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Zweites Taiji Neujahrsturnier in der Dacascos Kampfkunst-Akademie

Hamburg-Barmbek am 13. Februar 2010

Es muss schon etwas Besonderes sein, wenn sich zwanzig Kampfkunstschüler und drei hochkarätige Schiedsrichter durch dichte Schneeschauer kämpfen, um in fünf Klassen die Besten zu ermitteln. Aber das zweite Neujahrsturnier des WHKD und des Chen Taijiquan ist inzwischen ja auch bekannt für seine lockere und fröhliche Atmosphäre. Und niemand wurde enttäuscht: Auch in diesem Jahr war das Turnier ein voller Erfolg.

Gezeigt wurden Handformen, Waffenformen, Dingbu- und Houbu-Pushhand-Kämpfe. Unter dem fachmännischen Blick der Kampfrichter Kai Schlupkothen, Ralf zum Felde und Jan Leminsky traten Schüler aus Dortmund, Hamburg und Lüneburg an. Dabei war das Niveau der einzelnen Teilnehmer bemerkenswert hoch.

Den strahlenden Siegern verlieh Sifu Christian Wulf persönlich die Medaillen. Ihm ist es als Veranstalter ein wichtiges Anliegen, dieses Neujahrsturnier (der Termin richtet sich nach dem chinesischen Jahresbeginn) als festen Termin für Anfänger und Fortgeschrittene zu etablieren, die sonst nicht unbedingt die harte Auseinandersetzung im Wettkampf suchen. Das scheint zu gelingen, dafür gilt ihm ganz besonderer Dank, ebenso Jan Leminsky, Taiji-Lehrer der Wu Wei-Schule für seine Unterstützung als Schiedsrichter.

Wenn also sogar bei denkbar widrigsten Wetterverhältnissen so viele Kampfkunstbegeisterte zusammenkommen, ist es so gut wie sicher, dass es auch ein Neujahrsturnier 2011 geben wird. Der Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben.

Ausbilder Kai Schlupkothen

Dacascos Kung Fu Academy - Sigung Christian Wulf präsentiert:

2. Taiji Neujahrs Turnier – 13.2.2010



1. Klasse Taiji Handformen

  1. Platz: Dennis Benkmann
  2. Platz: Niklas Schmidt
  3. Platz: Frederik Wahl

2. Klasse Taiji Waffenform

  1. Platz: Niklas Schmidt
  2. Platz: Constantin Canaza Chambi
  3. Platz: Frederik Wahl
    3. Sophia Canaza Chambi

3. Klasse Dingbu Pushhands Herren -75kg

  1. Platz: Frederik Wahl
  2. Platz: Michael Hoepfner
  3. Platz: Lasse Lingens

4. Klasse Dingbu Pushhands Herren +75kg

  1. Platz: Julien Jones
  2. Platz: Hendrik Thurnes
  3. Platz: Lasse Lingens

5. Klasse Houbu Pushands Männer

  1. Platz: Dennis Benkmann
  2. Platz: Hendrik Thurnes

Grandchampion Dingbu Herren

  • Frederik Wahl

 

Neujahrsturnier 2010

Neujahrsturnier 2010

Neujahrsturnier 2010

   
Neujahrsturnier 2010

 

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Editorial 2010

Lieber Leser, liebes Mitglied,

China Reise 2009Taijiquan ist eine Bewegungskunst mit hohem philosophisch-spirituellen Wert. Zudem ist es eines der effektivsten Selbstverteidigungssysteme des chinesischen „Gongfu“, der chinesischen Kampfkünste (Wushu). Kurz gesagt ist es eine Lebenskunst, die keine Sparte auslässt und Leben ganzheitlich so weit versteht, dass wir auf der Erde stehen, aber in den Himmel reichen können. Sein und Nichtsein bilden eine Einheit, die so als vollständiges Leben verstanden wird. So freue ich mich, dass unser Chen Magazin seit Kurzem nun auch an ausgewählten Kiosken erscheint und damit auch denen die Möglichkeit gibt, mit uns in Kontakt zu treten, die vielleicht noch nie von Taijiquan gehört haben. Es ist weltweit das einzige Magazin, das ausschließlich über das System des Chen Taijiquan berichtet. Ich bin froh, dass wir zudem einen Weg gefunden haben, auf Werbung von Außen im Magazin verzichten zu können. So bietet sich uns eine einzigartige Plattform, im generellen Teil des Heftes, engagiert und tiefgreifend über das Chen Taijiquan berichten zu können, ohne auf Mainstream Artikel Rücksicht nehmen zu müssen. Im Verbandsteil wiederum können wir alle Interessierten und all unsere Mitglieder mit Erfahrungsberichten, Ankündigungen und allen Informationen versorgen, die benötigt werden, wenn man unsere Kunst nicht nur bestaunen, sondern selber effektiv ausführen möchte. Denn darum geht es doch: So effektiv wie möglich Taijiquan begreifen zu können und in sich selbst eine Tiefe zu erreichen, wirklich die Zusammenhänge in und um uns verstehen und fühlen zu können. Auch unsere WCTAG hat als größter eigenständiger Taiji-Verband Europas weiterhin mächtig Zuwachs erhalten: Zu unserer Hauptseite im Internet (www.wctag.de) findet der Interessierte nun auch eine eigene Kinderseite (www.wctag-kids.de), als auch eine ausführliche Seite über unsere Hilfsprojekte in China, Brasilien und Sri Lanka: www.wctag- hilft.de. Ein großer Verband hat die Verpflichtung zu helfen, wenn er kann. Und wir können - wie alle Informationen auf dieser Seite hoffentlich unter Beweis stellen. Auch meine weitere Verbandsgründung in Brasilien trägt ihre ersten großen Früchte, wie unsere Webseite www.wcta.com.br zeigen kann. Unser Verband geht somit langsam auf seine 40 Mitgliedsstaaten zu und gibt uns damit die Möglichkeit wirklich sagen zu können „si hai – yi jia“ – „Vier Meere – eine Familie!“ Ich freue mich auf diese große Gemeinschaft, die gerade auch durch unsere Hilfsprojekte eine weltweit klassenlose und alle Schichten durchdringende Dimension erhält. Das macht mich sehr glücklich. Taiji – der Mensch zwischen Himmel und Erde – ich freue mich Ihnen diese faszinierende Welt auch mit diesem Magazin hoffentlich wieder ein Stück weit näher bringen zu können und wünsche allen Mitgliedern ein erfolgreiches Jahr der Praxis und viel guten Fortschritt zum eigenen und zum Wohle aller!

Mit liebevollen Grüßen,
Jan Silberstorff
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INTERVIEW MIT GROSSMEISTER CHEN XIAOXING

19. GENERATION CHEN FAMILIE

China Reise 2009Chen Xiaoxing, geboren 1952, leitet heute zusammen mit seinem Sohn Chen Ziqiang die Taiji- Schule in Chenjiagou. Trotz seiner weltweiten Seminareinladungen hat er beschlossen, überwiegend vor Ort in Chenjiagou zu bleiben, um an der Quelle die Tradition hoch zu halten. Er ist der jüngere Bruder von GM Chen Xiaowang und gilt als einer der besten Taiji-Meister unserer Zeit.

Die Fragen wurden von der Reisegruppe der WCTAG gestellt, die im August 2009 mit Jan Silberstorff nach Chenjiagou gereist ist.

Frage: Großmeister Chen Xiaoxing, sie betreiben schon ihr gesamtes Leben lang intensiv Taijiquan. Wie kommen Sie zu Ihrer hohen Motivation, die ja sicherlich für solch ein Training gebraucht wird? Auch ich möchte gerne viel Taijiquan trainieren, muss aber dennoch täglich meinen Schweinehund überwinden, um zum Training zu gehen.

GM Chen Xiaoxing: (lacht) Du darfst das verschiedene Umfeld nicht vergessen. Ich trainiere seit meinem 8. Lebensjahr, das sind jetzt 49 Jahre. Aber ich bin damit aufgewachsen, ich bin da hinein gewachsen. Sieh, schon bevor ich laufen konnte, hat jeder um mich herum Taijiquan trainiert und je größer ich wurde – immer machten alle Taijiquan. Es gab zu meiner Kindheit kein Fernsehen oder ähnliches. Taijiquan war bei uns einfach das, was man machte, worüber man sich unterhielt. So macht man es schon von ganz alleine. Wenn man dann besser wird, will man es nicht mehr missen und es ist eher eine Überwindung, wenn man sich entscheidet, einmal nicht zu trainieren, um etwas anderes zu machen. Frage: Wie ist es heute, Sie unterrichten viel und kümmernsichumdie ganze Schuleundvielesmehr. Haben Sie noch Zeit, für sich alleine zu trainieren? Ich habe das während meines Aufenthaltes hier noch nie gesehen. GM Chen Xiaoxing: Ich bin hier recht bekannt (lacht).Wenn ich hier in der Öffentlichkeit trainiere, würden immer alle zugucken. Ich liebe es, ganz für mich alleine in der Stille zu sein. So kann ich am tiefsten in meine Praxis kommen und am Besten trainieren. Daher trainiere ich immer morgens um 5 Uhr für mich bei mir, wo mich keiner sieht.

Frage: Die meisten hier trainieren den „Großen Rahmen“ (dajia-laojia). Warum sieht man hier den „Kleinen Rahmen“ (xiaojia) so selten?

GM Chen Xiaoxing: Der „Große Rahmen“ (dajia), bzw. der „Alte Rahmen“ (laojia) ist von unserem Vorfahren Chen Changxing. Die meisten lieben diese Formen und sie haben sichammeisten durchgesetzt. Der „Kleine Rahmen“ (xiaojia) ist von Chen Youben entwickelt worden. Er ist auch überliefert, aber nicht so stark wie der von Chen Changxing.

Frage: Seit es das von GMChenXiaowang ins Leben gerufene Hilfsprojekt für Chenjiagou durch seinen Kalligraphie-Verkauf gibt, ist hier viel passiert. Der Chen Wangting Tempel wurde gebaut und nun soll auch ein Chen Changxing Tempel entstehen. Die eigentliche Taiji-Schule hier in Chenjiagou wirkt jedoch ziemlich hinfällig. Warum wird diese nicht auch wieder restauriert?

GM Chen Xiaoxing: Wir wollen auf jeden Fall diese Schule hier restaurieren. Sie ist das Herzstück von Chenjiagou. Wir alle, auch Euer Großmeister, mein Bruder Xiaowang, hat sein Leben lang hier trainiert. Aber es muss alles der Reihe nach gehen. Zuerst sollen die beiden Tempel unserer Ahnen fertiggestellt werden, dann kommt unser eigenes Gebäude. Dazu kommt, dass wir uns bisher noch nicht entschließen konnten, welche Teile auf welche Weise und in welcher Reihenfolge restauriert werden sollen. Es gibt verschiedene Ideen und Pläne, aber wir haben uns noch nicht auf einen definitiv festgelegt.

Frage: Was sind Ihre Ziele für die nächsten 10 Jahre?

GM Chen Xiaoxing: In den nächsten fünf Jahren möchte ich gern wie gesagt unsere Taiji-Schule hier renovieren…(kurzes Nachdenken)…und nach weiteren fünf Jahren noch eine weitere eröffnen!

Großer Applaus der Zuhörer und Fragesteller; Großmeister Chen Xiaoxing erhebt sich und trainiert mit der Reisegruppe zwei Stunden lang die 38er Form.

Jan Silberstorff

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AUSZUG AUS DEM „TAIJIQUAN TU SHUO“

VON CHEN XIN, 16. GENERATION CHEN FAMILIE ÜBERSETZUNG INBI/SILBERSTORFF (AUSSCHNITT)

Während der Praxis des Tajiiquan ist es normalerweise nicht notwendig, sich anfänglich in die kardinalen Richtungen auszurichten. Wie dem auch sei, da das Sternenbild des großen Wagens nach Norden gerichtet ist, sollte der Ausübende sich respektvoll in diese Richtung stellen, denn dies ist die Quelle der entsprechenden Energie im menschlichen Körper, bekannt als Zhong-Qi oder Zentrale Innere Energie. Deshalb sind alle Figuren (die in diesem Buch präsentiert werden) nach Norden ausgerichtet, mit dem Rücken nach Süden, den Osten zur Rechten und den Westen zur Linken.

Um den Weg des Himmels zu bestimmen, musst Du zu den Substanzen Yin und Yang Zuflucht nehmen. Um den Weg der Erde zu etablieren, musst Du das Konzept von Hart und Weich anwenden; um den Weg der Menschen zu finden,
brauchst Du Wohlwollen und Rechtschaffenheit.

Fülle Deine Beine und Arme mit der Energie des Seiden-Wickelns; richte Deinen Kopf auf und schau gerade nach vorne. Wenn Du sitzt, sei wie die Angel einer Tür; wenn Du stehst, sei wie ein leerer Raum.

China Reise 2009
(Das Taijiquan Tu Shuo („der illustrierte Kanon des Taijiquan“) ist das wohl umfassendste chinesische Werk über Taijiquan. Es wurde innerhalb von 12 Jahren Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst und gilt als einer der wesentlichen Klassiker des Chenstils.)

Konfuzius sagt, „Begegnest Du Respektlosigkeit, schau nicht hin; begegnest Du Respektlosigkeit, höre nicht hin; begegnest Du Respektlosigkeit, sprich nicht einmal darüber; begegnest Du Respektlosigkeit, bewege sie nicht.“ Während Du Taijiquan praktizierst, sei dabei ehrfurchts- und respektvoll, als ein natürlicher Teil des Prozesses. Den etablierten Formen und Regeln folgend, betrachte die Taiji Form, höre auf sie, sprich über sie und bewege Dich mit ihr von innen heraus. Wenn Du die Form nicht übst, beruhige Dein Gemüt und Dein Herz und befriede Deine Energie um Dich mit dem spirituellen Element zu vermischen.Währenddes Übens, beruhige Deinen Geist und Deine Energie, um Deinen oberen und unteren Körperpartien zu erlauben, sich frei und natürlich ohne Künstlichkeit zu bewegen.Versuche den Mechanismus des Taijiquan vernünftig in Übereinstimmung mit den inneren Normen und Riten einzuleiten. Die Riten des Taijiquan besagen, das man kein langsames und träges Qi durch den Körper fließen lassen sollte. Wenn diese träge Energie sich `verdickt´, wirst Du eine sehr große Anzahl von Bewegungen gebrauchen müssen, um der Heranbildung myriader Krankheiten vorzubeugen, indem Du diese Energie aus allen Bereichen des Körpers damit heraus treibst.

Die Riten basieren auf Respekt und Freude und gehen hervor aus Friede und Harmonie. Wenn Du respektvoll sein kannst und Frieden und Harmonie beibehalten kannst, wirst Du ein guter Ausübender des Taijiquan. Es wird gesagt, „Taijiquan ist der Weg der Kunst.“ Wie die Meister sagen, „wenn die etablierten Regeln sehr streng sind, wird auch ein Weiser mit hohem Können trotz seines Gongfu nicht in der Lage sein, ihnen zu folgen.“ Wenn es der Gegenstand der Kunst ist, was sollte getan werden, es zu verstehen? Es wird ebenso gesagt, dass du durch die Praxis des Taiji lernst, Deine Tugend zu kultivieren, Deinen Charakter zu korrigieren und dein Leben zu beschützen. Wie Menzius sagt, „ohne etablierte Praktik und Regeln kann man nicht entgegenkommend und zurückhaltend in seinem Verhalten werden.“

Den Weg des Taiji zu praktizieren, die klassischen Schriften nicht zurückzuweisen und jedem einzelnen Wort vom Anfang bis zum Ende Respekt entgegenzubringen – wer dieses tut, kann sich selbst als mit ganzem Herzen dem Studium des Taiji gewidmet bezeichnen. Seinen Willensentschluss zu fördern bis er befreit ist von dem Wollen, welches in seiner Brust gefangen ist, so wird er die (große) Einheit in Übereinstimmung mit dem einen Taiji Prinzip erreichen. Dieses Prinzip oder die (große) Einheit ist das Studium (der folgenden Seiten).

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CHEN TAIJIQUAN ALS SELBSTVERTEIDIGUNG FÜR FRAUEN ODER: „FÜR EINE FRAU PUSHST DU GANZ GUT“China Reise 2009

Zwar trainieren immer mehr Frauen Taijiquan, jedoch bestehen bei vielen Frauen mit dem Thema Tuishou – den „Schiebenden Händen“ Berührungsängste.

Wolfe Lowenthal versucht in seinem Buch Es gibt keine Geheimnisse dafür eine Erklärung zu finden:

„Professor Zheng Manqing war der Ansicht, dass Frauen für das Taijiquan von Natur aus begabter sind. Männer brauchen meist Jahre, bis sie dieses– den Frauen innewohnende Gespür für Feinfühligkeit
und Sanftheit entwickelt haben. Trotzdem kann es auch bei Frauen jahrelang dauern, bis sich ihr Talent „auszahlt“. Und in der Zwischenzeit werden sie– wenn sie in einer unsensiblen Umgebung Tuishou üben – herum geschubst und, was sie wahrscheinlich am meisten frustriert, von körperlich stärkeren Männern „unterrichtet“, die sich – nur weil sie „gewinnen“ einbilden, mehr zu wissen.“ [1]

Dabei zeige sich die Qualität einer Taijischule, so Lowenthal, unter anderem darin, „inwieweit Frauen am Tuishou beteiligt sind“[2].

Das Tuishou-Training demonstriert deutlicher als das Formentraining den kämpferischen Aspekt des Taijiquan. Außerdem stellt es die Verbindung zur Selbstverteidigung dar.

Taijiquan gilt als eine sehr effektive Selbstverteidigungskunst. Aber gilt das auch für Frauen? Ist diese alte chinesische Kunst in der Lage den heutigen Lebensbedingungen von Frauen gerecht zu werden?

SELBSTVERTEIDIGUNG FÜR MÄNNER UND FRAUEN
Als Selbstverteidigung wird die Vermeidung von Angriffen auf die seelische und körperliche Unversehrtheit eines Menschen bezeichnet. Selbstverteidigung heißt, sich selbst zu vertrauen, der eigenen Kraft und Stärke, dem eigenen Gefühl und dem eigenen Willen. In der Selbstverteidigung geht es nicht nur darum, gegen jemanden zu kämpfen, sondern für sich selbst einzutreten. Innerhalb dieses Verständnisses ist Selbstbehauptung der Teil der Selbstverteidigung, in dem es nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Vielmehr geht es um Grenzverletzungen jeglicher Art, genauer gesagt, um Strategien
gegen diese Grenzverletzungen. Im Folgenden ist mit Selbstverteidigung immer auch Selbstbehauptung gemeint.
Voraussetzung für Selbstverteidigung ist zunächst ein Bewusstsein seiner selbst zu haben bzw. zu schaffen. Das bedeutet auch, sich der eigenen Angst und der damit einhergehenden Einschränkungen bewusst zu werden und diese nicht mehr hinnehmen
zu wollen, um in dem Moment zu handeln und sich zu wehren, in dem die eigene Distanzschwelle verletzt oder durchbrochen wird. Begrenzungen als solche wahrzunehmen ist nicht immer einfach. Neben dem bereits erwähnten Bewusstsein braucht es auch
Mut, sich diese Ängste und Einschränkungen einzugestehen.

Selbstverteidigung für Frauen muss jedoch auch innerhalb eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges betrachtet werden. So schreibt Jan Silberstorff in seinem Buch Schiebende Hände: „Ich weise allerdings noch einmal darauf hin, dass in der
Frauenselbstverteidigung andere Gesetze gelten als in der der Männer.“ [3]

Für eine frauenspezifische Selbstverteidigung ist es zunächst notwendig, den strukturellen Aspekt von Gewalt gegen Frauen zu verstehen: Verschiedene Gewaltformen dienen der Einschüchterung und halten Frauen in Angst. Sexuelle Gewalt zieht sich
durch alle sozialen Schichten und reicht von diskriminierenden Gesellschaftsstrukturen bis zu direkten körperlichen Übergriffen. Die Gewalttäter sind überwiegend Männer und stammen meist aus dem nahen familiären Umfeld oder aus dem Kollegen- und
Bekanntenkreis. Die alltägliche Gewalt besitzt viele Ausdrucksformen: Frauen werden beleidigt, eingeschüchtert,
vergewaltigt und ermordet.

Vergewaltigung sehen Autorinnen wie Susan Brownmiller als Machtinstrument des Mannes gegenüber der Frau. [4] Die Fakten sind bereits seit den 80-er Jahren bekannt, und obwohl mittlerweile in der Öffentlichkeit diesem Thema gegenüber eine größere
Sensibilität besteht, dämmt dies die Gewaltverbrechen nicht ein. Diese Fakten sind daher eine Realität für jede Frau, auch im 21. Jahrhundert, egal ob sie persönlich davon betroffen ist oder nicht.

Um speziell Frauen die Vorteile des Taijiquan bezüglich der Selbstverteidigung näher bringen zu können, müssen diese Fakten und ihre Auswirkungen im Unterricht Berücksichtigung finden.

