Sportpädagogin
Taijiquan und Qi Gong-Lehrerin WCTAG
Sporttherapeutin (DVGS)
Neben ihrem Taiji-Unterricht für Männer und Frauen,
ist Sasa Krauter Leiterin der Taiji-Abteilung in der
Frauenkampfkunstschule Innae in Karlsruhe. Außer
am kämpferischen ist sie am therapeutischen und
geistigen Aspekt des Taijiquan interessiert. Hierbei
ist sie u.a. in der Ausbildung für angehende Sport-
Therapeuten und Therapeutinnen tätig und unterrichtet
neben Taiji auch Qi Gong und Meditation. Seit
Mitte der 80-er Jahre beschäftigt sie sich intensiv mit
den Themen östliche Philosophien, Kampfkünste sowie
Frauen und Selbstverteidigung. Chen Taijiquan
nach Chen Xiaowang ist für sie ein Lebensweg geworden,
in dem sich Gesundheit, Spiritualität und
Kampfkunst vereinen. Sie sieht Taijiquan als Lebenskunst,
um Körper und Geist zu schulen und versteht
ihren Unterricht als Aufgabe etwas vom großen Erfahrungsschatz
des Taijiquan weiterzugeben.

www.sasakrauter.de
LAOZI: KOMMENTAR ZUM DAODEJING, VERS 48
Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.
Wer das DAO übt, vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schließlich ankommt beim
Nichts machen.
Beim Nichts machen bleibt
nichts ungemacht. |
Eine der wesentlichen Kernaussagen: „Lernen“,
sprich das Anhäufen und Abspeichern von Informationen,
vermehrt – man weiß mehr als vorher.
Immer und täglich mehr. Doch dies verwirrt den
Geist nach Laozi bloß und vor allem bringt er ihn
weg vom Wesentlichen. Denn nur in der Leere
ist das DAO in seinem vollen Ausmaß, in seiner
Unendlichkeit erfahrbar. Dies jedoch bedeutet zu
vermindern. Denn der beschäftigte Geist fasst
nur den Teil seiner Beschäftigung. Er kann nicht
weit ins Unergründliche schweifen, kann nicht
weit werden wie die Unendlichkeit. Handelt es
sich nun um viel Beschäftigung, so springt der
Geist nervös von einem Punkt zum anderen, nie
aber hat er die Möglichkeit, sich seiner eigenen
Tiefe bewusst zu werden. Dazu kommt, dass die
Beschäftigung in der Regel künstlicher Natur, auf
Gewinnstreben des Menschen in seiner von ihm
selbst geschaffenenWelt und nicht in der Hingabe
an die natürliche Welt, in die er geboren wurde,
ist. So wird der Mensch zwangsläufig mit der Zeit
frustriert und krank und hat keine Möglichkeit zu
sich selbst und seinem Ursprung zu finden. Daher
kann das DAO nicht erlernt, sondern nur erfahren
werden. Um es zu erfahren, muss der Geist
jedoch von allem eigenen und von aller Beschäftigung
frei sein. Denn nur so, wenn er nichts hat,
auf das er sich richten kann, fällt er auf sich selbst
zurück und ist in der Lage seine eigene Natur zu
schauen, die direkt aus dem DAO ist. So ist also
der Weg des DAO nicht der des Lernens, sondern
des Aufgebens. Des Lassens soweit, bis es nichts
mehr zu lassen gibt. Nun ist er am Nichts angelangt. Sein Geist ist wie ein reines Tuch - wie ein
leerer Spiegel: Nichts ist in ihn eingedrückt und
einzig Klarheit und endlose Leere ist in ihm. Dies
bedeutet am Ursprung angekommen zu sein.
Den natürlichen Regungen, die nun aus diesem
reinen, unschuldigen und ursprünglichen Geist
kommen, ist wie eine Neugeburt, bzw. eine uralte
Geburt, die allererste Geburt, das allererste Wahrnehmen
und so eins mit dem DAO aus dem er
kommt. In diesem natürlichen Zustand verweilt
er ohne konditioniert zu sein. Und so werden alle
seine Handlungen naturgerecht. So macht er in
dem Sinne nichts und doch bleibt nichts ungetan.
Denn er tut, was ihm bestimmt ist zu tun, folgt
darin seinem natürlichen Maß und vollendet so
ohne Verbrauch.
| Das Reich erlangen kann man nur,
wenn man immer frei bleibt von
Geschäftigkeit. |
Denn, wie bereits erläutert:
Die Vielbeschäftigten
sind nicht geschickt, das
Reich zu erlangen. |
Das Wort „Reich“ steht im Chinesischen
mit „tian xia“, was
eine gängige Bezeichnung hierfür
ist und wörtlich heißt: „(alles)
unter dem Himmel“. Daraus
ergibt sich aber nicht nur für
den Herrscher, sondern auch für
den normalen Bürger die mystische
Bedeutung, „alles unter
dem Himmel“ zu erlangen. Dies
ist dann jedoch wieder so zu
verstehen, dass wir durch die (Wiederver-)
Einung mit dem DAO zu unserer natürlichen
Bestimmung, zu unserer eigentlichen Glückseligkeit
und zu unserem für uns gegebenen
Ziel gelangen und so das Leben (DE) in Vollkommenheit
führen. Auf dieseWeise erhalten
wir alles was wir brauchen und sind eins mit
unserer Natur und somit sinnerfüllt und von
Natur aus glücklich und gesund. Letzteres gerade
dadurch, dass unser Geist - gleich dem
Herrscher - klar und übersichtlich ohne Vorurteil
ist. So kann der Körper in seiner Natur
sein und wird vor ihm nicht durcheinander
gebracht. Der Geist ist in der Lage, den Körper
in Reinheit zu führen und beide erlangen
so ihr volles Potential.
Jan Silberstorff
(Das gesamte Kommentarwerk erscheint
Ende 2010 bei Lotus-Press)
TAIJIQUAN – DIE SCHRIFTZEICHEN IM DETAIL
Taijiquan ist neben dem chinesischen Essen, der
chinesischen Medizin etc. ein wichtiger Bestandteil
der chinesischen Kultur geworden, welcher im
Westen große Beliebtheit erreicht hat. Vor nicht
all zu langer Zeit war Taijiquan noch ein Fremdwort
und wenn, dann unter dem Begriff Schattenboxen
bekannt. Es wurde als „langsame Gymnastik“
bezeichnet und folgendermaßen dargestellt: „Die alten Leute in China machen diese Übungen
morgens im Park“. Heutzutage kann man fast mit
jedem über Taijiquan sprechen, ohne zuerst den
Begriff erklären zu müssen. Taijiquan ist in. Diese
Bewegung hat auch Auswirkungen auf sein Heimatland.
China selbst strengt sich viel mehr an,
um diesen Schatz, und das damit verbundene
Wissen, aus der verborgenen Tiefe herauszuholen.
Es ist nicht mehr eine einfache „Alte-Leute-
Sache“. Es ist ein zutiefst interessanter Teil der
Kampfkunst und Lebensphilosophie. Die Legende
lebt.
Tai
|
 |
Ji
|
| Quan |
Taijiquan beinhaltet allein
durch seinen Namen wesentlich
mehr Elemente als
eine Sportart. Nicht umsonst
lernt man z.B. in Kursen
seine Geschichte kennen,
die das Denken der
Chinesen und deren Art
zu handeln umfasst. Keine
andere Kampfkunst besitzt
eine ähnliche Popularität
und Verbreitung.
Taijiquan hatte zuvor bereits
viele Namen, so z.B. „lange Faust“ (Changquan), „Baumwolle Faust“
(Mianquan) oder „weiche
Hand“ (Ruanshou). All
diese Begriffe betonen direkt
die „weiche Kraft“.
Schließlich wurde der
Name mit „Taiji–Faust“
besiegelt. Dabei verkörpert
Taiji die wichtigste Philosophie
Chinas, die den Inhalt
dieser „weichen“ Kampfkunst
in höchstem Maße
erweitert.
Das chinesische Schriftzeichen für „Eins“ wird im
alten Lexikon „Shuo Wen Jie Zi – Wort- und Zeichenerklärung“
so definiert: Eins bedeutet Anfang
und damit ist Taiji gemeint. Dao – der Weg- baut
auf dieser Eins auf, erschafft den Himmel und die
Erde und verwandelt sie in alle „zehntausend Dinge“
(Wan Wu). In der Tat steht die Eins immer an
der ersten Stelle der Wörterbücher. Danach folgen
alle anderen Wörter. Wenn wir diese Eins vertikal hochstellen und dreidimensional betrachten ist es
eine Säule.
Yi |
 |
Mit Worten beschreibt man dies als
Taiji - die „höchste Säule“. Dabei steht das Zeichen „Tai“ für „höchst“, wie ein „großer Mensch
auf der Erde“ dargestellt wird, während „Ji“ für
Säule aus „einem Baum und einem Menschen,
der zwischen Himmel und Erde steht“ zusammengesetzt
wird. Die gegenüberstehenden zwei Pole
nennen wir Yin und Yang. Bewegung (Dong) und
Stille (Jing), hart (Gang) und weich (Rou) stehen
beispielhaft für die komplementären Gegensätze
im Yin/Yang-Konzept. Schon im Yijing und daraus
abgeleiteten klassischen Schriften des Taijiquan
heißt es, dass „Bewegung Yang, Stille Yin
erzeugt“. Vielleicht ist das der Grund, warum das
Taijiquan nach dem herausragenden philosophischen
Begriff „Taiji“ benannt wurde.
Qi |
 |
Eine wichtige Rolle hierbei
spielt auch das Wort „Qi“. Das alte Schriftzeichen „Qi“ wird wie die „Luft“ dargestellt. Sie
strömt, fließt und umfasst
alles. (Das Schriftzeichen
hat später diese Form angenommen: in der Mitte
das Zeichen „Reis“, in dem Sinne, dass das
Essen Energie gibt, oder die „acht Himmelsrichtungen“,
weil das Zeichen die acht Himmelsrichtungen
kennzeichnet). Daher gibt es kein passenderes
Bild für die Darstellung der „Energie“ als
die „Luft“. Sie wird auch als „Atem“ übersetzt. Im
Taijiquan legen wir eine besondere Aufmerksamkeit
auf das Ein- und Ausatmen, weil es den ewigen „Kreislauf“ symbolisiert. Die Luft oder auch
die Energie geht nur dahin, wo es „leer“ ist. Daher
betont man immer das Wort „Song“ für „locker“
oder „Entspannung“. Nur der entspannte Körper
bietet diesen leeren Platz.
Song |
 |
„Song“ für „locker“ bedeutet
eigentlich die „Kiefer“,
die tiefeWurzeln hat, dessen
Wipfel hoch in den Himmel
ragt und die ein langes Leben
symbolisiert. Es ist nahezu
das Traumsymbol für
Qi-Übende, wenn man „im
Mondschein unter der Kiefer
meditiert und beim Sonnenaufgang
mit denWolken wandelt“. Man soll stabil
und gleichzeitig locker wie eine Kiefer sein.
Zhan
|
 |
Zhuang
|
| Zhuang |
Zu dieser Übungskategorie
gehört auch Zhanzhuang –
diestehendeSäule.Sieahmt
die Kiefer auf diese Weise
nach. Das chinesische Zeichen „Zhan“, „stehen und
aufrechtstehen“, setzt man
einfach aus „einem stehenden
Menschen und einer
Flagge auf einer Burg“ zusammen,
während für das
Zeichen „Zhuang“ zwei unterschiedliche
Schreibweisen
bekannt sind. Das alte „Zhuang“ setzt man aus „einem Baum und einem
Mörser mit einem Stößel“
zusammen, symbolisch soll
es der tief in den Boden
gestampfte Pfahl sein. Das
eue Zeichen setzt man aus „einem Baum und einem
Dorf“ zusammen. Vielleicht
ist es ein Zufall, dass diese
Darstellung das verkleinerte
Ebenbild von „Ji“, also
das kleine Universum symbolisiert. Auf jeden Fall
zeigt die Haltung einen Menschen zwischen Himmel
und Erde stehend.
Yi |
 |
Um das zu erreichen
braucht man „Yi“, weil es
um Wahrnehmung geht.
Das Zeichen „Yi“ besteht
aus dem „Herzen und der
Stimme“. Lexikalisch bedeutet
dasWort den „Sinn“
oder die „Idee“ oder die „Bedeutung“. Abgeleitet
vom Hauptsinn wird das
Zeichen auch im folgenden Sinne interpretiert: „Absicht, Wunsch, Wille, Vorstellung Bewusstsein“
etc. Als Verb bedeutet „Yi“ „denken“ oder „ausdenken“ oder „erraten“ oder „fühlen“. Große
Kraft ergibt sich, wenn „Xin“(das Herz) und „Yi“
vereinigt werden (Xin Yu Yi He). Es ist möglich,
Yi und Xin zu trainieren. Der Platz dafür heißt im
Buddhismus „Kong“ – die Leere-, im Sinne von „frei von allen Hindernissen“. Im Daoismus ist es
Dao – der Weg-, im Sinne von „natürlichem Dasein“.
Das Yi im Training einzusetzen, verhindert
jegliche unnötige „Kraftverschwendung“. Das ist
die Kunst der Weichheit. Weichheit, weil alle anderen
Worte, die wir im Taijiquan häufig erwähnen, „mit der Kraft“ Li zu tun haben, die in diesem
Zusammenhang lediglich die „Härte“ zeigt.
Li |
 |
Das chinesische Schriftzeichen
für Kraft ist „Li“. Das
wird im alten Zeichen wie
ein „Pflug“ dargestellt. Der
Pflug stellt übermenschliche „Kraft“ dar. Eine Menge
Schriftzeichen tragen diese „Kraft“ in sich:
„Gong“ wie Qigong oder
„Gongfu“ für die harte Leistung:
(Das Zeichen setzt man aus „Wenig und Kraft“
zusammen).
Taijiquan zu üben schont die Kraft, stärkt die Energie.
Das ist die Übung der Bewegung (Dong) und
Stille (Jing), hart (Gang) und weich (Rou).
Wang Ning
WCTAG-KIDS
(CÉCILE, 12 JAHRE ALT, SCHÜLERIN VON KURSLEITERIN TINA BAYLIS)
Ich heiße Cécile und bin 12 Jahre alt. Vor vier Jahren
erzählte mir meine Mutter, die selbst regelmäßig
Taiji übte, vom Chen-Stil des Taijiquan. Da ich
gerade auf der Suche nach einer für mich interessanten
Sportart war, besuchte
ich einen Schnupperkurs für
Kinder. Zudem war es damals
in der Schule und mit einigen
Schulkameraden etwas stressig,
und ich bin daher mit der
Hoffnung auf Entspannung
zum Training gegangen. Beim
Praktizieren der Übungen und
der Form faszinierte mich,
dass sowohl einerseits das
Prinzip der Kampfkunst als
auch andererseits die Ruhe im
Taijiquan steckt. Die Mischung
aus Taiji und einigen spielerischen
Übungen und der
Spaß am Training haben mich
mit meinen damals acht Jahren
neugierig gemacht, mehr über Taijiquan zu erfahren.
Von der Kraftanstrengung her finde ich das Training
angenehm. Gleichzeitig ist es anspruchsvoll,
und es ist eine gewisse Konzentration nötig um
die Übungen nachzumachen. Es gefällt mir gut,
dass die Trainingsstunden immer abwechslungsreich
sind. Manchmal machen wir die Stehende
Säule und laufen die 19ner Form oder die Laojia
Yilu. In anderen Stunden üben wir die Schiebenden
Hände und Seidenübungen. Ab und zu machen
wir mal ein Spiel zur Konzentration und zum
Gleichgewicht. Am liebsten mag
ich die Stehende Säule. Da werde
ich immer besonders ruhig und
kann abschalten. Manchmal kann
ich die Energie fühlen, die durch
den Körper fließt und es ist angenehm
warm. Seitdem ich Taiji
trainiere ist mein Alltag etwas anders.
Im Vergleich zu früher, bevor
ich mit dem Taijiquan angefangen
habe, bin ich viel ruhiger
und ausgeglichener geworden,
auch in kritischen Situationen,
wie zum Beispiel Streit oder Ärger.
Körperlich bin ich auch nicht
mehr so zappelig wie früher. Ich
bin nicht mehr so viel krank und
wenn, dann nicht so stark oder
lange wie damals. Auch denke
ich öfter über Dinge nach, über
meine liebe Familie, die ich habe, über Freunde
und über die Schule. Ich möchte Taiji weiter praktizieren
und dadurch gesund und fit bleiben und
noch gelassener sein. Mein Fazit: Taiji kann jeder!
Um etwas zu erfahren, muss man nur wollen und
regelmäßig üben.
WAFFENRECHTLICHE BETRACHTUNG ZUM
WAFFENTRAINING IN DER ÖFFENTLICHKEIT
Aufgrund diverser Amokläufe von gestressten,
lebensmüden Schülern und einem signifikanten
Anstieg von Messerattacken in den vergangenen
Jahren, kam es zu einer erhöhten Verunsicherung
der Bevölkerung gegenüber Waffenträgern. Die
Folge war eine Verschärfung der waffenrechtlichen
Bestimmungen, sprich des Waffengesetzes
(WaffG), zum 01.04.2008. Insbesondere der Umgang
mit Messern hat hierbei eine Verschärfung
erfahren. Ob und wie die Bestimmungen des
WaffG für uns als Waffenformpraktizierende des
Taijiquan greifen, gilt es zu prüfen. Ich werde mich
bei meinen Ausführungen an den nachfolgend
aufgeführten Prüfschritten orientieren:
Prüfschritt 1: Handelt es sich um eine Waffe im
Sinne des WaffG?
Prüfschritt 2: Welche Form des Umgangs mit
der Waffe liegt vor?
Prüfschritt 3: Ist das Führen der Waffe erlaubt?
Prüfschritt 4: Handelt es sich um eine verbotene
Waffe?
Prüfschritt 1:
Handelt es sich um eine Waffe im Sinne
des Waffengesetzes?
Ich selber praktiziere folgende Waffen: Schwert,
Säbel, Stock/Speer, Hellebarde, Streitkolben1. Die
aufgeführten Waffen habe ich legal erworben und
bin Besitzer dieser Waffen. Die Waffen sind aus
unterschiedlichen Materialien (Latex, Holz, Aluminium,
Eisen, Stahl), sie sind teilweise stumpf oder
einseitig angeschliffen, sie haben eine Spitze oder
sie sind an der Spitze abgerundet, sie haben eine
feststehende stabile Klinge oder eine nachgebende
instabile Klinge. Es ist also fast die gesamte
Bandbreite des frei erhältlichen Sortimentes abgebildet.
Die Problematik ist, welche dieser Waffen
technische Waffen im Sinne des WaffG und
welche davon lediglich Sportgerät / Spielzeug
sind? Die Latex- und Holzwaffen nehme ich aus
meinen Betrachtungen heraus, da ich sie nicht
für Waffen i. S. des WaffG halte, obwohl sie dennoch
geeignet wären im Einzelfall eine erhebliche
Körperverletzung (i. S. d. § 224 StGB „Gefährliche
Körperverletzung“) herbeizuführen2. Nachfolgend
sind die Waffen abgebildet auf die ich mich bei
meinen weiteren Ausführungen beziehen werde3
(Bezugswaffen):

Schwert (Adam Hsu), ca. 700 g, 72 cm Klingenlänge, massive stabile Metallklinge, stumpf,
feste Spitze |
|
1 Als Ersatzstreitkolben habe ich zwei massive Doppelstöcke von ca. 90 cm länge
2 Wir erinnern uns an Miyamoto Musashi. Er streckte viele Gegner mit einem Holzschwert nieder.
3 Die Langwaffen wie Hellebarde – Kombination von Säbel und Lanze – und Speer – Kombination von Messer und Stock – gehen mit in Betrachtungen zum Schwert
(langes Messer) und Säbel auf. |

Säbel ca. 1000 g, Klingenlänge ca. 70 cm, massive stabile Metallklinge, stumpf, feste Spitze |

Maisblattsäbel (Adam Hsu) 820 g, Klingenlänge ca. 78 cm, massive stabile Metallklinge,
Schneide angeschliffen, feste Spitze |
Die Frage ist nun, darf ich mit diesen Waffen4 im öffentlichen Park trainieren oder nicht? Handelt
es sich hier um technische Waffen im Sinne des
WaffG? Und welche rechtlichen Konsequenzen
muss ich im schlechtesten Fall erdulden?
Der § 1 Abs. 2 Nr. 2 des WaffG bezieht sich auf
tragbare Gegenstände die gem. Unterpunkt a)
ihrem Wesen nach dazu bestimmt5 sind, die Angriffs-
oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu beseitigen
oder herabzusetzen, insbesondere Hiebund
Stoßwaffen. Schwert und Säbel (geschliffen
oder nicht) sind ihremWesen nach dazu bestimmt
und geeignet unter unmittelbarer Ausnutzung von
Muskelkraft durch Hieb, Stoß, Schlag oder Wurf,
die Angriffs- und Abwehrfähigkeit von Personen
herabzusetzen6 (siehe hier zu in der Anlage 1, Abschnitt
1, Unterabschnitt 2 Nr. 1.1). Somit sind die
aufgeführten Bezugswaffen gem. § 1 Abs. 2 Nr. 1
a in Verbindung mit Anlage 1 Abschnitt 1 Unterabschnitt
2 Nr. 1.1 WaffG Waffen im technischen
Sinn und unterliegen Bestimmungen des WaffG.
Prüfschritt 2:
Welche Form des Umgangs mit Waffen
liegt vor?
Was unter „Umgang“ mit einerWaffe zu verstehen
ist, ist im § 1 Abs. 3 und 4 WaffG geregelt. Detaillierte
Erläuterungen zu den einzelnen Umgangsformen
sind in der Anlage 1 (Begriffsbestimmungen),
Abschnitt 2 aufgeführt. Für uns ist primär
die Umgangsform „führen einer Waffe“ relevant,
sekundär aber auch die Umgangsformen „erwerben,
besitzen und überlassen einer Waffe“.
|
4 Bei der Abhandlung werde ich ab jetzt die definierten Waffen Bezugswaffen nennen
5 Siehe hierzu Fachbeiträge von J. Silberstorff, G. Milbrat, K. Schlupkothen, R. zum Felde zum Verwendungsspektrum der Waffen, veröffentlich in den WCTAG Chen
Taijiquan Magazinen der letzten Jahre
6 die Absicht des Waffenführenden, jemanden zu verletzen oder nicht hat hiermit nichts zu tun |
Die Grundsätze zum Umgang mitWaffen sind in §
2 WaffG geregelt. Was bedeutet nun
Führen einer Waffe?
Wer die tatsächliche Gewalt über eine Waffe außerhalb
der eigenen Wohnung, Geschäftsräume
oder des eigenen befriedeten Besitztums ausübt.
D. h. die Waffe ist im direkten Zugriffsbereich und
sofort einsetzbar (angriffs- und zugriffsbereit)
und zwar im öffentlichen Bereich7 (z. B. Stadtpark).
Wenn wir also im öffentlichen Park unsere
Schwertform üben, führen wir das Schwert als
Waffe im Sinne des § 1 Abs. 3 WaffG i. V. m. Anlage
1 (Begriffsbestimmungen), Abschnitt 2 des
WaffG
Erwerben einer Waffe?
WerdietatsächlicheGewaltübereineWaffeerlangt.
Anmerkung: Der Erwerb unserer Trainingswaffen
ist erlaubnisfrei, sofern der Erwerber das 18. Lebensjahr
vollendet hat und dies mit einem Identitätsnachweis
(z. B. Reisepass oder Bundespersonalausweis)
darlegen kann.
Besitzen einer Waffe?
WerdietatsächlicheGewaltübereineWaffeausübt.
Anmerkung: Der Besitzer kann auf seine Waffe zurückgreifen
und über sie bestimmen (Herrschaftsgewalt).
Überlassen einer Waffe?
Wer die tatsächliche Gewalt über eine Waffe einem
anderen einräumt.
Anmerkung: Der Normalfall wäre, wenn ich mein
Schwert an eine andere Person weitergeben würde,
damit diese ebenfalls die Schwertform üben
kann. Es könnte aber auch sein, dass sich eine Person
ohne mein Wissen undWollen des Schwertes
bemächtigt, dann würde ich ebenfalls überlassen.
Wenn besagte Person, dann noch minderjährig
ist, könnte dies auch rechtliche Konsequenzen für
den Überlasser zur Folge haben8.
Grundsätzlich gilt, dass
gem. § 2 Abs. 1WaffG der Umgang mitWaffen
nur Personen gestattet ist, die das 18. Lebensjahr
vollendet haben,
die Bezugswaffen (Schwert / Säbel) nicht in
der Anlage 2 (Waffenliste), Abschnitt 2 zumWaffG
aufgeführt sind und daher deren Erwerb und Besitz
erlaubnisfrei ist,
wir sollten immer ein Auge auf unsere abgelegten
Waffen haben, damit sie nicht in falsche
Hände geraten (ungewolltes überlassen),
wenn wir im öffentlichen Bereich unsere
Schwertform trainieren, führen wir eine Waffe.
Prüfschritt 3:
Ist das Führen des Schwertes / Säbels
erlaubt?
Regelungsgegenstand des § 42a Absatz 1 WaffG
Wie wir bereits im Prüfschritt 1 festgestellt haben,
handelt es sich bei Schwert und Säbel um Hieb- und
Stoßwaffen. Somit ist das Führen dieserWaffen
gem. § 42 a Abs. 1 Nr. 2 verboten! Bereits vor
dem 01.04.2008 unterlagen diese Gegenstände
als Waffe im technischen Sinn dem WaffG, waren
allerdings erlaubnisfrei und durften daher ab 18
Jahren auch frei geführt werden.
Problematisch ist das Verbot des Führens von
Messern mit feststehender Klinge über 12 cm.
Selbst wenn wir die Bezugswaffen nicht als Waffen
im technischen Sinn eingestuft hätten, würde
möglicherweise der § 42 a Abs. 1 Nr. 3 greifen. Hier
erfasst der Gesetzgeber ausdrücklich alle Messer,
soweit sie allein die technischen Voraussetzungen„feststehend mit einer Klingenlänge über 12 cm“
erfüllen. Der Herstellerzweck bleibt unberücksichtigt.