Gewalt, besonders in ihrer sexuellen Ausprägung, beschneidet in extremer Art und Weise die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen und hindert sie an der vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Alltägliche Demütigungen beeinträchtigen das
Selbstwertgefühl von Mädchen stark. Häufig führen Gewalterfahrungen dazu, dass Mädchen ihren eigenen Körper ablehnen, ja sogar in ihm die eigentliche Ursache der Gewalt sehen. Solche massiven Angriffe haben weit reichende Folgen bezüglich der Körperwahrnehmung und dem Verhältnis zum eigenen Körper. Untersuchungen verschiedener Frauen-Notrufgruppen,
die von sexuellem Missbrauch Betroffene beraten, bestätigen diese Auswirkungen. Die betroffenen Frauen und Mädchen leiden vor allem unter dem Gefühl, sich nicht wehren zu können und verlieren das Vertrauen in die eigenen Stärken. Dies kann dazu führen, dass Frauen ihren physischen und geistigen Bewegungsraum einschränken. Manchmal geschehen diese Einschränkungen sogar unbewusst und werden dadurch folglich gar nicht als solche wahrgenommen.

FRAUEN UND TUISHOU
Immer wieder gibt es im Taiji Frauen, die trotz jahrelanger Trainingserfahrung, dem Tuishou skeptisch gegenüberstehen. Im Taijiquan geht es um Weichheit, Nachgiebigkeit, „ins Verlieren soll investiert“ (Zheng Manqing) werden. Eigenschaften die viele
Frauen sozialisationsbedingt sowieso schon mitbringen. Oft ist es aber die andere Seite, die vielen Frauen nicht zur Verfügung steht: Sich Raum nehmen, stehen zu bleiben, entschlossen für sich selbst und nicht nur für andere zu kämpfen fällt Frauen nicht
immer leicht.
Durch die Stehmeditation nehme ich mir zunächst meinen eigenen Raum, den Raum in mir. Dies ist Grundvoraussetzung dafür auch den Raum in der Welt auszufüllen. Durch die ausschließliche Betonung von Weichheit und Nachgiebigkeit wird im Schiebende Hände-Training die Sozialisation von Frauen erstmals noch verstärkt, anstatt ausgeglichen bzw. überhaupt berücksichtigt. Für viele Frauen wäre es sinnvoll, zuerst mehr ins Gewinnen zu investieren, sich Raum nehmen zu lernen, stehen bleiben zu können bevor sie in etwas investieren, das sie sowieso schon ganz gut können. Erst dadurch gibt es überhaupt die Wahlmöglichkeit, und jede kann sich entscheiden ob sie stehen bleibt oder weggehen möchte. Sicherlich kommt auch für Frauen der Zeitpunkt, ins Verlieren zu investieren. Für Frauen besteht innerhalb des klassischen Taijiquan-Trainings die Gefahr, den zweiten vor dem ersten Schritt zu machen und so gar keine Wahl zu haben.

Auch um sich für andere einzusetzen, um anderen helfen zu können, muss ich zuerst selbst stabil und sicher sein, sozusagen in meinem eigenen Gleichgewicht stehen. Nur so kann ich wirklich effektiv auch für andere handlungsfähig werden.

Frauen äußern manchmal, dass sie keine Lust haben, zusätzlich auch noch beim Taijiquan herum geschubst zu werden. Oftmals haben sie einfach noch keine positiven Erfahrungen innerhalb des „Pushhands“ gemacht. Gerade das „Pushhands“-Training
bietet jedoch viele Möglichkeiten, sich selbst kennen zu lernen, den eigenen Handlungsspielraum zu erproben und zu erweitern sowie sich spielerisch und mit viel Freude dem kämpferischen Aspekt des Taijiquan anzunähern. Es wäre doch zu schade, diesen Teil des Kuchens noch nicht einmal probieren zu wollen.

„Für eine Frau pushst du ganz gut“ hörte ich neulich zum wiederholten Male während eines Seminares von einem Taiji-Kollegen. Diese Aussage ist sehr aufschlussreich: Auch im Taijiquan ist der Mann das Maß aller Dinge. Deswegen ist es sinnvoll, Frauen
auch explizit von Frauen unterrichten zu lassen.

Um Frauen die Möglichkeit zu geben, sich die Erfahrungen des Tuishou zu erschließen, habe ich gemeinsam mit Almut Schmitz 2008 das erste stilübergreifende Frauen Pushhands-Treffen in Deutschland initiiert. [5] Die Idee ist, Frauen von Frauen unterrichten zu lassen und einen Raum zu bieten, in dem sich auch Frauen, die dem Pushhands eher skeptisch gegenüber
stehen, erproben können. Aber diese Treffen bieten auch die Möglichkeit zum Austausch unter erfahrenen „Pusherinnen“. Außerdem ist es ein Anliegen, Netzwerke mit Frauen zu bilden, die sich mit dem Thema Taijiquan bzw. Tuishou, stilübergreifend
beschäftigen möchten.

TAIJIQUAN UND SELBSTVERTEIDIGUNG
Im Vergleich zu meinen eigenen Erfahrungen mit Karate und anderen Kampfkünsten sowie mit Selbstverteidigung, wurde mir relativ schnell der große Nutzen des Taijiquan, wie ich es in der WCTAG, unter Chen Xiaowang und Jan Silberstorff erlerne, deutlich.
Da mich persönlich an den Kampfkünsten schon immer ihre Wirksamkeit im Bezug auf die Selbstverteidigung interessiert hat, fragte ich mich nach den ersten Erfahrungen mit der Stehmeditation im Chen Taijiquan, der so genannten „Stehenden Säule“
(Zhanzhuang) schon hin und wieder: „Was soll dieses „Herum-Stehen“, kombiniert mit den langsamen Bewegungen des Taijiquan für eine ernsthafte, körperliche Auseinandersetzung bringen?“

Bald spürte ich jedoch die ersten Veränderungen. Ich fühlte und füllte mehr und mehr meinen eigenen, inneren Raum. Ich wurde ruhiger und gelassener und langsam entwickelte sich ein Gefühl der eigenen Mitte. Das Training half mir im alltäglichen Stress
immer besser zu entspannen und loszulassen. Die Möglichkeit, unter Druck bzw. unter Stress zu entspannen und dadurch einen besseren Überblick zu bewahren, kann in einer Selbstverteidigungssituation von existenzieller Wichtigkeit sein.

Durch die Stärkung der eigenen Mitte, durch eine ruhige und realistische Wahrnehmung, durch ein friedvolleres und gesünderes Umgehen mit sich selbst und anderen in Verbindung mit einer immer besser werdenden eigenen Standhaftigkeit und einer
verbesserten Körperstruktur wächst auch die Entschlossenheit, ganz und gar für sich einzustehen. Die Voraussetzung dafür ist die Schaffung des eigenen Bewusstseins, des Selbst-Bewusstseins. Gerade die Stehmeditation schafft diesen Bewusstseins-Zustand. Die Stehmeditation hilft, den eigenen Raum wahrzunehmen und ihn zu bewahren.

Jedoch kann das Taijiquan-Training im Bezug auf Selbstverteidigung auch seine Tücken haben. Festgelegte Regeln mancher Systeme sind ein Nachteil solcher Kampfkünste, für Männer wie für Frauen, da die Gefahr besteht, sich auch in einer ernsthaften
körperlichen Auseinandersetzung automatisch, da eintrainiert, an diese Regeln zu halten. So schreibt auch Jan Silberstorff:

„Unter Missachtung der eigentlichen Zielsetzung wird es (das Pushhands, Anm. d. Verf. ) oft herunter gebrochen zu einem reinen Geschicklichkeitsgerangel, welches mit der Zeit seine eigene Dynamik und Reglementierung erhalten hat. Letztere ist jedoch
häufig nicht mehr von ernsthafter kampfbezogener Relevanz“ (S. 24, Schiebende Hände).

Eine tatsächliche, körperliche Auseinandersetzung zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass sie unfair, hinterlistig und unkontrolliert ist. Alles ist erlaubt, es gibt keine Regeln! Dies zu berücksichtigen ist wichtig- für Männer und für Frauen!

Hinzu kommen sollte, dass die spezielle Situation von Frauen innerhalb des Taijiquan-Trainings Berücksichtigung findet.
Meiner Meinung nach fängt die Selbstverteidigung im Taijiquan bei den beschriebenen positiven Auswirkungen der Stehmeditation an. Die Sicherheit mit sich selbst sowie eine ruhige, zentrierte und friedliche Ausstrahlung und eine feinere Wahrnehmung sind die besten Voraussetzungen für Selbstverteidigung, da allein durch diese Ausstrahlung häufig erst gar keine (körperlichen) Auseinandersetzungen mehr zustande kommen. Dies gilt nicht in jeder Situation und ist keine Garantie dafür, dass keine Übergriffe mehr stattfinden. Nicht unerwähnt sollen an dieser Stelle auch der gesundheitliche und seelische Nutzen und das spirituelle oder geistige Potential des Taijiquan bleiben. So hilft es, sich gesund zu halten und die Zusammenhänge der Welt und des Seins grundsätzlich besser zu verstehen können. Das Taijiquan bietet eine wundervolle Möglichkeit, sich etwas Gutes zu
tun: zur Ruhe zu kommen und sich immer besser zu zentrieren und dadurch mehr Stabilität zu finden, um den Widrigkeiten des ganz normalen Alltages besser Stand halten zu können. So führt das Taiji-Training vor allen Dingen hin zu einem entspannten, friedvolleren und damit glücklicherem Leben und bietet dadurch auch die Grundvoraussetzungen für einen geistigen Weg.

TAIJIQUAN UNTERRICHT FÜR FRAUEN
Aus der Überzeugung, dass Chen Taijiquan eine effektive Möglichkeit zur Selbstverteidigung sein kann, biete ich schon seit mehreren Jahren Frauen Taiji Kurse an. Innerhalb meines Trainingskonzeptes für Frauen ist Selbstverteidigung immer wieder ein
zentrales Thema. Selbstverteidigung bedeutet für mich mit Lust die EigenMacht wieder zu entdecken, sich selbst wertzuschätzen, sich ernst zu nehmen. Information und Aufklärung gehören genauso zum Training wie der Spaß am Entdecken und Spüren der eigenen körperlichen Stärken. Meine früheren Erfahrungen mit feministischer Selbstverteidigung, Wendo [6], hat mich genauso wie das Taiji-Training gelehrt, dass nicht die erlernte Technik grundlegend ist für den Erfolg, vielmehr ist es die Einstellung und
die Entschlossenheit. Innerhalb dieses Verständnisses von Selbstverteidigung ist jede Entscheidung in Ordnung, auch ein Nicht-Handeln kann eine Entscheidung sein.Wenn Taijiquan als Selbstverteidigung für Frauen funktionieren soll, müssen auch Themen wie Angst und Wut, persönliche Hemmschwellen, beispielsweise Schlaghemmungen oder Rollenverhalten behandelt werden. Die Erfahrungen körperlicher Selbstverteidigung sollten einen Übertrag finden in den Alltag der Frauen, in dem keine körperlichen Kämpfe stattfinden. So soll ein Bewusstsein über die eigenen Muster und Konditionierungen als auch über die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten geschaffen werden.

Die notwendigen Informationen und Fakten zu den Situationen, in denen Frauen Grenzüberschreitungen und Gewalt erleben, sollten im Taiji-Training genauso Berücksichtigung finden wie die spezielle Sozialisation von Frauen. Eine effektive Selbstverteidigung für Frauen muss sich über diese Fakten im Klaren sein und diese in ihr Konzept mit einbeziehen. Sonst läuft jede Kampfkunst/Selbstverteidigung Gefahr für Frauen nutzlos zu sein. Wenn aber der speziellen Situation von Frauen Rechnung getragen wird, bietet Taijiquan auch für Frauen eine wirksame Möglichkeit zur Selbstverteidigung. Innerhalb des Taijiquan kann das Pushhands -Training - mit der richtigen Intention geübt - sehr gut auf körperliche Auseinandersetzungen vorbereiten, noch
dazu ohne großes Verletzungsrisiko. Es ist die Brücke zur Selbstverteidigung, aber es muss auch klar sein, dass es nicht die Selbstverteidigung an und für sich ist. Jedoch bietet das Pushen eine wundervolle Möglichkeit, die Taiji-Prinzipien zu zweit umzusetzen, auszuprobieren bzw. zu überprüfen in wie weit diese Übersetzung gelingt. Um den eigenen Stand zu überprüfen und zu verbessern, sowie die eigene Entschlossenheit zu stärken, können Übungen im festen Stand (Dingbu) genauso verwendet werden wie Übungen mit Schritten (Houbu). Darüber hinaus kann gezeigt werden, wie die Taiji-Prinzipien gerade auch in der Frauenselbstverteidigung angewendet werden können. Chen Taijiquan kann so die Möglichkeit bieten sich als Frau mit viel Freude mit der kämpferischen Seite des Taijiquan zu beschäftigen. Es kann helfen die eigene Entschlossenheit zu entwickeln,
für sich selbst einzustehen, für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst zu sorgen, sich selbst etwas Gutes zu tun: Die Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren, bei anderen und bei sich selbst. Regelmäßiges Taiji-Training verschafft in erster Linie Wohlbefinden und Gesundheit, es gibt uns Selbst- Bewusstsein, es stärkt unser Selbst-Vertrauen und bietet so die Basis für alles Weitere: Zufriedenheit und Glück, spirituelles Wachsen mit Hilfe einer Kampfkunst und eben auch die Möglichkeit zur effektiven Selbstbehauptung bzw. Selbstverteidigung.
Und so beantwortete ich die anfangs gestellte Frage:
Ja - Chen Taijiquan ist eine effektive Selbstverteidigungskunst. Unter bestimmten Voraussetzungen auch für Frauen.

[1] Wolfe Lowenthal Es gibt keine Geheimnisse. Norderstedt: Kolibri- Verl., 1993, S. 49.
[2] ebd.
[3] Jan Silberstorff, Schiebende Hände, Velbert : Lotus-Press, 2008, S.258.
[4] Susan Brownmiller, Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männergesellschaft, Frankfurt: S. Fischer 1978.
[5] 2010 wird dieses Treffen zum dritten Mal stattfinden: vom 04.06. bis 06.06. 2010 in Hamburg.
[6] Anfang der siebziger Jahre entstand in Kanada eines der ersten feministischen Selbstverteidigungssysteme, Wendo, aus der
Erfahrung heraus, dass auch Frauen, die Kampfsport trainierten, sich häufig in realen Angriffssituationen nicht mit Hilfe der erlernten Techniken zur Wehr setzten. „Wendo“ ist eine Wortneuschöpfung – analog zu verschiedenen Budo-Künsten – die sich aus „Wen“, einer Abkürzung für das englische „women“ (Frauen), und „Do“, japanisch für Weg, zusammensetzt und „Weg der
Frauen“ bzw. „Frauen in Bewegung bedeutet“. Literaturliste zum Thema von Sasa Krauter im Internet unter www.wctag.de

Sasa Krauter
Dipl. Sportpädagogin
Taijiquan und Qi Gong-Lehrerin WCTAG
Sporttherapeutin (DVGS)

Neben ihrem Taiji-Unterricht für Männer und Frauen, ist Sasa Krauter Leiterin der Taiji-Abteilung in der Frauenkampfkunstschule Innae in Karlsruhe. Außer am kämpferischen ist sie am therapeutischen und geistigen Aspekt des Taijiquan interessiert. Hierbei
ist sie u.a. in der Ausbildung für angehende Sport- Therapeuten und Therapeutinnen tätig und unterrichtet neben Taiji auch Qi Gong und Meditation. Seit Mitte der 80-er Jahre beschäftigt sie sich intensiv mit den Themen östliche Philosophien, Kampfkünste sowie Frauen und Selbstverteidigung. Chen Taijiquan nach Chen Xiaowang ist für sie ein Lebensweg geworden, in dem sich Gesundheit, Spiritualität und Kampfkunst vereinen. Sie sieht Taijiquan als Lebenskunst, um Körper und Geist zu schulen und versteht ihren Unterricht als Aufgabe etwas vom großen Erfahrungsschatz des Taijiquan weiterzugeben.

China Reise 2009

www.sasakrauter.de

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LAOZI: KOMMENTAR ZUM DAODEJING, VERS 48

Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.
Wer das DAO übt, vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schließlich ankommt beim Nichts machen.
Beim Nichts machen bleibt nichts ungemacht.

Eine der wesentlichen Kernaussagen: „Lernen“, sprich das Anhäufen und Abspeichern von Informationen, vermehrt – man weiß mehr als vorher. Immer und täglich mehr. Doch dies verwirrt den Geist nach Laozi bloß und vor allem bringt er ihn weg vom Wesentlichen. Denn nur in der Leere ist das DAO in seinem vollen Ausmaß, in seiner Unendlichkeit erfahrbar. Dies jedoch bedeutet zu vermindern. Denn der beschäftigte Geist fasst nur den Teil seiner Beschäftigung. Er kann nicht weit ins Unergründliche schweifen, kann nicht weit werden wie die Unendlichkeit. Handelt es sich nun um viel Beschäftigung, so springt der Geist nervös von einem Punkt zum anderen, nie aber hat er die Möglichkeit, sich seiner eigenen Tiefe bewusst zu werden. Dazu kommt, dass die Beschäftigung in der Regel künstlicher Natur, auf Gewinnstreben des Menschen in seiner von ihm selbst geschaffenenWelt und nicht in der Hingabe an die natürliche Welt, in die er geboren wurde, ist. So wird der Mensch zwangsläufig mit der Zeit frustriert und krank und hat keine Möglichkeit zu sich selbst und seinem Ursprung zu finden. Daher kann das DAO nicht erlernt, sondern nur erfahren werden. Um es zu erfahren, muss der Geist jedoch von allem eigenen und von aller Beschäftigung frei sein. Denn nur so, wenn er nichts hat, auf das er sich richten kann, fällt er auf sich selbst zurück und ist in der Lage seine eigene Natur zu schauen, die direkt aus dem DAO ist. So ist also der Weg des DAO nicht der des Lernens, sondern
des Aufgebens. Des Lassens soweit, bis es nichts mehr zu lassen gibt. Nun ist er am Nichts angelangt. Sein Geist ist wie ein reines Tuch - wie ein leerer Spiegel: Nichts ist in ihn eingedrückt und einzig Klarheit und endlose Leere ist in ihm. Dies bedeutet am Ursprung angekommen zu sein. Den natürlichen Regungen, die nun aus diesem reinen, unschuldigen und ursprünglichen Geist kommen, ist wie eine Neugeburt, bzw. eine uralte Geburt, die allererste Geburt, das allererste Wahrnehmen und so eins mit dem DAO aus dem er kommt. In diesem natürlichen Zustand verweilt er ohne konditioniert zu sein. Und so werden alle seine Handlungen naturgerecht. So macht er in dem Sinne nichts und doch bleibt nichts ungetan. Denn er tut, was ihm bestimmt ist zu tun, folgt darin seinem natürlichen Maß und vollendet so ohne Verbrauch.

Das Reich erlangen kann man nur, wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.

Denn, wie bereits erläutert:

Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt, das
Reich zu erlangen.

China Reise 2009Das Wort „Reich“ steht im Chinesischen mit „tian xia“, was
eine gängige Bezeichnung hierfür ist und wörtlich heißt: „(alles) unter dem Himmel“. Daraus ergibt sich aber nicht nur für den Herrscher, sondern auch für den normalen Bürger die mystische Bedeutung, „alles unter dem Himmel“ zu erlangen. Dies ist dann jedoch wieder so zu verstehen, dass wir durch die (Wiederver-) Einung mit dem DAO zu unserer natürlichen
Bestimmung, zu unserer eigentlichen Glückseligkeit und zu unserem für uns gegebenen Ziel gelangen und so das Leben (DE) in Vollkommenheit führen. Auf dieseWeise erhalten wir alles was wir brauchen und sind eins mit unserer Natur und somit sinnerfüllt und von Natur aus glücklich und gesund. Letzteres gerade dadurch, dass unser Geist - gleich dem Herrscher - klar und übersichtlich ohne Vorurteil ist. So kann der Körper in seiner Natur sein und wird vor ihm nicht durcheinander gebracht. Der Geist ist in der Lage, den Körper
in Reinheit zu führen und beide erlangen so ihr volles Potential.

Jan Silberstorff

(Das gesamte Kommentarwerk erscheint
Ende 2010 bei Lotus-Press)

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TAIJIQUAN – DIE SCHRIFTZEICHEN IM DETAIL

Taijiquan ist neben dem chinesischen Essen, der chinesischen Medizin etc. ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kultur geworden, welcher im Westen große Beliebtheit erreicht hat. Vor nicht all zu langer Zeit war Taijiquan noch ein Fremdwort und wenn, dann unter dem Begriff Schattenboxen bekannt. Es wurde als „langsame Gymnastik“ bezeichnet und folgendermaßen dargestellt: „Die alten Leute in China machen diese Übungen morgens im Park“. Heutzutage kann man fast mit jedem über Taijiquan sprechen, ohne zuerst den Begriff erklären zu müssen. Taijiquan ist in. Diese Bewegung hat auch Auswirkungen auf sein Heimatland. China selbst strengt sich viel mehr an, um diesen Schatz, und das damit verbundene Wissen, aus der verborgenen Tiefe herauszuholen. Es ist nicht mehr eine einfache „Alte-Leute- Sache“. Es ist ein zutiefst interessanter Teil der
Kampfkunst und Lebensphilosophie. Die Legende lebt.

Tai

 

 

Schriftzeichen

Ji

 

Quan

Taijiquan beinhaltet allein durch seinen Namen wesentlich mehr Elemente als eine Sportart. Nicht umsonst lernt man z.B. in Kursen seine Geschichte kennen, die das Denken der Chinesen und deren Art zu handeln umfasst. Keine andere Kampfkunst besitzt eine ähnliche Popularität und Verbreitung.

Taijiquan hatte zuvor bereits viele Namen, so z.B. „lange Faust“ (Changquan), „Baumwolle Faust“ (Mianquan) oder „weiche Hand“ (Ruanshou). All diese Begriffe betonen direkt die „weiche Kraft“.
Schließlich wurde der Name mit „Taiji–Faust“ besiegelt. Dabei verkörpert Taiji die wichtigste Philosophie Chinas, die den Inhalt dieser „weichen“ Kampfkunst in höchstem Maße erweitert.

 

 

 

 

Das chinesische Schriftzeichen für „Eins“ wird im alten Lexikon „Shuo Wen Jie Zi – Wort- und Zeichenerklärung“ so definiert: Eins bedeutet Anfang und damit ist Taiji gemeint. Dao – der Weg- baut auf dieser Eins auf, erschafft den Himmel und die Erde und verwandelt sie in alle „zehntausend Dinge“ (Wan Wu). In der Tat steht die Eins immer an der ersten Stelle der Wörterbücher. Danach folgen alle anderen Wörter. Wenn wir diese Eins vertikal hochstellen und dreidimensional betrachten ist es eine Säule.

Yi

Schriftzeichen

Mit Worten beschreibt man dies als Taiji - die „höchste Säule“. Dabei steht das Zeichen „Tai“ für „höchst“, wie ein „großer Mensch
auf der Erde“ dargestellt wird, während „Ji“ für Säule aus „einem Baum und einem Menschen, der zwischen Himmel und Erde steht“ zusammengesetzt wird. Die gegenüberstehenden zwei Pole nennen wir Yin und Yang. Bewegung (Dong) und Stille (Jing), hart (Gang) und weich (Rou) stehen beispielhaft für die komplementären Gegensätze im Yin/Yang-Konzept. Schon im Yijing und daraus abgeleiteten klassischen Schriften des Taijiquan heißt es, dass „Bewegung Yang, Stille Yin erzeugt“. Vielleicht ist das der Grund, warum das Taijiquan nach dem herausragenden philosophischen Begriff „Taiji“ benannt wurde.

Qi

Schriftzeichen

Eine wichtige Rolle hierbei spielt auch das Wort „Qi“. Das alte Schriftzeichen „Qi“ wird wie die „Luft“ dargestellt. Sie strömt, fließt und umfasst alles. (Das Schriftzeichen hat später diese Form angenommen: in der Mitte das Zeichen „Reis“, in dem Sinne, dass das Essen Energie gibt, oder die „acht Himmelsrichtungen“, weil das Zeichen die acht Himmelsrichtungen kennzeichnet). Daher gibt es kein passenderes Bild für die Darstellung der „Energie“ als die „Luft“. Sie wird auch als „Atem“ übersetzt. Im Taijiquan legen wir eine besondere Aufmerksamkeit auf das Ein- und Ausatmen, weil es den ewigen „Kreislauf“ symbolisiert. Die Luft oder auch die Energie geht nur dahin, wo es „leer“ ist. Daher betont man immer das Wort „Song“ für „locker“ oder „Entspannung“. Nur der entspannte Körper bietet diesen leeren Platz.

Song

Schriftzeichen

„Song“ für „locker“ bedeutet eigentlich die „Kiefer“, die tiefeWurzeln hat, dessen Wipfel hoch in den Himmel ragt und die ein langes Leben symbolisiert. Es ist nahezu das Traumsymbol für Qi-Übende, wenn man „im Mondschein unter der Kiefer meditiert und beim Sonnenaufgang mit denWolken wandelt“. Man soll stabil und gleichzeitig locker wie eine Kiefer sein.

 

 

 

Zhan

 

 

Schriftzeichen

Zhuang

 

Zhuang

Zu dieser Übungskategorie gehört auch Zhanzhuang – diestehendeSäule.Sieahmt die Kiefer auf diese Weise nach. Das chinesische Zeichen „Zhan“, „stehen und aufrechtstehen“, setzt man einfach aus „einem stehenden Menschen und einer Flagge auf einer Burg“ zusammen, während für das Zeichen „Zhuang“ zwei unterschiedliche Schreibweisen bekannt sind. Das alte „Zhuang“ setzt man aus „einem Baum und einem Mörser mit einem Stößel“ zusammen, symbolisch soll es der tief in den Boden gestampfte Pfahl sein. Das eue Zeichen setzt man aus „einem Baum und einem Dorf“ zusammen. Vielleicht ist es ein Zufall, dass diese Darstellung das verkleinerte Ebenbild von „Ji“, also das kleine Universum symbolisiert. Auf jeden Fall zeigt die Haltung einen Menschen zwischen Himmel und Erde stehend.

 

 

 

 

 

Yi

Schriftzeichen

Um das zu erreichen braucht man „Yi“, weil es um Wahrnehmung geht. Das Zeichen „Yi“ besteht aus dem „Herzen und der Stimme“. Lexikalisch bedeutet dasWort den „Sinn“ oder die „Idee“ oder die „Bedeutung“. Abgeleitet vom Hauptsinn wird das Zeichen auch im folgenden Sinne interpretiert: „Absicht, Wunsch, Wille, Vorstellung Bewusstsein“ etc. Als Verb bedeutet „Yi“ „denken“ oder „ausdenken“ oder „erraten“ oder „fühlen“. Große Kraft ergibt sich, wenn „Xin“(das Herz) und „Yi“ vereinigt werden (Xin Yu Yi He). Es ist möglich, Yi und Xin zu trainieren. Der Platz dafür heißt im Buddhismus „Kong“ – die Leere-, im Sinne von „frei von allen Hindernissen“. Im Daoismus ist es Dao – der Weg-, im Sinne von „natürlichem Dasein“. Das Yi im Training einzusetzen, verhindert jegliche unnötige „Kraftverschwendung“. Das ist die Kunst der Weichheit. Weichheit, weil alle anderen Worte, die wir im Taijiquan häufig erwähnen, „mit der Kraft“ Li zu tun haben, die in diesem Zusammenhang lediglich die „Härte“ zeigt.

 

 

Li

Schriftzeichen

Das chinesische Schriftzeichen für Kraft ist „Li“. Das wird im alten Zeichen wie ein „Pflug“ dargestellt. Der Pflug stellt übermenschliche „Kraft“ dar. Eine Menge Schriftzeichen tragen diese „Kraft“ in sich:

 

 

 

 

„Gong“ wie Qigong oder
„Gongfu“ für die harte Leistung:

„Jin“ für die Kraft:

jin
„Shi“ für die Stärke und Macht: jin
„Dong“ für die Bewegung: jin
„Yong“ für die Tapferkeit: jin
„Lao“ für die Arbeit: jin
„Le“ für Zügelanziehen: jin
„Qin“ für den Fleiß: jin
„Sheng“ für den Sieg: jin
„Lie“ für die Schwäche: jin

 

 

 

 









 

 

 

 

 

Wang Ning(Das Zeichen setzt man aus „Wenig und Kraft“ zusammen). Taijiquan zu üben schont die Kraft, stärkt die Energie. Das ist die Übung der Bewegung (Dong) und Stille (Jing), hart (Gang) und weich (Rou).

Wang Ning

 

 

 

 

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WCTAG-KIDS
(CÉCILE, 12 JAHRE ALT, SCHÜLERIN VON KURSLEITERIN TINA BAYLIS)

Ich heiße Cécile und bin 12 Jahre alt. Vor vier Jahren erzählte mir meine Mutter, die selbst regelmäßig Taiji übte, vom Chen-Stil des Taijiquan. China Reise 2009Da ich gerade auf der Suche nach einer für mich interessanten Sportart war, besuchte ich einen Schnupperkurs für
Kinder. Zudem war es damals in der Schule und mit einigen Schulkameraden etwas stressig, und ich bin daher mit der Hoffnung auf Entspannung zum Training gegangen. Beim Praktizieren der Übungen und der Form faszinierte mich, dass sowohl einerseits das Prinzip der Kampfkunst als auch andererseits die Ruhe im Taijiquan steckt. Die Mischung aus Taiji und einigen spielerischen
Übungen und der Spaß am Training haben mich mit meinen damals acht Jahren neugierig gemacht, mehr über Taijiquan zu erfahren. Von der Kraftanstrengung her finde ich das Training angenehm. Gleichzeitig ist es anspruchsvoll, und es ist eine gewisse Konzentration nötig um die Übungen nachzumachen. Es gefällt mir gut, dass die Trainingsstunden immer abwechslungsreich sind. Manchmal machen wir die Stehende Säule und laufen die 19ner Form oder die Laojia Yilu. In anderen Stunden üben wir die Schiebenden Hände und Seidenübungen. Ab und zu machen wir mal ein Spiel zur Konzentration und zum
Gleichgewicht. Am liebsten mag ich die Stehende Säule. Da werde ich immer besonders ruhig und kann abschalten. Manchmal kann ich die Energie fühlen, die durch den Körper fließt und es ist angenehm warm. Seitdem ich Taiji trainiere ist mein Alltag etwas anders. Im Vergleich zu früher, bevor ich mit dem Taijiquan angefangen habe, bin ich viel ruhiger und ausgeglichener geworden, auch in kritischen Situationen, wie zum Beispiel Streit oder Ärger. Körperlich bin ich auch nicht mehr so zappelig wie früher. Ich bin nicht mehr so viel krank und wenn, dann nicht so stark oder lange wie damals. Auch denke ich öfter über Dinge nach, über meine liebe Familie, die ich habe, über Freunde und über die Schule. Ich möchte Taiji weiter praktizieren und dadurch gesund und fit bleiben und noch gelassener sein. Mein Fazit: Taiji kann jeder! Um etwas zu erfahren, muss man nur wollen und
regelmäßig üben.

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WAFFENRECHTLICHE BETRACHTUNG ZUM WAFFENTRAINING IN DER ÖFFENTLICHKEIT

Aufgrund diverser Amokläufe von gestressten, lebensmüden Schülern und einem signifikanten Anstieg von Messerattacken in den vergangenen Jahren, kam es zu einer erhöhten Verunsicherung der Bevölkerung gegenüber Waffenträgern. Die Folge war eine Verschärfung der waffenrechtlichen Bestimmungen, sprich des Waffengesetzes (WaffG), zum 01.04.2008. Insbesondere der Umgang mit Messern hat hierbei eine Verschärfung erfahren. Ob und wie die Bestimmungen des WaffG für uns als Waffenformpraktizierende des Taijiquan greifen, gilt es zu prüfen. Ich werde mich bei meinen Ausführungen an den nachfolgend aufgeführten Prüfschritten orientieren:

Prüfschritt 1: Handelt es sich um eine Waffe im Sinne des WaffG?

Prüfschritt 2: Welche Form des Umgangs mit der Waffe liegt vor?

Prüfschritt 3: Ist das Führen der Waffe erlaubt?

Prüfschritt 4: Handelt es sich um eine verbotene Waffe?

Prüfschritt 1:

Handelt es sich um eine Waffe im Sinne des Waffengesetzes?

Ich selber praktiziere folgende Waffen: Schwert, Säbel, Stock/Speer, Hellebarde, Streitkolben1. Die aufgeführten Waffen habe ich legal erworben und bin Besitzer dieser Waffen. Die Waffen sind aus unterschiedlichen Materialien (Latex, Holz, Aluminium, Eisen, Stahl), sie sind teilweise stumpf oder einseitig angeschliffen, sie haben eine Spitze oder sie sind an der Spitze abgerundet, sie haben eine feststehende stabile Klinge oder eine nachgebende instabile Klinge. Es ist also fast die gesamte Bandbreite des frei erhältlichen Sortimentes abgebildet. Die Problematik ist, welche dieser Waffen technische Waffen im Sinne des WaffG und welche davon lediglich Sportgerät / Spielzeug sind? Die Latex- und Holzwaffen nehme ich aus meinen Betrachtungen heraus, da ich sie nicht für Waffen i. S. des WaffG halte, obwohl sie dennoch geeignet wären im Einzelfall eine erhebliche Körperverletzung (i. S. d. § 224 StGB „Gefährliche Körperverletzung“) herbeizuführen2. Nachfolgend sind die Waffen abgebildet auf die ich mich bei meinen weiteren Ausführungen beziehen werde3
(Bezugswaffen):

China Reise 2009
Schwert (Adam Hsu), ca. 700 g, 72 cm Klingenlänge, massive stabile Metallklinge, stumpf,
feste Spitze

1 Als Ersatzstreitkolben habe ich zwei massive Doppelstöcke von ca. 90 cm länge
2 Wir erinnern uns an Miyamoto Musashi. Er streckte viele Gegner mit einem Holzschwert nieder.
3 Die Langwaffen wie Hellebarde – Kombination von Säbel und Lanze – und Speer – Kombination von Messer und Stock – gehen mit in Betrachtungen zum Schwert
(langes Messer) und Säbel auf.

 

China Reise 2009
Säbel ca. 1000 g, Klingenlänge ca. 70 cm, massive stabile Metallklinge, stumpf, feste Spitze

China Reise 2009
Maisblattsäbel (Adam Hsu) 820 g, Klingenlänge ca. 78 cm, massive stabile Metallklinge,
Schneide angeschliffen, feste Spitze

Die Frage ist nun, darf ich mit diesen Waffen4 im öffentlichen Park trainieren oder nicht? Handelt es sich hier um technische Waffen im Sinne des WaffG? Und welche rechtlichen Konsequenzen muss ich im schlechtesten Fall erdulden?

Der § 1 Abs. 2 Nr. 2 des WaffG bezieht sich auf tragbare Gegenstände die gem. Unterpunkt a) ihrem Wesen nach dazu bestimmt5 sind, die Angriffs- oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu beseitigen oder herabzusetzen, insbesondere Hiebund Stoßwaffen. Schwert und Säbel (geschliffen oder nicht) sind ihremWesen nach dazu bestimmt und geeignet unter unmittelbarer Ausnutzung von Muskelkraft durch Hieb, Stoß, Schlag oder Wurf, die Angriffs- und Abwehrfähigkeit von Personen herabzusetzen6 (siehe hier zu in der Anlage 1, Abschnitt 1, Unterabschnitt 2 Nr. 1.1). Somit sind die aufgeführten Bezugswaffen gem. § 1 Abs. 2 Nr. 1 a in Verbindung mit Anlage 1 Abschnitt 1 Unterabschnitt 2 Nr. 1.1 WaffG Waffen im technischen Sinn und unterliegen Bestimmungen des WaffG.

Prüfschritt 2:

Welche Form des Umgangs mit Waffen liegt vor?

Was unter „Umgang“ mit einerWaffe zu verstehen ist, ist im § 1 Abs. 3 und 4 WaffG geregelt. Detaillierte Erläuterungen zu den einzelnen Umgangsformen sind in der Anlage 1 (Begriffsbestimmungen), Abschnitt 2 aufgeführt. Für uns ist primär die Umgangsform „führen einer Waffe“ relevant, sekundär aber auch die Umgangsformen „erwerben, besitzen und überlassen einer Waffe“.


4 Bei der Abhandlung werde ich ab jetzt die definierten Waffen Bezugswaffen nennen
5 Siehe hierzu Fachbeiträge von J. Silberstorff, G. Milbrat, K. Schlupkothen, R. zum Felde zum Verwendungsspektrum der Waffen, veröffentlich in den WCTAG Chen
Taijiquan Magazinen der letzten Jahre
6 die Absicht des Waffenführenden, jemanden zu verletzen oder nicht hat hiermit nichts zu tun

Die Grundsätze zum Umgang mitWaffen sind in § 2 WaffG geregelt. Was bedeutet nun

Hand Führen einer Waffe?

Wer die tatsächliche Gewalt über eine Waffe außerhalb der eigenen Wohnung, Geschäftsräume oder des eigenen befriedeten Besitztums ausübt. D. h. die Waffe ist im direkten Zugriffsbereich und sofort einsetzbar (angriffs- und zugriffsbereit) und zwar im öffentlichen Bereich7 (z. B. Stadtpark). Wenn wir also im öffentlichen Park unsere Schwertform üben, führen wir das Schwert als Waffe im Sinne des § 1 Abs. 3 WaffG i. V. m. Anlage 1 (Begriffsbestimmungen), Abschnitt 2 des WaffG

Hand Erwerben einer Waffe?

WerdietatsächlicheGewaltübereineWaffeerlangt. Anmerkung: Der Erwerb unserer Trainingswaffen ist erlaubnisfrei, sofern der Erwerber das 18. Lebensjahr vollendet hat und dies mit einem Identitätsnachweis (z. B. Reisepass oder Bundespersonalausweis) darlegen kann.

Hand Besitzen einer Waffe?

WerdietatsächlicheGewaltübereineWaffeausübt. Anmerkung: Der Besitzer kann auf seine Waffe zurückgreifen und über sie bestimmen (Herrschaftsgewalt).

Hand Überlassen einer Waffe?

Wer die tatsächliche Gewalt über eine Waffe einem anderen einräumt.
Anmerkung: Der Normalfall wäre, wenn ich mein Schwert an eine andere Person weitergeben würde, damit diese ebenfalls die Schwertform üben kann. Es könnte aber auch sein, dass sich eine Person ohne mein Wissen undWollen des Schwertes bemächtigt, dann würde ich ebenfalls überlassen. Wenn besagte Person, dann noch minderjährig ist, könnte dies auch rechtliche Konsequenzen für den Überlasser zur Folge haben8.

Grundsätzlich gilt, dass

Hand gem. § 2 Abs. 1WaffG der Umgang mitWaffen nur Personen gestattet ist, die das 18. Lebensjahr vollendet haben,

Hand die Bezugswaffen (Schwert / Säbel) nicht in der Anlage 2 (Waffenliste), Abschnitt 2 zumWaffG aufgeführt sind und daher deren Erwerb und Besitz erlaubnisfrei ist,

Hand wir sollten immer ein Auge auf unsere abgelegten Waffen haben, damit sie nicht in falsche Hände geraten (ungewolltes überlassen),

Hand wenn wir im öffentlichen Bereich unsere Schwertform trainieren, führen wir eine Waffe.

Prüfschritt 3:

Ist das Führen des Schwertes / Säbels erlaubt?

Regelungsgegenstand des § 42a Absatz 1 WaffG

Wie wir bereits im Prüfschritt 1 festgestellt haben, handelt es sich bei Schwert und Säbel um Hieb- und Stoßwaffen. Somit ist das Führen dieserWaffen gem. § 42 a Abs. 1 Nr. 2 verboten! Bereits vor dem 01.04.2008 unterlagen diese Gegenstände als Waffe im technischen Sinn dem WaffG, waren allerdings erlaubnisfrei und durften daher ab 18 Jahren auch frei geführt werden.

Problematisch ist das Verbot des Führens von Messern mit feststehender Klinge über 12 cm. Selbst wenn wir die Bezugswaffen nicht als Waffen im technischen Sinn eingestuft hätten, würde möglicherweise der § 42 a Abs. 1 Nr. 3 greifen. Hier erfasst der Gesetzgeber ausdrücklich alle Messer, soweit sie allein die technischen Voraussetzungen„feststehend mit einer Klingenlänge über 12 cm“ erfüllen. Der Herstellerzweck bleibt unberücksichtigt. Deshalb sind ganz offensichtlich auch solche Messer vom Verbot des Führens erfasst, die ihrem Wesen nach nicht dazu bestimmt sind, die Angriffs- oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu
beseitigen. Damit werden Messer des täglichen Gebrauchs wie Brotmesser, Fleischmesser, Anglermesser, usw. von der Vorschrift § 42 a Abs. 1 Nr. 3 erfasst, obwohl sie keine Waffen i. S. d. WaffG darstellen9.


7 Öffentlicher Bereich: Straßen, Wege, Plätze, Anlagen, öffentliche Gebäude die für jedermann – wenn auch nur zu bestimmten Zeiten – frei zugänglich sind und man
sich dort aufhalten darf.
8 dies war bei einigen Amokläufen der Fall; der Amokläufer beschaffte sich die Schusswaffen und Munition aus dem Waffenschrank des Vaters – ohne dessen Wissen
und Einwilligung!
9 Dieses hat der Gesetzgeber bewusst in Kauf genommen. Ein Verbot von Einhandmessern und Messern mit einer feststehenden Klinge über 12 cm schien aufgrund der
zunehmenden Zahl von Messerattacken, insbesondere durch gewaltbereite Jugendliche, angezeigt.

Ausnahmen vom Verbot des Führens gem. § 42a Abs. 2 WaffG

Im § 42a Abs. 2WaffG nennt der Gesetzgeber Ausnahmen für das Verbot des Führens von Waffen. Die für unsere Betrachtung relevanten Ausnahmen beziehen sich zum einen auf den Transport der Bezugswaffen gem. § 42a Abs. 2 Nr. 2 WaffG und zum zweiten auf das Vorliegen eines berechtigten Interesses gem. § 42a Abs. 2 Nr. 3 WaffG.