Deshalb sind ganz offensichtlich auch solche
Messer vom Verbot des Führens erfasst, die
ihrem Wesen nach nicht dazu bestimmt sind, die
Angriffs- oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu
beseitigen. Damit werden Messer des täglichen
Gebrauchs wie Brotmesser, Fleischmesser, Anglermesser,
usw. von der Vorschrift § 42 a Abs.
1 Nr. 3 erfasst, obwohl sie keine Waffen i. S. d.
WaffG darstellen9.
|
7 Öffentlicher Bereich: Straßen, Wege, Plätze, Anlagen, öffentliche Gebäude die für jedermann – wenn auch nur zu bestimmten Zeiten – frei zugänglich sind und man
sich dort aufhalten darf.
8 dies war bei einigen Amokläufen der Fall; der Amokläufer beschaffte sich die Schusswaffen und Munition aus dem Waffenschrank des Vaters – ohne dessen Wissen
und Einwilligung!
9 Dieses hat der Gesetzgeber bewusst in Kauf genommen. Ein Verbot von Einhandmessern und Messern mit einer feststehenden Klinge über 12 cm schien aufgrund der
zunehmenden Zahl von Messerattacken, insbesondere durch gewaltbereite Jugendliche, angezeigt. |
Ausnahmen vom Verbot des Führens gem. § 42a
Abs. 2 WaffG
Im § 42a Abs. 2WaffG nennt der Gesetzgeber Ausnahmen
für das Verbot des Führens von Waffen.
Die für unsere Betrachtung relevanten Ausnahmen
beziehen sich zum einen auf den Transport
der Bezugswaffen gem. § 42a Abs. 2 Nr. 2 WaffG
und zum zweiten auf das Vorliegen eines berechtigten
Interesses gem. § 42a Abs. 2 Nr. 3 WaffG.
Interessant ist die Frage des Transportes der Bezugswaffen
in einem verschlossenen Behältnis
gem. § 42 a Abs. 2 Nr. 2 durch den öffentlichen
Bereich10. Fraglich ist, welche technischen Anforderungen
solch ein Behältnis aufweisen muss.
Hier geht es in erster Linie um die Zugriffsbereitschaft.
Allein der Transport der Bezugswaffen in
der Scheide reicht nicht aus, denn hier sind die
Gegenstände immer noch zugriffs- und angriffsbereit.
Ein verschlossenes Behältnis im Sinne dieser
Vorschrift muss zwar keine technischen Spezifikationen
erfüllen11, es muss allerdings sicherstellen,
dass auf die Gegenstände nicht unmittelbar
zurückgegriffen werden kann und weitere Zwischenhandlungen
nötig sind, mit denen auch eine
zeitliche Zäsur einhergeht. Eine Plastiktüte würde
diesen Zweck nicht erfüllen, aber der Transport
in einem mit Paketband verklebten Karton oder
einer verschlossen handelsüblichen Transporttasche– evtl. mit einer zusätzlichen Schnürung oder
Klebeband - würde meiner Meinung nach dem
Anspruch dieser Vorschrift genügen.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser rechtlichen Würdigung
ist, ob in unserem Fall ein berechtigtes Interesse
geltend gemacht werden kann, um vom
Verbot des Führens von Waffen befreit zu sein.
Die Ausnahme bezieht sich auf die in § 42a Abs. 1
Nr. 2 und 3 WaffG aufgeführten Gegenstände und
somit genau die Bezugswaffen.
Zur sicheren Handhabung dieser Vorschrift hat
der Gesetzgeber das „Berechtigte Interesse“ in§ 42a Abs. 3 WaffG genauer umrissen. Es ist insbesondere
anzunehmen, wenn das Führen der
Gegenstände im Zusammenhang mit
der Berufsausübung erfolgt oder
der Brauchtumspflege,
dem Sport oder
einem allgemein anerkannten Zweck
dient.
Die Punkte Berufsausübung und Brauchtumspflege
grenze ich von vornherein aus, weil
selbst wenn wir unser Taijiquan als Haupteinnahmequelle,
sprich als Beruf zur Bestreitung des
Lebensunterhaltes praktizieren, ist es fraglich, ob
das Waffenformtraining unbedingt mit Waffen i.
S. d. WaffG im öffentlichen Bereich notwendig ist,
im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, bei denen
das Messersortiment zum Ausüben des Berufes
erforderlich ist, und
chinesische Kampfkunst nicht zu unserem
Kulturkreis gehört und somit auch nicht unserer
Brauchtumspflege dient12.
So bleiben für uns lediglich der Sport oder ein allgemein
anerkannter Zweck als berechtigtes Interesse.
Betrachten wird das berechtigte Interesse– Ausübung des Sportes – näher. Hier möchte ich
auf Referenzgruppen verweisen, die ebenfalls mit
Waffen trainieren. Dies wären z. B. Sportschützen,
Bogenschützen, Sportfechter, die Praktizierenden
der japanischen Schwertkünste, usw. Diese genannten
Gruppen trainieren überwiegend nicht imöffentlichen Bereich, sondern auf Schießständen
oder in geschützten befriedeten Bereichen. Wie
könnten wir für uns in Anspruch nehmen, unser
sportliches Waffentraining mit Waffen i. S. d. Gesetzes
im öffentlichen Stadtpark zu praktizieren?
Wir tun es halt, weil wir das in den letzten Jahren
auch schon getan haben. Ein Gewohnheitsrecht
kann daraus aber nicht abgeleitet werden. Außerdem
könnten wir auch mit Holzwaffen unseren „Sport“ ausüben!
Bleibt noch der allgemein anerkannte Zweck. Der
Zweck des Führens der Bezugswaffen muss sich
einem Durchschnittsbürger ohne weiteres erschließen,
damit von einem allgemein anerkannten
Zweck ausgegangen werden kann. Hierzu
gehören z. B. die Pfadfinder, die mit ihren Fahrtenmessern
durch die Gegend streifen. Weiterhin
dürfte die Freizeitgestaltung bzw. die Pflege eines
Hobbys einen allgemein anerkannten Zweck darstellen.
Hierunter fallen etwa Segeln, Wandern,
Tauchen, Jagen, Bergsteigen, Pilzesammeln, Zelten,
Grillen, Gartenpflege, Picknick etc. Hier könnten
wir uns möglicherweise ebenfalls mit unserem
Waffentraining wieder finden. Da der Gesetzgeber
aber gerade auf das generelle Verbot des Führens
sämtlicher Hieb- und Stoßwaffen nach Nr. 2 sowie
das Verbot der in Nr. 3 näher spezifizierten 87
Messer abhebt, ist es fraglich, ob wir uns auf den
allgemein anerkannten Zweck „Hobby und Freizeitgestaltung“
mit Waffen i. S. d. Gesetzes berufen
können. Denn es gibt Alternativen. So können
wir ohne weiteres mit wesentlich ungefährlicheren
Holzwaffen trainieren, die im Normalfall auch
vom Durchschnittsbürger als weniger bedrohlich
empfunden werden. Und das ist der springende
Punkt – das subjektive Sicherheitsempfinden des
Einzelnen in unserer Gesellschaft. Aus den zuvor
gemachten Ausführungen wird jetzt dem Leser
hoffentlich auch klar, dass das Hantieren mit angeschliffenen
Waffen auf kein Verständnis mehr
treffen wird. Diese Waffen gehören in die eigenen
vier Wände und müssen vor unbefugtem Zugriff
gesichert werden.
Aus meiner Sicht können wir für die Bezugswaffen
kein berechtigtes Interesse im Sinne des § 42a
Absatz 3 WaffG geltend machen.
Prüfschritt 4:
Handelt es sich um eine verbotene
Waffe?
Nach § 2 Abs. 3 WaffG sind diejenigen Waffen
verboten, die in Anlage 2 (Waffenliste) Abschnitt
1 genannt sind. Die definierten Bezugswaffen sind
nicht in der Liste der verbotenen Waffen aufgeführt.
Daher sind sie auch nicht verboten.
Rechtliche Konsequenzen
Wer entgegen dem § 42a WaffG eine Hieb- und
Stoßwaffe oder ein feststehendes Messer mit einer
Klingenlänge über 12 cm führt, begeht eine
Ordnungswidrigkeit gem. § 53 Abs. 1 Nr. 21a
WaffG. Diese Ordnungswidrigkeit kann von der
Ordnungsbehörde mit einer Geldbuße bis zu €
10.000,- geahndet werden! Und gem. § 54 Abs. 2
WaffG kann der Gegenstand eingezogen werden,
d. h. die Waffe wird behördlich eingezogen und
vernichtet.
Fazit:
Wenn es sich um alt hergebrachte Trainingsörtlichkeiten
handelt und sich der „Durchschnittsbürger“
auch an die mit Waffen Trainierenden
gewöhnt hat, sollte es auch weiterhin keine Komplikationen
geben.
Solltet ihr Neuling im Park sein, erkundigt
euch vorher darüber, was üblich ist und was geht
und was nicht geht. Im Zweifelsfalle bei der örtlichen
Polizeidienststelle oder Ordnungsbehörde
erkundigen, aber bitte keine schlafenden Hunde
wecken.
Transportiert eure Waffen vorschriftsmäßig
auf dem Weg hin und weg von der Trainingsstätte,
insbesondere dann, wenn ihr öffentliche Verkehrsmittel
benutzt oder mit einem Zweirad unterwegs
seid.
Lasst vor allem die scharf geschliffenen Waffen
zu Hause.
Beaufsichtigt eure Waffen, damit kein anderer
unbefugt und unberechtigt mit EurenWaffen hantiert
(Stichwort: Überlassen).
Trainiert grundsätzlich mit Holzwaffen im öffentlichen
Bereich.
Quellen:
Basiswissen Waffenrecht – Gunther Dietrich
Gade – Verlag W. Kohlhammer – 2. aktualisierte
Auflage 2008
Eigene Aufzeichnungen und Unterlagen
www.gesetze-im-internet.de
Weiterhin viel Spaß beim Training und viel Gong
Fu wünscht euch
Thilo Papen
(Lehrer WCTAG, Angehöriger der Bundespolizei)
Die Seidenübungen im
Chenstil Taijiquan
Eine theoretische und praktische Abhandlung über grundlegende innere und äußere Bewegungsabläufe im Chenstil Taijiquan
Die Essenz des Taijiquan
Die Seidenübungen sind die Essenz des Taijiquan. Hierin lassen sich die
Grundlagen für alle weiteren Übungen finden. Sie sind der Schlüssel für
jede Taijiquan-Bewegung. Die Bezeichnung der Seidenübungen (chin.:
cansigong, engl.: reeling silk) geht zurück auf die Technik, die beim Abwickeln
eines Seidenfadens vom Kokon notwendig ist. Will man einen
Seidenfaden vom Kokon lösen, bedarf es einer sanften und gleichmäßigen
Bewegung, andernfalls verklebt oder reißt der Faden. Die Seidenübungen
aus dem Chen-Taijiquan richten sich sowohl in der äußeren als auch in der
inneren Bewegung nach diesem sanften, gleichmäßigen und bewussten
Vorgehen. Der Fluss der inneren Energie (Qi) wird durch eine gleichmäßige,
harmonische Bewegung nach außen sichtbar. Die rein äußerlichen
Bewegungen sind relativ leicht verständlich und schnell zu erlernen. Ihren
eigentlichen Sinn erhalten diese Bewegungen aber erst, wenn sie mit dem
inneren Prinzip (Kraft- bzw. Energielehre) verbunden werden.
In den Seidenübungen werden einzelne Bewegungskreisläufe geübt, zuerst
nur mit einem Arm und in stehender Position, dann in weiteren Varianten
mit Drehungen beider Arme und zusätzlichen Schritten. Der Körper
bleibt während der gesamten Übungsphase gesenkt, entspannt und zentriert.
Nachdem die äußere Bewegung verstanden ist, versucht der Übende,
die inneren Zusammenhänge zu erforschen.
Der Artikel beginnt mit einer theoretischen Abhandlung über die Seidenübungen.
Zum besseren Verständnis und um die Seidenübungen praktisch
nachvollziehbar zu machen, habe ich eine Erklärung der Frontalen-
Seidenübung mit Bildern eingefügt. Zum Schluss wird die Theorie mit der
Praxis verbunden, in dem ich die Seidenübungen und ihre Prinzipien auf
das Taiji-Symbol anwende. |
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Die Entstehung der Seidenübungen
Hier gilt es zu unterscheiden zwischen den äußeren Bewegungsabläufenund dem inneren Prinzip, nach dem sich die Bewegungen richten. Das
innere Prinzip des Seidenfaden-Abwickelns und die daraus resultierende
Spiralkraft gehören zu den grundlegenden Eigenschaften einer jeden Taijiquan
Figur oder Bewegung (vgl. Abb. 1). Es ist überliefert, dass bereits
ChenWangting (1597-1664), der als der Begründer des Taijiquan gilt, sich diese Form der Kraftentfaltung zu nutze gemacht hat.
Der äußere Ablauf der Seidenübungen, wie sie heute im Chenstil (nach
Chen Xiaowang) praktiziert werden, wurde Anfang der 80´er Jahre des
letzten Jahrhunderts von Chen Xiaowang entwickelt. Zu dieser Zeit fiel
der chinesischen Regierung auf, dass es im Chenstil-Taijiquan keine Basisübungen
gibt. Da aber alle anderen großen Wushu-Stilrichtungen solche
in ihrem Repertoire haben, wurde Chen Xiaowang mit der Entwicklung
von eben diesen beauftragt. Zum besseren Verständnis der Bewegungsprinzipien
im Taijiquan integrierte Chen Xiaowang zwei Seidenübungen-Sets mit insgesamt 19 Übungen und die Grundübung der Stehenden-Säule
(chin. Zhanzhuang, vgl. Abb. 2) in das Chenstil-System. Jede einzelne
Seidenübung lässt sich auf eine isoliert betrachtete Bewegung aus den
Handformen zurückführen. |
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Von der Stehenden-Säule zu den
Seidenübungen
In der Übung der Stehenden-Säule befifififinden sich Körper und Geist in
Ruhe. Diese Ruhe ist die Grundvoraussetzung für denGeist, um tief in
den Körper hineinhören zu können und der Beginn, ein Verständnis für
das Gehörte zu entwickeln. Das tiefere Verständnis, zu dem uns dieÜbung
der Stehenden-Säule leiten soll, liegt in der Entwicklung und Vertiefung
eines Bewusstseins auf den (miteinander verbundenen) Ebenen des Körpers
und des Geistes. Diese Entwicklung und Erweiterung des Bewusstseins
führt uns zu den verschiedenen Wahrnehmungsstufen, die einem
Jeden, der diese oder ähnliche Übungen praktiziert, vertraut sind. Haben
wir es also durch das Üben der „Ruhe“ in der Stehenden-Säule geschaft,
eine Wahrnehmung für unser Körperzentrum (Dantian) zu entwickeln
und darüber hinaus noch eine Vorstellung von den inneren und äußeren
drei Zusammenschlüssen (vgl. Abb. 3) erlangt, dann ist dies die Basis, auf
der die Seidenübungen geübt werden. |
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Die Seidenübungen
Befindet sich bei der Stehenden-Säule der Körper in Ruhe, setzten wir
bei den Seidenübungen den Körper in Bewegung. In der Stehenden-Säule
vertiefen wir unser Bewusstsein für Körper und Geist und entwickeln ein
Gefühl für Dantian (Körperschwerpunkt). In den Seidenübungen bauen
wir auf den Fähigkeiten, die wir durch die Stehende-Säule erlangt haben,
auf und beginnen den Körper zu bewegen. Wie bei jeder Taijiquan Bewegung
bleibt auch hier der Körper in Struktur und folgt dem Prinzip der äußeren drei Zusammenschlüsse. Die Taijiquan Formen sind aus vielen aufeinanderfolgenden Figuren zusammengesetzt.
Jede Figur wiederum besteht aus vielen einzelnen, ineinander
abgestimmten Bewegungen. Jede dieser Bewegungen lässt sich auf
ein Zusammenspiel von Körpergewichtung und Körperdrehung reduzieren. Diese Gewichtung und Drehung hat ihren Ursprung im Dantian und
ermöglicht Bewegungen, die in allen drei Dimensionen den Raum füllen.
Dies bildet die Grundlage für die Entwicklung von spiralförmiger Kraft.
Der Wert der Seidenübungen liegt in der Reduzierung auf das Wesentliche.
Die äußeren Bewegungen werden auf ein Minimum an Komplexität
heruntergebrochen, um ein klares Verständnis für dieBewegungsabläufe
und die inneren Kraft- bzw. Energieverläufe zu bekommen. Diese Reduzierung
ist von unschätzbarem Wert für die korrekteBewegungsausführung
im Taijiquan. Durch die Seidenübungen und den damit vermitteltenäußeren- und inneren Bewegungsabläufen lässt sich eine jede Taijiquan
Bewegung erklären und anwenden. Die Seidenübungen machen das Taijiquan
erfahrbar und erlernbar. Sie sind der didaktische Schlüssel, der notwendig
ist, um die Tiefen des Taijiquan zu ergründen. |


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Drehen und Gewichten in den
Seidenübungen
Drehen und Gewichten erfüllen bei den Taijiquan Figuren unterschiedliche
Aufgaben. Für den Taijiquan Anfänger haben diese beiden Körperbewegungen
eine große Bedeutung und dürfen nicht zu früh miteinander
in Verbindung gebracht oder gar in ihrer Reihenfolge vertauscht werden.
Bei all denjenigen, die bereits ein tieferes Verständnis von Taijiquan Bewegungen
erlangt haben, werden die Übergänge zwischen den Phasen des
Drehens und Gewichtens immer fließender und liegen fast untrennbar
nah beieinander. |
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Körperdrehung
Mit Körperdrehung ist eine Drehung (Rotation) um die Vertikalachse gemeint.
Der Körper ist gerade und aufrecht.Wir stellen uns eine Linie vom
Scheitelpunkt bis zur Fußsohle vor und drehen den Körper um diese Linie.
Diese Körperdrehung, abhängig von der Drehrichtung und der Stellung
der Arme, bewirkt nach außen, dass sich die Arme heben oder senken.
Für die energetische Ausrichtung bedeutet ein Drehen immer, dass Energie
bzw. Kraft von unten nach oben oder von oben nach unten fließt. Bewirkt
die Drehung, dass Energie von unten (Dantian) nach oben (dieWirbelsäule
hoch bis zur Halswirbelsäule) steigt, heben sich die Arme. Damit
es nicht zum Fehler der „Doppelten Schwere“ kommt, muss der Körper
während dieser Phase innerlich nach unten sinken und entspannen. |
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Gewichtung
Die Gewichtungsphase ist durch eine Verlagerung des Gewichtes auf das
eine oder andere Bein gekennzeichnet. Zu Beginn reicht es aus, ein Gefühl
der größeren Belastung in dem jeweiligen Bein wahrzunehmen. Mit
fortschreitender Übungspraxis wird dieses Gewichten differenzierter. DerÜbende nimmt wahr, wie das Gewicht von einem Bein in das andere Bein
fließt. Das Gewicht bahnt sich seinen Weg in einem gleichmäßigen Flussüber die Hüften, ohne an den jeweiligen Körperbegrenzungen anzuecken
(vgl. Abb. 6). Der Stellung des Beckens muss jetzt größere Aufmerksam keit geschenkt werden. Das Becken ist die Verbindungsstelle sowohl zwischen
Ober- und Unterkörper, als auch zwischen dem rechten- und linken
Bein. Das Becken, mit der räumlichen Nähe zum Dantian, fungiert
praktisch als zentrale Schalt- und Verwaltungsstelle für die Energie/Kraft,
die aus dem Dantian kommt. Als Schaltstelle sorgt es für einen offenen
bzw. geschlossenen Zustand. Mit fortschreitender Übungspraxis sollte der
Schalter immer mehr geöffnet werden, damit die Energie frei und ungehindert
im Körper fließen kann. Die Verwaltungsstelle im Becken sorgt
für die richtige Verteilung und Dosierung der Energie in den beiden Körperhälften
(Unter- und Oberkörper) und den Beinen.
Energetisch bewirkt die Phase der Gewichtung ein Ausdehnen der Kraft/
Energie bis in die Extremitäten, also bis in die Hände und Füße. Gleichzeitig
steht das Gewichten aber auch für das Zurückführen der Energie
zum Zentrum (Dantian). Im Sinne einer Taijiquan Bewegung bedeutet
Gewichten auch immer ein Einnehmen von Raum oder das Zurückkehren
zur eigenen Mitte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jeder Drehung eine Gewichtung
folgt und jeder Gewichtung eine Drehung. Die Übergänge zwischen diesen
beiden Phasen sind fließend und mit fortschreitender Übungspraxis
untrennbar nahe beieinander. |


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Kreisebenen in den Seidenübungen
Inspiriert von und basierend auf den theoretischen Darlegungen und den praktischen
Ausführungen von Großmeister Chen Xiaowang und meinem
Lehrer Jan Silberstorff, habe ich mir ein eigenes didaktisches Konzept zur
Schulung der Seidenübungen und den damit verbundenen äußeren und
inneren Kriterien zur Bewegungs- und Energieführung erarbeitet.
In den Seidenübungen gibt es drei verschiedene Kreisebenen, welche durch
unterschiedliche Anteile von Drehung und Gewichtung erzeugt werden.
Für den Anfangenden ist es wichtig, diese drei Kreisebenen zu kennen. Bei
Fortgeschrittenen hingegen verschmelzen diese Ebenen im dreidimensionalen
Raum zu einer Kugel, auf der jede Ebene in allen Drehrichtungen
und Winkeln erzeugt werden kann.
Zu den elementaren Lernzielen der Seidenübungen gehört es, diese verschiedenen
Kreisebenen äußerlich, in den Bewegungen und innerlich,
durch die bewusste Leitung der Energie/Kraft, zu verstehen und in ihrer
Tiefe zu durchdringen. Das Zusammenspiel von Drehung und Gewichtung,
welches die jeweilige Kreisebene erzeugt, hilft die Körpermechanik
und die miteinhergehende Energieführung im Chenstil Taijiquan erfahrbar
zu machen. |
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1. Seitliche-Kreisläufe, Körpermechanik
und Energieverlauf
Die Seitlichen-Kreisläufe beziehen sich auf die Frontalebene des Körpers
(vgl.Abb. 7). Die Drehung wird durch den Unterbauch erzeugt und bewirkt,
dass an derWirbelsäule die Energie nach oben fließt. Ist die Energie auf Höhe der Halswirbelsäule angelangt,
beginnt die Gewichtung. Energie fließt bis
in die Extremitäten, der Körper dreht gerade.
Jetzt setzt eine, der ersten Drehung
entgegengesetzte Rotation ein. Die Energie fließt wieder nach unten bis zur Hüfte,
durch die entgegengesetzte Gewichtung
zurück zum Dantian und der Körper dreht
erneut gerade (vgl. Abb. 8). |
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2. Vor- bzw. Rückläufige-Kreisläufe,
Körpermechanik und Energieverlauf
Die Vor- bzw. Rückläufifififigen-Kreisläufe sind an der Medianebene ausgerichtet.
Der Kreisverlauf ist vertikal, d. h. an der Vorderseite des Körpers
hoch und an der Rückseite wieder herunter oder in umgedrehter Reihenfolge
(vgl. Abb. 9).Dieses zweite Bewegungsprinzip lässt sich genau wie das
erste Bewegungsprinzip in Drehung und Gewichtung aufteilen. Je mehr
sich die Kreisläufe allerdings der zentralen Mittellinie im Körperstamm
nähern, desto weniger (bis gar nicht mehr) wird der Körper gedreht. Bei
dieser Art des Kreislaufes sind prinzipiell zwei Arten der Ausführung möglich.
Steigt die Energie innen nach oben, ist dies mit einem äußerlichen
Sinken verbunden. Das Ausgleichen und die Wechselwirkungen sowohl
zwischen innen und außen als auch oben und unten bleiben im Sinne des
Taiji-Symbol (Yin und Yang) gewahrt. Eine zweite Ausführungsmöglichkeit
besteht darin, Energie und Körper gleichzeitig zu heben bzw. zu senken.
Die innere und äußere Bewegung ist identisch. Damit es hier nicht
zum Fehler der „Doppelten Schwere“ kommt, muss ein Teil der inneren
und äußern Aufmerksamkeit auf einen gesunkenen Körper und ein volles
Dantian (Energie in Dantian) gelenkt werden. (vgl. Abb.10) |
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3. Horizontale-Kreisläufe,
Körpermechanik und Energieverlauf
Die Horizontalen-Kreisläufe sind an der Horizontalebene ausgerichtet.
Hiermit sind Rotationen und Gewichtungen um die Vertikalachse des
Körpers gemeint (vgl. Abb. 11 u. 12). Als Vorstellungshilfe eignet sich hier
eine auf dem Boden liegende „Acht“. Stellen wir uns jetzt mit geöffneten
Beinen über diese Acht und fahren mit Drehung und Gewichtung die
Linien der Zahl mit unserem Becken nach, beschreibt unser Körper Kreisläufe
auf der horizontalen Ebene. Die Horizontalen-Kreisläufe ermöglichen
es uns, ein größeres Verständnis für Drehung und Gewichtung im
Unterkörper zu bekommen. Das Verständnis für spiralförmige Kraft in
den Beinen wird gefördert. Dies lässt sich auch anhand des Beispiels von
der Bohrmaschine und dem Loch in der Wand veranschaulichen.
Befindet sich der Stecker in der Steckdose bedeutet dies für uns, die Energie
ist in Dantian. Als Nächstes setzen wir den passenden Bohrer auf und drücken die Bohrmaschine leicht gegen dieWand. Der aufgesetzte Bohrer
steht für die Idee, welche wir mit der Bewegung verfolgen. Meine Bemühungen
sollten mit einer klaren Vorstellung von dem was ich zu verwirklichen
beabsichtige beginnen.Wie groß soll das Loch in derWand sein und
wofür brauche ich es? Der leichte Druck steht für den Beginn der Gewichtungsphase.
Ohne Druck bekomme ich kein Loch in dieWand, bei zu viel
Druck springt der Bohrer und die Arbeit wird ungenau. Jetzt schalten wir
den Strom an der Bohrmaschine ein. Der Bohrer arbeitet sich mit einer
Spiraldrehung in die Wand, halb wird die Bohrmaschine gedrückt und
halb zieht sie sich von selbst in das entstehende Loch. Nach dem Beginn
der Gewichtung folgt die Drehung. Gewichtung und Drehung laufen jetzt
gleichzeitig ab. Am Ende der Bewegung hört das Gewichten auf und die
Drehung läuft aus, bis die Energie vom Knie/Ellbogen in den Fuß oder die
Hand gelangt ist (vgl. Abb. 14). |
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Zusammenschluss der Kreisläufe zur
Kugel
Alle Bewegungen im Taijiquan setzen sich aus einer Verbindung der drei
Kreisläufe zusammen. In den Seidenübungen beschäftigen wir uns modellhaft
und exemplarisch mit den verschiedenen Kreisläufen und der
Entstehung der Kreisläufe durch Drehung und Gewichtung. In den verschiedenen
Übungen werden die Kreisläufe in ihrer Ausführung unterschiedlich
stark gewichtet. Der reine Kreislauf Nr. 1, Nr. 2 oder Nr. 3
lässt sich auch hier nur in Teilbewegungen wiederfifififinden. Erst durch die
Verbindung aller Ebenen und Drehungen entsteht die „wirkliche“ Taijiquan
Bewegung (Zusammenschluss der Kreisläufe). Der Körper bewegt
sich jetzt auf Kreisbahnen im dreidimensionalen Raum, wie in einer Kugel
(vgl. Abb. 15). Eine Kugel lässt sich aus der ruhenden Position in jede Richtung
bewegen. Von der Mitte der Kugel bis zu jedem beliebigen Punkt am
Rand der Kugel besteht die gleiche Entfernung. Der Körper wird zu einer
Kugel, in sich geschlossen und verbunden und dennoch in der Lage sich in
jede Richtung zu verändern. Die ersten drei Kreisläufe in ihrer weitgehend
isolierten Betrachtungsweise sind eine Hilfe, um den dreidimensionalen
Raum in seiner vollen Komplexität und Tiefe zu verstehen.
In den Taijiquan Klassikern heißt es hierzu:
"Bewegt sich ein Teil des Körpers, ist der ganze Körper an der Bewegung beteiligt. Es gibt nichts, was sich nicht bewegt."
Neben dem rein mechanischen Verständnis der Rotation und Gewichtung
in den einzelnen Bewegungen wird in den klassischen Abhandlungen über
das Taijiquan immer auf die innere Führung hingewiesen:
"Der Verstand/Geist lenkt das Qi und durch das Qi wird der Körper bewegt."
Die Aufschlüsselung der Seidenübungen in die verschiedenen äußeren und
inneren Bewegungsabläufe dient zur Veranschaulichung der Kreisläufe und zum besseren Verständnis der sehr komplexen und schwierigen Taijiquan
Bewegungen. Die Seidenübungen erleichtern uns also das Erlernen
der korrekten Körpermechanik und führen uns zu einem Verständnis der
inneren Bewegungsabläufe (vgl Abb. 16).
Allein die drei Bewegungsprinzipien umzusetzen erfordert viel motorisches
Feingefühl, eine gute Koordinationsfähigkeit, ein Verständnis für
Rhythmus und die Fähigkeit in den eigenen Körper hinein zu „lauschen.“ |


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Die Frontale-Seidenübung
Um ein tieferes Verständnis der Seidenübungen zu erlangen, werden wir
uns im Folgenden mit der Frontalen-Seidenübung mit der Ausrichtung
nach links näher befassen. An ihr werden wir uns exemplarisch die inneren-
und äußeren Bewegungsabläufe der Seidenübungen und damit auch
einer jeden Taijiquan-Bewegung verdeutlichen. Die Einleitung besteht aus
fünf Punkten, die eigentliche Übung wird in vier Stufen unterteilt.
Fünf Punkte zur Einleitung
Die Qualität der Übung hängt nicht zuletzt auch von ihrer Einleitung ab.
In der Einleitung schaffe ich die nötige Ruhe und damit auch das nötige
Bewusstsein für die folgende Übung. Je besser die Einleitung/Vorbereitung,
desto tiefer und erfolgversprechender ist die nachfolgende Übung.
Die fünf Punkte zur Einleitung, beschrieben aus der Ausgangsposition
(vgl. Abb. 17):
- rechte Hand wird an die rechte Hüfte geführt
- der Körper sinkt nach unten
- linke Hand und linke Ferse heben sich
- Blick nach links und Schritt über schulterweit heraus
- Hand wird in die Ausgangsposition geführt (Stufe 4, vgl. Abb. 18)
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Die einarmige Frontale-Seidenübung
In der Praxis wird die Seidenübung des einarmigen frontalen Kreisens in
vier Stufen unterteilt. Der Bewegungsablauf der Übung beginnt mit der
Stufe 4, welche in der Abbildung 18 dargestellt ist. Das Gewicht ruht mehr
auf dem linken Bein, der Körper ist aufrecht, Schulter, Ellenbogen und Hand befinden sich auf gleicher Höhe. Die Handfläche zeigt nach außen
und der linke Arm hat eine bogenförmige Rundung. Schultern und Hüfte
sind parallel und bleiben es während der gesamten Übung. Alle Gelenke
sind geöffnet und entspannt. Dies gilt besonders für die Knie- und Hüftgelenke.
Das Gewicht wird während der gesamten Übung sanft hin und
her verlagert, ohne dass die Knie durchgedrückt werden oder die Hüftgelenke
sich verschließen. Um dies zu verhindern, hat das Knie des weniger
stark belasteten Beines, immer eine leichte Tendenz nach außen. Die Bewegungen
des Arms und des Körpers bei den Seidenübungen haben ihren
Ursprung immer im Unterbauch (Dantian). Die Bewegung beginnt im
Unterbauch und wird nach dem Kreislauf auch dort wieder beendet. Damit
die einzelnen Seidenübungen für Anfänger leichter zu erlernen sind,
wurden sie von Chen Xiaowang in vier Stufen unterteilt. Für jede Stufe ist
die äußere und innere Bewegung genau vorgeschrieben. Die Stufen spiegeln
einzelne Abschnitte des Taiji-Symbols wieder (siehe „Anwendung der
Seidenübungen auf das Taiji-Symbol“). |
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Stufe 1: „Die Energie fließt zur Hüfte.“
Eine kleine Drehung nach links und ein Nachgeben in beiden Hüftgelenken
bewirken das Sinken des linken Armes. Der Ellenbogen bewegt sich
auf einer leichten Kreisbahn nach hinten/unten. Ist der Oberarm nach
unten entspannt und der Ellenbogen etwa auf Hüfthöhe angelangt, ist die
Bewegung beendet. Das Gewicht fließt weiter in das linke Bein (Gewichtung
in vertikaler Richtung). Die Handinnenfläche zeigt nach vorne.
Durch den Beginn der Drehung läuft die Energie spiralförmig von der
Hand zum Ellenbogen und aus dem Fuß bis zum linken Knie. Es findet
nur ein leichtes Sinken im Körper statt. Ist die Energie am Ellenbogen
und im Knie angelangt, nimmt die Drehung ab und das innerliche Sinken
(Gewichten in vertikaler Richtung) zu. Stufe 1 beschreibt eine sinkende
Bewegung, aus vollem Yang entsteht heranwachsendes Yin (vgl. Abb. 19). |
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Stufe 2: „Die Energie fließt zu Dantian“
Die Stufe 2 wird durch ein Gewichten nach rechts eingeleitet. Schultern,
Ellenbogen und Hand bleiben in der gleichen Position und bewegen sich
nicht eigenständig. Nach der Gewichtung setzt eine minimale Drehung
ein. Der Körper richtet sich wieder mit Schultern und Hüften parallel
nach vorne aus. Die Handinnenfläche dreht sich während der Bewegung
nach oben und fließt im letzten Drittel der Bewegung bis vor den Unterbauch.
Die Energie fließt von der Hüfte bis in den Unterbauch. In der ersten
Phase der Gewichtung legt die Energie die halbe Strecke zwischen Hüfte
und Unterbauch zurück. Die Drehung lässt die Energie vollständig in den
Bauch fließen. Stufe 2 beschreibt eine schließende Bewegung, aus heranwachsendem
Yin wird volles Yin (vgl. Abb. 20). |
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Stufe 3: „Die Energie steigt die Wirbelsäule hinauf“
Durch eine Rotation nach rechts wird der ganze Arm angehoben. Das
Handgelenk befindet sich während der Drehung immer im räumlichen
Bezug zur Körpermittellinie. Die Handinnenfläche wird hierbei nach unten
gedreht. Die Rotation ist beendet, wenn der Körper eine Drehung von
ca. 45° nach links erreicht hat und sich die Hand auf Schulterhöhe befindet.
In dieser Phase findet ein Gewichten in der vertikalen Ausrichtung
statt. Das Gewicht fließt durch die Drehung immer weiter in das rechte
Bein und in den Fuß.
Die Energie fließt die Wirbelsäule hinauf, das Gewicht läuft nach unten
bis in den Fuß und mit der Vorstellung weiter bis in die Erde. Stufe 3
beschreibt eine hebende Bewegung, aus vollem Yin entsteht heranwachsendes
Yang (vgl. Abb. 21).
Stufe 4: „Die Energie fließt über Schulter und
Arm bis in die Fingerspitzen“
Die Stufe 4 beginnt mit einer Gewichtung nach links. Die Energie geht
von der Wirbelsäule bis in den Ellenbogen. Durch die anschließende Rotation
fließt die Energie weiter bis in die Hand und in den linken Fuß.
Hüften und Schultern sind wieder parallel nach vorne ausgerichtet. Die
Handinnenfläche dreht sich nach außen. Der Arm befindet sich auf einer
horizontalen Linie nach rechts außen, in der Verlängerung des rechten
Beines. Stufe 4 beschreibt eine öffnende Bewegung, heranwachsendes
Yang wird zu vollem Yang (vgl. Abb. 22). |
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Anwendung der Seidenübungen auf das Taiji-Symbol
Die Seidenübungen lassen sich in ihren inneren und äußeren Bewegungsabläufen
auf das Taiji–Symbol anwenden.
Bewegungsabläufe
Der innere Kraft- oder Energieverlauf in den Seidenübungen ist genau
wie der äußere Bewegungsablauf auf den Kreisbahnen einer Kugel angeordnet.
Energieverläufe, die sich vom Dantian wegbewegen, werden als
Yang Energie bezeichnet. Die Eigenschaften dieser Kraftentfaltung ist ausdehnend,
aufsteigend, durchdringend und raumeinnehmend (vgl. Abb. 23
oben).
Zur Yin Energie werden alle Kraftverläufe gezählt, die zurück zum Dantian
fließen. Diese Art der Energie ist zurückweichend, auflösend, mitnehmend
und sammelnd (vgl. Abb. 24 unten).
Beide Arten der Kraft sind untrennbar miteinander verbunden. Die Seidenübungen
helfen hier ein Verständnis für die unterschiedlichen Qualitäten
von Energie zu bekomme. Sind wir in der Lage die beiden Energien klar im Körper voneinander zu unterscheiden, folgen weitere Stufen der
Vertiefung. Aus den zwei Qualitäten der Energie folgen die vier Stufen aus
der Unterrichtsdidaktik der einzelnen Seidenübungen (vgl. Abb. 24). Die
vier Stufen lassen sich auf acht Bewegungsabschnitte erweitern. Theoretisch
ist es möglich hier weiter in die Tiefe zu gehen (von der 2 auf die 4,
von der 4 auf die 8, von der 8 auf die 16 usw.), praktisch macht das aber
keinen Sinn. Sind wir in der Lage von der Zwei auf die Vier zu schließen,
können wir auch in der Vier die Acht entdecken. Spätestens jetzt werden
die Bewegungen so innerlich, dass eine Beschreibung über äußere Bewegungen
nicht mehr möglich ist. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem sich
die äußere Bewegung immer mehr durch eine innere Bewegung ergibt.
Das innere Gefühl tritt jetzt stärker in den Vordergrund.Wird am Anfang
der Seidenübungen die Energie durch die äußere Bewegung ins Fließen
gebracht, übernimmt schließlich der innere Energiefluss die Führung und
wird durch die äußere Bewegung sichtbar.
Innerer Wechsel
Innere Wechsel sind die Umkehrpunkte zwischen den beiden Qualitäten
der Energie. Ein solcher Wechsel fifififindet immer statt, wenn die Energie
zu ihrem Maximum flflflfließt. Haben wir energetisch den Zustand des vollen
Yang erreicht, wird die Energie nach und nach in ihr Gegenteil umgewandelt.
Die Yin-Qualität der Energie nimmt zu. Innere Wechsel werden
im Körper immer durch Drehungen eingeleitet. Fließt die Energie nach
einer Drehung, also nach einem inneren Wechsel, zu den Extremitäten,
bezeichnen wir dies als Yang-Energie. Der Fluss von den Extremitäten zurück
zum Dantian wird demnach als Yin-Energie benannt (vgl. Abb. 25). |


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Äußerer Wechsel
Äußere Wechsel befinden sich auf der halben Strecke einer jeweiligen
Energie. Aufsteigendes Yang wird durch einen Äußeren Wechsel zu vollem
Yang. Die entstehende Energiequalität breitet sich durch den äußeren
Wechsel immer weiter aus oder flflflfließt in ihrem Gegenteil zurück zu Dantian.
Der physische Motor für einen InnerenWechsel ist die Drehung. Der ÄußereWechsel
wird durch eine Gewichtung angetrieben. Bei einem inneren
Wechsel ist die Energie noch zart und im Prozess des Entstehens. Äußere
Wechsel verleihen der jeweiligen Energiequalität ihre volle Entfaltung. Die
Yang Energie wird durch den äußeren Wechsel mächtig und hinaus strebend.
Die Yin Energie wird komplett in Dantian gesammelt.
Die Verbindung zwischen Innerem und ÄußerenWechsel ergibt die vier
Stufen zur Unterrichtsdidaktik der Seidenübungen (vgl. Abb. 25). |
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Drehung und Gewichtung in den
einzelnen Stufen der Seidenübung
Jede einzelne der vier Stufen in den Seidenübungen lässt sich wiederum in
Drehung und Gewichtung unterteilen. Diese feinere Betrachtung der Körpermechanik
und das draus resultierende tiefere energetische Verständnis der Seidenübungen erweitern das Vierstufenmodel. Haben wir in dem
Vierstufenmodel eine Hauptaktion von Drehung oder Gewichtung in
der jeweiligen Stufe, wird in den acht Aspekten diese Hauptaktion jeweils
durch eine mitlaufende Nebenaktion ergänzt. Besteht die Hauptaktion/
Anfangsaktion aus einer Drehung, ergänzt die Nebenaktion diese Drehung
durch eine Gewichtung. Das Gewicht flflflfließt hierbei in vertikaler Richtung
nach unten.
Ist die Haupt- bzw. Anfangsaktion eine Gewichtung, folgt ihr eine Drehung
mit der sich der Körper wieder gerade dreht. Dieses gerade Drehen
bringt den Körper immer wieder in seine Ausgangstellung zurück. Von
hier starten die inneren Wechsel (vgl. Abb.26).
Zusammenfassung und Ausblick
Alle theoretischen und praktischen Aussagen zu der Frontalen-Seidenübung
sind in der Abbildung zusammengefasst.
Erweiternde Fragestellungen zum Einsatz von Schritten in den Seidenübungen
und deren Anwendung auf das Taiji-Symbol sind noch zu klären.
Desweiteren fehlt noch der Praxisbezug zu den Schiebenden-Händen und
damit auch zur Selbstverteidigung. Dies sind Aspekte, die in einem weiteren
Artikel von mir erläutert werden. |
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1. Taiji Neujahrs Turnier – 24.1.2009
Shifu Christian Wulf (WHKD) und Shifu Jan Silberstorff (WCTAG) riefen am 24.01.2009 in der Dacascos Kung Fu & Taiji Academy Barmbek in Hamburg das
1. Taiji Neujahrs Turnier für die Freunde beider Kampfkunststile, dem Wun Hop Kuen Do Kung-Fu und dem Chen Taijiquan, ins Leben.
Mit diesem offenen Vergleichsturnier sollen alle Taiji Schüler die Möglichkeit bekommen, sich in angenehmer Atmosphäre in den Taiji Disziplinen Handformen, Waffenformen, Dingbu und Houbu Pushhand miteinander zu messen. Hier auch ganz besonders diejenigen Schüler, die sonst eher nicht den Wettkampf suchen.
In familiärer Atmosphäre begrüßte Shifu Christian, der erst in der Nacht zuvor von einem Fernsehauftritt mit seinem Dacascos Showteam aus Beijing/China zurückgekehrte, die zahlreichen Teilnehmer und Gäste. In seiner Ansprache führte er u.a. aus, dass mittlerweile in vielen WHKD Kampfkunstschulen schon lange Chen Taijiquan unterrichtet wird und das der Anfang dieser Entwicklung in seiner Dacascos Kung Fu & Tai Chi Academy Barmbek Anfang der `90 Jahre mit Shifu Jan Silberstorff begann. Geplant ist dieses Turnier jährlich, immer zu Beginn des chinesischen Neujahrs, in einem familiären Schulrahmen stattfinden zu lassen, welches mit sehr viel Applaus aller Anwesenden begrüßt wurde.
Als Hauptkampfschiedsrichter konnten Ralf zum Felde, Kai Schlupkothen und Frank Marquardt gewonnen werden, die alle auf jahrelange und erfolgreiche Wettkampfpraxis zurückblicken können.
Begonnen wurde mit den Handformen, bei der jeder der Starter mind. 5 bis max. 6 Minuten Zeit hatte, seine Form zu präsentieren. Für einige der Teilnehmer war es das erste Mal auf einem Turnier. Die Nervosität vor diesem öffentlichen Auftritt war, trotz des familiären Rahmens, bei den meisten spürbar. Doch in dem Moment, als die Wettkampffläche betreten wurde, schien die Nervosität bei den Teilnehmernverflogen und durch Konzentration und Entschlossenheit ersetzt worden zu sein. Alle Teilnehmer lagen von den Wertungen so eng zusammen, dass die Platzierungen durch ein Stechen zwischen Guido Stefanec, Vytas Huth und Christian Dohse entschieden werden musste. Hierbei belegt schließlich Guido Stefanec den ersten Platz. Weiter ging es mit der Disziplin Waffenformen, bei denen die meisten Starter die traditionelle Schwertform des Chen Taijiquan präsentierten. Auch hier lagen die Wertungen aller Starter so eng beieinander, dass ein Stechen zwischen Vytas Huth und Frederik Wahl um die ersten beiden Plätze entschieden werden musste, welches Vytas Huth für sich entscheiden konnte. Den dritten Platz belegte schließlich Guido Stefanec.
Bei den Pushhands Wettkämpfen wurde mit Dingbu Pushhands (mit festem Stand) begonnen. Hier stehen sich zwei Wettkämpfer gegenüber und versuchen einander sich so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass der Gegenüber mindestens einen Schritt machen muss, bzw. sogar zu Boden geht und man selbst aber stehen bleiben sollte. Bei den Herren starteten 10 Teilnehmer, wobei sich Oliver Bollmann souverän in allen seiner Kämpfe durchsetzen konnte. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Christian Dohse und Frederik Wahl. Bei den Damen setzte sich Petra Henninges gegen Christina Klawitter durch. Den dritten Platz belegte Katja Uhlisch.
Beim Houbu Pushhands (mit Beinarbeit) müssen die Wettkämpfer ihrem Gegenüber aus dem Ring werfen, bzw. zu Boden bringen. Hierbei sind Fußfeger erlaubt, Greifen jedoch nicht. In dieser Disziplin setzte sich Marius Leszkiewicz (WHKD) klar gegen Vytas Huth und Denis Nosnitsin durch. Bei den Damen gewann Silke Affinass gegen Katja Uhlisch, Christina Klawitter belegte den dritten Platz.
Nach vier Stunden harten Wettkämpfen, mehr oder weniger Nervosität, viel Spaß und Freude waren sich alle einig: Wir freuen uns auf das 2. Neujahrs Turnier 2010 in der Dacascos Kung Fu & Tai Chi Academy Barmbek in Hamburg. Dieses Turnier hat mir persönlich sehr viel Spaß gemacht, auch wenn es für mich dieses Mal für eine Platzierung nicht reichte. Viel wichtiger ist es, dass es spannende und faire Wettkämpfe gab. Sowohl die Starter als auch alle Gäste Spaß hatten und einen schönen Tag in Erinnerung behalten konnten. Ich selbst habe mich der Herausforderung gestellt mit anderen auf einem Turnier zu messen. Ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt, um aus diesen zu lernen und zu wachsen. Unter den Teilnehmern wurden nicht nur Erfahrungen ausgetauscht und „gefachsimpelt“, sondern auch Tipps und Ratschläge weitergegeben. Neue Kontakte wurden geknüpft, bestehende Kontakte aufgefrischt bzw. vertieft. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Jahr und werde bis dahin eifrig weiter trainieren.
An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Susanne Wulf, die für das leibliche Wohl aller sorgte, an unsere Hauptkampfschiedsrichter Ralf zum Felde, Kai Schlupkothen und Frank Marquardt und nicht zuletzt Shifu Christian Wulf und Shifu Jan Silberstorff, die dieses Turnier ins Leben gerufen haben.
Andreas Patriok
Editorial 2009
„Tage, Wochen, Monate und Jahre vergehen,
in rasendem Tempo”, so sagte gerade die
Zahnarzthelferin vor mir, kurz bevor das Bohren
beginnt. Sie ist 21. „Man sollte jeden Tag so
leben, als wäre es der letzte - denn eines Tages
wird es so sein“, sagte wiederum meine russische Übersetzerin letzte Woche in Smolensk.
Ob 21, 49 oder 82, das Leben ist nicht endlos. Das
zu begreifen, bedeutet, dem Leben einen Sinn
geben zu wollen. Es täglich darauf auszurichten,
was einem wirklich wichtig ist und was man in
diesem Leben, das uns geschenkt ist, wirklich tun
will. Dies zu erkennen, dafür ist ein klarer und freier
Geist wichtig. Ein reines Herz gibt den Wünschen
die richtige Richtung. So, dass unser Leben nicht
nur für uns, sondern auch für alle anderen Früchte
trägt. Wie glücklich ist ein Leben, welches auch
den Menschen um mich herum Freude bereitet
und wie traurig, wenn meine Freude auf Kosten
der anderen geht. Taijiquan hilft uns, diesen klaren
Geist und ein reines Herz zu entwickeln. Es verhilft
uns zu einem neutralen Standpunkt, von dem aus
wir starten können. Aber es ist kein Selbstgänger.
Auf der Basis eines guten Trainings müssen wir
uns täglich immer wieder neu ausrichten, altes überdenken, neues in Angriff nehmen. „Der
Berufene vollbringt sein Werk und verharrt nicht
dabei”, sagt Laozi. Das Leben ist wie ein Fluss
und wir müssen lernen uns in die Richtung
unserer Bestimmung treiben zu lassen. Und doch
ist dieses Treiben lassen mit harter Arbeit an uns
selbst verbunden.
Dass jeder seine persönliche Stromrichtung
zum Wohle aller finden kann und dass uns das
Taijiquan dabei hilft, dieses wünsche ich uns allen
besonders für das kommende Jahr 2009!
Alles Liebe,
Jan Silberstorff
Vorliegend präsentieren wir von der WCTAG nun
mit voller Freude die bereits zweite Ausgabe
vom Chen-Taijiquan-Magazin. Es ist die einzige
Zeitschrift weltweit, die sich ausschließlich dem
Chen-Taijiquan widmet. Wir glauben auch mit
dieser Ausgabe wieder wertvolle Fachartikel
zum tieferen Verständnis, aber auch ein großes
Angebot vielfältigster Kurs-, Lehrgangs- und
Intensivcamps anzubieten und freuen uns über
ein hoffentlich stetig wachsendes Interesse an
dieser einzigartigen Kampf-, Meditations- und
Gesundheitskunst.
Nach inzwischen 15 Jahren WCTAG stellen wir
immer wieder mit Begeisterung fest, dass es
kaum etwas Erfüllenderes gibt, als Menschen zu
einem tieferen und wahrhaftigeren Verständnis
für Körper, Geist und Seele zu verhelfen.
In diesem Sinne wünschen wir freudiges Lesen
und Praktizieren!
Das WCTAG Team
Was ist Taijiquan?
Taijiquan (Tai Chi Chuan) ist eine alte chinesische
Kampf- und Bewegungskunst. Sie dient der Lebenspflege,
Gesundheit, der ganzheitlichen Entwicklung
von Körper und Geist sowie der Selbstverteidigung.
Sie ist meditativ und körperkräftigend,
fördert die Entfaltung der inneren Energie
(Qi) und ist als solche sowohl therapeutisch als
auch kämpferisch einsetzbar. Die Bewegungen
sind sanft und fließend, voller Ausdruck, Schönheit
und Energie.
Taijiquan geht in seiner Art weit über normale
Fitnessprogramme hinaus und kann durch seine
essentielle Philosophie als Lebensweg, aber auch
als Hobby beschritten werden. Sein gesundheitlicher
Wert ist weltweit anerkannt, Krankenkassen übernehmen teilweise die Unterrichtsgebühren.
Als Kampfkunst folgt es den Überlieferungen traditionellen Übungsgutes, welches gerade heute
in allen Situationen einsetzbar ist. Es ist der wohl
am weitesten verbreitete Gongfu- (KungFu-) Stil
der Welt. Dieses vor Jahrhunderten in der Chen-
Familie entstandene System macht sich die Philosophie
von Yin und Yang, deren Wandlungsphasen
sowie der Harmonisierung von Körper, Geist
und Seele zu nutze. Es verbindet Selbstverteidigungsbewegungen
(Wushu) mit der Führung der
inneren Energie (Qigong) und gilt daher als innere
Kampfkunst.