Interessant ist die Frage des Transportes der Bezugswaffen in einem verschlossenen Behältnis gem. § 42 a Abs. 2 Nr. 2 durch den öffentlichen Bereich10. Fraglich ist, welche technischen Anforderungen solch ein Behältnis aufweisen muss. Hier geht es in erster Linie um die Zugriffsbereitschaft. Allein der Transport der Bezugswaffen in der Scheide reicht nicht aus, denn hier sind die Gegenstände immer noch zugriffs- und angriffsbereit. Ein verschlossenes Behältnis im Sinne dieser Vorschrift muss zwar keine technischen Spezifikationen erfüllen11, es muss allerdings sicherstellen, dass auf die Gegenstände nicht unmittelbar zurückgegriffen werden kann und weitere Zwischenhandlungen nötig sind, mit denen auch eine zeitliche Zäsur einhergeht. Eine Plastiktüte würde diesen Zweck nicht erfüllen, aber der Transport in einem mit Paketband verklebten Karton oder einer verschlossen handelsüblichen Transporttasche– evtl. mit einer zusätzlichen Schnürung oder Klebeband - würde meiner Meinung nach dem Anspruch dieser Vorschrift genügen.

Der Dreh- und Angelpunkt dieser rechtlichen Würdigung ist, ob in unserem Fall ein berechtigtes Interesse geltend gemacht werden kann, um vom Verbot des Führens von Waffen befreit zu sein. Die Ausnahme bezieht sich auf die in § 42a Abs. 1 Nr. 2 und 3 WaffG aufgeführten Gegenstände und somit genau die Bezugswaffen.

Zur sicheren Handhabung dieser Vorschrift hat der Gesetzgeber das „Berechtigte Interesse“ in§ 42a Abs. 3 WaffG genauer umrissen. Es ist insbesondere anzunehmen, wenn das Führen der Gegenstände im Zusammenhang mit

Hand der Berufsausübung erfolgt oder
Hand der Brauchtumspflege,
Hand dem Sport oder
Hand einem allgemein anerkannten Zweck dient.

Die Punkte Berufsausübung und Brauchtumspflege grenze ich von vornherein aus, weil

Hand selbst wenn wir unser Taijiquan als Haupteinnahmequelle, sprich als Beruf zur Bestreitung des Lebensunterhaltes praktizieren, ist es fraglich, ob das Waffenformtraining unbedingt mit Waffen i. S. d. WaffG im öffentlichen Bereich notwendig ist, im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, bei denen das Messersortiment zum Ausüben des Berufes erforderlich ist, und

Hand chinesische Kampfkunst nicht zu unserem Kulturkreis gehört und somit auch nicht unserer Brauchtumspflege dient12.

So bleiben für uns lediglich der Sport oder ein allgemein anerkannter Zweck als berechtigtes Interesse. Betrachten wird das berechtigte Interesse– Ausübung des Sportes – näher. Hier möchte ich auf Referenzgruppen verweisen, die ebenfalls mit Waffen trainieren. Dies wären z. B. Sportschützen, Bogenschützen, Sportfechter, die Praktizierenden der japanischen Schwertkünste, usw. Diese genannten Gruppen trainieren überwiegend nicht imöffentlichen Bereich, sondern auf Schießständen oder in geschützten befriedeten Bereichen. Wie könnten wir für uns in Anspruch nehmen, unser sportliches Waffentraining mit Waffen i. S. d. Gesetzes
im öffentlichen Stadtpark zu praktizieren? Wir tun es halt, weil wir das in den letzten Jahren auch schon getan haben. Ein Gewohnheitsrecht kann daraus aber nicht abgeleitet werden. Außerdem könnten wir auch mit Holzwaffen unseren „Sport“ ausüben!

Bleibt noch der allgemein anerkannte Zweck. Der Zweck des Führens der Bezugswaffen muss sich einem Durchschnittsbürger ohne weiteres erschließen, damit von einem allgemein anerkannten Zweck ausgegangen werden kann. Hierzu gehören z. B. die Pfadfinder, die mit ihren Fahrtenmessern durch die Gegend streifen. Weiterhin dürfte die Freizeitgestaltung bzw. die Pflege eines Hobbys einen allgemein anerkannten Zweck darstellen. Hierunter fallen etwa Segeln, Wandern, Tauchen, Jagen, Bergsteigen, Pilzesammeln, Zelten, Grillen, Gartenpflege, Picknick etc. Hier könnten wir uns möglicherweise ebenfalls mit unserem Waffentraining wieder finden. Da der Gesetzgeber aber gerade auf das generelle Verbot des Führens sämtlicher Hieb- und Stoßwaffen nach Nr. 2 sowie das Verbot der in Nr. 3 näher spezifizierten 87 Messer abhebt, ist es fraglich, ob wir uns auf den allgemein anerkannten Zweck „Hobby und Freizeitgestaltung“ mit Waffen i. S. d. Gesetzes berufen können. Denn es gibt Alternativen. So können wir ohne weiteres mit wesentlich ungefährlicheren Holzwaffen trainieren, die im Normalfall auch vom Durchschnittsbürger als weniger bedrohlich empfunden werden. Und das ist der springende Punkt – das subjektive Sicherheitsempfinden des Einzelnen in unserer Gesellschaft. Aus den zuvor gemachten Ausführungen wird jetzt dem Leser hoffentlich auch klar, dass das Hantieren mit angeschliffenen Waffen auf kein Verständnis mehr treffen wird. Diese Waffen gehören in die eigenen vier Wände und müssen vor unbefugtem Zugriff gesichert werden.

Aus meiner Sicht können wir für die Bezugswaffen kein berechtigtes Interesse im Sinne des § 42a Absatz 3 WaffG geltend machen.

Prüfschritt 4:

Handelt es sich um eine verbotene Waffe?

Nach § 2 Abs. 3 WaffG sind diejenigen Waffen verboten, die in Anlage 2 (Waffenliste) Abschnitt 1 genannt sind. Die definierten Bezugswaffen sind nicht in der Liste der verbotenen Waffen aufgeführt. Daher sind sie auch nicht verboten.

Rechtliche Konsequenzen

Wer entgegen dem § 42a WaffG eine Hieb- und Stoßwaffe oder ein feststehendes Messer mit einer Klingenlänge über 12 cm führt, begeht eine Ordnungswidrigkeit gem. § 53 Abs. 1 Nr. 21a WaffG. Diese Ordnungswidrigkeit kann von der Ordnungsbehörde mit einer Geldbuße bis zu € 10.000,- geahndet werden! Und gem. § 54 Abs. 2 WaffG kann der Gegenstand eingezogen werden,
d. h. die Waffe wird behördlich eingezogen und vernichtet.

Fazit:

Hand Wenn es sich um alt hergebrachte Trainingsörtlichkeiten handelt und sich der „Durchschnittsbürger“ auch an die mit Waffen Trainierenden gewöhnt hat, sollte es auch weiterhin keine Komplikationen geben.

Hand Solltet ihr Neuling im Park sein, erkundigt euch vorher darüber, was üblich ist und was geht und was nicht geht. Im Zweifelsfalle bei der örtlichen Polizeidienststelle oder Ordnungsbehörde erkundigen, aber bitte keine schlafenden Hunde wecken.

Hand Transportiert eure Waffen vorschriftsmäßig auf dem Weg hin und weg von der Trainingsstätte, insbesondere dann, wenn ihr öffentliche Verkehrsmittel benutzt oder mit einem Zweirad unterwegs seid.

Hand Lasst vor allem die scharf geschliffenen Waffen zu Hause.

Hand Beaufsichtigt eure Waffen, damit kein anderer unbefugt und unberechtigt mit EurenWaffen hantiert (Stichwort: Überlassen).

Hand Trainiert grundsätzlich mit Holzwaffen im öffentlichen Bereich.

Quellen:

Hand Basiswissen Waffenrecht – Gunther Dietrich Gade – Verlag W. Kohlhammer – 2. aktualisierte Auflage 2008

Hand Eigene Aufzeichnungen und Unterlagen

Hand www.gesetze-im-internet.de

Weiterhin viel Spaß beim Training und viel Gong Fu wünscht euch

Thilo Papen
(Lehrer WCTAG, Angehöriger der Bundespolizei)

 

 

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Die Seidenübungen im Chenstil Taijiquan
Eine theoretische und praktische Abhandlung über grundlegende innere und äußere Bewegungsabläufe im Chenstil Taijiquan

Die Essenz des Taijiquan

Die Seidenübungen sind die Essenz des Taijiquan. Hierin lassen sich die Grundlagen für alle weiteren Übungen finden. Sie sind der Schlüssel für jede Taijiquan-Bewegung. Die Bezeichnung der Seidenübungen (chin.: cansigong, engl.: reeling silk) geht zurück auf die Technik, die beim Abwickeln eines Seidenfadens vom Kokon notwendig ist. Will man einen Seidenfaden vom Kokon lösen, bedarf es einer sanften und gleichmäßigen Bewegung, andernfalls verklebt oder reißt der Faden. Die Seidenübungen aus dem Chen-Taijiquan richten sich sowohl in der äußeren als auch in der inneren Bewegung nach diesem sanften, gleichmäßigen und bewussten Vorgehen. Der Fluss der inneren Energie (Qi) wird durch eine gleichmäßige, harmonische Bewegung nach außen sichtbar. Die rein äußerlichen Bewegungen sind relativ leicht verständlich und schnell zu erlernen. Ihren eigentlichen Sinn erhalten diese Bewegungen aber erst, wenn sie mit dem inneren Prinzip (Kraft- bzw. Energielehre) verbunden werden.
In den Seidenübungen werden einzelne Bewegungskreisläufe geübt, zuerst nur mit einem Arm und in stehender Position, dann in weiteren Varianten mit Drehungen beider Arme und zusätzlichen Schritten. Der Körper bleibt während der gesamten Übungsphase gesenkt, entspannt und zentriert. Nachdem die äußere Bewegung verstanden ist, versucht der Übende, die inneren Zusammenhänge zu erforschen.
Der Artikel beginnt mit einer theoretischen Abhandlung über die Seidenübungen. Zum besseren Verständnis und um die Seidenübungen praktisch nachvollziehbar zu machen, habe ich eine Erklärung der Frontalen- Seidenübung mit Bildern eingefügt. Zum Schluss wird die Theorie mit der Praxis verbunden, in dem ich die Seidenübungen und ihre Prinzipien auf das Taiji-Symbol anwende.
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan
Die Entstehung der Seidenübungen

Hier gilt es zu unterscheiden zwischen den äußeren Bewegungsabläufenund dem inneren Prinzip, nach dem sich die Bewegungen richten. Das innere Prinzip des Seidenfaden-Abwickelns und die daraus resultierende Spiralkraft gehören zu den grundlegenden Eigenschaften einer jeden Taijiquan Figur oder Bewegung (vgl. Abb. 1). Es ist überliefert, dass bereits ChenWangting (1597-1664), der als der Begründer des Taijiquan gilt, sich diese Form der Kraftentfaltung zu nutze gemacht hat.
Der äußere Ablauf der Seidenübungen, wie sie heute im Chenstil (nach Chen Xiaowang) praktiziert werden, wurde Anfang der 80´er Jahre des letzten Jahrhunderts von Chen Xiaowang entwickelt. Zu dieser Zeit fiel der chinesischen Regierung auf, dass es im Chenstil-Taijiquan keine Basisübungen gibt. Da aber alle anderen großen Wushu-Stilrichtungen solche in ihrem Repertoire haben, wurde Chen Xiaowang mit der Entwicklung von eben diesen beauftragt. Zum besseren Verständnis der Bewegungsprinzipien im Taijiquan integrierte Chen Xiaowang zwei Seidenübungen-Sets mit insgesamt 19 Übungen und die Grundübung der Stehenden-Säule (chin. Zhanzhuang, vgl. Abb. 2) in das Chenstil-System. Jede einzelne Seidenübung lässt sich auf eine isoliert betrachtete Bewegung aus den Handformen zurückführen.
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan
Von der Stehenden-Säule zu den Seidenübungen

In der Übung der Stehenden-Säule befifififinden sich Körper und Geist in Ruhe. Diese Ruhe ist die Grundvoraussetzung für denGeist, um tief in den Körper hineinhören zu können und der Beginn, ein Verständnis für das Gehörte zu entwickeln. Das tiefere Verständnis, zu dem uns dieÜbung der Stehenden-Säule leiten soll, liegt in der Entwicklung und Vertiefung eines Bewusstseins auf den (miteinander verbundenen) Ebenen des Körpers und des Geistes. Diese Entwicklung und Erweiterung des Bewusstseins führt uns zu den verschiedenen Wahrnehmungsstufen, die einem Jeden, der diese oder ähnliche Übungen praktiziert, vertraut sind. Haben wir es also durch das Üben der „Ruhe“ in der Stehenden-Säule geschaft, eine Wahrnehmung für unser Körperzentrum (Dantian) zu entwickeln und darüber hinaus noch eine Vorstellung von den inneren und äußeren drei Zusammenschlüssen (vgl. Abb. 3) erlangt, dann ist dies die Basis, auf der die Seidenübungen geübt werden.
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Die Seidenübungen

Befindet sich bei der Stehenden-Säule der Körper in Ruhe, setzten wir bei den Seidenübungen den Körper in Bewegung. In der Stehenden-Säule vertiefen wir unser Bewusstsein für Körper und Geist und entwickeln ein Gefühl für Dantian (Körperschwerpunkt). In den Seidenübungen bauen wir auf den Fähigkeiten, die wir durch die Stehende-Säule erlangt haben, auf und beginnen den Körper zu bewegen. Wie bei jeder Taijiquan Bewegung bleibt auch hier der Körper in Struktur und folgt dem Prinzip der äußeren drei Zusammenschlüsse.

Die Taijiquan Formen sind aus vielen aufeinanderfolgenden Figuren zusammengesetzt. Jede Figur wiederum besteht aus vielen einzelnen, ineinander abgestimmten Bewegungen. Jede dieser Bewegungen lässt sich auf ein Zusammenspiel von Körpergewichtung und Körperdrehung reduzieren. Diese Gewichtung und Drehung hat ihren Ursprung im Dantian und ermöglicht Bewegungen, die in allen drei Dimensionen den Raum füllen. Dies bildet die Grundlage für die Entwicklung von spiralförmiger Kraft. Der Wert der Seidenübungen liegt in der Reduzierung auf das Wesentliche. Die äußeren Bewegungen werden auf ein Minimum an Komplexität heruntergebrochen, um ein klares Verständnis für dieBewegungsabläufe und die inneren Kraft- bzw. Energieverläufe zu bekommen. Diese Reduzierung ist von unschätzbarem Wert für die korrekteBewegungsausführung im Taijiquan. Durch die Seidenübungen und den damit vermitteltenäußeren- und inneren Bewegungsabläufen lässt sich eine jede Taijiquan Bewegung erklären und anwenden. Die Seidenübungen machen das Taijiquan erfahrbar und erlernbar. Sie sind der didaktische Schlüssel, der notwendig ist, um die Tiefen des Taijiquan zu ergründen.

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Drehen und Gewichten in den Seidenübungen

Drehen und Gewichten erfüllen bei den Taijiquan Figuren unterschiedliche Aufgaben. Für den Taijiquan Anfänger haben diese beiden Körperbewegungen eine große Bedeutung und dürfen nicht zu früh miteinander in Verbindung gebracht oder gar in ihrer Reihenfolge vertauscht werden. Bei all denjenigen, die bereits ein tieferes Verständnis von Taijiquan Bewegungen erlangt haben, werden die Übergänge zwischen den Phasen des Drehens und Gewichtens immer fließender und liegen fast untrennbar nah beieinander.
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Körperdrehung

Mit Körperdrehung ist eine Drehung (Rotation) um die Vertikalachse gemeint. Der Körper ist gerade und aufrecht.Wir stellen uns eine Linie vom Scheitelpunkt bis zur Fußsohle vor und drehen den Körper um diese Linie. Diese Körperdrehung, abhängig von der Drehrichtung und der Stellung der Arme, bewirkt nach außen, dass sich die Arme heben oder senken.
Für die energetische Ausrichtung bedeutet ein Drehen immer, dass Energie bzw. Kraft von unten nach oben oder von oben nach unten fließt. Bewirkt die Drehung, dass Energie von unten (Dantian) nach oben (dieWirbelsäule hoch bis zur Halswirbelsäule) steigt, heben sich die Arme. Damit es nicht zum Fehler der „Doppelten Schwere“ kommt, muss der Körper während dieser Phase innerlich nach unten sinken und entspannen.

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Gewichtung

Die Gewichtungsphase ist durch eine Verlagerung des Gewichtes auf das eine oder andere Bein gekennzeichnet. Zu Beginn reicht es aus, ein Gefühl der größeren Belastung in dem jeweiligen Bein wahrzunehmen. Mit fortschreitender Übungspraxis wird dieses Gewichten differenzierter. DerÜbende nimmt wahr, wie das Gewicht von einem Bein in das andere Bein fließt. Das Gewicht bahnt sich seinen Weg in einem gleichmäßigen Flussüber die Hüften, ohne an den jeweiligen Körperbegrenzungen anzuecken (vgl. Abb. 6). Der Stellung des Beckens muss jetzt größere Aufmerksam keit geschenkt werden. Das Becken ist die Verbindungsstelle sowohl zwischen Ober- und Unterkörper, als auch zwischen dem rechten- und linken Bein. Das Becken, mit der räumlichen Nähe zum Dantian, fungiert praktisch als zentrale Schalt- und Verwaltungsstelle für die Energie/Kraft, die aus dem Dantian kommt. Als Schaltstelle sorgt es für einen offenen bzw. geschlossenen Zustand. Mit fortschreitender Übungspraxis sollte der Schalter immer mehr geöffnet werden, damit die Energie frei und ungehindert im Körper fließen kann. Die Verwaltungsstelle im Becken sorgt für die richtige Verteilung und Dosierung der Energie in den beiden Körperhälften (Unter- und Oberkörper) und den Beinen.
Energetisch bewirkt die Phase der Gewichtung ein Ausdehnen der Kraft/ Energie bis in die Extremitäten, also bis in die Hände und Füße. Gleichzeitig steht das Gewichten aber auch für das Zurückführen der Energie zum Zentrum (Dantian). Im Sinne einer Taijiquan Bewegung bedeutet Gewichten auch immer ein Einnehmen von Raum oder das Zurückkehren zur eigenen Mitte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jeder Drehung eine Gewichtung folgt und jeder Gewichtung eine Drehung. Die Übergänge zwischen diesen beiden Phasen sind fließend und mit fortschreitender Übungspraxis untrennbar nahe beieinander.

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Kreisebenen in den Seidenübungen

Inspiriert von und basierend auf den theoretischen Darlegungen und den praktischen Ausführungen von Großmeister Chen Xiaowang und meinem Lehrer Jan Silberstorff, habe ich mir ein eigenes didaktisches Konzept zur Schulung der Seidenübungen und den damit verbundenen äußeren und inneren Kriterien zur Bewegungs- und Energieführung erarbeitet.
In den Seidenübungen gibt es drei verschiedene Kreisebenen, welche durch unterschiedliche Anteile von Drehung und Gewichtung erzeugt werden. Für den Anfangenden ist es wichtig, diese drei Kreisebenen zu kennen. Bei Fortgeschrittenen hingegen verschmelzen diese Ebenen im dreidimensionalen Raum zu einer Kugel, auf der jede Ebene in allen Drehrichtungen und Winkeln erzeugt werden kann.
Zu den elementaren Lernzielen der Seidenübungen gehört es, diese verschiedenen Kreisebenen äußerlich, in den Bewegungen und innerlich, durch die bewusste Leitung der Energie/Kraft, zu verstehen und in ihrer Tiefe zu durchdringen. Das Zusammenspiel von Drehung und Gewichtung, welches die jeweilige Kreisebene erzeugt, hilft die Körpermechanik und die miteinhergehende Energieführung im Chenstil Taijiquan erfahrbar zu machen.