Da innere Energie anstelle von Muskelkraft gesetzt
wird, ist Taijiquan von jung und alt, Mann
und Frau, klein und groß gleichermaßen erfolgreich
ausübbar.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Taijiquan
auch an Interessierte außerhalb der Chen-
Familie weitergegeben. Hieraus entwickelten sich
die verschiedensten Stile, z.B. die der Yang-, Wu-,
Wuu- und Sun-Familie.
Der Chenstil ist der Ursprung aller Taiji-Familien-
Systeme und hat sich inzwischen auf der ganzen
Welt verbreitet. Taiji beschreibt den Menschen als
Verbindung (Bindeglied) zwischen Himmel und
Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao).
Jan Silberstorff
 
Chen Guizhen in Karlsruhe
Fröhlich, warmherzig und mit unglaublicher
Präsenz
Nachdem ihr letzter Besuch in Deutschland
bereits 8 Jahre zurückliegt,
freuten wir uns sehr, dass Meisterin Chen Guizhen die Einladung von
Jan Silberstorff angenommen hatte und im Juni 2006 fast zwei Wochen
bei Sasa Krauter in Karlsruhe zu Gast war.
Als Taijiquan-Frauengruppe waren wir sehr gespannt darauf, ein weibliches
Mitglied der Chen-Familie kennen zu lernen und bei einer Meisterin
Unterricht zu haben.
Besonders stolz sind wir, dass beide Wochenend-Seminare in unseren
Trainingsräumen bei der Frauenkampfkunstschule In Nae stattfanden,
und dass sich viele Taiji-Freundinnen und –Freunde aus ganz
Deutschland zum Training einfanden.
In der Woche zwischen den Seminaren hatten wir Gelegenheit Privatunterricht
bei Chen Guizhen zu nehmen, für den Sasa ihren Übungsraum
zur Verfügung stellte.
Die Meisterin ist eine faszinierende Persönlichkeit. Wir lernten
sie als fröhlichen Menschen mit warmherziger Ausstrahlung und
einer unglaublichen Präsenz kennen. Mit freundlicher Geduld
korrigierte sie uns in den Bildern und Übungen, wie z.B. der
Stehenden Säule und den Seidenübungen.
Auffallend war, dass sie insgesamt sehr nach außen korrigierte,
also in weite raumeinnehmende Bewegungen. Große Beachtung schenkte
sie auch der aufrechten Haltung der Wirbelsäule. Besonderes
Augenmerk legte sie auf die Beweglichkeit des Beckens und dessen
Einfluss auf den gesamten Bewegungsapparat.
Sie selbst beeindruckte uns mit weit ausholenden Bewegungen, die
ihren Ursprung gut sichtbar im Dantian haben.
Uns SchülerInnen beschenkte Chen Guizhen mit zwei Vorführungen
aus ihrem Repertoire: die Doppelsc hwertform, die ihr als Meisterin
dieser Disziplin den Namen „Königin des Doppelschwertes“ einbrachte,
und die von ihr selbst entwickelte Fächerform. Mit höchster
Präzision wirbelte sie die Schwerter und Fächer, kraftvoll
und geschmeidig zugleich, in Richtung imaginärer Gegner. Bei
den Fächern konnte man einen guten Eindruck davon gewinnen,
wie harmlose Gegenstände zu wirksamen Verteidigungswaffen werden
können.
Chen Guizhen ist für uns zu einem Vorbild geworden, denn sie
verbindet den Weg des Taiji selbstverständlich mit kraftvoller
Weiblichkeit. Wir danken ihr sehr für die lehrreichen gemeinsamen
Stunden und freuen uns, sie hoffentlich bald wieder in Karlsruhe
begrüßen zu dürfen. Ein herzliches Dankeschön
geht an dieser Stelle auch an Sara und Till, die Frau Chens Worte
ins Deutsche übersetzten. Besonders bedanken wir uns bei Sasa
Krauter, die uns mit der Organisation dieses Besuches unvergessene
Taijiquan-Momente schenkte.
Simone Sypli
Katrin Schmidt-Sailer
Begegnung mit Meister Xiao Qinling
Im Februar 2006 nutzte ich einen kleinen
Zwischenaufenthalt in Beijing um einen der letzten noch lebenden
Schüler von dem legendären
Großmeister Chen Fake, Meister Xiao Qinling zu besuchen.
Ich telefonierte mit seiner Frau, um einen Treffpunkt mit ihm auszumachen.
Sie bat mich beim Beijing Hotel (eine der besten Adressen der Stadt)
auf ihn zu warten.
Ich war etwa eine halbe Taxi-Stunde vom Hotel entfernt einquartiert.
Zu dieser Zeit ist es in Beijing immer noch sehr kalt und Winter
wie bei uns. Trotz blauen Himmels und Sonne waren es immer noch deutliche
Minusgrade. Doch da ich keine dicke Kleidung mag, dachte ich mir:
Du sitzt im Taxi, bist im Beijing Hotel und fährst wieder zurück,
also reicht ein T-Shirt und deine leichte Jacke. Und schon saß ich
bequem im Taxi und verbrachte die Fahrt mit einem sehr angenehmen
Handy-Gespräch mit meinem alten Freund Jarek Szymanski aus Shanghai.
Pünktlich angekommen begab ich mich, um der Kälte zu entkommen,
direkt in die Lobby des Hotels und suchte sie nach Meister Xiao ab.
Vergebens. Nach einer Viertelstunde Warten rief ich erneut bei seiner
Frau an, um nachzufragen. Sie bestätigte mir den Treffpunkt
und dass ich nur noch ein bisschen warten solle, was ich recht bequem
tat. Nach einer weiteren Viertelstunde jedoch bat ich den Rezeptionisten
für mich anzurufen, vielleicht hatte ich trotz meines chinesisch
etwas überhört oder falsch verstanden, sprach seine Frau
doch einen sehr starken Dialekt. Doch auch er bestätigte mir
den Treffpunkt. So blieb mir nach einer erneut weiteren Viertelstunde
nichts übrig, als wieder in ein Taxi für den Rückweg
zu steigen. Just in diesem Moment trat ein Chinese auf mich zu und
fragte, ob ich Shi Yang (die chinesische Abkürzung für
Jan Silberstorff) wäre und ob ich auf Meister Xiao Qinling warten
würde. Ich war hoch erfreut einen Schüler von ihm anzutreffen.
Er bestätigte mir den Treffpunkt, sagte aber, dass der Meister
es vorgezogen hatte, an einer Straßenkreuzung zwei Häuserblöcke
von hier auf mich warten. Er könne mich hinbringen, ich könnte
auf dem Gepäckträger seines Fahrrades sitzen. Zwei Häuserblöcke
an der Changan Jie sind nicht kurz, doch Kälte hin oder her,
nach 10 Minuten frieren waren wir da. Meister Xiao saß auf
einer Bank direkt an einer Straßenkreuzung und begrüßte
mich freundlich. Ich schlug vor, wie es der Höflichkeit
nach üblich
und dem Wetter und meinem T-Shirt nach erforderlich ist, auf der
anderen Straßenseite in ein Restaurant einzukehren, ich würde
ihn gerne zum Essen einladen. Er lehnte dankend ab, er habe schon
gegessen. „Auf einen Tee?“ warf ich hoffnungsvoll ein. „Nein
danke, ich sitze lieber draußen, da ist es mit am angenehmsten“,
antwortete mir der inzwischen 78-jährige Meister. Er rückte
ein Stück zur Seite und bat mich neben ihm auf der Bank Platz
zu nehmen. So saßen wir denn etwa zwei Stunden zusammen auf
dieser Bank und regelmäßig verneinend ob mir denn kalt
wäre, so dünn wie ich für den Winter angezogen sei,
lauschte ich ihm über die gute alte Zeit.
Er habe mit 20 Jahren mit dem Taijiquan-Training begonnen. Zunächst
jedoch unter einem anderen Lehrer. Als er aber von Chen Fake hörte
und realisierte, dass dieser in Beijing Unterricht gab, ließ er
sich von Bekannten an ihn vermitteln. Dies war zu der Zeit (und ist
es zum Teil auch heute noch) ein übliches Verfahren, von einem
Lehrer als Schüler aufgenommen zu werden. Man ging nicht selbst
hin und bewarb sich, sondern hatte einen Fürsprecher, der die
Angelegenheit für einen ins Rollen brachte. Ich selber erlebte
dieses Vorgehen noch Anfang der 1990er Jahre in Xian, als es um die
Verkupplung eines Freundes mit seiner späteren Freundin ging.
Nachdem Xiao Qinling als Schüler aufgenommen wurde, lernte er
bei ihm bis zu seinem Tod 1957. Er sagte mir, er habe 1949 mit dem
Taijiquan begonnen, so dass seine Lernzeit bei Chen Fake bis zu acht
Jahren, abzüglich seiner Lehrzeit bei seinem ersten Lehrer,
betragen haben könnte. Vermutlich waren es 5-6 Jahre.
Eigentlich wäre es nur reichen Menschen bestimmt gewesen, bei
einem so berühmten Meister lernen zu können. Aber, so erzählte
er, durch eine politische Veränderung seiner Zeit, in der der
Kapitalismus zurückgedrängt worden sei, konnten auch ärmere
Menschen wie er selbst Unterricht bekommen.
Wirklich Taijiquan zu erlernen sei sehr schwer, umso mehr, wenn man
den Selbstverteidigungsaspekt in seine wirkliche Tiefe beherrschen
können möchte. Es sei sehr wichtig, das Prinzip sehr genau
zu verstehen, was jedoch nur sehr wenigen Schülern möglich
wäre. Der gesundheitliche Aspekt wäre aber heutzutage,
schon auch im Hinblick auf die heutige Schusswaffentechnik weitaus
wichtiger und auch einfacher zu erlernen.
Ein weiterer Aspekt sei es, dass man Taijiquan nur gut trainieren
könne, wenn man satt sei.
Dies bedeute, dass die meisten Menschen für ihren Lebensunterhalt
tagsüber arbeiten müssten. Wenn man jedoch tagsüber
arbeitet, könne man nur abends üben. Auch könne man
aufgrund des Zeitmangels nicht alle Aspekte des Systems täglich üben.
Hierauf sei es zurückzuführen, dass die Menschen von heute
nicht mehr so gut wären im Taijiquan wie früher. Taijiquan
ginge nicht verloren, aber man brauche zudem einen sehr guten Lehrer.
Hat man jedoch den ganzen tag Zeit zu trainieren, so Meister Xiao,
wären 30 Routinen der ersten Form pro Tag gut. Ein Durchlauf
könne so um die acht Minuten dauern.
Die Schiebenden Hände und auch die sitzende Meditation wären
Aspekte des Taijiquan, aber das Wesentlichste sei die Form. Die Form
solle man üben, wenn man alleine ist, ist man zu zweit, solle
man die Schiebenden Hände praktizieren.
Xiao Qinling legte in seinen Beschreibungen sehr viel Wert auf die
Rundheit und Ununterbrochenheit der Bewegungen. Um mir dies zu verdeutlichen,
stand er mitten im Gespräch plötzlich auf, ließ mich
zitternd frierend auf der Bank sitzen und führte mit seinen
fast 80 Jahren direkt zwischen unserer Bank, vielen Passanten und
der vielbefahrenen Strasse die erste Form des neuen Rahmens vor.
Danach musste ich ihm meine zeigen und kam in den Genuss wichtiger
Hinweise des Altmeisters.
Die Art, wie er die Form vorführte, war seiner Persönlichkeit
nach entsprechend geformt, ließ aber eindeutig erkennen, dass
diese Form, xinjiayilu, auch heute noch in derselben Art bei uns
praktiziert wird, wie es wohl in den 1950er Jahren in Beijing der
Fall gewesen sein muss.
Ich bedankte mich bei Meister Xiao für dieses interessante Gespräch
und begab mich wieder auf meine Taxi Tour, selbstverständlich
nicht ohne mein übliches Telefonat nach Shanghai.
Zurück in meinem Hotel und in der heißen Badewanne sitzend,
wurde mir noch einmal bewusst, in was für einer guten Zeit wir
gerade leben. Dass es uns als Europäer in so einfacher Form
heutzutage möglich ist, durch die Welt reisen zu können,
dass die alten Meister bereit sind, ihr wissen heutzutage öffentlich
zu machen und dass wir durch die lange Periode des Friedens eine
gute und sehr wertvolle Möglichkeit haben, gut lernen zu können.
Wir sollten dies gut nutzen und versuchen, uns diesen Zustand erhalten
zu können.
Jan Silberstorff
Eine Frau als Mitbegründerin des
Taijiquan
von Jan Silberstorff
Chen Wangting (1597-1664) ist, wie allgemein
bekannt und von allen offiziellen Stellen anerkannt, der Ahnherr
und Urbegründer des
Chen-Taijiquan. Aus dem Chenstil haben sich später alle weiteren
bekannten Familienstile des Taijiquan entwickelt.
Chen Wangting, als General sehr Schlachtfeld erfahren, studierte
nach dem Dynastiewechsel der Ming- zur Qingdynastie, in Zurückgezogenheit
in seinem Heimatdorf Chenjiagou daoistische Lehren und ihre innere
Alchemie. Aus beidem, der Kampfkunst und der inneren Alchemie erschuf
er ein neues System gesundheitsorientierter Kampfkunst. Dieses wurde
später unter dem Begriff Taijiquan weltberühmt.
Chen Wangting beruft sich bei seiner Erforschung und Zusammensetzung
des neuen Faustkampfes grundlegend auf zwei klassische Werke. Zum
einen auf das
„Ji Xiao Xin Shu – neu verfasste Annalen
des Dienstes“ (1575), das ebenfalls von einem General der Mingdynastie,
Qi Jiguang (1528-1587), verfasst wurde und zum anderen auf das „Huang
Ting Jing (Huang ting nei wai yu jing jing – „der Klassiker
des gelben Innenhofes über die innere und äußere
Jadelandschaft“)“.
Durch seine große Erfahrung und gestützt durch diese beiden
Werke verband er äußere Kampftechnik mit innerer Energieführung.
Das Werk von Qi Jiguang beschreibt die Hauptmerkmale der chinesischen
Kampfkünste seiner Zeit und hebt die wichtigsten Techniken hervor.
Chen Wangting begründete seine Techniken hauptsächlich
aus dem 14. Kapitel „Quan jing - Hauptmerkmale des Trainings
des Boxklassikers“ des oben genannten Werkes. Das Huang Ting
Jing besteht im Wesentlichen aus 36+3 in Versform gehaltener Kapitel über
rechte Lebensführung, Ernährung, Sexualität und vornehmlich
innerer Energiearbeit zur Erlangung der Unsterblichkeit.
Während es eine Menge gesicherter Informationen über den
Autor des „Ji Xiao Xin Shu“ gibt, so ist bisher fast
nichts verbreitet worden über die Autorenschaft des „Huang
Ting Jing“.
Der vollständige Titel „Huang ting nei wai yu jing jing“ setzt
sich zusammen aus der Farbe gelb („huang“), welche in
China schon von jeher eine besondere Bedeutung hatte. Sie war die
Farbe der Kaiser und wurde innerhalb der fünf Elemente der Erde
zugeordnet, welche wiederum das Zentrum symbolisiert. „Ting“ steht
für Hof, bzw. Innenhof. Ursprünglich war nach chinesischer
Bauart in der Mitte eines Gebäudes ein leerer Innenhof. Dieser
symbolisierte das Zentrum und den höchsten Zustand, die Leere. „Nei“ (innen), „wai“ (außen), „yu“ (Jade)
und „jing“ (Landschaft) bezeichnen die „innere
und äußere Jadelandschaft“. Hiermit ist der eigene,
innere Körper gemeint. Der letzte Begriff „jing“ bezeichnet
ein Buch im Sinne von „Klassiker“. „Huang ting“ (gelber
Innenhof) steht in der daoistischen Tradition für das Körperzentrum
(hier: dantian) und die Leere als das höchste spirituelle Ziel,
welches durch die energetische Transformation innerhalb der drei
Dantian erreicht werden soll („huang ting san gong“). „Der
Klassiker des gelben Innenhofes über die innere und äußere
Jadelandschaft“ bezeichnet somit ein Schriftstück über
die innere Energiearbeit innerhalb des gesamten eigenen Körpers
in Bezug auf dessen Zentrum (Zentren).
Nach eigenen Nachforschungen mit Hilfe von Wang Ning, Ken Rose, Jarek
Szymanski und Großmeister Chen Xiaowang kam ich zu der Erkenntnis,
dass als Autor des Huang Ting Jing nur Frau Wei Huacun 魏 華 存 (251/252-334
n. Chr.), alias Xian An, in Frage kommt.
Das Huang Ting Jing entstand ursprünglich zuerst aus dem so
genannten „Huang ting nei jing jing“ (Der Klassiker des
gelben Hofes über die innere Landschaft) mit 36 Kapiteln, vermutlich
zu Beginn der Jin Dynastie (265-420 n. Chr.). Nach Quellen des Chengdou
Zhongjiao Xueyuan, eine daoistisch orientierte Forschungsgesellschaft
in Chengdou (VR China), veranlasste Kaiser Jing Wudi im Jahre 288
das Huang Ting Jing um einen zweiten Teil, das „Huang ting
wai jing jing - der Klassiker des gelben Hofes über die äußere
Landschaft“ mit drei Kapiteln, zu erweitern. Sehr viel später,
in der Sui, Tang oder gar Song Dynastie soll noch ein dritter Teil,
das „Huang ting zhong jing jing - der Klassiker des gelben
Hofes über die mittlere Landschaft“ hinzugekommen sein.
Dieser dritte Teil wird in der Regel jedoch nicht so hoch geschätzt,
da er im Wesentlichen eine vereinfachte Zusammenfassung der ersten
beiden Teile darstellt. Er wird daher in der Regel nicht mit in das
Huang Ting Jing aufgenommen.
Zu der Autorenschaft des Hauptwerkes des Huang Ting Jing, wird ausschließlich
die Person Wei Huacun genannt, welche das Huang Ting Jing im dritten
Jahrhundert nach Christus geschrieben und/oder kompiliert, sowie
herausgebracht haben soll. Bei Wei Huacun endet die Möglichkeit
der Rückverfolgung. Man kann sich nicht sicher sein, zu einem
wie großen Teil der Text von ihr selbst kommt oder zu einem
wie großen Teil sie vorher bestehende Texte zusammengetragen
hat. Vor ihr jedoch ist keine weitere Zuordnung () möglich.
So kann im Gesamtzusammenhang nur Wei Huacun als Autorin für
das Huang Ting Jing genannt werden. In gleicher Weise gilt auch Zhuangzi
als Verfasser des Zhuangzi und Laozi als Verfasser des Daodejing.
Historisch ist nicht viel über ihr Leben bekannt. Sie ist 251
oder 252 n. Chr. in Rencheng der Provinz Shandong geboren und war
vermutlich die Tochter eines Ministers für Schulwesen namens
Wei Shu am Hofe des Kaisers Wu der westlichen Jin (265-316 n. Chr.).
Wei Shu selbst war wohl ein Schüler des „Weges der Himmelsmeister
(tianshi)“. Mit 24 Jahren wurde Wei Huacun von ihrem Vater
vermutlich gegen ihren Willen mit einer führenden Persönlichkeit
der „Himmelsmeister“, Liu Wen aus Nanyang, verheiratet.
Er soll Historiker mit guten höfischen Kontakten gewesen sein.
Sie hatten zusammen zwei Söhne.
Wei Huacun genoss hierdurch eine daoistische Ausbildung und wurde
u.a. zu einer Ritualmeisterin (jijiu) ausgebildet. Auch in den sexuellen
Praktiken des Daoismus war sie eingeweiht. Als die östlichen
Jin (317-420 n. Chr.) an die Macht kamen und ihre Familie in das
heutige Nanjing (damals Jianye) auswanderte, verbrachte Wei Huacun
den größten Teil ihres Lebens in Zurückgezogenheit.
Sie soll das Huang Ting Jing an einen ihrer Söhne weitergegeben
haben, der es wiederum ihrem Schüler Yang Xi weitergeben haben
soll über den es dann weitere Verbreitung fand.
Ihre Wirkzeit wird in den Beginn der daoistischen Schule der „höchsten
Klarheit („shangqing“)“ gesetzt, als dessen erster
Patriarch (und somit Begründer) sie gilt. Ihr Sterbejahr wird
ins Jahr 334 n. Chr. datiert.
Die Legende über Frau Wei Huacun erzählt man sich folgendermaßen:
Wei Huacun widmete sich schon seit jungen
Jahren sehr ernsthaft der daoistischen Meditation, dem Studium
des Laozi, des Zhuangzi und der inneren Alchemie. Im Alter von
24 Jahren arrangierten ihre Eltern für sie die Ehe, so dass sie ihre Praxis aufgeben musste.
Doch sie betete zu den Heiligen, dass sie trotz ihrer familiär
auferlegten Pflichten einen Weg finden würde, dass Dao weiterhin
zu kultivieren. Nachdem sie ihre beiden Kinder groß gezogen
hatte, verkündete sie, sich fortan wieder auf den Weg ihrer
eigenen und eigentlichen Bestimmung zu begeben. Danach zog sie sich
in die Einsamkeit zurück und praktizierte ausschließlich
das Dao. Es heißt, sie habe das Dao auf dem Gipfel des Südens
(„Nanyue“, vermutlich Hengshan in der Hunan Provinz)
verwirklicht. In dieser Region soll zu dieser Zeit eine rege Aktivität
und Austausch zwischen Daoisten und Buddhisten stattgefunden haben.
Eines Tages während ihrer Meditation wurde sie plötzlich
von Musik und dem Geräusch herannahender Streitwagen umhüllt.
In einem hellen Licht erschienen vier Heilige aus dem Himmel, welche,
hervorgerufen durch tiefen Respekt ihrer Disziplin und unermüdlichen
Praxis gegenüber, ihr heilige Bücher überreichten
und sie mit dem Namen „die Dame des Südberges (nanyue
furen)“ ehrten. Einer von ihnen war der „Vollendete“ Jing
Lin. Er soll ihr das Huang Ting Jing (Huang ting nei jing jing) überreicht
haben. 
Folgender Ausspruch wird ihr zugrunde gelegt:
„Innerlich das Vollkommen Aufrechte (zhengzhen) zu erleuchten,
und äußerlich in den weltlichen Pflichten (shiye) aufgehen,
zeigt ausgezeichnetes Talent. Dies pflegt den Weg von der Höchsten
Vollkommenheit.“
Im Alter von 83 Jahren soll sie spezielle
Mixturen, die ihr u.a. von Wang Bao („der Vollendete der ursprünglichen Leere“),
welcher einigen Quellen zu Folge als ihr Lehrer aufgeführt wird,
eingenommen und von der Erde verschwunden sein. Den Instruktionen
von Wang Bao folgend, schloss sie sich im Yangluo Berg ein und fastete
dort 500 Tage. Wieder sollen ihr Unsterbliche erschienen sein und
ihr weitere Schriften übergeben haben, nach dessen Studium und
Praktiken sie in die Himmel und den „Palast der höchsten
Klarheit“ aufgefahren sein soll (1).
Auch wird erzählt, sie sei von den Himmeln herabgestiegen, um
Yang Xi die Schriften zu übergeben (2).
In einigen Quellen erscheint sie nach der „Königinnenmutter
des Westens“, Xiwang Mu, bereits an zweiter Stelle weiblicher
himmlischer Rangordnung.
Ob von den Heiligen des Himmels überreicht, aus alten Vorgaben
zusammengestellt oder selbst verfasst, Wei Huacun ist die Person,
die für die Herausgabe des Huangtingjing und der in diesem Werk
beschriebenen Techniken verantwortlich ist.
So ist es klar, dass der General Qi Jiguang als Mann die wichtigsten
Kampfkunsttechniken seiner Zeit zusammengetragen und veröffentlicht
hat, und Wei Huacun als Frau in gleicher Weise die Schwerpunkte daoistischer
Energiearbeit und Lebensführung zusammenfasste.
Daher kann man sagen, dass das spätere Taijiquan sich in seiner
ursprünglichen Quelle auf die Arbeit eines Mannes über
die Kampfkunst und auf die Arbeit einer Frau über die innere
Energiearbeit stützt. Diese Arbeiten wurden von Chen Wangting
zu einem System zusammengefügt. Taijiquan war geboren. Schöpferisch
zu gleichen Teilen von Mann und Frau.
© Jan Silberstorff, 2006
(1)Virtual Images/Real Shadows: The Transposition of the Myths and
Cults of Lady Wei,
James Robson
(2)Yin Zhihua
Der Weg der Stehenden Säule
Stehen wie ein Baum, den Ball halten oder die Stehende Säule
sind Benennungen einer Übung aus dem System des Zhan Zhuang,
die schamanistischen und magischen Ursprungs zu sein scheint. Der
Ursprung dieser Qi Gong-Methode liegt weit zurück in der Geschichte
Chinas. Es gibt Hinweise auf diese Stehmeditation im Dao De Jing
(dem grundlegenden daoistischen Werk, welches Laozi (ca. 600 v. Chr.)
zugeschrieben wird). Laut Dao De Jing heisst es: „Alleine stehst
du, unwandelbar und nimmst alle Geheimnisse wahr, gegenwärtig
in jedem Augenblick und im unendlichen Fließen: Dies ist das
Tor zu unbeschreiblichen Wundern“, im Buch des Gelben Kaisers
(ca. 200-100 v. Chr.), dem Huangdineijing heisst es im Gespräch
des Kaisers mit seinem Leibarzt: „Ich habe gehört, dass
in alten Zeiten es geistige Wesen gegeben hat; sie standen zwischen
Himmel und Erde und verbanden das Universum; sie verstanden das Yin
+ Yang und lenkten die Prinzipien der Natur; sie atmeten den Stoff
des Lebens; sie versenkten sich bewegungslos in den Geist des Lebens
und Sehnen und Fleisch waren eins“.
Für viele innere Kampfkünste wurde Zhan Zhuang zur grundlegenden
Methode. Im Xing Yi Quan, welches in der Song Dynastie (1103-1142)
von dem General Yue Fei und Yue Wu entwickelt worden sein soll, ist
Zhan Zhuang eine Basis-Übung. Einer breiten Öffentlichkeit
bekannt wurde Zhan Zhuang im Peking der 40er Jahre durch Wang Xiangzhai,
der das Da Chen Quan bzw. Yi Quan begründete.
In der heutigen Zeit bildet Zhan Zhuang die Grundlage der Kampfkünste
Xing Yi Quan, Da Chen Quan bzw. Yi Quan und dem Taiji Quan.
Im System des Zhan Zhuang gibt es mehrere Standpositionen und Stile
mit unterschiedlicher Durchführung und Zielsetzung. Folgende
Standübungen (Zhan Zhuang Lei) werden heute noch praktiziert:
Zhan Zhuang Gong, San Yuan Shi Zhan Zhuang Gong, Wuji Shi Qi Gong,
Bai He Liang Chi Zhan Zhuang Fa, Tong Zhong Gong. Selbst in dem von
mir neben dem Chen Taiji Quan praktizierten Gong Fu-Stil, dem Taiji
Mei Hua Tang Lang Quan, findet sich in der Standübung der Gong
Jia Da Ba Shi das Prinzip des Zhan Zhuang.
Für die Taiji Quan-Praktiker ist die Stehübung das Werkzeug
schlechthin, um die Körperhaltung so zu strukturieren, dass
alle Gelenke geöffnet sind, die Organe gelöst sind und
die Lebensenergie Qi frei im Körper zirkulieren kann. Mit ihr
arbeiten wir unsere Körperstruktur und Energievernetzung heraus,
wobei das Untere Dantian (Xia Dantian) das elementare Zentrum ist
und alle Korrekturen auf das Xia Dantian ausgerichtet sind. Das Prinzip
der Stehenden Säule setzen wir in der Bewegungsform fort. Die
Taiji-Form ist die Stehende Säule in Bewegung.
| Oberes Dantian |
- |
Shang Dantian |
| Mittleres Dantian |
- |
Zhong Dantian |
| Unteres Dantian |
- |
Xia Dantian |
| Hinteres Dantian |
- |
Hou Dantian |
Bei modernen westlichen Menschen ist die Zentrierung
im Unterbauch nicht die Regel. Meistens haben wir eine Energiefülle
im oberen Körperbereich: Im Kopf als Erlebnisraum für Gedankenaktivität
und in der Brust als Erlebnisraum für emotionale Aktivität.
Gedanken und Emotionen spielen zudem Ping Pong miteinander, der Körperschwerpunkt
ist nach oben verlagert. Die Folgen der Energiefülle im oberen
Bereich sind u.a. Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen;
kurz - Stress im Kopf. Für den Brustbereich sind die Folgen
u.a. Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemdysregulation, unsere Gefühle
sind nicht zu bändigen, sie kontrollieren uns. Der grobstoffliche
und feinstoffliche Körper ist aus dem Gleichgewicht, hat seine
Mitte verloren.
5 Ebenen der Regulation
Mit dem Praktizieren der Stehübung durchlaufen unser Körper
und Atem, unser Geist und Bewusstsein sowie unsere Lebensenergie
eine tiefgreifende Regulation. Diese Regulation können wir in
allen Qi Gong Methoden und inneren Kampkünsten wiederfinden.
Die Stehübung vereinigt Körper und Geist und macht sie
zu einem ausgewogenen Kraftfeld. Zhan Zhuang vermehrt die „3
Schätze“ Jing, Qi und Shen (Essenz, Energie und Geist).
Energie, Blut, Sehnen und Knochen werden revitalisiert und das gesamte
Energiesystem reorganisiert.
Zudem stärkt die Stehübung den Körper, alle Lebensfunktionen
sowie innere (Nei Qi) und äussere (Wai Qi) Energie. Um Zhan
Zhuang zu meistern, durchlaufen wir unterschiedliche Entwicklungsphasen.
| 5 Regulationen (Wu Tiao) |
| Regulation des Körpers |
- |
Tiao Shen |
| Regulation der Atmung |
- |
Tiao Xi |
| Regulation des Geistes |
- |
Tiao Shen |
| Regulation des Bewusstseins + Vorstellung |
- |
Tiao Xin |
| Regulation des Qi |
- |
Tiao Qi |
3 Phasen der Durchführung
Die Zhan Zhuang-Übung sollte man in drei Phasen einteilen: eine
Vorbereitungsphase mit der Zielsetzung , oben und unten korrekt auszurichten,
so gut zu entspannen wie möglich, den Geist zu beruhigen und
die Energie im Unterbauch zu zentrieren. Bevor die Arme zur umarmenden
Position auf Brustkorbhöhe gebracht werden, spricht man von
Wuji Zhuang. In dieser Phase werden Entspannungsmethoden angewandt,
wie z.B. 9 Entspannungen auf körperlicher Ebene und 3 Entspannungen
auf geistiger Ebene, wobei Haut-Muskeln-Sehnen in 9 Regionen entspannt
werden und der Mittelkanal vom Damm bis zum Scheitel gelöst
bzw. geöffnet wird. Zweitens die Übungsphase mit der Zielsetzung,
Himmel und Erde zu verbinden und die zentrierte Energie frei fließen
zu lassen. Dazu zielen wir auf eine Haltungsstruktur, die dem Ausgleich
von Yin und Yang Rechnung trägt. In der Abschlussphase wird
die in Bewegung gebrachte und gestärkte Energie vor allem auch
die äußere Energie, welche sich außerhalb unserer
Arme gesammelt hat, zurück in den Unterbauch geführt.
Dafür gibt es unterschiedliche Abschlussübungen (Shou Gong).
In der Methode nach Großmeister Chen Xiaowang werden beide
Hände nach dem langsamen Absenken mit den Lao Gong Punkten in
linearer Verbindung auf das untere Dantian gelegt. Das Ritual des
Kreisens der drei Punkte, die zu einem verschmelzen, ist eine Möglichkeit,
mehr Energie in den Unterbauch zu führen.
Entwicklungsphasen
In der 1. Phase erarbeitet der Praktiker
seine äußere
Haltungsstruktur. Er steht entspannt, am Scheitel wie aufgehängt,
mit schulterweiten, parallel gestellten und tief verwurzelten Füßen,
in den Knien leicht gebeugt. Die Augen sind zu 2/3 geschlossen. Die
Wirbelsäule hängt im senkrechten Lot herab. Die Leisten
sind gebeugt, als wenn man sich setzen wolle. Die Arme sind zum Brustkorb
gehoben, als wenn ein großer Ball umarmt wird. Das Himmlische
Auge bzw. das Obere Dantian zwischen den Augenbrauen ist gelöst
und schaut ins Untere Dantian. Der Unterbauch ist das Zentrum. Der
Qi Gong Meister Li Zhichang sagt: „Auf 3 Säulen ruhen
wir, an 3 Fäden hängen wir, Dantian ist Mittelpunkt“.
Hier kann man z.B. zunächst die ganze rechte Körperseite
lösen und durchlässig machen, dann erarbeitet man so die
linke, vordere und hintere Körperseite, um schließlich
vom Scheitel bis zur Sohle den gesamten Körper zu lösen
und durchlässig zu machen. Es scheint, als setze man sich in
die gelöste Struktur.
Für viele ist diese Phase sehr schwierig und ohne Korrektur
durch einen erfahrenen Lehrer ist schon hier ein Weiterkommen sehr
unwahrscheinlich. Unser gesamter Halte- und Stützapparat hat
im Laufe unseres Lebens eine Haltungsstruktur entwickelt, die durch
uns bzw. unsere Angewohnheiten, Verletzungen, Psychotraumata, Charakterkonditionierungen
und Sozialisierungen geprägt ist. Der Geist ist sehr unruhig.
Durch Üben von Zhan Zhuang werden diese Muster gelöscht
und eine Struktur, die ein im Gleichgewichtsein zum Ziel hat, installiert.
Die Übenden durchlaufen einen ganzheitlichen Transformationsprozess,
der für viele bitter schmeckt. In den ersten Phasen wird auf
der Ebene von Knochen-Sehnen-Muskeln geübt. Das heißt:
Die Haltung und Ausrichtung des Skelettsystems wird verändert,
die Sehnen- und Muskelbelastungen werden eingeübt. Der Übende
ist damit beschäftigt, selbst seine Haltung und Spannungen zu
regulieren. Er fühlt, lauscht in seinen Körper hinein,
um Blockaden zu erkennen und zu lösen. Knochen, Muskeln und
Sehnen sind diese korrigierte Haltung aber nicht gewohnt. Oft kommt
das alte Haltungsmuster durch, Sehnen und Muskeln zittern, evtl.
schmerzen Knochen (z.B. Kniegelenke). Die Alltagshaltung des modernen
Menschen drückt u.a. kinetische bzw. Bewegungsenergie in den
oberen Körper. Stehen mit durchgedrückten Knien führt
zu schnellem Verschleiß von Knie- und Hüftgelenken sowie
zur Degeneration der Bein- und Hüftmuskeln. Durch eine solche
Stellung verspannt u.a. der untere Rücken. Eine Unterbauchentspannung
ist fast nicht möglich. Energie wird in Brust und Kopf gedrückt.
Die Folgen sind ein aus der Mitte, aus dem Gleichgewicht kommen mit
allen Konsequenzen für Körper, Geist und Seele.
Wird Zhan Zhuang regelmäßig geübt, legen sich viele
der Beschwerden beim Üben. Knochen, Muskeln und Sehnen haben
sich an die ungewohnt veränderte Belastung angepasst. Die konzentrierte
Aufmerksamkeit beim Ablauf der Übung hat dem Geist gezielte
Aufgaben gestellt und so etwas gebändigt. Die Konzentrationsfähigkeit
ist besser geworden. Man kann sich mehr anderen Aspekten des Zhan
Zhuang zuwenden. Kann man auf der Haut-Muskel-Sehnen-Ebene wirklich
entspannen und loslassen, stellt sich die Wahrnehmung des Energieflusses
ein, die Korrektur durch einen Lehrer immer vorausgesetzt. Es gilt
hier zu beachten, dass Vorstellung und Qi-Wahrnehmung getrennt bleiben!
Die Eigenwahrnehmung der Übenden ist anfänglich zu subjektiv,
um eine korrekte Haltungsposition einzunehmen und weiter zu erarbeiten.
Nur durch Korrektur und tägliches Üben bekomme ich ein
Gefühl dafür, in welche Richtung die Korrektur des Lehrers
geht, bzw. welches Prinzip hinter den Korrekturen steht.
In dieser ersten Phase werden in der Regel allgemeine Missempfindungen
sowie besondere Wahrnehmungen den Übenden widerfahren. Bis sich
Wohlbefinden und Entspannung einstellen, können u.a. Empfindungen
wie Erstarrung, Taubheit, Asymmetrie, Schmerzen, Wärme, Kühle,
Schwanken beim Stehen, auftreten.
Prof. Yu Yongnian, ein Schüler von Wang Xiangzhai, 1920 in Dalian
geboren, entwickelte die korrekte Anwendung des Zhan Zhuang bei verschiedenen
Erkrankungen in chinesischen Hospitälern. Dabei erstellte er
eine Liste, welche öfter auftretende Empfindungen und Wahrnehmungen
in den ersten Übungswochen tabellarisch wiedergibt.
Hat man gelernt, die in etwa richtige Position einzunehmen und eine
erste Umstrukturierung (Knochen-Muskeln-Sehnen) im wahrsten Sinne
durchgestanden, kann der Taiji-Praktiker die äußeren 3
Harmonien (Wai San He) richtig vertiefen.
| Wai San He |
| Jian Yu Kua He |
- |
Schultern und Hüften verbinden sich |
| Zhou Yu Xi He |
- |
Ellenbogen und Knie verbinden sich |
| Shou Yu Zu He |
- |
Hand- und Fußgelenke verbinden sich |
Am Ende der ersten Phase des Zhan Zhuang
sollte es gelingen, Yin und Yang in Bezug auf oben und unten des
Körpers auszugleichen,
um die sogenannte Doppelte Gewichtung zu beseitigen d.h. durch das
am Scheitel wie aufgehängt sein und nach unten lösen von
Haut, Muskeln und Sehnen sinkt „das Schwere nach unten, das
Leichte kann nach oben steigen“. Hierbei sollte die Aufmerksamkeit
beim Üben zu 80% beim „das Schwere nach unten sinken lassen“ und
zu 20% am Scheitel sein. Der menschliche Organismus bzw. sein Energiesystem
wird in dieser Phase noch nicht soviel steigende Energien ertragen,
zumal zunächst mit Absenken des Körperschwerpunktes ein
Fundament für weitere Energiearbeit geschaffen werden muss.
Dem Sinken des Yin widmet man zunächst 80%, dem Steigen des
Yang zunächst 20%. Das kommt dem modernen Menschen entgegen,
der in der Regel „oben voll und unten leer“ ist. Übende
mit niedrigem Blutdruck und Neigung zur Ohnmacht können mehr
auf den Yang-Aspekt achten.
Sind wir am Scheitel wie aufgehängt, nach unten entspannt/gelöst
und im Unterbauch gesammelt, können die meisten ca. 20-30 Minuten
stehen und fühlen sich relativ wohl. Sollten sich Schmerzen
im Halte-Stützapparat hartnäckig halten, und auch durch
die Korrekturen des Lehrers nicht verschwinden, macht es Sinn, einen
Osteopath oder Chiropraktiker aufzusuchen, um Fehlstellungen von
Becken, Hüfte, Wirbelsäule und Rippen zu korrigieren. In
der ersten Phase dieser Übung sollten wir eine hohe, leicht
gesetzte Position einnehmen und äußerlich nicht zu tief
stehen. Muskulatur und Energielevel sollten Zeit zur Anpassung haben,
damit kein Schaden entstehen kann.
Die 2. Phase unserer Entwicklung in der Stehenden Säule nutzen
wir, um die Entspannung zu vertiefen. Nach Haut, Muskeln und Sehnen
werden die inneren Organe gelöst, noch mehr schwerer Ballast
kann absinken. Beim Absinken der Energien fließen 80% ins untere
Dantian, 20% weiter durch die Beine bis zu den Füßen und
in die Erde. Obwohl die Beine fast zu platzen scheinen, rührt
dieser Effekt nicht ausschließlich von einer Energiefülle,
sondern auch von den „schwereren“ Substanzen wie z.B.
Blut, Lymphe, Gewebeflüssigkeit. Aber dies ist keine Einbahnstraße,
zur absinkenden Energie kommt eine, durch die richtige Erdung aufsteigende
Energie. Diese sollte zunächst zu 80% über das hintere
Dantian (Hou Dantian=Ming Men) in die Nieren und zu 20% zum Scheitel
fließen. Wie in Phase 1 kann man hier alle Körperseiten
einzeln, dann gesamt, lösen, um schließlich auch die Haut
zu lösen, als wenn man in alle Richtungen strahlt.
Die Betonung des Sammelns im unteren Dantian ist sinnvoll. Im Schmelztiegel
des unteren Dantians, besonders wenn es uns gelingt, das Feuer des
Herzens dorthin fließen zu lassen, werden alle negativen, verbrauchten
Energien gereinigt und umgewandelt. Und von diesem Energiezentrum
fließt die Energie wie durch „1000 Schläuche“ in
den gesamten Organismus und strahlt über die gelöste Haut.
Die Wahrnehmung des Fließens der Energie in der 1. Phase bekommt
hier eine neue Dimension. Der Weg dahin ist aber recht schwer, viele
scheitern in dieser Phase. Das Lösen der inneren Organe hat
tiefgreifende Konsequenzen. Altes Psychogepäck, Verdrängtes,
Unverarbeitetes löst sich aus unseren Tiefen. Kaum kann man
sich selbst Aushalten. Schnell greift man wieder nach bewährten “Festhaltemustern“.
Soll dies keine Grenze in der Vertiefung der Stehenden Säule
sein, können ein verständiger Lehrer, ein Gesprächstherapeut,
ein Osteopath oder Chiropraktiker helfen. Unsere Haltung ist Ausdruck
und Spiegel unseres Selbst. Durch die immer besser werdende Lösung
und Entspannung unseres Körpers sollte die innere Energie und
die Energieaura stärker geworden sein, der innere Energiezusammenschluss
und Fluss, die energetische Verbindung mit unten und oben, rechts
und links, vorn und hinten wird intensiver. D.h. wir können
die Verbindung mit „außen“ ausarbeiten.
Bezogen sich in der 1. Phase die Wahrnehmungen und Empfindungen vorwiegend
auf körperliche Symptome, können mit dem letzten Drittel
der 1. Phase immer mehr psycho-vegetative Dysbalancen bis zum Meistern
der 2. Phase in den Vordergrund treten. Hier sei wieder auf die Bedeutung
einer Betreuung durch einen erfahrenen Lehrer hingewiesen! In der
2. Phase müssen auch kleinste Ungenauigkeiten in der Spannungsbalance
von Muskeln, Sehnen, Knochen und Organe korrigiert werden. Man kommt
seinem eigentlichen Selbst immer näher. Zhan Zhuang bekommt
hier eine psychotherapeutische Wirkung. Für den Taiji-Praktizierenden
sollten hier auch die 3 inneren Zusammenflüsse bzw. die inneren
3 Harmonien (Nei San He) korrekt installiert sein.
| Nei San He |
| Xin Yu Yi He |
- |
Das Herz verbindet sich mit der Aufmerksamkeit |
| Qi Yu Li He |
- |
Die Energie verbindet sich mit der Kraft |
| Jin Yu Gu He |
- |
Die Sehnen verbinden sich mit den Knochen |
In der 2. Phase sollte der Zustand Ru
Jing (innere Ruhe) längere
Zeit gehalten werden können, selbst wenn Ablenkungen auftreten,
wie z.B. Telefonklingeln oder manchmal auch nur eine Mücke. „Wir
stehen gesunken, ruhig und zentriert, alles ist eins, da kommt ein
Tiger in den Raum“ sagt Großmeister Chen Xiaowang.
Jetzt sollte die Standposition tief entspannt mit geöffneten
Gelenken und Energieleitbahnen sowie mit aus dem Zentrum heraus frei
fließendem Qi über 30-40 Minuten gehalten werden können.
Oftmals werden in dieser Phase verschiedene Atemtechniken sowie unterschiedliche
Imaginationen durchgeführt, z.B. Energie aus Bäumen aufnehmen,
Gegenbauch-, Haut-, Knochenatmung. Jetzt sollte das Qi-Potenzial
durch regelmäßige Praxis erhöht sein. Hier beginnt
die eigentliche Transformationsphase.
Mit Beginn der 3. Phase ist der Übende in einem wirklich tranceähnlichen
Zustand, wo er alle aktiven Vorstellungen unterlässt. Das Alltagsbewusstsein
ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Seine beobachtende Funktion
ist vollends erloschen. Jedes bewusste Gefühl für sich
selbst, ja sogar für Zeit und Raum, verliert sich. In diesem
Zustand ist stundenlanges Stehen möglich. Die 3. Phase eröffnet
dem Praktizierenden die volle spirituelle Tiefe, fern ab von allem
Dogma und Methoden. Hier muss selbst die Methode, die uns bis hierhin
gebracht hat, wie ein Werkzeug nach getaner Arbeit aus der Hand gelegt
werden.
Mit einer spirituellen Ausrichtung dieser Übung kamen wir in
den ersten zwei Phasen durch unsere Erfahrung mit der Übung
zu einigen Erkenntnissen, jetzt in der 3. Phase können wir zur
Erleuchtung gelangen.
Mit der Zhan Zhuang-Übung steht uns eine Übung zur Verfügung,
welche seit tausenden von Jahren durch ihre umfassende, stärkende,
harmonisierende Wirkung von Meistern verschiedenster Systeme hoch
geschätzt wird. Die Stehende Säule ist u.a. wie eine energetische
Dusche mit stark reinigender und stärkender Wirkung. Hier gilt: „Wer
sich waschen will, muss sich auch nass machen“.
Die Wirkungen des Zhan Zhuang sind bei sachgerechter Anleitung durch
einen Lehrer und richtigem Üben in einigen Wochen bis Monaten
spürbar. Ist man bereit, die volle Tiefe dieser Übung auszuschöpfen,
ist es sicher ein bitterer, steiniger Weg, welcher jahrelanges Üben
erfordert, aber zum Verschmelzen mit dem Geist der Natur führt.
Die Übung der Stehenden Säule hat für jeden Anspruch
etwas zu bieten. Für den Chen Taiji-Praktizierenden ist sie
ein Werkzeug auf dem Weg zum Verständnis der Struktur in der
Bewegungsform. Dafür hat Großmeister Chen Xiaowang die
Inhalte dieser Übung ausschließlich auf das Taiji-Prinzip
und die dazu nötige Körperstruktur und der daraus resultierenden
Energiezentrierung und Vernetzung ausgearbeitet und in den 90er Jahren
des letzten Jahrhunderts in das Übungsprogramm der Chen Familien
aufgenommen.
Text: Gerhard Milbrat
Quellen-/Literaturempfehlung
Wong Kiew Kit/Die Kunst des Qi Gong
Lam Kam Chuen/Energie und Lebenskraft durch Qi Gong
Thomas Milanowski/Die magischen Körper-Geistübungen Chinas
und deren Verbindung zum Schamanismus
Thomas Heise/Qi Gong in der VR China (Entwicklung, Theorie, Praxis)
Mantak Chia/Eisenhemd Chi Kung
Hrsg. Martina Darga/Xingming Guizhi-Das alchemistische Buch vom inneren
Wesen und Lebensenergie
Ute Engelhart/Fu Qi Jing Yi Gung/Sima Chengzhen; Die klassische Tradition
der Qi Übungen
Chen Xiaowang/Chen Family Taijiquan of China
Chen Shi Taijiquan Jing Xuan/Feng Zhiqiang: “The Chen Style
Taijiquan Journal”, licensed by WCTAG
2010
2009
2008
2007
„TAIJI AUF DEM BERG RANDA"
- TRAINING IM KLOSTER AUF MALLORCA
Taiji können wir überall praktizieren: Auf
Parkplätzen, auf Flughäfen, in Fahrstühlen,
Wartezimmern und so weiter. Je weniger
wir dabei das Gefühl haben, eine
gesellschaftliche Norm zu überwinden,
umso entspannter üben wir. Wenn wir
aber die Wahl haben, bevorzugen wir
einen ruhigen Ort, beispielsweise in der
Natur. Ein Ort, der schon in früheren Jahrhunderten
Menschen angezogen hat, die
sich in auf einen inneren Weg begeben
hatten, ist der Berg Randa auf Mallorca.
Seit dem 13. Jahrhundert entstanden hier
ausschließlich Einsiedeleien, die später
zu drei Klöstern wurden. Für Praktiken,
die wie das Taijiquan stark daoistisch
geprägt sind, wird die Natur und genau
genommen der gesamte Kosmos einbezogen.
Was wir eher intuitiv und besonders
während des Übens an bestimmten
Orten in der Natur wahrnehmen, haben
Daoisten genau benannt. Es besteht ein
Zusammenhang zwischen ihrer inneren
energetischen Arbeit und Elementen in
der Natur. Wasser, Erde, Feuer, Holz und
Metall können den Elementen der Funktionskreise
entsprechend zugeordnet werden.
Auf dem Gipfel des Berges ist das Kloster
Santuario de Nuestra Senora de la Cura
angesiedelt, das einen Franziskanerorden
(der Ordensgründer Franz von Assisi
wurde 1980 zum Schutzpatron der Ökologie
erklärt) beherbergt. Von hier aus hat
man einen weiten Blick auf das offene
Meer, auf die Gebirge der Ostküste und
weit ins Innere der Insel. Die Gehölze aus
Steineichen, Aleppokiefern, Ginster, Pistazienbüschen
und die verschiedensten
anderen für die Balearen typischen Pflanzenarten
sorgen für den mediterranen
Duft in der meist milden Meeresbrise. In
dem Kloster findet man u.a. das Ramon
Llull- Museum. Der Theologe, Philosoph,
Logiker, altkatalanische Philologe und
Eremit Ramon Llull beschäftigte sich unter
anderem damit, zwischen den drei im
Mittelmeerraum zusammentreffenden religiösen
Richtungen Harmonie herzustellen.
In einer Erzählung lässt Ramon Llull
ein Gespräch zwischen einem Heiden, einem
Sarazenen, einem Juden und einem
Christen als gleichberechtigte Partner
stattfinden, das von gegenseitiger Akzeptanz
und Achtung geprägt ist. Der nach
Erkenntnis strebende Heide nimmt die
Rolle eines Schiedsrichters ein. Llull lässt
bei dem Gespräch niemanden als Sieger
hervorgehen. Der Heide ist am Ende des
Gespräches zu Gott bekehrt worden, offen
bleibt jedoch, welcher Religion er sich
anschließt. Eine daoistische Komponente
im Denken Ramon Llulls findet sich in der
Auffassung, dass gegensätzliche Meinungen
berechtigt nebeneinander existieren können, ohne dass dadurch eine übergeordneteWahrheit angetastet wird.
Zur Hervorbringung logischer Aussagen,
mit denen ein Gottesbeweis geführt werden
sollte, entwickelte Ramon Llull seine
Ars Magna, eine komplexe Kombinatorik,
der das binäre System (dieses finden wir
ebenfalls im I Ging) zugrunde liegt. Die
große Bedeutung dieses Systems, auf
dem die Funktionsweise unserer Computer
basiert, wurde 300 Jahre später
durch den Philosophen und Mathematiker
Gottfried Wilhelm Leibniz besonders
gewürdigt. Auch die Llull‘sche Kombinatorik
lässt sich in eine heutige Programmiersprache übersetzen, man erhält ein
funktionsfähiges Programm. Mit seiner
Ars Magna wollte Llull die christlich-theologischen
Dogmen logisch unterstützen
und über die Vernunft für alle Menschen
unabhängig von ihrer Religion vermittelbar
machen.
Ramon Llulls, der nie die Priesterweihe
erhielt und als berühmtester Einsiedler
von Randa gilt, „befindet“ sich zurzeit in
einem Prozess der Heiligsprechung.
Das Kloster St. Honorat liegt auf mittlerer
Berghöhe. Die Sandstein farbene Klosterkirche
ist (so wie in „Cura“) baulich mit
dem bewohnten Teil des Klosters verbunden.