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

1. Seitliche-Kreisläufe, Körpermechanik und Energieverlauf

Seidenübungen im Chenstil TaijiquanDie Seitlichen-Kreisläufe beziehen sich auf die Frontalebene des Körpers (vgl.Abb. 7). Die Drehung wird durch den Unterbauch erzeugt und bewirkt, dass an derWirbelsäule die Energie nach oben fließt. Ist die Energie auf Höhe der Halswirbelsäule angelangt, beginnt die Gewichtung. Energie fließt bis in die Extremitäten, der Körper dreht gerade. Jetzt setzt eine, der ersten Drehung entgegengesetzte Rotation ein. Die Energie fließt wieder nach unten bis zur Hüfte, durch die entgegengesetzte Gewichtung zurück zum Dantian und der Körper dreht erneut gerade (vgl. Abb. 8).
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan
2. Vor- bzw. Rückläufige-Kreisläufe, Körpermechanik und Energieverlauf

Die Vor- bzw. Rückläufifififigen-Kreisläufe sind an der Medianebene ausgerichtet. Der Kreisverlauf ist vertikal, d. h. an der Vorderseite des Körpers hoch und an der Rückseite wieder herunter oder in umgedrehter Reihenfolge (vgl. Abb. 9).Dieses zweite Bewegungsprinzip lässt sich genau wie das erste Bewegungsprinzip in Drehung und Gewichtung aufteilen. Je mehr sich die Kreisläufe allerdings der zentralen Mittellinie im Körperstamm nähern, desto weniger (bis gar nicht mehr) wird der Körper gedreht. Bei dieser Art des Kreislaufes sind prinzipiell zwei Arten der Ausführung möglich. Steigt die Energie innen nach oben, ist dies mit einem äußerlichen Sinken verbunden. Das Ausgleichen und die Wechselwirkungen sowohl zwischen innen und außen als auch oben und unten bleiben im Sinne des Taiji-Symbol (Yin und Yang) gewahrt. Eine zweite Ausführungsmöglichkeit besteht darin, Energie und Körper gleichzeitig zu heben bzw. zu senken. Die innere und äußere Bewegung ist identisch. Damit es hier nicht zum Fehler der „Doppelten Schwere“ kommt, muss ein Teil der inneren und äußern Aufmerksamkeit auf einen gesunkenen Körper und ein volles Dantian (Energie in Dantian) gelenkt werden. (vgl. Abb.10)
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3. Horizontale-Kreisläufe, Körpermechanik und Energieverlauf

Die Horizontalen-Kreisläufe sind an der Horizontalebene ausgerichtet. Hiermit sind Rotationen und Gewichtungen um die Vertikalachse des Körpers gemeint (vgl. Abb. 11 u. 12). Als Vorstellungshilfe eignet sich hier eine auf dem Boden liegende „Acht“. Stellen wir uns jetzt mit geöffneten Beinen über diese Acht und fahren mit Drehung und Gewichtung die Linien der Zahl mit unserem Becken nach, beschreibt unser Körper Kreisläufe auf der horizontalen Ebene. Die Horizontalen-Kreisläufe ermöglichen es uns, ein größeres Verständnis für Drehung und Gewichtung im Unterkörper zu bekommen. Das Verständnis für spiralförmige Kraft in den Beinen wird gefördert. Dies lässt sich auch anhand des Beispiels von der Bohrmaschine und dem Loch in der Wand veranschaulichen.
Befindet sich der Stecker in der Steckdose bedeutet dies für uns, die Energie ist in Dantian. Als Nächstes setzen wir den passenden Bohrer auf und drücken die Bohrmaschine leicht gegen dieWand. Der aufgesetzte Bohrer steht für die Idee, welche wir mit der Bewegung verfolgen. Meine Bemühungen sollten mit einer klaren Vorstellung von dem was ich zu verwirklichen beabsichtige beginnen.Wie groß soll das Loch in derWand sein und wofür brauche ich es? Der leichte Druck steht für den Beginn der Gewichtungsphase. Ohne Druck bekomme ich kein Loch in dieWand, bei zu viel Druck springt der Bohrer und die Arbeit wird ungenau. Jetzt schalten wir den Strom an der Bohrmaschine ein. Der Bohrer arbeitet sich mit einer Spiraldrehung in die Wand, halb wird die Bohrmaschine gedrückt und halb zieht sie sich von selbst in das entstehende Loch. Nach dem Beginn der Gewichtung folgt die Drehung. Gewichtung und Drehung laufen jetzt gleichzeitig ab. Am Ende der Bewegung hört das Gewichten auf und die Drehung läuft aus, bis die Energie vom Knie/Ellbogen in den Fuß oder die Hand gelangt ist (vgl. Abb. 14).
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Zusammenschluss der Kreisläufe zur Kugel

Alle Bewegungen im Taijiquan setzen sich aus einer Verbindung der drei Kreisläufe zusammen. In den Seidenübungen beschäftigen wir uns modellhaft und exemplarisch mit den verschiedenen Kreisläufen und der Entstehung der Kreisläufe durch Drehung und Gewichtung. In den verschiedenen Übungen werden die Kreisläufe in ihrer Ausführung unterschiedlich stark gewichtet. Der reine Kreislauf Nr. 1, Nr. 2 oder Nr. 3 lässt sich auch hier nur in Teilbewegungen wiederfifififinden. Erst durch die Verbindung aller Ebenen und Drehungen entsteht die „wirkliche“ Taijiquan Bewegung (Zusammenschluss der Kreisläufe). Der Körper bewegt sich jetzt auf Kreisbahnen im dreidimensionalen Raum, wie in einer Kugel (vgl. Abb. 15). Eine Kugel lässt sich aus der ruhenden Position in jede Richtung bewegen. Von der Mitte der Kugel bis zu jedem beliebigen Punkt am Rand der Kugel besteht die gleiche Entfernung. Der Körper wird zu einer Kugel, in sich geschlossen und verbunden und dennoch in der Lage sich in jede Richtung zu verändern. Die ersten drei Kreisläufe in ihrer weitgehend isolierten Betrachtungsweise sind eine Hilfe, um den dreidimensionalen Raum in seiner vollen Komplexität und Tiefe zu verstehen. In den Taijiquan Klassikern heißt es hierzu:

"Bewegt sich ein Teil des Körpers, ist der ganze Körper an der Bewegung beteiligt. Es gibt nichts, was sich nicht bewegt."

Neben dem rein mechanischen Verständnis der Rotation und Gewichtung in den einzelnen Bewegungen wird in den klassischen Abhandlungen über das Taijiquan immer auf die innere Führung hingewiesen:

"Der Verstand/Geist lenkt das Qi und durch das Qi wird der Körper bewegt."

Die Aufschlüsselung der Seidenübungen in die verschiedenen äußeren und inneren Bewegungsabläufe dient zur Veranschaulichung der Kreisläufe und zum besseren Verständnis der sehr komplexen und schwierigen Taijiquan Bewegungen. Die Seidenübungen erleichtern uns also das Erlernen der korrekten Körpermechanik und führen uns zu einem Verständnis der inneren Bewegungsabläufe (vgl Abb. 16).
Allein die drei Bewegungsprinzipien umzusetzen erfordert viel motorisches Feingefühl, eine gute Koordinationsfähigkeit, ein Verständnis für Rhythmus und die Fähigkeit in den eigenen Körper hinein zu „lauschen.“

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

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Die Frontale-Seidenübung

Um ein tieferes Verständnis der Seidenübungen zu erlangen, werden wir uns im Folgenden mit der Frontalen-Seidenübung mit der Ausrichtung nach links näher befassen. An ihr werden wir uns exemplarisch die inneren- und äußeren Bewegungsabläufe der Seidenübungen und damit auch einer jeden Taijiquan-Bewegung verdeutlichen. Die Einleitung besteht aus fünf Punkten, die eigentliche Übung wird in vier Stufen unterteilt.

Fünf Punkte zur Einleitung

Die Qualität der Übung hängt nicht zuletzt auch von ihrer Einleitung ab. In der Einleitung schaffe ich die nötige Ruhe und damit auch das nötige Bewusstsein für die folgende Übung. Je besser die Einleitung/Vorbereitung, desto tiefer und erfolgversprechender ist die nachfolgende Übung.

Die fünf Punkte zur Einleitung, beschrieben aus der Ausgangsposition
(vgl. Abb. 17):

  • rechte Hand wird an die rechte Hüfte geführt
  • der Körper sinkt nach unten
  • linke Hand und linke Ferse heben sich
  • Blick nach links und Schritt über schulterweit heraus
  • Hand wird in die Ausgangsposition geführt (Stufe 4, vgl. Abb. 18)

 

 

 

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Die einarmige Frontale-Seidenübung

In der Praxis wird die Seidenübung des einarmigen frontalen Kreisens in vier Stufen unterteilt. Der Bewegungsablauf der Übung beginnt mit der Stufe 4, welche in der Abbildung 18 dargestellt ist. Das Gewicht ruht mehr auf dem linken Bein, der Körper ist aufrecht, Schulter, Ellenbogen und Hand befinden sich auf gleicher Höhe. Die Handfläche zeigt nach außen und der linke Arm hat eine bogenförmige Rundung. Schultern und Hüfte sind parallel und bleiben es während der gesamten Übung. Alle Gelenke sind geöffnet und entspannt. Dies gilt besonders für die Knie- und Hüftgelenke. Das Gewicht wird während der gesamten Übung sanft hin und her verlagert, ohne dass die Knie durchgedrückt werden oder die Hüftgelenke sich verschließen. Um dies zu verhindern, hat das Knie des weniger stark belasteten Beines, immer eine leichte Tendenz nach außen. Die Bewegungen des Arms und des Körpers bei den Seidenübungen haben ihren Ursprung immer im Unterbauch (Dantian). Die Bewegung beginnt im Unterbauch und wird nach dem Kreislauf auch dort wieder beendet. Damit die einzelnen Seidenübungen für Anfänger leichter zu erlernen sind, wurden sie von Chen Xiaowang in vier Stufen unterteilt. Für jede Stufe ist die äußere und innere Bewegung genau vorgeschrieben. Die Stufen spiegeln einzelne Abschnitte des Taiji-Symbols wieder (siehe „Anwendung der Seidenübungen auf das Taiji-Symbol“).
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Stufe 1: „Die Energie fließt zur Hüfte.“

Eine kleine Drehung nach links und ein Nachgeben in beiden Hüftgelenken bewirken das Sinken des linken Armes. Der Ellenbogen bewegt sich auf einer leichten Kreisbahn nach hinten/unten. Ist der Oberarm nach unten entspannt und der Ellenbogen etwa auf Hüfthöhe angelangt, ist die Bewegung beendet. Das Gewicht fließt weiter in das linke Bein (Gewichtung in vertikaler Richtung). Die Handinnenfläche zeigt nach vorne.
Durch den Beginn der Drehung läuft die Energie spiralförmig von der Hand zum Ellenbogen und aus dem Fuß bis zum linken Knie. Es findet nur ein leichtes Sinken im Körper statt. Ist die Energie am Ellenbogen und im Knie angelangt, nimmt die Drehung ab und das innerliche Sinken (Gewichten in vertikaler Richtung) zu. Stufe 1 beschreibt eine sinkende Bewegung, aus vollem Yang entsteht heranwachsendes Yin (vgl. Abb. 19).
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Stufe 2: „Die Energie fließt zu Dantian“

Die Stufe 2 wird durch ein Gewichten nach rechts eingeleitet. Schultern, Ellenbogen und Hand bleiben in der gleichen Position und bewegen sich nicht eigenständig. Nach der Gewichtung setzt eine minimale Drehung ein. Der Körper richtet sich wieder mit Schultern und Hüften parallel nach vorne aus. Die Handinnenfläche dreht sich während der Bewegung nach oben und fließt im letzten Drittel der Bewegung bis vor den Unterbauch. Die Energie fließt von der Hüfte bis in den Unterbauch. In der ersten Phase der Gewichtung legt die Energie die halbe Strecke zwischen Hüfte und Unterbauch zurück. Die Drehung lässt die Energie vollständig in den Bauch fließen. Stufe 2 beschreibt eine schließende Bewegung, aus heranwachsendem Yin wird volles Yin (vgl. Abb. 20).
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Stufe 3: „Die Energie steigt die Wirbelsäule hinauf“

Durch eine Rotation nach rechts wird der ganze Arm angehoben. Das Handgelenk befindet sich während der Drehung immer im räumlichen Bezug zur Körpermittellinie. Die Handinnenfläche wird hierbei nach unten gedreht. Die Rotation ist beendet, wenn der Körper eine Drehung von ca. 45° nach links erreicht hat und sich die Hand auf Schulterhöhe befindet. In dieser Phase findet ein Gewichten in der vertikalen Ausrichtung statt. Das Gewicht fließt durch die Drehung immer weiter in das rechte Bein und in den Fuß.
Die Energie fließt die Wirbelsäule hinauf, das Gewicht läuft nach unten bis in den Fuß und mit der Vorstellung weiter bis in die Erde. Stufe 3 beschreibt eine hebende Bewegung, aus vollem Yin entsteht heranwachsendes Yang (vgl. Abb. 21).

Stufe 4: „Die Energie fließt über Schulter und Arm bis in die Fingerspitzen“

Die Stufe 4 beginnt mit einer Gewichtung nach links. Die Energie geht von der Wirbelsäule bis in den Ellenbogen. Durch die anschließende Rotation fließt die Energie weiter bis in die Hand und in den linken Fuß. Hüften und Schultern sind wieder parallel nach vorne ausgerichtet. Die Handinnenfläche dreht sich nach außen. Der Arm befindet sich auf einer horizontalen Linie nach rechts außen, in der Verlängerung des rechten Beines. Stufe 4 beschreibt eine öffnende Bewegung, heranwachsendes Yang wird zu vollem Yang (vgl. Abb. 22).

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Anwendung der Seidenübungen auf das Taiji-Symbol

Die Seidenübungen lassen sich in ihren inneren und äußeren Bewegungsabläufen auf das Taiji–Symbol anwenden.

Bewegungsabläufe

Der innere Kraft- oder Energieverlauf in den Seidenübungen ist genau wie der äußere Bewegungsablauf auf den Kreisbahnen einer Kugel angeordnet. Energieverläufe, die sich vom Dantian wegbewegen, werden als Yang Energie bezeichnet. Die Eigenschaften dieser Kraftentfaltung ist ausdehnend, aufsteigend, durchdringend und raumeinnehmend (vgl. Abb. 23 oben). Zur Yin Energie werden alle Kraftverläufe gezählt, die zurück zum Dantian fließen. Diese Art der Energie ist zurückweichend, auflösend, mitnehmend und sammelnd (vgl. Abb. 24 unten).
Beide Arten der Kraft sind untrennbar miteinander verbunden. Die Seidenübungen helfen hier ein Verständnis für die unterschiedlichen Qualitäten
von Energie zu bekomme. Sind wir in der Lage die beiden Energien klar im Körper voneinander zu unterscheiden, folgen weitere Stufen der Vertiefung. Aus den zwei Qualitäten der Energie folgen die vier Stufen aus der Unterrichtsdidaktik der einzelnen Seidenübungen (vgl. Abb. 24). Die vier Stufen lassen sich auf acht Bewegungsabschnitte erweitern. Theoretisch ist es möglich hier weiter in die Tiefe zu gehen (von der 2 auf die 4, von der 4 auf die 8, von der 8 auf die 16 usw.), praktisch macht das aber keinen Sinn. Sind wir in der Lage von der Zwei auf die Vier zu schließen, können wir auch in der Vier die Acht entdecken. Spätestens jetzt werden die Bewegungen so innerlich, dass eine Beschreibung über äußere Bewegungen nicht mehr möglich ist. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem sich die äußere Bewegung immer mehr durch eine innere Bewegung ergibt. Das innere Gefühl tritt jetzt stärker in den Vordergrund.Wird am Anfang der Seidenübungen die Energie durch die äußere Bewegung ins Fließen gebracht, übernimmt schließlich der innere Energiefluss die Führung und wird durch die äußere Bewegung sichtbar.

Innerer Wechsel

Innere Wechsel sind die Umkehrpunkte zwischen den beiden Qualitäten der Energie. Ein solcher Wechsel fifififindet immer statt, wenn die Energie zu ihrem Maximum flflflfließt. Haben wir energetisch den Zustand des vollen Yang erreicht, wird die Energie nach und nach in ihr Gegenteil umgewandelt. Die Yin-Qualität der Energie nimmt zu. Innere Wechsel werden im Körper immer durch Drehungen eingeleitet. Fließt die Energie nach einer Drehung, also nach einem inneren Wechsel, zu den Extremitäten, bezeichnen wir dies als Yang-Energie. Der Fluss von den Extremitäten zurück zum Dantian wird demnach als Yin-Energie benannt (vgl. Abb. 25).

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

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Äußerer Wechsel

Äußere Wechsel befinden sich auf der halben Strecke einer jeweiligen Energie. Aufsteigendes Yang wird durch einen Äußeren Wechsel zu vollem Yang. Die entstehende Energiequalität breitet sich durch den äußeren Wechsel immer weiter aus oder flflflfließt in ihrem Gegenteil zurück zu Dantian.
Der physische Motor für einen InnerenWechsel ist die Drehung. Der ÄußereWechsel wird durch eine Gewichtung angetrieben. Bei einem inneren Wechsel ist die Energie noch zart und im Prozess des Entstehens. Äußere Wechsel verleihen der jeweiligen Energiequalität ihre volle Entfaltung. Die Yang Energie wird durch den äußeren Wechsel mächtig und hinaus strebend. Die Yin Energie wird komplett in Dantian gesammelt.
Die Verbindung zwischen Innerem und ÄußerenWechsel ergibt die vier Stufen zur Unterrichtsdidaktik der Seidenübungen (vgl. Abb. 25).
Seidenübungen im Chenstil Taijiquan

Drehung und Gewichtung in den einzelnen Stufen der Seidenübung

Jede einzelne der vier Stufen in den Seidenübungen lässt sich wiederum in Drehung und Gewichtung unterteilen. Diese feinere Betrachtung der Körpermechanik und das draus resultierende tiefere energetische Verständnis der Seidenübungen erweitern das Vierstufenmodel. Haben wir in dem Vierstufenmodel eine Hauptaktion von Drehung oder Gewichtung in der jeweiligen Stufe, wird in den acht Aspekten diese Hauptaktion jeweils durch eine mitlaufende Nebenaktion ergänzt. Besteht die Hauptaktion/ Anfangsaktion aus einer Drehung, ergänzt die Nebenaktion diese Drehung durch eine Gewichtung. Das Gewicht flflflfließt hierbei in vertikaler Richtung nach unten.
Ist die Haupt- bzw. Anfangsaktion eine Gewichtung, folgt ihr eine Drehung mit der sich der Körper wieder gerade dreht. Dieses gerade Drehen bringt den Körper immer wieder in seine Ausgangstellung zurück. Von hier starten die inneren Wechsel (vgl. Abb.26).

Zusammenfassung und Ausblick

Alle theoretischen und praktischen Aussagen zu der Frontalen-Seidenübung sind in der Abbildung zusammengefasst. Erweiternde Fragestellungen zum Einsatz von Schritten in den Seidenübungen und deren Anwendung auf das Taiji-Symbol sind noch zu klären. Desweiteren fehlt noch der Praxisbezug zu den Schiebenden-Händen und damit auch zur Selbstverteidigung. Dies sind Aspekte, die in einem weiteren Artikel von mir erläutert werden.

Seidenübungen im Chenstil Taijiquan
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1. Taiji Neujahrs Turnier – 24.1.2009

Shifu Christian Wulf (WHKD) und Shifu Jan Silberstorff (WCTAG) riefen am 24.01.2009 in der Dacascos Kung Fu & Taiji Academy Barmbek in Hamburg das
1. Taiji Neujahrs Turnier für die Freunde beider Kampfkunststile, dem Wun Hop Kuen Do Kung-Fu und dem Chen Taijiquan, ins Leben.

Mit diesem offenen Vergleichsturnier sollen alle Taiji Schüler die Möglichkeit bekommen, sich in angenehmer Atmosphäre in den Taiji Disziplinen Handformen, Waffenformen, Dingbu und Houbu Pushhand miteinander zu messen. Hier auch ganz besonders diejenigen Schüler, die sonst eher nicht den Wettkampf suchen.

In familiärer Atmosphäre begrüßte Shifu Christian, der erst in der Nacht zuvor von einem Fernsehauftritt mit seinem Dacascos Showteam aus Beijing/China zurückgekehrte, die zahlreichen Teilnehmer und Gäste. In seiner Ansprache führte er  u.a. aus, dass mittlerweile in vielen WHKD Kampfkunstschulen schon lange Chen Taijiquan unterrichtet wird und das der Anfang dieser Entwicklung in seiner Dacascos Kung Fu & Tai Chi Academy Barmbek Anfang der `90 Jahre mit Shifu Jan Silberstorff begann. Geplant ist dieses Turnier jährlich, immer zu Beginn des chinesischen Neujahrs, in einem familiären Schulrahmen stattfinden zu lassen, welches mit sehr viel Applaus aller Anwesenden begrüßt wurde.

Als Hauptkampfschiedsrichter konnten Ralf zum Felde, Kai Schlupkothen und Frank Marquardt gewonnen werden, die alle auf jahrelange und erfolgreiche Wettkampfpraxis zurückblicken können.

Begonnen wurde mit den Handformen, bei der jeder der Starter mind. 5 bis max. 6 Minuten Zeit hatte, seine Form zu präsentieren. Für einige der Teilnehmer war es das erste Mal auf einem Turnier. Die Nervosität vor diesem öffentlichen Auftritt war, trotz des familiären Rahmens, bei den meisten spürbar. Doch in dem Moment, als die Wettkampffläche betreten wurde, schien die Nervosität bei den Teilnehmernverflogen und durch Konzentration und Entschlossenheit ersetzt worden zu sein. Alle Teilnehmer lagen von den Wertungen so eng zusammen, dass die Platzierungen durch ein Stechen zwischen Guido Stefanec, Vytas Huth und Christian Dohse entschieden werden musste. Hierbei belegt schließlich Guido Stefanec den ersten Platz. Weiter ging es mit der Disziplin Waffenformen, bei denen die meisten Starter die traditionelle Schwertform des Chen Taijiquan präsentierten. Auch hier lagen die Wertungen aller Starter so eng beieinander, dass ein Stechen zwischen Vytas Huth und Frederik Wahl um die ersten beiden Plätze entschieden werden musste, welches Vytas Huth für sich entscheiden konnte. Den dritten Platz belegte schließlich Guido Stefanec.