Die Schönheit der Aussicht von
dieser kleineren, gediegenen Klosteranlage
aus steht der von „Cura“ um nichts
nach. Während „Cura“ Weitläufigkeit
und ein gewisses Maß an Öffentlichkeit
ausstrahlt (es gibt ein Restaurant und ein
Souvenirladen), ist St. Honorat ein stiller,
besinnlicher und geschlossener Ort mit
einer familiären Atmosphäre, der dem
Tourismus unzugänglich ist. St. Honorat
ist der Gründungsort des Ordens „Die
Missionare der beiden Herzen Jesu und
Maria“ und wird zurzeit von zwei katholischen
Mönchen und von Jan Silberstorff
bewohnt. Pater Juan und Pater Daniel
haben lange Zeit als Missionare in Latein
Amerika Entwicklungshilfe geleistet. Der über achtzig jährige Pater Juan fertigt
jetzt aus selbst angebauten pflanzlichen
Perlen (Tränen des Eremiten) Rosenkränze
und bewirtschaftet einen stattlichen
Kräuter- und Gemüsegarten. Als charismatischer
Geistlicher ist Pater Daniel in
der weiteren Umgebung bekannt und
geschätzt. Besucher sind zu den Messen
eingeladen und können die bewegenden
Predigten in familiärer Atmosphäre erleben.
Auf dem Gelände von St. Honorat wurde
2007 eine besondere Skulptur eingeweiht,
die alle auf Mallorca vertretenen
Religionen in kreisförmig angeordneten
Symbolen darstellt. Zur Einweihungsfeier
waren die Vertreter dieser Religionen
eingeladen, wobei Jan Silberstorff als
Vertreter des Daoismus gilt. Jan gehört
selber nicht dem Daoismus als Religionsgemeinschaft
an, verfügt aber über
entsprechend tiefe Einsichten in dieser
geistig-religiösen Richtung.
Seine umfassende Vorstellung von der Ökumene schöpft Pater Daniel nicht nur
aus seinen Erfahrungen als Missionar,
sondern auch aus der Bibel. Nachdem
der Turm zu Babel zerbrach, ließ Gott die
Menschen unterschiedliche Sprachen
sprechen, so dass sie einander nicht
mehr verstanden. Die Vielfalt der Kulturen,
auch die der Religionen, ist somit
von Gott gewollt. Aufgabe der Menschen
ist es, eine chauvinistische Verteidigung
des Eigenen und Einzigen auch in Bezug
auf die Religion zu überwinden. Lässt
man die weltlichen Verankerungen aller
großen Religionen weg und betrachtet
nur die Ergebnisse der kontemplativen
Praktiken und der Nächstenliebe, bleibt
wahrscheinlich eine einheitliche Essenz übrig.
Während des Taiji-Seminars bei Jan
Silberstorff wurden unter anderem die
verschiedenen philosophisch-religiösen
Wurzeln des Taijiquan thematisiert. Taijiquan
ist keine Religion. Es kann aber
einen religiös-spirituellen Weg unterstützen,
und ist in sich ein spiritueller Weg
unabhängig von religiöser Zugehörigkeit.
Möchte man sich auf Fortschritte beim
Taiji einlassen, kommt man an einer persönlichen
Entwicklung, sowohl im körperlichen
als auch im seelischen Bereich
nicht herum. Wer sich im Taijiquan oder
in der Meditation weiterentwickelt, verfeinert
seine Wahrnehmung und dringt
so ein, in die tieferen Ebenen des Seins.
Christina Klawitter
...ZU DEM SCHWEIGE-RETREAT-CAMP IN ST. HONORAT 2009
AUF DEM BERG RANDA
„Keine Handys, keine MP3-Player, keine
Bücher, Tagebücher oder Notizzettel“,
sagt Jan am ersten Abend. Auf das fünftägige
Schweigen habe ich mich eingestellt.
Doch der Gedanke, in den Abendstunden
auf Lektüre zu verzichten und
nichts schriftlich festhalten zu können,
löst Unbehagen in mir aus.
Mir wird jetzt bewusst, dass ich mich tatsächlich
in einem Kloster befinde – in St.
Honorat auf Mallorca – und am Beginn einer
inneren Reise mit unbekanntem Ziel
stehe. Im Vordergrund steht die unmittelbare
Erfahrung, die auch ohne Worte
auskommt – weder ausgesprochen, noch
gedacht – und gerade das macht ihre Direktheit
und Universalität aus. Die sich
seltsam dick anfühlende Oberlippe bei
der Korrektur in der stehenden Säule; die
silbergrün leuchtenden Olivenhaine vor
einem dunkelroten Hintergrund - ein Bild,
das sich nach einigen Tagen so in mich
eingebrannt hat, dass ich es auch mit
geschlossenen Augen vor mir sehe. Der
Einladung zur katholischen Messe nachzukommen
kostet mich Überwindung.
Als ich vor gut zehn Jahren das letzte
Mal dieser Zeremonie beigewohnt habe,
hat das meinen Entschluss bestärkt, aus
der Kirche auszutreten und mit dem konventionellen
Gottesbild zu brechen. Doch
vom ersten Kreuzzeichen an merke ich,
wie sich meine Vorurteile auflösen. Ich
verstehe Pater Daniels Worte nicht, doch
seine Stimme klingt so wahrhaftig und
berührt mich tief. Ich schaue auf seine
behutsamen Bewegungen. Jede scheint
wie ein kleines Gebet. Immer wieder fügen
sich Schweigeminuten in die kurze
Zeremonie ein, und die Stille vibriert von
Fülle. Mein Herz fängt zu rasen an und
gleichzeitig breitet sich Ruhe in mir aus,
gepaart mit dem Gefühl von Geborgenheit.
Tränen sammeln sich in meinen Augen.
Dao, Gott, Zen – De, Liebe, Verbundenheit,
Mitgefühl... Begriffe, die in unseren
Köpfen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen
belegt sind. Wie oft erschwert
dies die Kommunikation, weil wir aneinander
vorbeireden, ja oft über etwas nur
reden, ohne es erfahren zu haben? Aber
wie komme ich zu einer Erfahrung? „Im
Kleinen, im Sanften, und auch im Dazwischen
suchen“ lautet der Hinweis.
In der letzten Nacht sitze ich in eine Decke
eingewickelt auf der Mauer und schaue
in den mondbeleuchteten Himmel. Plötzlich
frischt der Wind auf und trägt Nebelschwaden
vom Meer herauf. Zischend
ziehen die weißen Schleier zwischen den
Baumästen durch, verdecken den Mond
und hüllen auch mich ein. Meine Augen
sind wie Fenster, meine Ohren wie Antennen,
und ich erahne den allumfassenden
Raum.
Während des Rückwegs sehe ich eine
Sternschuppe fallen. Ich wünsche mir -
nichts.
Andrea Brkic
...UND DIREKT AUS DER PRAXIS...
WÄHREND DES „10 PERSONEN-EXKLUSIV-CAMPS“ IN ST. HONORAT 2009
Meditation: Wir meditierten zweimal täglich.
Diese Praxis unterstützte Jan mit
Vorträgen und Diskussionen zu spirituellen
Themen und natürlich half auch der
Aufenthalt im Kloster. In der Gesamtkonstellation
konnte ich in dem Camp eine
tiefere Ruhe erfahren, als je zuvor – haste
ich doch sonst leider eher wie ein aufgeregtes
Frettchen durchs Leben. Die einschneidenste
Erfahrung machte ich bei
einer Meditationssitzung, in der Jan uns
angewiesen hatte, zunächst unsere volle Aufmerksamkeit auf Dantian zu lenken (2.
Stufe der Sitzmeditation). Während wir
so saßen, sollten wir auf sein Signal hin,
ein Klatschen in die Hände, die Aufmerksamkeit
von Dantian loslassen. Im Optimalfall
sollte in der 2. Stufe nur ein Gedanke,
d.h. der Fokus auf Dantian, existieren.
Lassen wir diesen Gedanken los,
so sollten wir theoretisch gedankenfrei
sein, d.h. können eine sog. „beginnende“
Leerheitserfahrung machen (3. Stufe). Bei
der Ausführung der Übung riss mich das
Klatschen für eine Schrecksekunde aus
der Konzentration auf Dantian heraus. Im
gleichen Moment hatte ich das Gefühl,
dass die Welt in sich zusammenstürzt.
Das ganze dauerte eine Millisekunde und
wurde durch meine Verwunderung darüber,
was gerade geschah, beendet. Jan
meinte später, dass ich versuchen solle
diesen Zustand, dieses Gefühl, zu halten.
So würde man zunächst „aktiv“ einen gedankenfreien
Raum aufrechterhalten, um
in einem zweiten Schritt die Wände dieses
Raums aufheben, bzw. loslassen zu
können, ohne dass dieser Zustand verloren
ginge. Von hier aus könne sich dann
eine nächstfolgend tiefere Leerheitserfahrung
einstellen.
Leider ist es mir bisher
noch nicht gelungen, den Zustand der
Gedankenfreiheit längere Zeit aufrecht zu
halten.
Das braucht dann halt noch Zeit.
Bei den ersten Meditationsversuchen vor
fünf Jahren fiel mir der Blick nach Innen
extrem schwer und eine ganze Zeit lang
konnte ich gar nicht mehr meditieren.
Aber nun zieht es mich zur Stille. Das
Gefühl, dass dort - hinter den Gedanken
- ein Ort wahrhaftigen inneren Friedens
und ungetrübter Liebe auf mich wartet,
lässt mich nicht mehr los. Hätte mir noch
vor einigen Jahren jemand gesagt, dass
die „Erlösung“ in der Befreiung von den
eigenen Gedanken liegt, so hätte ich ihn
vor dem Hintergrund unserer materialistischen
Gesellschaft für verrückt erklärt.
Jetzt, wo ich versuche meinen Geist möglichst
oft zu beobachten und immer wieder
erleben muss, wie mein Ego meinen
Körper und meine Mitmenschen z.B. mit Ärger, Neid und Zorn malträtiert oder mir
nachts den Schlaf raubt, da finde ich es
sogar logisch: Wie friedvollmüsste das
Leben doch sein, wenn man diesem aufgeblasenen
Quälgeist einfach bei Bedarf
den Stecker ziehen könnte.
Wenn in der
Meditation die Wahrnehmung des Körpers
und der Gedanken wegfallen können
und dahinter ein Bewusstsein zutage
tritt, das sich unbeschreiblich viel größer
und schöner anfühlt, dann sind wohl Körper
und Gedanken wichtige Teile von mir,
aber die Essenz liegt dahinter.
Beten: Auch wenn ich der katholischen
Kirche in vielen Punkten mit Vorbehalten
gegenüber stehe, so habe ich auf St. Honorat
doch mit tiefer Freude an den Messen
und auch am Abendmahl teilgenommen,
welche dort Freiwilligen angeboten wird. Dort habe ich eine ganz andere, eine
offene, liebevolle und einnehmende Kirche
erlebt und bin sehr dankbar für diese
Erfahrung. Auch durch eine unserer Diskussionsrunden
zum Thema Religion bin
ich dahin gekommen, dass ich jetzt wieder
beten kann. Jetzt kann ich wieder sagen, “lieber Gott“ oder „Vater“, ohne mir
selber blöde dabei vorzukommen, ohne
mir einen alten Mann mit Bart vorzustellen,
oder an eine manipulierende Kirche
zu denken. Noch besser, ich kann die zu
meiner Kultur und Sozialisation gehörende
Religiosität sinnvoll nutzen. So bete
ich nun voller Inbrunst das Vater Unser.
Manchmal beschränke ich mich auch auf
einzelne Zeilen, zwei davon besonders
häufig. „Dein Wille geschehe“. Jan meinte
dazu plakativ: „Gott ist in Allem, auch
in uns. Wenn wir gehen, dann bleibt da
nur noch Gott.“ Wir nähern uns also dem
göttlichen Prinzip, indem wir zunächst
unser Ego und im Weiteren tiefer liegende
Instanzen unseres Geistes loslassen.
So öffnen wir uns dem heiligen Geist
und unser Leben kann im Gleichgewicht
und Einklang mit der Welt verlaufen. Ich
selber bete diese Zeile z.B., wenn ich
mich sorge oder ein Entscheidungsproblem
habe. Das Gebet hilft mir dann, abzuwarten
und zu akzeptieren, was kommt.
Es hilft mir, den Knoten zu lösen und ich
kann mein Herz fragen, was zu tun ist.
Die andere Zeile ist: „Wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern“. Gott hat uns
schon lange vergeben, aber wir müssen
unseren Mitmenschen vergeben lernen,
um uns selber vergeben zu können. Das
Gebet kommt bei mir praktisch ständig
im Straßenverkehr zum Einsatz, wenn in
mir der Ärger aufflammt, weil mal wieder „so ein blöder Hund ...“. Auf einmal
denke ich dann, vielleicht fährt der/die
ja so, weil es ihm/ihr nicht gut geht und
Aggression und Selbstgefälligkeit lösen
sich in Mitgefühl auf.
Vielleicht genießt
der andere ja auch einfach nur die schöne
Landschaft. Das sollte ich vielleicht
auch lieber tun, anstatt mich aufzuregen?
Insgesamt sehe ich nun auch die Kirche
als Institution mit anderen Augen. Neben
den Dingen, die man sicherlich kritisieren
kann, finde ich in der Kirche auch viele
Menschen, die ernsthaft auf der Suche
sind und sich wahrhaftig bemühen. Viele
gute Hilfsprojekte entstehen durch die
Kirche und sie unterhält auch die Gebetshäuser
in unseren Städten, die wichtige
Rückzugsorte sind. Durch die Meditation
habe ich allerdings auch erfahren: Der
wichtigste Rückzugsort - das wichtigste
Gebetshaus - für unseren Geist ist unser
Körper und unser Herz ist der Altar von
dem aus wir uns Gott zuwenden.
Das Ego: Es hat keinen Zweck das Denken
oder das Ego zu verteufeln. Das Denkvermögen
ist ein wunderbares Werkzeug,
das Erstaunliches und Schönes leisten
kann. Ferner sind die Gedanken, die das
Ego ablehnen offensichtlich auch bewertend
und dualistisch. Anders gesagt,
handelt es sich dabei also lediglich um
einen neuen Teil des Egos, der sich selber„chic“ findet und auf den alten Teil
des Egos geringschätzig herabschaut. Es
hat also keinen Zweck, sich nun voll auf
den neuen Teil zu versteifen. Vielmehr
geht es darum zu lernen, das Ego für sich
zu nutzen, ohne sich von ihm einnehmen
zu lassen. Vor diesem Hintergrund verstehe
ich nun die Aufforderung in der Bibel
zu wahrer Nächstenliebe und selbstloser
Hilfe. Um z.B. jemandem helfen zu
können, muss ich mich in die Lage des
Gegenübers versetzen und die Situation
analysieren. Manchmal brauche ich
auch Durchhaltevermögen bis meine
Hilfe Wirkung zeigt. Ich kann also in der
selbstlosen Hilfe üben, zu Handeln ohne
dabei vom Ego beherrscht zu werden
- denn für das Ego sollte dabei Nichts
herausspringen.
Natürlich muss man
immer auf der Hut sein, dass sich nicht
doch noch „niedere Beweggründe“ mit
einschleichen, dass ich mich z.B. nicht
doch auch ein bisschen hervortun will.
Da muss man sehr genau schauen und
schnell loslassen. Die Taijipraxis hilft mir
auf ähnlicheWeise: Struktur, Entspannen
und aus dem Zentrum agieren sind hier
wesentliche Aspekte. Wir geben unserem
Geist durch das Taiji-Training eine Struktur,
die ein „entspanntes Konzentrations vermögen“ schult. Wir erkennen eine„neutrale“ Instanz in uns, die ständig unsere
Abweichungen von der „richtigen“
Bewegung erkennt und korrigieren kann.
Das unerschöpfliche Bewusstsein hinter
den Gedanken wird die Quelle meines
Geistes.
Im Moment treiben mich persönlich natürlich
auch noch „niederere Beweggründe“
zum Training an. Ich bin beeindruckt,
wenn der Lehrer mich mühelos
wegschiebt, sich geschmeidig bewegt,
immer ausgeglichen ist und nie krank zu
werden scheint. Dann denk ich mir: „Toll,
das will ich auch können!“ Da spricht natürlich
das Ego. Solange ich auf dem Level
aber nicht stehen bleibe und die Motivation
immer mehr aus mir selber heraus,
z.B. aus der Sehnsucht nach wahrer
innerer und äußerer Balance erwächst,
soll es mir nur recht sein, dass das Ego
sich für eine Sache begeistern lässt, die
irgendwann hoffentlich zum Ende seiner
Herrschaft führt.
Von Herzen danke ich Meister Jan Silberstorff,
meinem Lehrer Frank Marquardt
und natürlich Großmeister Chen Xiaowang
für ihre stete Unterstützung und die
unterschiedlichen Lektionen, die jeder zu
meinem Weg beigesteuert hat. Insbesondere
möchte ich an dieser Stelle Jan für
seinen Einsatz für die Beschäftigung mit
dem Geist, der Spiritualität und Religion
danken.
Robert Grosch
TRAINING IM TEMPELPARK
Sanfter Wind rauscht durch den Park. Ich
stehe entspannt, am Scheitel wie aufgehängt,
mein Körper und Geist werden
eins. Die Stille durchdringt mich. Tief und
gleichmäßig fließt mein Atem, ich höre
mein Herz schlagen, fühle ein Kribbeln in
den Fingern; ich horche in mich hinein und
nehme meinen Körper auf eine besondere
Art und Weise wahr. In diesem Augenblick
weiß ich – jetzt bin ich bereit. Ich bleibe
in meiner Konzentration und hebe langsam
die Arme… ich laufe die Taiji Form.
Ich bin in einer schönen Umgebung, mitten
in Hamburg; unter Freunden… imWohlerspark.
Inzwischen komme ich täglich her,
trainiere beständig mehrere Stunden das
Taijiquan. Vormittags übe ich für mich alleine
und nehme im Anschluss an einer offiziellen
Unterrichtseinheit mit Frank Marquart
teil.
Frank hat das offizielle Parktraining Anfang
des Jahres von Jan Silberstorff übernommen.
Die Sorge, ob das Parktraining auch
ohne Jan weiterhin so bestehen kann, war
bei mir als auch bei den anderen Parkmitgliedern
groß. Aber Frank ist eine wertvolle
Bereicherung für uns! Frank hat das
Training soweit ergänzt, dass es, auf das
Jahr bezogen, festgelegte Schwerpunkte
und Themengebiete vorgibt. Beispielsweise
haben wir uns die letzten zwei Monate
intensiv mit der Speerform auseinandergesetzt.
Diesen Monat beschäftigen wir uns
schwerpunktmäßig mit den 5 Partnerroutinen
und Anwendungen aus der Form.
Und
im nächsten Monat freue ich mich schon
auf die Doppelsäbelform. Trotz dieser Kerninhalte
gibt es noch ausreichend Zeit für
spezielle Fragestellungen oder Korrekturen.
Es ist ein gemeinsamer Unterricht, den
Frank so persönlich wie möglich gestaltet.
Dazu kann Frank sehr gut motivieren und
lehren. Seine hohe Sachkompetenz sorgt
für ein ausgesprochen harmonisches Training.
Auch Jan schaut immer wieder vorbei,
wenn er gerade wieder in Hamburg ist.
Dann ist die Freude immer sehr groß. Oft
setzen wir uns dann zusammen und folgen
neugierig seinen Ausführungen über Taiji
und Spiritualität.
Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen
habe ich keinen Zweifel daran, dass das
Taijiquan eine große Kampfkunst und eine
wertvolle Lebensbereicherung ist. Schließlich
fing ich durch die Begegnung mit Taijiquan
an, auch die gelernten Formen und
Techniken aus dem äußeren Kung Fu besser
zu verstehen. Richtig angewendet steigert
das Taiji zudem ein körperliches und
geistiges Wohlbefinden. Gerade an Tagen,
wo ich mich ausschließlich dem Taiji Training
widmen kann, komme ich innerlich
unheimlich ausgewogen nach Hause. Ich
bin dann sehr entspannt und sehr zufrieden
mit mir selbst. Für mich entpuppte sich
das Taijiquan als ein fehlender Teil eines erstaunlich
machtvollen und effektiven Puzzles,
nach dem ich sehr lange Zeit gesucht
habe. Aber eigentlich habe ich das Gefühl,
dass dieses fehlende Puzzleteil schon immer
in mir steckte und nur geweckt werden
musste. Und jetzt ist dieses schöne Gefühl
da und ich komme davon nicht mehr los...
Marius Leszkiewicz
TAIJIQUAN - „ANWENDUNGEN“ IM ALLTAG
Hamburg Altona, Samstag, früher Nachmittag,
Sonne, tierisch viele Menschen auf den
Gehwegen. Geschäftigkeit, Unachtsamkeit,
Aggressivität, all das mischt sich an einem
solchen Tag. Und in diesem Getummel ist
es dann passiert…
Aber von vorne.
Ich war mit meiner Frau und ihrer Mutter
unterwegs in Altona. Wir bummelten ein
wenig an Schaufenstern vorbei und wollten
danach Essen gehen. An einem dieser
Auslagenpräsentationen blieben die
beiden, natürlich unentwegt redend, stehen
und schauten und redeten und schauten…
Man(n) ist dann schnell mal außen
vor. Ich dachte mir so, wenn ich jetzt einfach
langsam aber bestimmt weitergehe,
dann kommen die beiden schon hinterher.
Klappt sehr häufig. Diesen Plan in die Tat
umsetzend, drehte ich mich also in Richtung
des fließenden Gehwegverkehrs. Und
dazu muss man wissen, dass ich 1,98 m
groß und dementsprechend einigermaßen
schwer bin. In eben dieser nach vorne gerichteten
Bewegung, läuft mir von rechts
hinter mir kommend, eine kleine Frau, so
um die 45 Jahre, genau in meinen Weg.
Und nicht nur das. Sie war so nah dran,
dass ich automatisch schon in ihrem Zentrum
stand. Im Grunde eine Situation wie
beim Push Hands, wo der Gegenüber sein
Zentrum schon verloren hat und man „nur
noch“ den letzten Impuls zum freien Fall
des Gegners gibt. Wenn ich das getan hätte,
weil man ja vielleicht eine automatische,
womöglich einstudierte Reaktion vermuten
könnte, wäre diese zierliche Person mit Sicherheit
im Rinnstein gelandet. Passiert ist
aber was ganz anderes. Ich merkte dass,
jemand mein Zentrum okkupieren wollte.
Habe diesen „Angriff“ aber nicht als bösartig
sondern als Versehen gewertet und eben
diesen letzten Impuls nicht gegeben. Sondern
ihn kontrolliert zurückgehalten. Und
zwar deshalb, weil ich sofort merkte, dass
diese kleine Frau sich nicht mehr alleine
auf den Beinen gehalten hätte.
Ich hätte sie
früher, und dessen bin ich mir sehr sicher,
einfach umgerannt. Zumal mit meinem
Gewicht. Sie hätte keine Chance gehabt.
Ich allerdings auch nicht. Denn vermutlich
hätte ich nicht schnell genug, geschweige
denn kontrolliert handeln können.
So habe ich sie also an den Schultern festgehalten!
Ich habe sie wieder „hingestellt“,
vermutlich noch bevor sie gemerkt hat,
dass sie gleich stürzen würde. Ich habe
natürlich sofort wieder losgelassen, mich
deutlich entschuldigt und sie quasi „laufen
lassen“. Sie hat sich nicht mal umgesehen
und ist, irgendetwas essend in geduckter
Haltung weitergelaufen.
Das ist `ne lange Geschichte für etwas, das
vielleicht 1 Sekunde gedauert hat.
Auffällig war, dass ich alle Zeit derWelt hatte
um die „richtige“ Aktion durchzuführen.
Das war derart beeindruckend für mich,
dass ich meinen beiden Begleiterinnen das
ganze Essen über vom Taiji vorschwärmen
musste.
Nun ist dieses „entsprechend richtige
Handeln“ etwas, das ich schon öfter von
den Profi-Taijilern gehört habe. Vorstellen
konnte ich mir das nie so richtig. Und ich
dachte mir auch, dass ich mit meinem geringen
Trainingspensum niemals auch nur
heranreichen könnte an solche Taten. Aber
ich muss feststellen, dass sich, selbst bei
geringerem aber aufmerksamen Aufwand,
eine Struktur und Geschlossenheit einstellen
kann, die automatisch abrufbar zu sein
scheint.
Toll!
Deswegen bin ich kein Kampfkünstler, aber
ich verstehe das Prinzip, welches hinter
dem Ganzen steckt, ein bisschen mehr.
Raimund Burke
ERFAHRUNGSBERICHT ZUR 2. STUFE
DER SITZMEDITATION
(KONZENTRATION AUF DANTIAN)
100 Tage täglich 22-23 Uhr, 22.4.-29.7.2009, Sitzposition: Auf einem Stuhl
Von Kursleiter Andreas Laske-Schmidt, Berlin
Energie:
1. Tag: Dantian ist deutlich spürbar. Auch
wenn die Gedanken zwischendurch noch
kurzzeitig abschweifen, bleibt eine „2. Aufmerksamkeit“
immer auf Dantian. Selbst
nachts im Traum und im Halbschlaf ist es zu
merken. Ein intensives Hitzegefühl breitet
sich vom Dantian im ganzen Körper aus.
Das Dantian ist als Energiespeicher zu spüren.
Später ist die Intensität sehr wechselhaft.
Ein Hitzegefühl ist jedoch meist zu
spüren. Auch komme ich häufig bei der
Meditation ins schwitzen (obwohl ich ja still
sitze, und das spät abends).
Alltag:
Auch außerhalb der Meditationszeiten ist
mir viel schneller heiß. Es verlangt mich
deshalb auch mehr nach kaltem Wasser
(Dusche...), was sonst nicht so mein Fall
ist. Auch mein Biorhythmus / meine innere
Uhr tickt etwas anders: Ich wache früher
auf als sonst und fühle mich dann frischer
als sonst (ich bin eigentlich ein ausgeprägter
Morgenmuffel). Ich beobachte einen Zusammenhang
der Meditationsintensität zu
meiner Konzentrationsfähigkeit, und damit
zu meiner Alltagsbelastung. Während dieser
100 Tage habe ich 5 Wochen Urlaub, 2
davon verreise ich an den Bodensee (hier
meditiere ich draußen in der Natur). Im Urlaub
geht die Konzentration natürlich besser.