China Reise 2009

Bei den Pushhands Wettkämpfen wurde mit Dingbu Pushhands (mit festem Stand) begonnen. Hier stehen sich zwei Wettkämpfer gegenüber und versuchen einander sich so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass der Gegenüber mindestens einen Schritt machen muss, bzw. sogar zu Boden geht und man selbst aber stehen bleiben sollte. Bei den Herren starteten 10 Teilnehmer, wobei sich Oliver Bollmann souverän in allen seiner Kämpfe durchsetzen konnte. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Christian Dohse und Frederik Wahl. Bei den Damen setzte sich Petra Henninges gegen Christina Klawitter durch. Den dritten Platz belegte Katja Uhlisch.

Beim Houbu Pushhands (mit Beinarbeit) müssen die Wettkämpfer ihrem Gegenüber aus dem Ring werfen, bzw. zu Boden bringen. Hierbei sind Fußfeger erlaubt, Greifen jedoch nicht. In dieser Disziplin setzte sich Marius Leszkiewicz (WHKD) klar gegen Vytas Huth und Denis Nosnitsin durch. Bei den Damen gewann Silke Affinass gegen Katja Uhlisch, Christina Klawitter belegte den dritten Platz.

Nach vier Stunden harten Wettkämpfen, mehr oder weniger Nervosität, viel Spaß und Freude waren sich alle einig: Wir freuen uns auf das 2. Neujahrs Turnier 2010 in der Dacascos Kung Fu & Tai Chi Academy Barmbek in Hamburg. Dieses Turnier hat mir persönlich sehr viel Spaß gemacht, auch wenn es für mich dieses Mal  für eine Platzierung nicht reichte. Viel wichtiger ist es, dass es spannende und faire Wettkämpfe gab. Sowohl die Starter als auch alle Gäste Spaß hatten und einen schönen Tag in Erinnerung behalten konnten. Ich selbst habe mich der Herausforderung gestellt mit anderen auf einem Turnier zu messen. Ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt, um aus diesen zu lernen und zu wachsen. Unter den Teilnehmern wurden nicht nur Erfahrungen ausgetauscht und „gefachsimpelt“, sondern auch Tipps und Ratschläge weitergegeben. Neue Kontakte wurden geknüpft, bestehende Kontakte aufgefrischt bzw. vertieft. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Jahr und werde bis dahin eifrig weiter trainieren.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Susanne Wulf, die für das leibliche Wohl aller sorgte, an unsere Hauptkampfschiedsrichter Ralf zum Felde, Kai Schlupkothen und Frank Marquardt und nicht zuletzt Shifu Christian Wulf und Shifu Jan Silberstorff, die dieses Turnier ins Leben gerufen haben.

Andreas Patriok

China Reise 2009

 

 

 

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Editorial 2009

„Tage, Wochen, Monate und Jahre vergehen, in rasendem Tempo”, so sagte gerade die Zahnarzthelferin vor mir, kurz bevor das Bohren beginnt. Sie ist 21. „Man sollte jeden Tag so leben, als wäre es der letzte - denn eines Tages wird es so sein“, sagte wiederumChina Reise 2009 meine russische Übersetzerin letzte Woche in Smolensk.
Ob 21, 49 oder 82, das Leben ist nicht endlos. Das zu begreifen, bedeutet, dem Leben einen Sinn geben zu wollen. Es täglich darauf auszurichten, was einem wirklich wichtig ist und was man in diesem Leben, das uns geschenkt ist, wirklich tun will. Dies zu erkennen, dafür ist ein klarer und freier Geist wichtig. Ein reines Herz gibt den Wünschen die richtige Richtung. So, dass unser Leben nicht nur für uns, sondern auch für alle anderen Früchte trägt. Wie glücklich ist ein Leben, welches auch den Menschen um mich herum Freude bereitet und wie traurig, wenn meine Freude auf Kosten der anderen geht. Taijiquan hilft uns, diesen klaren Geist und ein reines Herz zu entwickeln. Es verhilft uns zu einem neutralen Standpunkt, von dem aus wir starten können. Aber es ist kein Selbstgänger. Auf der Basis eines guten Trainings müssen wir uns täglich immer wieder neu ausrichten, altes überdenken, neues in Angriff nehmen. „Der Berufene vollbringt sein Werk und verharrt nicht dabei”, sagt Laozi. Das Leben ist wie ein Fluss und wir müssen lernen uns in die Richtung unserer Bestimmung treiben zu lassen. Und doch ist dieses Treiben lassen mit harter Arbeit an uns selbst verbunden.
Dass jeder seine persönliche Stromrichtung zum Wohle aller finden kann und dass uns das Taijiquan dabei hilft, dieses wünsche ich uns allen besonders für das kommende Jahr 2009!

Alles Liebe,
Jan Silberstorff

 

Vorliegend präsentieren wir von der WCTAG nun mit voller Freude die bereits zweite Ausgabe vom Chen-Taijiquan-Magazin. Es ist die einzige Zeitschrift weltweit, die sich ausschließlich dem Chen-Taijiquan widmet. Wir glauben auch mit dieser Ausgabe wieder wertvolle Fachartikel zum tieferen Verständnis, aber auch ein großes Angebot vielfältigster Kurs-, Lehrgangs- und
Intensivcamps anzubieten und freuen uns über ein hoffentlich stetig wachsendes Interesse an dieser einzigartigen Kampf-, Meditations- und Gesundheitskunst. Nach inzwischen 15 Jahren WCTAG stellen wir immer wieder mit Begeisterung fest, dass es kaum etwas Erfüllenderes gibt, als Menschen zu einem tieferen und wahrhaftigeren Verständnis für Körper, Geist und Seele zu verhelfen.

In diesem Sinne wünschen wir freudiges Lesen und Praktizieren!

Das WCTAG Team

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Was ist Taijiquan?

Taijiquan (Tai Chi Chuan) ist eine alte chinesische Kampf- und Bewegungskunst. Sie dient der Lebenspflege, Gesundheit, der ganzheitlichen Entwicklung von Körper und Geist sowie der Selbstverteidigung. Sie ist meditativ und körperkräftigend, fördert die Entfaltung der inneren Energie (Qi) und ist als solche sowohl therapeutisch als auch kämpferisch einsetzbar. Die Bewegungen
sind sanft und fließend, voller Ausdruck, Schönheit und Energie.

Taijiquan geht in seiner Art weit über normale Fitnessprogramme hinaus und kann durch seine essentielle Philosophie als Lebensweg, aber auch als Hobby beschritten werden. Sein gesundheitlicher Wert ist weltweit anerkannt, Krankenkassen übernehmen teilweise die Unterrichtsgebühren.

Als Kampfkunst folgt es den Überlieferungen traditionellen Übungsgutes, welches gerade heute in allen Situationen einsetzbar ist. Es ist der wohl am weitesten verbreitete Gongfu- (KungFu-) Stil der Welt. Dieses vor Jahrhunderten in der Chen- Familie entstandene System macht sich die Philosophie von Yin und Yang, deren Wandlungsphasen sowie der Harmonisierung von Körper, Geist und Seele zu nutze. Es verbindet Selbstverteidigungsbewegungen (Wushu) mit der Führung der inneren Energie (Qigong) und gilt daher als innere Kampfkunst.
Da innere Energie anstelle von Muskelkraft gesetzt wird, ist Taijiquan von jung und alt, Mann und Frau, klein und groß gleichermaßen erfolgreich ausübbar.

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Taijiquan auch an Interessierte außerhalb der Chen- Familie weitergegeben. Hieraus entwickelten sich die verschiedensten Stile, z.B. die der Yang-, Wu-, Wuu- und Sun-Familie.

Der Chenstil ist der Ursprung aller Taiji-Familien- Systeme und hat sich inzwischen auf der ganzen Welt verbreitet. Taiji beschreibt den Menschen als Verbindung (Bindeglied) zwischen Himmel und Erde und gibt ihm seinen Sinn (Dao).

Jan Silberstorff

Was ist TaijiquanChina Reise 2009

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Chen Guizhen in Karlsruhe
Fröhlich, warmherzig und mit unglaublicher Präsenz

Nachdem ihr letzter Besuch in Deutschland bereits 8 Jahre zurückliegt, freuten wir uns sehr, dass Meisterin Chen Guizhen die Einladung von Jan Silberstorff angenommen hatte und im Juni 2006 fast zwei Wochen bei Sasa Krauter in Karlsruhe zu Gast war.
Als Taijiquan-Frauengruppe waren wir sehr gespannt darauf, ein weibliches Mitglied der Chen-Familie kennen zu lernen und bei einer Meisterin Unterricht zu haben.
Besonders stolz sind wir, dass beide Wochenend-Seminare in unseren Trainingsräumen bei der Frauenkampfkunstschule In Nae stattfanden, und dass sich viele Taiji-Freundinnen und –Freunde aus ganz Deutschland zum Training einfanden.
In der Woche zwischen den Seminaren hatten wir Gelegenheit Privatunterricht bei Chen Guizhen zu nehmen, für den Sasa ihren Übungsraum zur Verfügung stellte.
Die Meisterin ist eine faszinierende Persönlichkeit. Wir lernten sie als fröhlichen Menschen mit warmherziger Ausstrahlung und einer unglaublichen Präsenz kennen. Mit freundlicher Geduld korrigierte sie uns in den Bildern und Übungen, wie z.B. der Stehenden Säule und den Seidenübungen.
Auffallend war, dass sie insgesamt sehr nach außen korrigierte, also in weite raumeinnehmende Bewegungen. Große Beachtung schenkte sie auch der aufrechten Haltung der Wirbelsäule. Besonderes Augenmerk legte sie auf die Beweglichkeit des Beckens und dessen Einfluss auf den gesamten Bewegungsapparat.
Sie selbst beeindruckte uns mit weit ausholenden Bewegungen, die ihren Ursprung gut sichtbar im Dantian haben.
Uns SchülerInnen beschenkte Chen Guizhen mit zwei Vorführungen aus ihrem Repertoire: die Doppelscchen guizhenhwertform, die ihr als Meisterin dieser Disziplin den Namen „Königin des Doppelschwertes“ einbrachte, und die von ihr selbst entwickelte Fächerform. Mit höchster Präzision wirbelte sie die Schwerter und Fächer, kraftvoll und geschmeidig zugleich, in Richtung imaginärer Gegner. Bei den Fächern konnte man einen guten Eindruck davon gewinnen, wie harmlose Gegenstände zu wirksamen Verteidigungswaffen werden können.
Chen Guizhen ist für uns zu einem Vorbild geworden, denn sie verbindet den Weg des Taiji selbstverständlich mit kraftvoller Weiblichkeit. Wir danken ihr sehr für die lehrreichen gemeinsamen Stunden und freuen uns, sie hoffentlich bald wieder in Karlsruhe begrüßen zu dürfen. Ein herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle auch an Sara und Till, die Frau Chens Worte ins Deutsche übersetzten. Besonders bedanken wir uns bei Sasa Krauter, die uns mit der Organisation dieses Besuches unvergessene Taijiquan-Momente schenkte.


Simone Sypli
Katrin Schmidt-Sailer

 

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Begegnung mit Meister Xiao Qinling

Im Februar 2006 nutzte ich einen kleinen Zwischenaufenthalt in Beijing um einen der letzten noch lebenden Schüler von dem legendären Großmeister Chen Fake, Meister Xiao Qinling zu besuchen.
Ich telefonierte mit seiner Frau, um einen Treffpunkt mit ihm auszumachen. Sie bat mich beim Beijing Hotel (eine der besten Adressen der Stadt) auf ihn zu warten.
Ich war etwa eine halbe Taxi-Stunde vom Hotel entfernt einquartiert. Zu dieser Zeit ist es in Beijing immer noch sehr kalt und Winter wie bei uns. Trotz blauen Himmels und Sonne waren es immer noch deutliche Minusgrade. Doch da ich keine dicke Kleidung mag, dachte ich mir: Du sitzt im Taxi, bist im Beijing Hotel und fährst wieder zurück, also reicht ein T-Shirt und deine leichte Jacke. Und schon saß ich bequem im Taxi und verbrachte die Fahrt mit einem sehr angenehmen Handy-Gespräch mit meinem alten Freund Jarek Szymanski aus Shanghai.
Pünktlich angekommen begab ich mich, um der Kälte zu entkommen, direkt in die Lobby des Hotels und suchte sie nach Meister Xiao ab. Vergebens. Nach einer Viertelstunde Warten rief ich erneut bei seiner Frau an, um nachzufragen. Sie bestätigte mir den Treffpunkt und dass ich nur noch ein bisschen warten solle, was ich recht bequem tat. Nach einer weiteren Viertelstunde jedoch bat ich den Rezeptionisten für mich anzurufen, vielleicht hatte ich trotz meines chinesisch etwas überhört oder falsch verstanden, sprach seine Frau doch einen sehr starken Dialekt. Doch auch er bestätigte mir den Treffpunkt. So blieb mir nach einer erneut weiteren Viertelstunde nichts übrig, als wieder in ein Taxi für den Rückweg zu steigen. Just in diesem Moment trat ein Chinese auf mich zu und fragte, ob ich Shi Yang (die chinesische Abkürzung für Jan Silberstorff) wäre und ob ich auf Meister Xiao Qinling warten würde. Ich war hoch erfreut einen Schüler von ihm anzutreffen. Er bestätigte mir den Treffpunkt, sagte aber, dass der Meister es vorgezogen hatte, an einer Straßenkreuzung zwei Häuserblöcke von hier auf mich warten. Er könne mich hinbringen, ich könnte auf dem Gepäckträger seines Fahrrades sitzen. Zwei Häuserblöcke an der Changan Jie sind nicht kurz, doch Kälte hin oder her, nach 10 Minuten frieren waren wir da. Meister Xiao saß auf einer Bank direkt an einer Straßenkreuzung und begrüßte mich freundlich. Ich schlug vor, wie es der Meister XiaoHöflichkeit nach üblich und dem Wetter und meinem T-Shirt nach erforderlich ist, auf der anderen Straßenseite in ein Restaurant einzukehren, ich würde ihn gerne zum Essen einladen. Er lehnte dankend ab, er habe schon gegessen. „Auf einen Tee?“ warf ich hoffnungsvoll ein. „Nein danke, ich sitze lieber draußen, da ist es mit am angenehmsten“, antwortete mir der inzwischen 78-jährige Meister. Er rückte ein Stück zur Seite und bat mich neben ihm auf der Bank Platz zu nehmen. So saßen wir denn etwa zwei Stunden zusammen auf dieser Bank und regelmäßig verneinend ob mir denn kalt wäre, so dünn wie ich für den Winter angezogen sei, lauschte ich ihm über die gute alte Zeit.
Er habe mit 20 Jahren mit dem Taijiquan-Training begonnen. Zunächst jedoch unter einem anderen Lehrer. Als er aber von Chen Fake hörte und realisierte, dass dieser in Beijing Unterricht gab, ließ er sich von Bekannten an ihn vermitteln. Dies war zu der Zeit (und ist es zum Teil auch heute noch) ein übliches Verfahren, von einem Lehrer als Schüler aufgenommen zu werden. Man ging nicht selbst hin und bewarb sich, sondern hatte einen Fürsprecher, der die Angelegenheit für einen ins Rollen brachte. Ich selber erlebte dieses Vorgehen noch Anfang der 1990er Jahre in Xian, als es um die Verkupplung eines Freundes mit seiner späteren Freundin ging.
Nachdem Xiao Qinling als Schüler aufgenommen wurde, lernte er bei ihm bis zu seinem Tod 1957. Er sagte mir, er habe 1949 mit dem Taijiquan begonnen, so dass seine Lernzeit bei Chen Fake bis zu acht Jahren, abzüglich seiner Lehrzeit bei seinem ersten Lehrer, betragen haben könnte. Vermutlich waren es 5-6 Jahre.
Eigentlich wäre es nur reichen Menschen bestimmt gewesen, bei einem so berühmten Meister lernen zu können. Aber, so erzählte er, durch eine politische Veränderung seiner Zeit, in der der Kapitalismus zurückgedrängt worden sei, konnten auch ärmere Menschen wie er selbst Unterricht bekommen.
Wirklich Taijiquan zu erlernen sei sehr schwer, umso mehr, wenn man den Selbstverteidigungsaspekt in seine wirkliche Tiefe beherrschen können möchte. Es sei sehr wichtig, das Prinzip sehr genau zu verstehen, was jedoch nur sehr wenigen Schülern möglich wäre. Der gesundheitliche Aspekt wäre aber heutzutage, schon auch im Hinblick auf die heutige Schusswaffentechnik weitaus wichtiger und auch einfacher zu erlernen.
Ein weiterer Aspekt sei es, dass man Taijiquan nur gut trainieren könne, wenn man satt sei.
Dies bedeute, dass die meisten Menschen für ihren Lebensunterhalt tagsüber arbeiten müssten. Wenn man jedoch tagsüber arbeitet, könne man nur abends üben. Auch könne man aufgrund des Zeitmangels nicht alle Aspekte des Systems täglich üben. Hierauf sei es zurückzuführen, dass die Menschen von heute nicht mehr so gut wären im Taijiquan wie früher. Taijiquan ginge nicht verloren, aber man brauche zudem einen sehr guten Lehrer.
Hat man jedoch den ganzen tag Zeit zu trainieren, so Meister Xiao, wären 30 Routinen der ersten Form pro Tag gut. Ein Durchlauf könne so um die acht Minuten dauern.
Die Schiebenden Hände und auch die sitzende Meditation wären Aspekte des Taijiquan, aber das Wesentlichste sei die Form. Die Form solle man üben, wenn man alleine ist, ist man zu zweit, solle man die Schiebenden Hände praktizieren.
Xiao Qinling legte in seinen Beschreibungen sehr viel Wert auf die Rundheit und Ununterbrochenheit der Bewegungen. Um mir dies zu verdeutlichen, stand er mitten im Gespräch plötzlich auf, ließ mich zitternd frierend auf der Bank sitzen und führte mit seinen fast 80 Jahren direkt zwischen unserer Bank, vielen Passanten und der vielbefahrenen Strasse die erste Form des neuen Rahmens vor. Danach musste ich ihm meine zeigen und kam in den Genuss wichtiger Hinweise des Altmeisters.
Die Art, wie er die Form vorführte, war seiner Persönlichkeit nach entsprechend geformt, ließ aber eindeutig erkennen, dass diese Form, xinjiayilu, auch heute noch in derselben Art bei uns praktiziert wird, wie es wohl in den 1950er Jahren in Beijing der Fall gewesen sein muss.
Ich bedankte mich bei Meister Xiao für dieses interessante Gespräch und begab mich wieder auf meine Taxi Tour, selbstverständlich nicht ohne mein übliches Telefonat nach Shanghai.

Zurück in meinem Hotel und in der heißen Badewanne sitzend, wurde mir noch einmal bewusst, in was für einer guten Zeit wir gerade leben. Dass es uns als Europäer in so einfacher Form heutzutage möglich ist, durch die Welt reisen zu können, dass die alten Meister bereit sind, ihr wissen heutzutage öffentlich zu machen und dass wir durch die lange Periode des Friedens eine gute und sehr wertvolle Möglichkeit haben, gut lernen zu können. Wir sollten dies gut nutzen und versuchen, uns diesen Zustand erhalten zu können.