Psyche:
Wieder intensive Träume. Vor allem im ersten
Monat. Die gesteigerte sexuelle Erregung
ist, wie Du (Jan, Anm.d.Red.) schon
vorher angedeutet hast, in der 2. Phase
wieder abgeebbt. Insgesamt bin ich sehr
an die Grenzen meiner Konzentrationsfähigkeit
gekommen. Es mogeln sich immer
wieder Alltagsgedanken dazwischen. Dabei
hat der Tag ja noch genug weitere Stunden
dafür. Es ist eher so, als wenn etwas in mir
einfach nicht „die Klappe halten“ kann. Als
wäre innere Stille etwas Schlimmes. Dabei
sehne ich mich doch danach. Das „Ego“
zappelt, um stets die Nummer eins zu bleiben.
Ganz schön lästig und hartnäckig.
Dem Ego fällt zudem immer etwas ein, warum
ich gerade heute eigentlich gar nicht
oder kürzer meditieren sollte. (Habe aber
trotzdem täglich gesessen.) Ich habe das
Gefühl, da gibt es noch viel zu entdecken.
Diese Meditation werde ich sicher auch
später immer wieder mal nutzen. Mein
Werteempfinden verändert sich: Äußere
Ziele („Ruhm“, Graduierungen / Prüfungen,
berufliche Titel / Fortbildungen, Besitz, Klischees
...) verlieren an Bedeutung. „Innere
Werte“ wie innere Ruhe, Gesundheit (zur
Abwechslung auch mal die eigene (Andreas
ist Heilpraktiker, Anm.d.Red.), ich gönne
mir z.B. mal selbst ein paar Massagen...).
Meine inneren Herzensbedürfnisse nach
Liebe werden spührbarer, .. in der Routine
einer langjährigen Ehe mit Streit, Frust und
Alltag verdrängt man so manches. Dafür
erscheinen sexuelle Phantasien eher als
hohl und unwichtiger.
Formentraining:
Das Fajing ändert sich: Bisher hatte ich eine
Empfindung eines Peitschenschlageffektes,
ausgehend von Bewegungen des Beckens
und der Beine in die Arme schwingend.
Jetzt fühlt es sich mehr wie eine Energieexplosion
in Dantian an, die in der ausgerichteten
Struktur von Becken, LWS und Beinen
nur einen Rückhalt findet. Der Schlüssel zu
kraftvollem Fajing scheint also nicht das
direkte Üben eines möglichst schnellen„Kraftaktes“ sondern im Gegenteil die meditative
Sammlung zu sein. Yin und Yang.
Der kürzeste Weg ist der Umweg.
Tuishou:
Beim Tuishou wirkt sich die andere Art des
Fajing sehr positiv aus. Es ist wie eine stets
geladene „Geheimwaffe“, die dann bei Bedarf
plötzlich „abgefeuert“ werden kann.
Oben genannte Effekte beim Fajing sind leider
noch sehr „wackelig“ und noch lange
nicht jederzeit abrufbar. Aber es ergibt sich
zumindest eine neue Zielvorstellung. Wie
nach einer harten Korrektur. Die Sitzmeditation
ist schon eine extrem spannende
Angelegenheit. Meines Erachtens einer der
wichtigsten Bereiche des Taijiquan überhaupt.
Allerdings hat sich mein persönlicher
Fokus in den 30 Jahren Kampfkunsttraining
auch verändert. Während mir früher
die Selbstverteidigung besonders wichtig
war, ist es heute der geistige / meditative
Aspekt. Hat halt alles seine Zeit. Schön das
unser Taiji so vielseitig ist.
NICHTS, WAS MAN SELBST PHANTASIERE,
SEI SO ABSURD, DASS ES NICHT IRGENDWO
AUF DER WELT VORKOMMEN KÖNNE!1
Man stelle sich ein schlankes, blondes, blauäugiges
Mädchen ungefähr ein Meter achtundsiebzig
groß vor – Alter: 15 Jahre!
Mit Tränen in den Augen wird sie von einer
ihr sehr vertrauten, männlichen, etwas kräftigeren
Person mit sehr auffallenden Haaren
noch einmal in den Arm genommen, um
diese dann zu all den anderen Deutschen in
einen großen Bus steigen zu sehen – welcher
dann mit den fleißigen Winkern durch
das Tor und um die Ecke verschwindet: Der
neue Lebensabschnitt hat endgültig begonnen!
Das Mädchen befindet sich vor dem großen,
roten Eingangstor der Chenjiagou Taijiquan
Xuexiao2, ihrer neuen Heimat. Im Tor stehen
viele schwarzhaarige Menschen, die dieses
bewachen und mit staunenden Blicken
das zurückgebliebene Mädchen betrachten.
Wie sich herausstellt unter ihnen auch ihre
zukünftige „Mutter“. Nach einer kurzen Einweisung
auf gerade eben verständlichem
Englisch wird das Mädchen erst einmal ihrem
neuen Kumpel überlassen, einem netten
männlichen Typen aus Hamburg, der
zwar nicht mehr in ihrer Schule, aber im selben
Dorf wohnt, und der die Lage im Griff zu
haben scheint; schon Minuten später kann
das Mädchen wieder lachen.
Der Wecker klingelt um 06.15 Uhr, um dich
dann in 10 Minuten fertig zu machen, damit
du pünktlich um 06.30 Uhr zum Joggen und
Training parat stehst. Wenn du dir nicht gerade
Waschen, Saubermachen, Aufräumen
oder wichtige-Gedanken-aufschreiben zur
Aufgabe gemacht hast, trainierst du noch weiter, bis dich der Hunger zum Frühstück
drängt. Falls sie nicht gerade verschlafen
haben, triffst du dort neben deiner Familie
dann auch auf die anderen Ausländer und
kannst dein Englisch und dein Allgemeinwissen
etwas erweitern. Mit dem Klingeln
der unüberhörbaren Schul-„Glocke“ machst
du dich dann auf denWeg nach oben in dein„Luxuszimmer“, um deine Schulsachen zu
holen. Mit etwas sehnsüchtigem Blick gehst
du an den Schülern, die nicht in die Schule
müssen, und den ganzen Morgen trainieren,
vorbei zur anderen Seite des riesen Innenhofes– meist nicht ohne von mindestens einem
in irgendeiner Weise begrüßt und zum
Grinsen gebracht zu werden. Wenn du früh
genug losgegangen bist, tauchst du dann
kurz vor dem Klingeln zum Unterrichtsbeginn
im Lehrerzimmer der Frauen, einem
länglichen Raum mit einem Vier-Personen-
Tisch (natürlich wie immer ohne Heizmöglichkeiten)
auf. Es liegen in der Regel 4 Stunden
Chinesisch-Einzelunterricht vor dir.
Voll gefüllten Kopfes begibst du dich danach
in Richtung Mittagessen. Nach einer
Laojia zusammen mit deiner neuen Schülerin
ruhst du dich in der Mittagspause bis
um 14.30 Uhr meist im Bett aus, um dann
mehr oder weniger pünktlich zum Nachmittags-
Training zu erscheinen. Wenn du
Glück und Kraft hast, bekommst du Unterricht,
sonst trainierst du meist für dich, oder
mit ein paar wenigen anderen zusammen.
Wirst du nicht gerade durch das Quatschen
mit deinen Freunden abgehalten, trainierst
du in der Regel ziemlich viel und hart, denn
schon nach den ersten Tagen hast du gemerkt,
dass das Training neben dauerhaften
Knie- und Beinschmerzen auch viel anderes
bewirkt, du neue Erfahrungen machst, und
einzig und allein das Training (natürlich neben
einem guten Lehrer) der Schlüssel zum
Erfolg ist – ein endloser Prozess ist in Gang
gesetzt, du wirst regelrecht süchtig nach
mehr und mehr Training!
Gut durchgeschwitzt begibst du dich gegen
18 Uhr zum Abendessen, um danach nicht
selten wieder den Trainingsplatz aufzusuchen– denn du weißt nicht, ob du das allgemeine
Training von 19.30 Uhr – 20.00 Uhr
mit trainieren oder mit Quatschen, Chinesischüben und Englisch Beibringen zusammen
mit deinen neuen Freunden verbringen
wirst. Wenn es dir das Feeling der Dunkelheit
erlaubt, trainierst du anschließend noch
ein, zwei Laojia, um den Tag dann mit einem
halbwarmen Rinnsal, auch genannt Dusche,
neben dem Straßen- und Restaurantlärm
vorm Fenster „in Ruhe“ ausklingen zu lassen.
Man stelle sich einen großen Trainingsplatz
mit vielen trainierenden Menschen chinesischer
Herkunft vor. Mitten unter ihnen Eine,
deren Haare von der Sonne beschienen wie
Gold in alle Richtungen strahlen – Achtung,
Achtung, eine Westlerin!
Übersetzt aus dem Englischen und Chinesischen:
„Hallo?“ Hallo. „Schön dich zu treffen. Woher
kommst du?“ Aus Deutschland. „Aus
Deutschland, das ist aber sehr weit weg!“
Ja, geht. „Wie lange bist du schon hier?“
Zwei Monate. „So lange?“ Ich werde hier für
ein Jahr bleiben. „Oh!“ „Du machst sehr gut
Taiji, hast du in Deutschland schon Unterricht
gehabt?“ Ja, ungefähr 8 Jahre. „Oh!“
„Du bist sehr hübsch!“ Danke. „Was studierst
du?“ Ich gehe noch zur Schule. „Du
gehst zur Schule?“ Jap. „Wie alt bist du?“
15. „15?“ Ja, richtig verstanden. „Du bist
groß und jung! Mit wem bist du hier?“ Ich
bin alleine hier. „Das ist aber sehr mutig!“
Geht. „Auf Wiedersehen.“ Tschüß.
Das Mädchen zieht hinter dem Rücken der
Fremden die Freunde anschauend grinsend
eine Grimasse, um sich dann wieder ihrem
Training zu widmen.
Nach zwei Monaten unzähliger neuer Erfahrungen
kann ich sagen, ich habe eine
neue Heimat gefunden! Denn: Ich habe eine
Schwester, die nach mir ruft, habe „Eltern“,
die sich sorgenvoll um mich kümmern, eine„Tante“, die mich mit großem Erfolg zufüttert,
Freundinnen und Freunde, mit denen
man immer quatschen, lernen und vor allem
lachen kann, eine Freundin, die sich ebenfalls
um mich sorgt, und einen aus der Reihe
meiner „Spezialisten“, der auch schon die
ersten Verkupplungsversuche in Angriff genommen
hat; und natürlich ein höchst friedvolles
Leben, in dem man von einem zum
anderen Tag oder eher von einer Stunde zur
anderen lebt, das neben den lebensnotwendigen
Tätigkeiten aus Taiji trainieren, Chinesisch
lernen, Taiji trainieren, Nachdenken,
Taiji Trainieren besteht!
Von meinem derzeitigen Standpunkt aus
kann der Aufenthalt hier gar nicht lang genug
dauern, ich nicht genug chinesisch lernen,
nicht genug quatschen und lachen, und
erst recht nicht genug trainieren! Und ich
bin ganz sicher glücklich hier!
Siehst du vor dem Essen, nach dem Essen,
oder eigentlich immer dann, wenn der normale
Mensch nicht trainiert, ein blondes
Mädchen beim Training, weißt du, es muss„Weile“ (Vera) sein, die, wenn sie einmal angefangen
hat, trotz aller Schmerzen vor lauter
Freude über ihren Trainingserfolg kaum
mehr mit dem Training aufhören kann…Der
Weg ist das Ziel! Dieser Weg kann ganz sicher
Taijiquan sein! Und das Ziel ist, glücklich
zu sein und das Leben zu genießen!
Vera Dorothea Neumann, Oktober 2009
1 Zitat aus „Jan, mein Freund“ von Peter Pohl; aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
2 Die Taijji-Schule von Chenjiagou, Henan-Provinz, China
„Chenjiagou
bei mir Zuhause“
Die TiT von Frank fanden dieses Jahr imSeminarhaus Hanne Wilberg in Schlagsülsdorf mit 20 Teilnehmern statt. Wie in den vergangenen Jahren erwartete mich dort viel gemeinsames Training, viele gute Korrekturen, schöne Möglichkeiten zum Austausch und gutes vegetarisches Essen (ja tatsächlich!).
Der Trainingsplan war an das Dao-Camp angelehnt. Am Vormittag stand die Arbeit an der Basis im Vordergrund: stehende Säule, Seidenübungen und Laojia Yilu. Am Nachmittag ging es dann mit den zuvor abgesprochenen Schwerpunkten Paochui, Waffenformen und Partnerformen/Anwendungen weiter. Abends gab esMöglichkeiten zur Vertiefung des Gelernten, z.B. in Workshops oder ganz anschaulich mit Filmen („Die Tochter des Meisters“, „Kung Fu Panda“, etc.). In dem Zeitplan waren aber auch ausreichend Erholungspausen vorgesehen, in denen man z.B. ein Käffchen in der bäuerlichen Gartenidylle genießen konnte. Überhaupt war für unser leibliches Wohl gut gesorgt, sei esmit einem Bad im eigenen Teich oder in der Sauna.
Die TiT bieten eine sehr gute Gelegenheit, mich intensiv und zugleich entspannt im Taiji weiterzubilden. Der gut durchdachte Unterricht in unterstützend motivierender Atmosphäre kommt mir sehr entgegen. Zum Beispiel versucht Frank eine möglichst große Bandbreite an Lernerfahrungen einzubauen: mal läuft er die Form vor, lässt uns selber üben, uns gegenseitig korrigieren, korrigiert unsere Struktur, oder führtunsere Bewegungen, etc. Zwischendurch baut er bei Bedarf Erholungspausen ein, in denen er den Energiefluss oder theoretische Hintergründe veranschaulicht. Bei der Vermittlung der Bewegungen legt er (passend für unser Niveau) großen Wert auf die Trennung von Gewichtung und Drehung und dem Einhalten der „äußere drei Zusammenschlüsse“ während der gesamten Form. Auf dem Weg hin zu einer fließenden Bewegung (die nur schwer nachzumachen ist), schlüsselt er die Bewegungen zunächst nach den Phasen der Seidenübungen auf.So wird der Energiefluss oft von alleine klar und wir wissen was wir da tun (sollten). Auch beginnt er das Training locker und lässt die Trainingsintensität über die Tage ansteigen. Das hilft mir, da ich wohl sonst am Anfang zu viel „wollen“ würde. Dadurch, dass Frank mir diese innere Auseinandersetzung abnimmt, kann er mir mehr von sich mitgeben. Die Auseinandersetzung behalte ich dann als Hausaufgabe - dabei kann er mir eh nur begrenzt helfen. Es lässt sich wohl auf diesen Ansatz und die ständigen Korrekturen zurückführen, dass ich trotz eigentlich schwerwiegender Knieprobleme den ganzen Workshop hindurch voll mit trainieren konnte. Die gewonnenen Eindrücke und Korrekturen verarbeite ich jetzt noch, d. h. Monate später, in meinem eigenen Training!
Dafür danke ich Frank von Herzen. Ferner danke ich im Namen aller Holger „Holly“ Neumeyer und Christian Behla für die video-/fototechnische Dokumentation und Holly für seinen Einsatz in vielerlei Hinsicht. Das Gleiche gilt für Ines Brachmann – u. a. wegen des gelungenen Workshops - und für alle Anderen, die dazu beigetragen haben, dass diese Woche ein besonderes Erlebnis wurde.
Robert Grosch
Meditation -
ein Erfahrungsbericht der besonderen Art
Jede Sitzung war anfänglich immer auch eine Krisensitzung, physisch sowie psychisch. Am zweiten Tag überfielen mich vollkommen körperlich und langanhaltend derartige Zustände von Beklemmung im gesamten Brustbereich, dass ich ohne jede Übertreibung glaubte, mein letztes
Stündlein habe geschlagen. So körperlich existentiell ist es dann nicht mehr gewesen, aber nach wie vor scheint es mir jeden Tag ein Ringen mit einem oft schier übermächtigen Gegner. Der aber mietfrei seit je her in mir drinnen wohnt und listenreicher ist als der alte Odysseus. Ich mich also mit der Kraft der Verzweiflung in jedem Moment festgeklammert mit meiner Aufmerksamkeit im Bauchbereich, indessen schwere Stürme tobten im Geiste, Stürme gemacht aus nutzlosem Gedankenloops, Melodiefetzen sowie überflüssigen „to-do-Listen“.
Wenn aber das überstanden war und es allmählich ruhiger wurde, dann kam die Schicht der sehr leisen Empfindungen, die sich gewöhnlich als leichtes Unbehagen oder Unruhe tarnten um sich dann, da ich ja keine Anstalten machte aufhören zu wollen, gelegentlich in schreckliche Ungeduld, dann schiere Panik, ja geradezu Todesangst, verwandelten.
Gleichzeitig immer enorme Hitze im Bauch, die auch den Tag über anhielt, sowie ein unentwegtes selbsttätiges Schaffen und Gurgeln im rechten Hüftbereich bis ins Bein hinein, dass es manchmal schon recht nervig ist, weil es ja eigentlich Dauerzustand ist.
Überdies sich der Bauch als solcher in seiner Ausformung zu verändern anschickte, was notwendig die Anschaffung neuer Beinkleider mit sich führt. Denn ich kann absolut nichts auch nur halbwegs eng sitzendes mehr ertragen. Dies aber nur nebenbei.
Und doch gelingt es auf täglich mich aufs Neue, überraschender Weise, so im letzten Viertel der Stunde, sozusagen ein Stockwerk tiefer zu
gelangen. Etwas gibt kurzzeitig nach und plötzlich ist man im gelobten Land. Da wo Stille ist und keine Anfechtungen von Seiten des ewig
ruhelosen Geistes. Sei es auch nur für kurz. Dafür lohnt sich der Aufwand allemal. Es geschieht einfach, ich kann’s nicht vorsätzlich herbeiführen. So nach und nach, habe ich das Gefühl, bekomme ich eine Idee davon, was es mit dem häufig zitierten "Ego" so auf sich hat. Tatsächlich scheint es mir momentan, als handle es sich dabei um eine Instanz, die vor undenklichen Zeiten auf dubiose Weise die Macht ergriffen hat über das eigene Sein. Aus Gründen vermutlich, wird es nach Art der Tyrannen "nur gut gemeint haben". Man selbst hat von dieser Machtübernahme selbstverständlich äonenlang nicht das Geringste bemerkt und ist darin derart fintenreich verstrickt, dass man den Usurpator ununterbrochen mit sich selbst verwechselt, wenn man nicht aufpasst wie ein Luchs. Seine Aktivitäten scheinen sich hauptsächlich darin zu erschöpfen, pausenlos Sorgen, Gedanken und Vorstellungen zu kreieren über "das was ist" und darüber, was für ein edler oder wahlweise auch nichtswürdiger Zampano man doch sei. Denn es befürchtet, die Welt und die gesamte Existenz sowie es selbst würden zusammenbrechen, falls das Herrchen bzw. Frauchen auch nur einen Augenblick mit dem Denken aufhörte. Und am Ende gar noch herausfinden würde, dass es sich ohne seine pausenlosen Interventionen wesentlich geschmeidiger leben ließe.
Und um dies zu verhindern, da hat es schon ein paar pfiffige Ideen! Ich weiß mir aber doch zu helfen. Ich wehre mich nämlich noch nicht mal.
Warte nur ab, bis der Ansturm sich mal wieder gelegt hat. Und so geschieht es, dass ich immer häufiger in ein Gebiet vorgelassen werde,
welches ich nur als das Zentrum des wirklichen eigenen Seins beschreiben kann. Nicht etwa, dass ich bereits in das Innere des
Heiligtums Zutritt hätte! Aber immerhin aus einiger Entfernung einen Blick auf den Tempel zu erhaschen und in dessen Anblick andächtig zu
verweilen, das geht ganz oft. Klingt vielleicht etwas pathetisch. Oder um es anders zu sagen: Es ist, als ob da zwei Elektroden wären, das
Dantien und die eigene Aufmerksamkeit. Und wenn die passgenau aufeinander treffen, dann ist Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig.
Überdies hat sich bei mir das dringende Bedürfnis eingestellt, auch noch jeden Tag 45 Minuten zu „stehen“.
Morgens das eine, abends das andere. So fühlt es sich an, als ob das tägliche Leben durch zwei starke Säulen gestützt würde. Man könnte auch
sagen, im Osten ein Fluss, im Westen ein Fluss. Und die versuchen sich durch kleine Nebenarme einander anzunähern. Und das Land dazwischen wird immer häufiger überschwemmt. Häufig habe ich nach dem Sitzen eine Art, naja, Eingebung, die eigenen
religiösen Wurzeln betreffend. Dass mir dann z.Bsp. eine Geschichte, ein Gleichnis oder ein Bild einfällt aus dem neuen Testament und ich dann
denke, "ach so ist das gemeint! Sapperlot! Das ist ja ein Ding!"Je nachdem, was grade dran war, beim Sitzen.
Phänomene sonderzahl. Energetischer Art und auch sonstwie. Man weiß nicht, was noch werden soll.
Nun kann man sich vorstellen, dass ich das alles um keinen Preis wieder aufgeben würde. Für einen ängstlichen Wohnzimmerentdecker wie mich nämlich der ideale Zustand: Man sitzt in der warmen Stube und die Abenteuer finden völlig ohne körperliche Entbehrungen und Gefahren direkt im Geiste statt.
Und Erinnerungsfotos symbolischer Art gibt’s obendrein.
So ist das mit dem Sitzen zurzeit.
Angelika Maisch
„Chenjiagou
bei mir Zuhause“
„Chenjiagou
bei mir Zuhause“ dürfte der passendste Ausdruck
für
drei Wochen im September sein. Chen Zhiqiang, Lehrer und Leiter der
Chenjiagou Taiji-Schule, und zwei seiner Schüler Chen Hui und
Zhang Yan Fei waren auf Einladung von Jan Silberstorff als Delegation
des Chenjiagou Showteams aus China angereist.
09.September 2007, Flughafen
Frankfurt: Dank der Tatsache, dass die globalen Unterschiede in Sachen
Trainingsbekleidung sehr gering ausfallen, hätte ich die drei
jungen Chinesen vermutlich auch erkannt, wenn ich sie nicht schon
vorher einmal bei meinem Besuch in Chenjiagou kennen gelernt hätte.
Mit mehr Waffen als Klamotten im Gepäck ging es noch am selben
Abend nach Lüdinghausen
wo das erste Seminar mit Chen Zhiqiang auf deutschem Boden stattfinden
sollte.
Dank der tollen Gastfreundschaft und Organisation
von Gerhard und Sun-Pill Milbrat konnte ich in aller Ruhe meine
Sprachkenntnisse auffrischen und die chinesischen Marotten studieren:
Ständig
Nudelsuppen essen, morgens um 5:30 Uhr joggen gehen, im Internet
chatten und Martial-Arts Filme gucken, egal in welcher Sprache!
Der Westfalen-Ausflug endete mit einem Showauftritt auf dem von Gerhard
organisierten Lüdinghausener „Asiatischen Abend“ und
jeder Menge leckeren koreanischen Essens von Sun Pill.
Nun ging es weiter nach Hamburg wo in
den kommenden zwei Wochen mein Zuhause auch die Heimat der drei
weit gereisten Gäste sein
sollte. Die Woche über standen keine Termine auf dem Plan und
so war erst einmal Sightseeing, gemeinsames Training und allem voran
Pause angesagt. So konnte ich Einblick gewinnen in die „chinesische
Methode“ des Taijiquan, die ich bis dato nur aus Erzählungen
und Legenden kannte.
Am Wochenende dan n, eingerahmt von einem
zweitägigem Tuishou-Lehrgang
tagsüber und zahlreichen Fernsehaufnahmen zwischendurch, hieß es
am Sonntagabend Vorhang auf zur „Kiai“ Kampfkunstgala.
In der mit 600 Gästen voll besetzten Hamburger Markthalle wurden
zahlreiche Darbietungen des Taijiquan, Dacascos Kungfu, Aikido, Capoeira
und vieler weiterer Kampfkünste präsentiert.
Ein Glanzpunkt war der deutsch-chinesische Vergleichskampf im Pushhands
zwischen Armin Fabian und Zhang Yan Fei. In einem spannenden und
actiongeladenen Kampf konnte Zhang Yan Fei den deutschen Herausforderer
besiegen.
Trotz eines Kampfes, in dem sich beide Kämpfer nichts schenkten
und die Anstrengung auch in der letzten Reihe noch spürbar gewesen
sein dürfte, trat Zhang Yan Fei nur wenige Minuten nach dem
Kampf scheinbar mühelos auf die Bühne. Zusammen setzten
Chen Zhiqiang, Chen Hui, Zhang Yan Fei das finale Highlight des vom
WHKD Verband und der WCTAG gemeinsam veranstalteten grandiosen Abends.
Nach einer weiteren Woche in Hamburg,
in der noch ein Kurzlehrgang im Tempelpark stattfand, ging es für
zwei Tage nach Karlsruhe, der letzten Station der Deutschlandtournee.
Zu diesem Zeitpunkt musste ich mich leider von meinen neu gewonnenen
Freunden verabschieden, die letzten Tage übernahm Jan die „Reiseleitung“ selbst.
In
Karlsruhe gab es ebenfalls die Möglichkeit für
alle Pushhands-Begeisterten an einem Seminar mit Chen Zhiqiang
teilzunehmen - samt einer von unseren Gruppen in Karlsruhe organisierten
Gala-Show im Anschluss daran!
Was bleibt, ist die Ruhe nach dem Sturm,
ein Loch in der Wand (Gruß an
Roger!) und der Geruch nach chinesischen Nudelsuppen. Noch dazu eine
innere Zufriedenheit durch die Beobachtung, so verschieden die Praxis
aufgrund kultureller Unterschiede, Anspruch und Anforderungen auch
sein mögen, so arbeiten doch alle an ein und derselben Sache.