Jan Silberstorff

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Eine Frau als Mitbegründerin des Taijiquan
von Jan Silberstorff

Chen Wangting (1597-1664) ist, wie allgemein bekannt und von allen offiziellen Stellen anerkannt, der Ahnherr und Urbegründer des Chen-Taijiquan. Aus dem Chenstil haben sich später alle weiteren bekannten Familienstile des Taijiquan entwickelt.
Chen Wangting, als General sehr Schlachtfeld erfahren, studierte nach dem Dynastiewechsel der Ming- zur Qingdynastie, in Zurückgezogenheit in seinem Heimatdorf Chenjiagou daoistische Lehren und ihre innere Alchemie. Aus beidem, der Kampfkunst und der inneren Alchemie erschuf er ein neues System gesundheitsorientierter Kampfkunst. Dieses wurde später unter dem Begriff Taijiquan weltberühmt.
Chen Wangting beruft sich bei seiner Erforschung und Zusammensetzung des neuen Faustkampfes grundlegend auf zwei klassische Werke. Zum einen auf das

Ji Xiao Xin Shu Ji Xiao Xin Shu Ji Xiao Xin Shu

„Ji Xiao Xin Shu – neu verfasste Annalen des Dienstes“ (1575), das ebenfalls von einem General der Mingdynastie, Qi Jiguang (1528-1587), verfasst wurde und zum anderen auf das „Huang Ting Jing (Huang ting nei wai yu jing jing – „der Klassiker des gelben Innenhofes über die innere und äußere Jadelandschaft“)“.
Durch seine große Erfahrung und gestützt durch diese beiden Werke verband er äußere Kampftechnik mit innerer Energieführung.
Das Werk von Qi Jiguang beschreibt die Hauptmerkmale der chinesischen Kampfkünste seiner Zeit und hebt die wichtigsten Techniken hervor. Chen Wangting begründete seine Techniken hauptsächlich aus dem 14. Kapitel „Quan jing - Hauptmerkmale des Trainings des Boxklassikers“ des oben genannten Werkes. Das Huang Ting Jing besteht im Wesentlichen aus 36+3 in Versform gehaltener Kapitel über rechte Lebensführung, Ernährung, Sexualität und vornehmlich innerer Energiearbeit zur Erlangung der Unsterblichkeit.
Während es eine Menge gesicherter Informationen über den Autor des „Ji Xiao Xin Shu“ gibt, so ist bisher fast nichts verbreitet worden über die Autorenschaft des „Huang Ting Jing“.
Der vollständige Titel „Huang ting nei wai yu jing jing“ setzt sich zusammen aus der Farbe gelb („huang“), welche in China schon von jeher eine besondere Bedeutung hatte. Sie war die Farbe der Kaiser und wurde innerhalb der fünf Elemente der Erde zugeordnet, welche wiederum das Zentrum symbolisiert. „Ting“ steht für Hof, bzw. Innenhof. Ursprünglich war nach chinesischer Bauart in der Mitte eines Gebäudes ein leerer Innenhof. Dieser symbolisierte das Zentrum und den höchsten Zustand, die Leere. „Nei“ (innen), „wai“ (außen), „yu“ (Jade) und „jing“ (Landschaft) bezeichnen die „innere und äußere Jadelandschaft“. Hiermit ist der eigene, innere Körper gemeint. Der letzte Begriff „jing“ bezeichnet ein Buch im Sinne von „Klassiker“. „Huang ting“ huang ting jing(gelber Innenhof) steht in der daoistischen Tradition für das Körperzentrum (hier: dantian) und die Leere als das höchste spirituelle Ziel, welches durch die energetische Transformation innerhalb der drei Dantian erreicht werden soll („huang ting san gong“). „Der Klassiker des gelben Innenhofes über die innere und äußere Jadelandschaft“ bezeichnet somit ein Schriftstück über die innere Energiearbeit innerhalb des gesamten eigenen Körpers in Bezug auf dessen Zentrum (Zentren).
Nach eigenen Nachforschungen mit Hilfe von Wang Ning, Ken Rose, Jarek Szymanski und Großmeister Chen Xiaowang kam ich zu der Erkenntnis, dass als Autor des Huang Ting Jing nur Frau Wei Huacun 魏 華 存 (251/252-334 n. Chr.), alias Xian An, in Frage kommt.
Das Huang Ting Jing entstand ursprünglich zuerst aus dem so genannten „Huang ting nei jing jing“ (Der Klassiker des gelben Hofes über die innere Landschaft) mit 36 Kapiteln, vermutlich zu Beginn der Jin Dynastie (265-420 n. Chr.). Nach Quellen des Chengdou Zhongjiao Xueyuan, eine daoistisch orientierte Forschungsgesellschaft in Chengdou (VR China), veranlasste Kaiser Jing Wudi im Jahre 288 das Huang Ting Jing um einen zweiten Teil, das „Huang ting wai jing jing - der Klassiker des gelben Hofes über die äußere Landschaft“ mit drei Kapiteln, zu erweitern. Sehr viel später, in der Sui, Tang oder gar Song Dynastie soll noch ein dritter Teil, das „Huang ting zhong jing jing - der Klassiker des gelben Hofes über die mittlere Landschaft“ hinzugekommen sein. Dieser dritte Teil wird in der Regel jedoch nicht so hoch geschätzt, da er im Wesentlichen eine vereinfachte Zusammenfassung der ersten beiden Teile darstellt. Er wird daher in der Regel nicht mit in das Huang Ting Jing aufgenommen.

Zu der Autorenschaft des Hauptwerkes des Huang Ting Jing, wird ausschließlich die Person Wei Huacun genannt, welche das Huang Ting Jing im dritten Jahrhundert nach Christus geschrieben und/oder kompiliert, sowie herausgebracht haben soll. Bei Wei Huacun endet die Möglichkeit der Rückverfolgung. Man kann sich nicht sicher sein, zu einem wie großen Teil der Text von ihr selbst kommt oder zu einem wie großen Teil sie vorher bestehende Texte zusammengetragen hat. Vor ihr jedoch ist keine weitere Zuordnung () möglich. So kann im Gesamtzusammenhang nur Wei Huacun als Autorin für das Huang Ting Jing genannt werden. In gleicher Weise gilt auch Zhuangzi als Verfasser des Zhuangzi und Laozi als Verfasser des Daodejing.

Historisch ist nicht viel über ihr Leben bekannt. Sie ist 251 oder 252 n. Chr. in Rencheng der Provinz Shandong geboren und war vermutlich die Tochter eines Ministers für Schulwesen namens Wei Shu am Hofe des Kaisers Wu der westlichen Jin (265-316 n. Chr.). Wei Shu selbst war wohl ein Schüler des „Weges der Himmelsmeister (tianshi)“. Mit 24 Jahren wurde Wei Huacun von ihrem Vater vermutlich gegen ihren Willen mit einer führenden Persönlichkeit der „Himmelsmeister“, Liu Wen aus Nanyang, verheiratet. Er soll Historiker mit guten höfischen Kontakten gewesen sein. Sie hatten zusammen zwei Söhne.
Wei Huacun genoss hierdurch eine daoistische Ausbildung und wurde u.a. zu einer Ritualmeisterin (jijiu) ausgebildet. Auch in den sexuellen Praktiken des Daoismus war sie eingeweiht. Als die östlichen Jin (317-420 n. Chr.) an die Macht kamen und ihre Familie in das heutige Nanjing (damals Jianye) auswanderte, verbrachte Wei Huacun den größten Teil ihres Lebens in Zurückgezogenheit. Sie soll das Huang Ting Jing an einen ihrer Söhne weitergegeben haben, der es wiederum ihrem Schüler Yang Xi weitergeben haben soll über den es dann weitere Verbreitung fand.
Ihre Wirkzeit wird in den Beginn der daoistischen Schule der „höchsten Klarheit („shangqing“)“ gesetzt, als dessen erster Patriarch (und somit Begründer) sie gilt. Ihr Sterbejahr wird ins Jahr 334 n. Chr. datiert.

Die Legende über Frau Wei Huacun erzählt man sich folgendermaßen:

Wei Huacun widmete sich schon seit jungen Jahren sehr ernsthaft der daoistischen Meditation, dem Studium des Laozi, des Zhuangzi und der inneren Alchemie. Im Alter von 24 Jahren arrangierten ihre Eltern für sie die Ehe, so dass sie ihre Praxis aufgeben musste. Doch sie betete zu den Heiligen, dass sie trotz ihrer familiär auferlegten Pflichten einen Weg finden würde, dass Dao weiterhin zu kultivieren. Nachdem sie ihre beiden Kinder groß gezogen hatte, verkündete sie, sich fortan wieder auf den Weg ihrer eigenen und eigentlichen Bestimmung zu begeben. Danach zog sie sich in die Einsamkeit zurück und praktizierte ausschließlich das Dao. Es heißt, sie habe das Dao auf dem Gipfel des Südens („Nanyue“, vermutlich Hengshan in der Hunan Provinz) verwirklicht. In dieser Region soll zu dieser Zeit eine rege Aktivität und Austausch zwischen Daoisten und Buddhisten stattgefunden haben.
Eines Tages während ihrer Meditation wurde sie plötzlich von Musik und dem Geräusch herannahender Streitwagen umhüllt. In einem hellen Licht erschienen vier Heilige aus dem Himmel, welche, hervorgerufen durch tiefen Respekt ihrer Disziplin und unermüdlichen Praxis gegenüber, ihr heilige Bücher überreichten und sie mit dem Namen „die Dame des Südberges (nanyue furen)“ ehrten. Einer von ihnen war der „Vollendete“ Jing Lin. Er soll ihr das Huang Ting Jing (Huang ting nei jing jing) überreicht haben.JiguangJiguang

Folgender Ausspruch wird ihr zugrunde gelegt:
„Innerlich das Vollkommen Aufrechte (zhengzhen) zu erleuchten, und äußerlich in den weltlichen Pflichten (shiye) aufgehen, zeigt ausgezeichnetes Talent. Dies pflegt den Weg von der Höchsten Vollkommenheit.“

Im Alter von 83 Jahren soll sie spezielle Mixturen, die ihr u.a. von Wang Bao („der Vollendete der ursprünglichen Leere“), welcher einigen Quellen zu Folge als ihr Lehrer aufgeführt wird, eingenommen und von der Erde verschwunden sein. Den Instruktionen von Wang Bao folgend, schloss sie sich im Yangluo Berg ein und fastete dort 500 Tage. Wieder sollen ihr Unsterbliche erschienen sein und ihr weitere Schriften übergeben haben, nach dessen Studium und Praktiken sie in die Himmel und den „Palast der höchsten Klarheit“ aufgefahren sein soll (1).
Auch wird erzählt, sie sei von den Himmeln herabgestiegen, um Yang Xi die Schriften zu übergeben (2).
In einigen Quellen erscheint sie nach der „Königinnenmutter des Westens“, Xiwang Mu, bereits an zweiter Stelle weiblicher himmlischer Rangordnung.

Ob von den Heiligen des Himmels überreicht, aus alten Vorgaben zusammengestellt oder selbst verfasst, Wei Huacun ist die Person, die für die Herausgabe des Huangtingjing und der in diesem Werk beschriebenen Techniken verantwortlich ist.
So ist es klar, dass der General Qi Jiguang als Mann die wichtigsten Kampfkunsttechniken seiner Zeit zusammengetragen und veröffentlicht hat, und Wei Huacun als Frau in gleicher Weise die Schwerpunkte daoistischer Energiearbeit und Lebensführung zusammenfasste.
Daher kann man sagen, dass das spätere Taijiquan sich in seiner ursprünglichen Quelle auf die Arbeit eines Mannes über die Kampfkunst und auf die Arbeit einer Frau über die innere Energiearbeit stützt. Diese Arbeiten wurden von Chen Wangting zu einem System zusammengefügt. Taijiquan war geboren. Schöpferisch zu gleichen Teilen von Mann und Frau.

© Jan Silberstorff, 2006

(1)Virtual Images/Real Shadows: The Transposition of the Myths and Cults of Lady Wei,
James Robson
(2)Yin Zhihua

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Der Weg der Stehenden Säule

Stehen wie ein Baum, den Ball halten oder die Stehende Säule sind Benennungen einer Übung aus dem System des Zhan Zhuang, die schamanistischen und magischen Ursprungs zu sein scheint. Der Ursprung dieser Qi Gong-Methode liegt weit zurück in der Geschichte Chinas. Es gibt Hinweise auf diese Stehmeditation im Dao De Jing (dem grundlegenden daoistischen Werk, welches Laozi (ca. 600 v. Chr.) zugeschrieben wird). Laut Dao De Jing heisst es: „Alleine stehst du, unwandelbar und nimmst alle Geheimnisse wahr, gegenwärtig in jedem Augenblick und im unendlichen Fließen: Dies ist das Tor zu unbeschreiblichen Wundern“, im Buch des Gelben Kaisers (ca. 200-100 v. Chr.), dem Huangdineijing heisst es im Gespräch des Kaisers mit seinem Leibarzt: „Ich habe gehört, dass in alten Zeiten es geistige Wesen gegeben hat; sie standen zwischen Himmel und Erde und verbanden das Universum; sie verstanden das Yin + Yang und lenkten die Prinzipien der Natur; sie atmeten den Stoff des Lebens; sie versenkten sich bewegungslos in den Geist des Lebens und Sehnen und Fleisch waren eins“.
Für viele innere Kampfkünste wurde Zhan Zhuang zur grundlegenden Methode. Im Xing Yi Quan, welches in der Song Dynastie (1103-1142) von dem General Yue Fei und Yue Wu entwickelt worden sein soll, ist Zhan Zhuang eine Basis-Übung. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Zhan Zhuang im Peking der 40er Jahre durch Wang Xiangzhai, der das Da Chen Quan bzw. Yi Quan begründete.
In der heutigen Zeit bildet Zhan Zhuang die Grundlage der Kampfkünste Xing Yi Quan, Da Chen Quan bzw. Yi Quan und dem Taiji Quan.
Im System des Zhan Zhuang gibt es mehrere Standpositionen und Stile mit unterschiedlicher Durchführung und Zielsetzung. Folgende Standübungen (Zhan Zhuang Lei) werden heute noch praktiziert: Zhan Zhuang Gong, San Yuan Shi Zhan Zhuang Gong, Wuji Shi Qi Gong, Bai He Liang Chi Zhan Zhuang Fa, Tong Zhong Gong. Selbst in dem von mir neben dem Chen Taiji Quan praktizierten Gong Fu-Stil, dem Taiji Mei Hua Tang Lang Quan, findet sich in der Standübung der Gong Jia Da Ba Shi das Prinzip des Zhan Zhuang.
Für die Taiji Quan-Praktiker ist die Stehübung das Werkzeug schlechthin, um die Körperhaltung so zu strukturieren, dass alle Gelenke geöffnet sind, die Organe gelöst sind und die Lebensenergie Qi frei im Körper zirkulieren kann. Mit ihr arbeiten wir unsere Körperstruktur und Energievernetzung heraus, wobei das Untere Dantian (Xia Dantian) das elementare Zentrum ist und alle Korrekturen auf das Xia Dantian ausgerichtet sind. Das Prinzip der Stehenden Säule setzen wir in der Bewegungsform fort. Die Taiji-Form ist die Stehende Säule in Bewegung.

Oberes Dantian - Shang Dantian
Mittleres Dantian - Zhong Dantian
Unteres Dantian - Xia Dantian
Hinteres Dantian - Hou Dantian

Bei modernen westlichen Menschen ist die Zentrierung im Unterbauch nicht die Regel. Meistens haben wir eine Energiefülle im oberen Körperbereich: Im Kopf als Erlebnisraum für Gedankenaktivität und in der Brust als Erlebnisraum für emotionale Aktivität. Gedanken und Emotionen spielen zudem Ping Pong miteinander, der Körperschwerpunkt ist nach oben verlagert. Die Folgen der Energiefülle im oberen Bereich sind u.a. Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen; kurz - Stress im Kopf. Für den Brustbereich sind die Folgen u.a. Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemdysregulation, unsere Gefühle sind nicht zu bändigen, sie kontrollieren uns. Der grobstoffliche und feinstoffliche Körper ist aus dem Gleichgewicht, hat seine Mitte verloren.
5 Ebenen der Regulation
Mit dem Praktizieren der Stehübung durchlaufen unser Körper und Atem, unser Geist und Bewusstsein sowie unsere Lebensenergie eine tiefgreifende Regulation. Diese Regulation können wir in allen Qi Gong Methoden und inneren Kampkünsten wiederfinden. Die Stehübung vereinigt Körper und Geist und macht sie zu einem ausgewogenen Kraftfeld. Zhan Zhuang vermehrt die „3 Schätze“ Jing, Qi und Shen (Essenz, Energie und Geist). Energie, Blut, Sehnen und Knochen werden revitalisiert und das gesamte Energiesystem reorganisiert.
Zudem stärkt die Stehübung den Körper, alle Lebensfunktionen sowie innere (Nei Qi) und äussere (Wai Qi) Energie. Um Zhan Zhuang zu meistern, durchlaufen wir unterschiedliche Entwicklungsphasen.

5 Regulationen (Wu Tiao)
Regulation des Körpers - Tiao Shen
Regulation der Atmung - Tiao Xi
Regulation des Geistes - Tiao Shen
Regulation des Bewusstseins + Vorstellung - Tiao Xin
Regulation des Qi - Tiao Qi

3 Phasen der Durchführung
Die Zhan Zhuang-Übung sollte man in drei Phasen einteilen: eine Vorbereitungsphase mit der Zielsetzung , oben und unten korrekt auszurichten, so gut zu entspannen wie möglich, den Geist zu beruhigen und die Energie im Unterbauch zu zentrieren. Bevor die Arme zur umarmenden Position auf Brustkorbhöhe gebracht werden, spricht man von Wuji Zhuang. In dieser Phase werden Entspannungsmethoden angewandt, wie z.B. 9 Entspannungen auf körperlicher Ebene und 3 Entspannungen auf geistiger Ebene, wobei Haut-Muskeln-Sehnen in 9 Regionen entspannt werden und der Mittelkanal vom Damm bis zum Scheitel gelöst bzw. geöffnet wird. Zweitens die Übungsphase mit der Zielsetzung, Himmel und Erde zu verbinden und die zentrierte Energie frei fließen zu lassen. Dazu zielen wir auf eine Haltungsstruktur, die dem Ausgleich von Yin und Yang Rechnung trägt. In der Abschlussphase wird die in Bewegung gebrachte und gestärkte Energie vor allem auch die äußere Energie, welche sich außerhalb unserer Arme gesammelt hat, zurück in den Unterbauch geführt.
Dafür gibt es unterschiedliche Abschlussübungen (Shou Gong). In der Methode nach Großmeister Chen Xiaowang werden beide Hände nach dem langsamen Absenken mit den Lao Gong Punkten in linearer Verbindung auf das untere Dantian gelegt. Das Ritual des Kreisens der drei Punkte, die zu einem verschmelzen, ist eine Möglichkeit, mehr Energie in den Unterbauch zu führen.

Chen Xiaowang Stehende Säule Chen Xiaowang Stehende Säule Chen Xiaowang Stehende Säule

Entwicklungsphasen

In der 1. Phase erarbeitet der Praktiker seine äußere Haltungsstruktur. Er steht entspannt, am Scheitel wie aufgehängt, mit schulterweiten, parallel gestellten und tief verwurzelten Füßen, in den Knien leicht gebeugt. Die Augen sind zu 2/3 geschlossen. Die Wirbelsäule hängt im senkrechten Lot herab. Die Leisten sind gebeugt, als wenn man sich setzen wolle. Die Arme sind zum Brustkorb gehoben, als wenn ein großer Ball umarmt wird. Das Himmlische Auge bzw. das Obere Dantian zwischen den Augenbrauen ist gelöst und schaut ins Untere Dantian. Der Unterbauch ist das Zentrum. Der Qi Gong Meister Li Zhichang sagt: „Auf 3 Säulen ruhen wir, an 3 Fäden hängen wir, Dantian ist Mittelpunkt“. Hier kann man z.B. zunächst die ganze rechte Körperseite lösen und durchlässig machen, dann erarbeitet man so die linke, vordere und hintere Körperseite, um schließlich vom Scheitel bis zur Sohle den gesamten Körper zu lösen und durchlässig zu machen. Es scheint, als setze man sich in die gelöste Struktur.
Für viele ist diese Phase sehr schwierig und ohne Korrektur durch einen erfahrenen Lehrer ist schon hier ein Weiterkommen sehr unwahrscheinlich. Unser gesamter Halte- und Stützapparat hat im Laufe unseres Lebens eine Haltungsstruktur entwickelt, die durch uns bzw. unsere Angewohnheiten, Verletzungen, Psychotraumata, Charakterkonditionierungen und Sozialisierungen geprägt ist. Der Geist ist sehr unruhig.
Durch Üben von Zhan Zhuang werden diese Muster gelöscht und eine Struktur, die ein im Gleichgewichtsein zum Ziel hat, installiert. Die Übenden durchlaufen einen ganzheitlichen Transformationsprozess, der für viele bitter schmeckt. In den ersten Phasen wird auf der Ebene von Knochen-Sehnen-Muskeln geübt. Das heißt: Die Haltung und Ausrichtung des Skelettsystems wird verändert, die Sehnen- und Muskelbelastungen werden eingeübt. Der Übende ist damit beschäftigt, selbst seine Haltung und Spannungen zu regulieren. Er fühlt, lauscht in seinen Körper hinein, um Blockaden zu erkennen und zu lösen. Knochen, Muskeln und Sehnen sind diese korrigierte Haltung aber nicht gewohnt. Oft kommt das alte Haltungsmuster durch, Sehnen und Muskeln zittern, evtl. schmerzen Knochen (z.B. Kniegelenke). Die Alltagshaltung des modernen Menschen drückt u.a. kinetische bzw. Bewegungsenergie in den oberen Körper. Stehen mit durchgedrückten Knien führt zu schnellem Verschleiß von Knie- und Hüftgelenken sowie zur Degeneration der Bein- und Hüftmuskeln. Durch eine solche Stellung verspannt u.a. der untere Rücken. Eine Unterbauchentspannung ist fast nicht möglich. Energie wird in Brust und Kopf gedrückt. Die Folgen sind ein aus der Mitte, aus dem Gleichgewicht kommen mit allen Konsequenzen für Körper, Geist und Seele.
Wird Zhan Zhuang regelmäßig geübt, legen sich viele der Beschwerden beim Üben. Knochen, Muskeln und Sehnen haben sich an die ungewohnt veränderte Belastung angepasst. Die konzentrierte Aufmerksamkeit beim Ablauf der Übung hat dem Geist gezielte Aufgaben gestellt und so etwas gebändigt. Die Konzentrationsfähigkeit ist besser geworden. Man kann sich mehr anderen Aspekten des Zhan Zhuang zuwenden. Kann man auf der Haut-Muskel-Sehnen-Ebene wirklich entspannen und loslassen, stellt sich die Wahrnehmung des Energieflusses ein, die Korrektur durch einen Lehrer immer vorausgesetzt. Es gilt hier zu beachten, dass Vorstellung und Qi-Wahrnehmung getrennt bleiben! Die Eigenwahrnehmung der Übenden ist anfänglich zu subjektiv, um eine korrekte Haltungsposition einzunehmen und weiter zu erarbeiten. Nur durch Korrektur und tägliches Üben bekomme ich ein Gefühl dafür, in welche Richtung die Korrektur des Lehrers geht, bzw. welches Prinzip hinter den Korrekturen steht.
In dieser ersten Phase werden in der Regel allgemeine Missempfindungen sowie besondere Wahrnehmungen den Übenden widerfahren. Bis sich Wohlbefinden und Entspannung einstellen, können u.a. Empfindungen wie Erstarrung, Taubheit, Asymmetrie, Schmerzen, Wärme, Kühle, Schwanken beim Stehen, auftreten.
Prof. Yu Yongnian, ein Schüler von Wang Xiangzhai, 1920 in Dalian geboren, entwickelte die korrekte Anwendung des Zhan Zhuang bei verschiedenen Erkrankungen in chinesischen Hospitälern. Dabei erstellte er eine Liste, welche öfter auftretende Empfindungen und Wahrnehmungen in den ersten Übungswochen tabellarisch wiedergibt.
Hat man gelernt, die in etwa richtige Position einzunehmen und eine erste Umstrukturierung (Knochen-Muskeln-Sehnen) im wahrsten Sinne durchgestanden, kann der Taiji-Praktiker die äußeren 3 Harmonien (Wai San He) richtig vertiefen.