Eine schöne Szene dazu im Anschluss an den Herausforderungskampf
:
Während der Siegerehrung hob Jan zuerst den Arm des Siegers
Zhang Yan Fei um wenige Sekunden später die Arme beider Kämpfer
in die Höhe zu strecken.
Zwei Sieger. Kein Verlierer. Verbunden
mit gegenseitigem Respekt vor den Qualitäten des Anderen -
im internationalen Vergleich ein schönes Ergebnis.
Konstantin Berberich
„WCTAG-Kids“ TAIJI
MIT KINDERN
Seit ich im Mai 2004 in Berlin meinen TaiJi-Kinderkurs ins Leben
rief, beschäftigte mich der Gedanke der „WCTAG-Kids“ fortlaufend.
Im Sommer 2006 gab mein Meister Jan Silberstorff dann die Erlaubnis
für den Aufbau sowie den Namen der „WCTAG-Kids“.
Ich freue ich mich, dass sich im letzten Jahr mehrere Lehrkräfte
der WCTAG an mich gewandt haben und mich bei dem Ausbau der Sektion
Kinder-TaiJi in Deutschland unterstützen. Die ersten Schritte
sind getan. Im November 2007 begann eine weitere TaiJi-Kindergruppe
in Warberg (Helmstedt) mit dem Training. In den Städten Dortmund,
Münster, Leichlingen (Köln/Leverkusen) und Gelsenkirchen
planen weitere WCTAG-Lehrkräfte Kinder-TaiJi-Gruppen. Die „WCTAG-Kids“ gehen
nun in das erste offizielle Jahr. Um die Strukturierung und Organisation
weiter auszubauen finden ab 2008 zweimal im Jahr Termine für
die interessierten Lehrkräfte statt. Diese sind jeweils am Kursleiter-Lehrer-Wochenende
in Hamburg an dem Samstagabend ab 20.00 Uhr. Die Termine finden in
Form einer Gesprächsrunde statt, in der Erfahrungen untereinander
ausgetauscht werden können sowie neue Vorschläge oder Ideen.
Allgemeine Informationen und Absprachen zu den WCTAG-Kids können
jederzeit unter wctag-kids@web.de oder www.wctag-kids.de eingeholt
bzw. getroffen werden. Weitere Lehrkräfte, die Interesse am
Kinder-TaiJi haben oder bereits unterrichten (auch Einzelunterricht),
bitte ich um eine kurze Mail, damit ich diese mit in die Liste der
WCTAG-Kids aufnehmen kann.
Bezogen auf die Altersgruppen und das Training hat sich erfahrungsgemäß eine
günstige Einteilung in folgende Altersklassen bewährt: 3-7 Jahre alt
(Kindergarten/Vorschule/Schule), 8-11 Jahre alt (Schulkinder/Grundschule),
12-15
(Schulkinder/Oberstufe).
Um den Aufbau der WCTAG-Kids in Deutschland leichter umzusetzen, habe ich angefangen,
mein Konzept zum Kinder-TaiJi in Form einer kleinen Broschüre (Mini-Büchlein)
etwas detaillierter mit Bildern zu gestalten. Somit haben die Lehrkräfte
ein kleines Nachschlagewerk zur Unterstützung und können nach einem
einheitlichen Prinzip vorgehen. An den WCTAG-Kids interessierte WCTAG-Lehrkräfte,
die sich auf der WCTAG-Kids-Liste eintragen lassen und einen Kinderkurs an ihrem
Wohnort planen / aufbauen, erhalten einen komprimierten Auszug aus dem ersten
Teil des Kinder-TaiJi-Konzepts.
Tina Baylis (Ansprechpartnerin „WCTAG-Kids“
Taijiquan
- eine Krankengymnastik ?
Aufgrund einer Knochenerkrankung hatte ich mehrere Operationen an Hand und
Knie, wodurch eine relativ stark eingeschränkte Beweglichkeit
und Belastbarkeit der Gelenke resultierte: Bänder, Gelenkkapseln,
Muskeln, die im OP zerschnitten wurden, vernarbten und versteiften.
Es muss ganz klar gesagt werden, dass ein chirurgischer Eingriff
ab einem gewissen Stadium die einzige Rettung darstellt. Inzwischen
denke ich aber, dass ich so manche Operation durch eine andere Lebensführung
hätte verhindern können. Ich hatte die Krankheit mein Leben
lang verdrängt. Erst als mir das ganze Ausmaß bewusst
wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun und begab mich auf die Suche.
Zufälligerweise nahm ich zu dieser Zeit an einem Workshop bei
Jan teil. Ich hatte schon vorher Taijiquan als langsame Gymnastik
(ohne Prinzip) schätzen gelernt, weil kein anderer Sport mehr
möglich war. Die langsamen Bewegungen halfen mir meine Grenzen
auszuloten. Ich vermutete auch, dass da wohl mehr dahinter steckte,
ahnte aber nichts von der Tiefe dieser Kunst, die Jan auf dem Workshop
demonstrierte. Ich war sofort begeistert, hatte aber so meine Zweifel,
ob ich dieses anspruchsvolle Chen System (tiefe Stände, Sprünge,
Fajin) erlernen könnte. Als ich kurz darauf den Großmeister
Chen Xiaowang persönlich auf einem Workshop erlebte, wollte
ich unbedingt das Taiji-Prinzip erlernen, denn dazu reichen schon
die Seidenübungen. Die Art wie der Jan und der Großmeister
auf mich eingingen, hat mich sehr bewegt und ermutigt. Der Großmeister
ist in meinen Augen der lebende Beweis, dass Körper und Geist
zu unglaublichem im Stande sind. Seit März 2005 lerne ich Taijiquan
bei Frank Marquardt in Dortmund. Jan hat mich auf meinem Weg übergreifend
betreut.
Seither hat sich mein gesundheitlicher
Zustand rapide verbessert. Das Training fiel mir jedoch anfangs
sehr schwer. Später habe
ich zu meinem Erstaunen festgestellt, dass meine „gesunden“ Trainingspartner ähnliche
Probleme hatten, wie z.B. das Bedürfnis besser nicht zu üben,
weil man ja eh nur die schönen Korrekturen des Lehrers kaputt
macht, Schmerzen, Atemprobleme, Ohrensausen, etc.. Besonders die
Stehende Säule empfand ich als Tortur. Hier gibt es nichts womit
man sich ablenken kann, so dass einem die eigenen körperlichen
und geistigen Schwächen quasi ins Gesicht springen. Frank hat
dann immer gesagt, dass ich selber Üben muss, um Fortschritte
zu machen und dass ich mir Zeit für Veränderungen geben
muss. In den Korrekturen zeigte er mir immer wieder, wie ich mit
meinen Problemen arbeiten kann. Heute habe ich zwar immer noch oft
Schmerzen beim Üben, die aber schnell wieder verschwinden. Durch
die Korrekturen lernte ich im Laufe der Zeit, Ausweichbewegungen
so weit zu verringern, dass ich inzwischen fast ohne Humpeln laufen
kann. Muskeln die zerschnitten und durch ewige Ausweichbewegungen
schon bis zur Verkümmerung geschont wurden, werden wieder aktiviert.
Blockierte Gelenke wurden geöffnet, so dass ich wieder wesentlich
beweglicher bin. Durch diese äußeren Erfolge wurde Taijiquan
zur besten Krankengymnastik, die ich je hatte. Dabei blieb es aber
nicht. Die Krankheit selbst hat sich inzwischen stark verlangsamt
und ich habe Hoffnung vielleicht sogar eines Tages zu genesen. Neben
dem Taijiquan haben noch weitere Dinge zur Besserung beigetragen:
Z.B. habe ich sehr gute Erfahrungen mit sexuellem Qigong gemacht,
das durch Jan vermittelt wird. Es hilft mir, mit meiner ohnehin schon
geringen Nieren-Energie zu haushalten. Daneben befinde ich mich bei
einer Ärztin für traditionelle chinesische Medizin in Behandlung
und habe meine Ernährung grundlegend umgestellt. Diese Bemühungen
der letzten Jahre sind untrennbarer Bestandteil meines Weges, auf
dem Taijiquan eine zentrale Rolle zukommt. Es
ist mein Medium zur Selbsterkenntnis, durch das mir notwendige Veränderungen
bewusst werden. Diese Veränderungen sind nicht immer einfach
umzusetzen. Lange Zeit konnte ich mich nur äußerlich korrigieren,
z.B. in dem ich mich an einer Linie auf dem Boden ausrichtete. Allmählich
bekomme ich den Mut in mich hinein zu spüren, meine körperlichen
und geistigen Fehler auf einer tieferen Ebene zu akzeptieren und
damit zu arbeiten. Wenn ich mich öffne und bestehende Konzepte
auflöse, werde ich unsicher, weil ich nicht das Level habe um
klar sagen zu können, was richtig und was falsch ist. Daher
möchte ich meinem Lehrer Frank, meinem Meister Jan, und dem
Großmeister Chen Xiaowang von ganzem Herzen danken. Sie haben
mir immer wieder geholfen, Vertrauen zu finden und mich den Veränderungen
hinzugeben.
Robert
Meine
erste Begegnung mit Chen-Taijiquan
Seit
vielen Jahren bin ich dem inneren Weg, einem
spirituellen Weg, verpflichtet.
Ich habe die Gnade erfahren, meinem spirituellen Lehrer zu begegnen,
was eine radikale Veränderung meines Lebens bedeutet hat.
Hier im Westen gibt es diese Tradition mit einem spirituellen
Lehrer zu sein noch sehr wenig. Doch ich hatte Glück.
Viele Jahre der stillen Meditation, des Rückzugs und der
inneren Einkehr folgten. Je tiefer ich jedoch dem inneren Weg
folgte, desto stärker zeigte sich mir, dass die Physis hinterher
hinkt. Ich hatte einige energetische Zusammenbrüche, die
aus medizinischer Sicht nicht mehr zu erklären waren und
ich spürte, daß mein Energiekörper sehr kraftvoll
und fließend ist, daß mir aber die Verbindung zum
physischen Körper schlichtweg fehlt.
Per Zufall geriet ich in eine Gruppe von Menschen, die die äußeren
Kampfkünste erlernen und praktizieren und so auch eine Form
von Taiji in das Trainingsprogramm integrierten. Während
ich dieses Training mitmachte, spürte ich, daß es
ein rein äußerliches Training ist und gleichzeitig,
daß im Taiji das große Juwel verborgen liegt, den
Energiekörper und die Physis zu vereinen. Ich mußte
staunen ob dieser Offenbarung und war gleichzeitig auch voller
Freude. Von da an wußte ist, daß es das Taiji ist,
was mich auf dem inneren Weg unterstützen und weiter führen
wird. Es wird mich körperlich, geistig und emotional in
der Mitte halten und wird mir zeigen, wie die aufsteigenden Gedanken,
die ich als Energie erfahre, wieder zurücksinken können
und so kein Energieverlust entsteht. Aber wo das „echte“ Taiji
finden, das lebendige Taiji und einen Lehrer, der das lehrt ?
Ein
paar Tage später fiel mir – ohne dass ich danach gesucht
habe – das Buch von Meister Jan Silberstorff „Chen – Lebendiges
Taijiquan im klassischen Stil“ in die Hände und ich
begann zu lesen. Während ich das Buch las, wurden die
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Worte
in mir lebendig – ich konnte fühlen, was er schreibt
und ich fühlte Taiji! und ich wußte, daß dort
ein Meister schreibt und daß es sich hier nicht um inhaltslose
Worte und Bewegungen handelt. Ich freute mich sehr.
Doch was jetzt ? Ist es möglich, direkt von ihm zu lernen?
Von Bekannten aus der „Kampfkunstszene“ war mir bekannt,
daß Meister Jan Silberstorff fast nie in Hamburg ist, eigentlich
sogar unerreichbar und gleichzeitig erfuhr ich, daß er
sehr exzentrisch sein sollte. All das schreckte mich nicht ab.
Die Freude in mir blieb und mein Wunsch, Chen-Taijiquan zu lernen,
auch.
Und so halfen das Glück und der Zufall nach. Ein paar Tage
später begegnete ich Meister Jan Silberstorff ganz zufällig
während meines Zusammenseins mit dem Dalai Lama. Alles über
ihn Nachgesagte war mit einem Schlag verschwunden. Was ich sah
und fühlte ist mit Worten nicht zu beschreiben, aber ich
kann sagen, daß sich in mir alles kraftvoll entspannte
und mein Herz sich mit Freude füllte.
Jetzt, nach den ersten Unterrichtsstunden, die mir Frank Marquardt
gibt, beginnt mein Körper sich umzustrukturieren. Ich gehe
durch teilweise sehr schmerzhafte Phasen, in denen sich energetische
Blockaden, wie alte Brüche in der Wirbelsäule z.B.,
anfangen zu lösen – ganzheitlich! Sowohl auf der Ebene
der Physis als auch auf der emotionalen Ebene, in der Form, daß sich
diese Traumata auflösen.
Man nennt China das „Reich der Mitte“ und Chen-Taijiquan
ist für mich eine „Bewegungskunst der Mitte“.
Der Stille, die sich auftut, wenn jeder Gedanke und jede Handlung
in seinen Ursprung zurückfällt. Und so möchte
ich der WCTAG und natürlich Meister Jan Silberstorff danken,
daß dieses Juwel bei mir angekommen ist und mich einlädt,
es zu empfangen.
Carola Herzog
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Taijiquan-Training mit Handicap
(Schülerin: Mandy Eidtner, Kursleiterin:
Tina Baylis)
Unser Meister und Lehrer, Jan Silberstorff,
bat uns im letzten Jahr um einen Erfahrungsbericht aus Kursleiter –und Schülersicht.
Ein hauptsächlicher Grund war zu zeigen, dass das Praktizieren
des Taijiquan für Menschen mit einem Handicap durchaus realisierbar
ist und in jeder Hinsicht positive Auswirkungen auf das Leben, die
Gesundheit und viele weitere schöne Aspekte hat. Hierfür
möchten wir gerne eine Motivation geben.
Mein Name ist Mandy Eidtner. Bevor wir beschreiben, welche Auswirkungen
das Taijiquan-Training auf mein körperliches sowie geistiges
Wohlbefinden hatte und immer noch hat, möchte ich zunächst
erklären, was für ein körperliches Handicap ich habe.
Ein Sauerstoffmangel im Gehirn, bedingt durch eine Frühgeburt,
verursachte das Absterben der Zellen, die für die Bewegungen
zuständig waren und operativ auch nicht ersetzt werden können.
Es handelt sich um eine zerebrale Bewegungsstörung, von der
beide Beine, dabei rechts stärker als links, betroffen sind.
Diese Bewegungsstörung, die auch spastischartige Teillähmung
genannt wird, bringt verschiedene Einschränkungen mit sich.
Erhebliche Gleichgewichtsstörungen, schnelles bzw. leichtes
Verkrampfen der Gliedmaßen durch falsche Körperhaltung,
geringe Gelenkigkeit sowie Einschränkungen in der Feinmotorik.
Zudem besteht seit frühester Kindheit eine Neigung zu Infekten
mit einer besonders hohen Anfälligkeit zur Bronchitis. Es sah
nicht danach aus, als ob ich jemals eine Kampfkunst würde erlernen
können. Und so wurde es mir von einem Lehrer, der den Yang-Stil
praktizierte, auch suggeriert. Diesen lernte ich im Alter von 16
Jahren (Juni 2001) kennen und war fasziniert von der Schwertform,
die er vorführte. Als ich ihn fragte, ob Menschen mit körperlichen
Handicaps Taijiquan lernen können, meinte er: „Du wirst
zwar Taijiquan lernen können, aber du wirst nicht alles mitmachen
können!“. Zudem hatte ich die Befürchtung, dass es
körperlich für mich ab einem bestimmten Punkt einfach nicht
mehr machbar war, Taijiquan auszuüben und ich eines Tages zusehen
müsste, wie die anderen Schüler sich weiterentwickelten.
Im September 2003 fing ich dann doch aus gesundheitlichen Gründen,
zunächst unregelmäßig, mit dem Taijiquan-Training
an. Ab Mai 2004 nahm ich dann fortlaufend bei WCTAG-Kursleiterin
Tina Baylis Unterricht im Chen-Stil. Nach ein paar Trainingseinheiten
erkannte ich, dass auch „gesunde“ Menschen so ihre Schwierigkeiten
hatten. Und vor allem habe ich, seitdem ich Taijiquan regelmäßig
trainiere, nie wieder gehört, dass ich diese Kampfkunst nicht
würde erlernen können. Um das komplette System des Chen-Stils
zu erlernen, trat ich im Juli 2004 in die WCTAG ein.
Bevor ich mit dem Training anfing, war ich unausgeglichen und anderen
Menschen gegenüber sehr verschlossen und misstrauisch. Auf körperlicher
Ebene kann ich sagen, dass längeres Stehen und Laufen sehr schmerzhaft
für mich war und ich keine Freude daran hatte, mich zu bewegen.
Jetzt werde ich zunehmend selbstbewusster und offener gegenüber
meinen Mitmenschen, was mir durch Familie und Freunde bestätigt
wurde. Ich bewege mich viel lieber als früher und Muskeln, bei
mir speziell in den Beinen, werden aufgebaut, die vorher wenig beansprucht
wurden. Erkältungskrankheiten sind seltener und meine Stimme,
sonst leise und piepsig, ist kräftiger und tiefer geworden.
Ich habe es nie bereut, jemals mit Taijiquan angefangen zu haben,
auch wenn es anfangs und heute gelegentlich auch noch, nicht leicht
für mich war und ist, diese Kampfkunst zu erlernen!
Vieles ist machbar, wenn man etwas wirklich möchte und es Menschen
gibt, die einen unterstützen!
Mein Name ist Tina Baylis. Vor knapp drei Jahren lernte ich Mandy
als eine sehr nette, ruhige und schüchterne Person kennen. Die
Freude und das Interesse am Taiji waren ihr deutlich anzusehen. Anfangs
hatte sie teilweise Schwierigkeiten, den Bewegungsabläufen der
Formen zu folgen und sich diese zu verinnerlichen. Längeres
Verweilen in einzelnen Figuren war meist nicht möglich, da die
Gliedmaßen schnell verkrampften und leichte Rückenschmerzen
auftraten. Die Übung „Stehende Säule“ war im
ersten halben Jahr des Trainings, bedingt durch Mandys zerebrale
Bewegungsstörung, nur etwa 5 Minuten möglich. Unmittelbar
darauf schmerzte der ganze Körper, v.a. Beine, Knie und Füße
waren betroffen. Bei der Korrektur lag der Schwerpunkt daher besonders
auf der Hüfte und den Knien, um die „X-Stellung“ der
Knie in eine „normale“, gerade Haltung zu bringen und
die Hüfte zu lösen. Die Annahme und Umsetzung der Korrekturen
fiel Mandy anfangs schwer, doch im Laufe der Monate zunehmend leichter.
Durch regelmäßiges Üben und entsprechend angepasste
Korrekturen ergab sich im zweiten halben Jahr des Unterrichts eine
Steigerung der Standmeditation auf 15-20 Minuten. Nach dem Praktizieren
war sie leicht erschöpft und doch angenehm „k.o.“.
Im zweiten Jahr des Trainings fiel das Augenmerk zusätzlich
auf die Schultern und Arme und darauf, die dortigen Verkrampfungen
zu lösen. Heute, nach gut zweieinhalb Jahren Zusammenarbeit
und vielen gemeinsamen Taiji - Stunden voller Spaß hat Mandy
nur noch selten Schmerzen, und wenn, dann nur durch kurzfristige
Verkrampfungen. Die Entspannung ist nun überwiegend gegeben.
Mandys Beine sind inzwischen besonders in der Stehenden Säule
fast gerade und sie hat einen festen Stand entwickelt. Die Knie bedürfen
mittlerweile nur noch einer geringen Korrektur. Die Hüfte ist
beweglicher und viel gelöster. Mandy kann nunmehr Verkrampfungen
teilweise selbst lösen und daraus entstandene Schmerzen lindern.
In den letzten drei Monaten war es möglich, vertiefende Standkorrekturen
durchzuführen. Die Stehzeit in der Stehenden Säule liegt
jetzt bei mindestens 30 Minuten. Mandy hat kaum noch Schwierigkeiten,
bestimmte Korrekturen anzunehmen und umzusetzen. Sie hat ein gutes
Verständnis für Bewegungen, die in der Form aufeinander
folgen, um diese einheitlich abzuschließen. Alleiniges Praktizieren
ist für sie bereits selbstverständlich. Das Üben ist
durch anspruchsvoller gewordenes Training immer noch wohltuend anstrengend.
Zeitweise ist eine „gesunde Erschöpfung“ zu sehen,
die sich im Anschluss des Unterrichts in Entspanntheit wandelt. Auch
diverse andere Aspekte möchte ich hervorheben. Mandys Gangart
beim Laufen ist viel geschmeidiger und fließender als früher.
Gleichgewichtssinn und Bewegungsfähigkeit haben sich sehr verbessert.
Sie ist wesentlich selbstbewusster, lockerer und aufgeschlossener
anderen Menschen gegenüber und viel ausgeglichener. Die Anfälligkeit
zur Bronchitis ist kaum noch vorhanden. Mandy ist inzwischen mehr
eine Freundin als Schülerin für mich und ich freue mich über
ihre großen Fortschritte in dieser kurzen Zeit. Für die
Möglichkeit, sie auf ihrem Taiji-Weg zu begleiten und zu unterstützen
bin ich sehr dankbar und freue mich auf die künftigen Unterrichtsstunden
mit ihr. Ein besonderes Dankeschön möchten wir hiermit
an Jan Silberstorff richten, der uns durch seine Erfahrung, seine
regelmäßigen Fortbildungsseminare und seine Menschenkenntnis
bei der Umsetzung unserer Praxis des Taijiquans begleitend unterstützt!
Anmerkung der Redaktion: Mandy bestand
Ende 2005 erfolgreich und mit großer Sicherheit ihre Übungsleiterprüfung.
TaiJi mit Kindern
Nach Absprache mit meinem Meister Jan
Silberstorff habe ich die Initiative ergriffen, in der WCTAG den
Bereich „Kinder-TaiJi“ ins
Leben zu rufen und starte mit den „WCTAG-Kids Berlin-Brandenburg“,
einer Gruppe von acht Kindern zwischen 7 und 11 Jahren. Es gibt sicher
einige Lehrkräfte unter uns, die bereits Kinder unterrichten
oder dies vorhaben. Dieser Bericht und die „WCTAG-Kids“ möchten
zum TaiJi-Training mit Kindern motivieren. Ich hoffe auf Euer reges
Interesse und die Kommunikation mit Euch und freue mich darauf diesen
Bereich auf -und auszubauen.
Anfangs ist es für Kinder nicht leicht, sich auf die überwiegend
ruhigen Bewegungen des TaiJi zu konzentrieren, da sie noch nicht
gelernt haben, ihre vorhandenen Energien bewusst einzusetzen. Durch
regelmäßiges Praktizieren des TaiJi erlernen die Kinder
diese Energien gezielt und kontrolliert zu nutzen. Nach regem Austausch
mit meinem TaiJi-Meister, Jan Silberstorff und einigen TaiJi-Lehrern
sowie durch mehrjährige Praxis mit meiner TaiJi-Kindergruppe,
unterrichte ich nach meinem speziell auf das Kinder-Training zugeschnittenen
Konzept. Natürlich kann das Kindertraining nicht genauso durchgeführt
werden wie das Training mit Erwachsenen, da die „innere Ruhe“ erst
entwickelt werden muss. Mit Spaß werden die Kinder spielerisch
nach und nach an konkrete Basisübungen des TaiJi herangeführt.
Anfangs sind das Körperbewusstsein, die Körperwahrnehmung
und das Gleichgewicht die Schwerpunkte der Trainings-„Spielstunden“,
wie ich sie hier noch nennen möchte. Die ersten Stunden beinhalten
gezielte Spiele und Übungen sowohl mit dem eigenen Körper/gewicht,
als auch mit kleinen Hilfsmitteln wie Ball, Stock und Partnerübungen.
Diese Spiele und Übungen haben mit dem TaiJi-Training wie wir
Erwachsene es kennen keine Ähnlichkeit. Das Ziel der Übungen
ist es, eine Grundlage zu schaffen, mit der dann das eigentliche
TaiJi-Training beginnen kann. Sobald diese Grundlage vorhanden ist,
erfolgt ein fließender Übergang zu den TaiJi-Basisübungen: „Stehende
Säule“ (Standmeditation), „Seidenübungen“ und „Tui
Shou“ (Schiebende Hände) als Partnerübung. Spiel
und TaiJi gehören eng zusammen. Man könnte es bildlich
mit einer Waage vergleichen. Anfangs überwiegt klar das Spiel(en)
und macht ungefähr 45 Minuten der Unterrichtsstunde aus. Die
Seidenübungen bilden 15 Minuten der Stunde. Auch 5-jährige
Kinder sind hier sehr neugierig und interessiert. Nach spätestens
einem Jahr stehen Spiel und TaiJi schon im Gleichgewicht. Die Stehende
Säule, Seidenübungen und die ersten beiden Teile der 19ner
Form sind inzwischen „Routine“ für die Kinder. Nach
ca. zwei Jahren macht das TaiJi 45 Minuten der Stunde aus, das Spiel
insgesamt 15 Minuten (je 5 am Anfang, in der Mitte und am Ende der
Stunde).Die positiven Wirkungen wie u.a. Steigerung des Körperbewusstseins,
Verbesserung der Konzentration,
Entspannung, Ruhe / innere Ausgeglichenheit,
Stärkung des Immunsystems, Beweglichkeit sind deutlich bei den
Kindern zu erkennen.
Tina Baylis
Anmerkung: Es ist geplant, ab nächstem Jahr eine selbstständige
Kindersektion innerhalb des Verbandes zu etablieren. Ich bitte daher
alle KursleiterInnen-AusbilderInnen, die sich spezieller mit der
Ausbildung von Kindern beschäftigen, sich mit Tina in Verbindung
zu setzen um eine Struktur zu entwickeln, die wir dann ab 2008 in
offizielle Bahnen geleiten. (Jan Silberstorff)
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