Wai San He
Jian Yu Kua He - Schultern und Hüften verbinden sich
Zhou Yu Xi He - Ellenbogen und Knie verbinden sich
Shou Yu Zu He - Hand- und Fußgelenke verbinden sich

Am Ende der ersten Phase des Zhan Zhuang sollte es gelingen, Yin und Yang in Bezug auf oben und unten des Körpers auszugleichen, um die sogenannte Doppelte Gewichtung zu beseitigen d.h. durch das am Scheitel wie aufgehängt sein und nach unten lösen von Haut, Muskeln und Sehnen sinkt „das Schwere nach unten, das Leichte kann nach oben steigen“. Hierbei sollte die Aufmerksamkeit beim Üben zu 80% beim „das Schwere nach unten sinken lassen“ und zu 20% am Scheitel sein. Der menschliche Organismus bzw. sein Energiesystem wird in dieser Phase noch nicht soviel steigende Energien ertragen, zumal zunächst mit Absenken des Körperschwerpunktes ein Fundament für weitere Energiearbeit geschaffen werden muss. Dem Sinken des Yin widmet man zunächst 80%, dem Steigen des Yang zunächst 20%. Das kommt dem modernen Menschen entgegen, der in der Regel „oben voll und unten leer“ ist. Übende mit niedrigem Blutdruck und Neigung zur Ohnmacht können mehr auf den Yang-Aspekt achten.
Sind wir am Scheitel wie aufgehängt, nach unten entspannt/gelöst und im Unterbauch gesammelt, können die meisten ca. 20-30 Minuten stehen und fühlen sich relativ wohl. Sollten sich Schmerzen im Halte-Stützapparat hartnäckig halten, und auch durch die Korrekturen des Lehrers nicht verschwinden, macht es Sinn, einen Osteopath oder Chiropraktiker aufzusuchen, um Fehlstellungen von Becken, Hüfte, Wirbelsäule und Rippen zu korrigieren. In der ersten Phase dieser Übung sollten wir eine hohe, leicht gesetzte Position einnehmen und äußerlich nicht zu tief stehen. Muskulatur und Energielevel sollten Zeit zur Anpassung haben, damit kein Schaden entstehen kann.
Die 2. Phase unserer Entwicklung in der Stehenden Säule nutzen wir, um die Entspannung zu vertiefen. Nach Haut, Muskeln und Sehnen werden die inneren Organe gelöst, noch mehr schwerer Ballast kann absinken. Beim Absinken der Energien fließen 80% ins untere Dantian, 20% weiter durch die Beine bis zu den Füßen und in die Erde. Obwohl die Beine fast zu platzen scheinen, rührt dieser Effekt nicht ausschließlich von einer Energiefülle, sondern auch von den „schwereren“ Substanzen wie z.B. Blut, Lymphe, Gewebeflüssigkeit. Aber dies ist keine Einbahnstraße, zur absinkenden Energie kommt eine, durch die richtige Erdung aufsteigende Energie. Diese sollte zunächst zu 80% über das hintere Dantian (Hou Dantian=Ming Men) in die Nieren und zu 20% zum Scheitel fließen. Wie in Phase 1 kann man hier alle Körperseiten einzeln, dann gesamt, lösen, um schließlich auch die Haut zu lösen, als wenn man in alle Richtungen strahlt.
Die Betonung des Sammelns im unteren Dantian ist sinnvoll. Im Schmelztiegel des unteren Dantians, besonders wenn es uns gelingt, das Feuer des Herzens dorthin fließen zu lassen, werden alle negativen, verbrauchten Energien gereinigt und umgewandelt. Und von diesem Energiezentrum fließt die Energie wie durch „1000 Schläuche“ in den gesamten Organismus und strahlt über die gelöste Haut. Die Wahrnehmung des Fließens der Energie in der 1. Phase bekommt hier eine neue Dimension. Der Weg dahin ist aber recht schwer, viele scheitern in dieser Phase. Das Lösen der inneren Organe hat tiefgreifende Konsequenzen. Altes Psychogepäck, Verdrängtes, Unverarbeitetes löst sich aus unseren Tiefen. Kaum kann man sich selbst Aushalten. Schnell greift man wieder nach bewährten “Festhaltemustern“. Soll dies keine Grenze in der Vertiefung der Stehenden Säule sein, können ein verständiger Lehrer, ein Gesprächstherapeut, ein Osteopath oder Chiropraktiker helfen. Unsere Haltung ist Ausdruck und Spiegel unseres Selbst. Durch die immer besser werdende Lösung und Entspannung unseres Körpers sollte die innere Energie und die Energieaura stärker geworden sein, der innere Energiezusammenschluss und Fluss, die energetische Verbindung mit unten und oben, rechts und links, vorn und hinten wird intensiver. D.h. wir können die Verbindung mit „außen“ ausarbeiten.
Bezogen sich in der 1. Phase die Wahrnehmungen und Empfindungen vorwiegend auf körperliche Symptome, können mit dem letzten Drittel der 1. Phase immer mehr psycho-vegetative Dysbalancen bis zum Meistern der 2. Phase in den Vordergrund treten. Hier sei wieder auf die Bedeutung einer Betreuung durch einen erfahrenen Lehrer hingewiesen! In der 2. Phase müssen auch kleinste Ungenauigkeiten in der Spannungsbalance von Muskeln, Sehnen, Knochen und Organe korrigiert werden. Man kommt seinem eigentlichen Selbst immer näher. Zhan Zhuang bekommt hier eine psychotherapeutische Wirkung. Für den Taiji-Praktizierenden sollten hier auch die 3 inneren Zusammenflüsse bzw. die inneren 3 Harmonien (Nei San He) korrekt installiert sein.

Nei San He
Xin Yu Yi He - Das Herz verbindet sich mit der Aufmerksamkeit
Qi Yu Li He - Die Energie verbindet sich mit der Kraft
Jin Yu Gu He - Die Sehnen verbinden sich mit den Knochen

In der 2. Phase sollte der Zustand Ru Jing (innere Ruhe) längere Zeit gehalten werden können, selbst wenn Ablenkungen auftreten, wie z.B. Telefonklingeln oder manchmal auch nur eine Mücke. „Wir stehen gesunken, ruhig und zentriert, alles ist eins, da kommt ein Tiger in den Raum“ sagt Großmeister Chen Xiaowang.
Jetzt sollte die Standposition tief entspannt mit geöffneten Gelenken und Energieleitbahnen sowie mit aus dem Zentrum heraus frei fließendem Qi über 30-40 Minuten gehalten werden können. Oftmals werden in dieser Phase verschiedene Atemtechniken sowie unterschiedliche Imaginationen durchgeführt, z.B. Energie aus Bäumen aufnehmen, Gegenbauch-, Haut-, Knochenatmung. Jetzt sollte das Qi-Potenzial durch regelmäßige Praxis erhöht sein. Hier beginnt die eigentliche Transformationsphase.
Mit Beginn der 3. Phase ist der Übende in einem wirklich tranceähnlichen Zustand, wo er alle aktiven Vorstellungen unterlässt. Das Alltagsbewusstsein ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Seine beobachtende Funktion ist vollends erloschen. Jedes bewusste Gefühl für sich selbst, ja sogar für Zeit und Raum, verliert sich. In diesem Zustand ist stundenlanges Stehen möglich. Die 3. Phase eröffnet dem Praktizierenden die volle spirituelle Tiefe, fern ab von allem Dogma und Methoden. Hier muss selbst die Methode, die uns bis hierhin gebracht hat, wie ein Werkzeug nach getaner Arbeit aus der Hand gelegt werden.
Mit einer spirituellen Ausrichtung dieser Übung kamen wir in den ersten zwei Phasen durch unsere Erfahrung mit der Übung zu einigen Erkenntnissen, jetzt in der 3. Phase können wir zur Erleuchtung gelangen.
Mit der Zhan Zhuang-Übung steht uns eine Übung zur Verfügung, welche seit tausenden von Jahren durch ihre umfassende, stärkende, harmonisierende Wirkung von Meistern verschiedenster Systeme hoch geschätzt wird. Die Stehende Säule ist u.a. wie eine energetische Dusche mit stark reinigender und stärkender Wirkung. Hier gilt: „Wer sich waschen will, muss sich auch nass machen“.
Die Wirkungen des Zhan Zhuang sind bei sachgerechter Anleitung durch einen Lehrer und richtigem Üben in einigen Wochen bis Monaten spürbar. Ist man bereit, die volle Tiefe dieser Übung auszuschöpfen, ist es sicher ein bitterer, steiniger Weg, welcher jahrelanges Üben erfordert, aber zum Verschmelzen mit dem Geist der Natur führt. Die Übung der Stehenden Säule hat für jeden Anspruch etwas zu bieten. Für den Chen Taiji-Praktizierenden ist sie ein Werkzeug auf dem Weg zum Verständnis der Struktur in der Bewegungsform. Dafür hat Großmeister Chen Xiaowang die Inhalte dieser Übung ausschließlich auf das Taiji-Prinzip und die dazu nötige Körperstruktur und der daraus resultierenden Energiezentrierung und Vernetzung ausgearbeitet und in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in das Übungsprogramm der Chen Familien aufgenommen.

Text: Gerhard Milbrat

Stehende Säule   Stehende Säule

Quellen-/Literaturempfehlung
Wong Kiew Kit/Die Kunst des Qi Gong
Lam Kam Chuen/Energie und Lebenskraft durch Qi Gong
Thomas Milanowski/Die magischen Körper-Geistübungen Chinas und deren Verbindung zum Schamanismus
Thomas Heise/Qi Gong in der VR China (Entwicklung, Theorie, Praxis)
Mantak Chia/Eisenhemd Chi Kung
Hrsg. Martina Darga/Xingming Guizhi-Das alchemistische Buch vom inneren Wesen und Lebensenergie
Ute Engelhart/Fu Qi Jing Yi Gung/Sima Chengzhen; Die klassische Tradition der Qi Übungen
Chen Xiaowang/Chen Family Taijiquan of China
Chen Shi Taijiquan Jing Xuan/Feng Zhiqiang: “The Chen Style Taijiquan Journal”, licensed by WCTAG

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Erfahrungsberichte

2010

2009

2008

2007

 

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„TAIJI AUF DEM BERG RANDA"
- TRAINING IM KLOSTER AUF MALLORCA

Taiji können wir überall praktizieren: Auf Parkplätzen, auf Flughäfen, in Fahrstühlen, Wartezimmern und so weiter. Je weniger wir dabei das Gefühl haben, eine gesellschaftliche Norm zu überwinden, umso entspannter üben wir. Wenn wir aber die Wahl haben, bevorzugen wir einen ruhigen Ort, beispielsweise in der Natur. Ein Ort, der schon in früheren Jahrhunderten Menschen angezogen hat, die sich in auf einen inneren Weg begeben hatten, ist der Berg Randa auf Mallorca. Seit dem 13. Jahrhundert entstanden hier ausschließlich Einsiedeleien, die später zu drei Klöstern wurden. Für Praktiken, die wie das Taijiquan stark daoistisch geprägt sind, wird die Natur und genau genommen der gesamte Kosmos einbezogen. Was wir eher intuitiv und besonders während des Übens an bestimmten Orten in der Natur wahrnehmen, haben Daoisten genau benannt. Es besteht ein Zusammenhang zwischen ihrer inneren energetischen Arbeit und Elementen in
der Natur. Wasser, Erde, Feuer, Holz und Metall können den Elementen der Funktionskreise entsprechend zugeordnet werden.

Auf dem Gipfel des Berges ist das Kloster Santuario de Nuestra Senora de la Cura angesiedelt, das einen Franziskanerorden
(der Ordensgründer Franz von Assisi wurde 1980 zum Schutzpatron der Ökologie erklärt) beherbergt. Von hier aus hat man einen weiten Blick auf das offene Meer, auf die Gebirge der Ostküste und weit ins Innere der Insel. Die Gehölze aus Steineichen, Aleppokiefern, Ginster, Pistazienbüschen und die verschiedensten anderen für die Balearen typischen Pflanzenarten sorgen für den mediterranen Duft in der meist milden Meeresbrise. In dem Kloster findet man u.a. das Ramon Llull- Museum. Der Theologe, Philosoph, Logiker, altkatalanische Philologe und Eremit Ramon Llull beschäftigte sich unter anderem damit, zwischen den drei im Mittelmeerraum zusammentreffenden religiösen Richtungen Harmonie herzustellen. In einer Erzählung lässt Ramon Llull ein Gespräch zwischen einem Heiden, einem Sarazenen, einem Juden und einem Christen als gleichberechtigte Partner stattfinden, das von gegenseitiger Akzeptanz und Achtung geprägt ist. Der nach Erkenntnis strebende Heide nimmt die Rolle eines Schiedsrichters ein. Llull lässt bei dem Gespräch niemanden als Sieger hervorgehen. Der Heide ist am Ende des Gespräches zu Gott bekehrt worden, offen bleibt jedoch, welcher Religion er sich anschließt. Eine daoistische Komponente im Denken Ramon Llulls findet sich in der Auffassung, dass gegensätzliche Meinungen berechtigt nebeneinander existieren können, ohne dass dadurch eine übergeordneteWahrheit angetastet wird.
China Reise 2009Zur Hervorbringung logischer Aussagen, mit denen ein Gottesbeweis geführt werden sollte, entwickelte Ramon Llull seine Ars Magna, eine komplexe Kombinatorik, der das binäre System (dieses finden wir ebenfalls im I Ging) zugrunde liegt. Die große Bedeutung dieses Systems, auf dem die Funktionsweise unserer Computer basiert, wurde 300 Jahre später durch den Philosophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz besonders gewürdigt. Auch die Llull‘sche Kombinatorik lässt sich in eine heutige Programmiersprache übersetzen, man erhält ein funktionsfähiges Programm. Mit seiner Ars Magna wollte Llull die christlich-theologischen Dogmen logisch unterstützen und über die Vernunft für alle Menschen unabhängig von ihrer Religion vermittelbar machen.

Ramon Llulls, der nie die Priesterweihe erhielt und als berühmtester Einsiedler von Randa gilt, „befindet“ sich zurzeit in einem Prozess der Heiligsprechung.

Das Kloster St. Honorat liegt auf mittlerer Berghöhe. Die Sandstein farbene Klosterkirche ist (so wie in „Cura“) baulich mit dem bewohnten Teil des Klosters verbunden. Die Schönheit der Aussicht von dieser kleineren, gediegenen Klosteranlage aus steht der von „Cura“ um nichts nach. Während „Cura“ Weitläufigkeit und ein gewisses Maß an Öffentlichkeit ausstrahlt (es gibt ein Restaurant und ein Souvenirladen), ist St. Honorat ein stiller, besinnlicher und geschlossener Ort mit einer familiären Atmosphäre, der dem Tourismus unzugänglich ist. St. Honorat ist der Gründungsort des Ordens „Die Missionare der beiden Herzen Jesu und Maria“ und wird zurzeit von zwei katholischen Mönchen und von Jan Silberstorff bewohnt. Pater Juan und Pater Daniel haben lange Zeit als Missionare in Latein Amerika Entwicklungshilfe geleistet. Der über achtzig jährige Pater Juan fertigt
jetzt aus selbst angebauten pflanzlichen Perlen (Tränen des Eremiten) Rosenkränze und bewirtschaftet einen stattlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Als charismatischer Geistlicher ist Pater Daniel in der weiteren Umgebung bekannt und geschätzt. Besucher sind zu den Messen eingeladen und können die bewegenden Predigten in familiärer Atmosphäre erleben.

Auf dem Gelände von St. Honorat wurde 2007 eine besondere Skulptur eingeweiht, die alle auf Mallorca vertretenen Religionen in kreisförmig angeordneten Symbolen darstellt. Zur Einweihungsfeier waren die Vertreter dieser Religionen eingeladen, wobei Jan Silberstorff als Vertreter des Daoismus gilt. Jan gehört selber nicht dem Daoismus als Religionsgemeinschaft an, verfügt aber über entsprechend tiefe Einsichten in dieser geistig-religiösen Richtung.

Seine umfassende Vorstellung von der Ökumene schöpft Pater Daniel nicht nur aus seinen Erfahrungen als Missionar, sondern auch aus der Bibel. Nachdem der Turm zu Babel zerbrach, ließ Gott die Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen, so dass sie einander nicht mehr verstanden. Die Vielfalt der Kulturen, auch die der Religionen, ist somit von Gott gewollt. Aufgabe der Menschen ist es, eine chauvinistische Verteidigung des Eigenen und Einzigen auch in Bezug auf die Religion zu überwinden. Lässt man die weltlichen Verankerungen aller großen Religionen weg und betrachtet nur die Ergebnisse der kontemplativen Praktiken und der Nächstenliebe, bleibt wahrscheinlich eine einheitliche Essenz übrig.

Während des Taiji-Seminars bei Jan Silberstorff wurden unter anderem die verschiedenen philosophisch-religiösen Wurzeln des Taijiquan thematisiert. Taijiquan ist keine Religion. Es kann aber einen religiös-spirituellen Weg unterstützen, und ist in sich ein spiritueller Weg unabhängig von religiöser Zugehörigkeit.

Möchte man sich auf Fortschritte beim Taiji einlassen, kommt man an einer persönlichen Entwicklung, sowohl im körperlichen als auch im seelischen Bereich nicht herum. Wer sich im Taijiquan oder in der Meditation weiterentwickelt, verfeinert seine Wahrnehmung und dringt so ein, in die tieferen Ebenen des Seins.
Christina Klawitter

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...ZU DEM SCHWEIGE-RETREAT-CAMP IN ST. HONORAT 2009 AUF DEM BERG RANDA

„Keine Handys, keine MP3-Player, keine Bücher, Tagebücher oder Notizzettel“, sagt Jan am ersten Abend. Auf das fünftägige Schweigen habe ich mich eingestellt. Doch der Gedanke, in den Abendstunden auf Lektüre zu verzichten und nichts schriftlich festhalten zu können, löst Unbehagen in mir aus.

Mir wird jetzt bewusst, dass ich mich tatsächlich in einem Kloster befinde – in St. Honorat auf Mallorca – und am Beginn einer inneren Reise mit unbekanntem Ziel stehe. Im Vordergrund steht die unmittelbare Erfahrung, die auch ohne Worte auskommt – weder ausgesprochen, noch gedacht – und gerade das macht ihre Direktheit und Universalität aus. Die sich seltsam dick anfühlende Oberlippe bei der Korrektur in der stehenden Säule; die silbergrün leuchtenden Olivenhaine vor einem dunkelroten Hintergrund - ein Bild, das sich nach einigen Tagen so in mich eingebrannt hat, dass ich es auch mit geschlossenen Augen vor mir sehe. Der Einladung zur katholischen Messe nachzukommen kostet mich Überwindung. Als ich vor gut zehn Jahren das letzte Mal dieser Zeremonie beigewohnt habe, hat das meinen Entschluss bestärkt, aus der Kirche auszutreten und mit dem konventionellen Gottesbild zu brechen. Doch vom ersten Kreuzzeichen an merke ich, wie sich meine Vorurteile auflösen. Ich verstehe Pater Daniels Worte nicht, doch seine Stimme klingt so wahrhaftig und berührt mich tief. Ich schaue auf seine behutsamen Bewegungen. Jede scheint wie ein kleines Gebet. Immer wieder fügen sich Schweigeminuten in die kurze Zeremonie ein, und die Stille vibriert von Fülle. Mein Herz fängt zu rasen an und gleichzeitig breitet sich Ruhe in mir aus,
gepaart mit dem Gefühl von Geborgenheit.
Tränen sammeln sich in meinen Augen.

Dao, Gott, Zen – De, Liebe, Verbundenheit, Mitgefühl... Begriffe, die in unseren Köpfen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen belegt sind. Wie oft erschwert dies die Kommunikation, weil wir aneinander vorbeireden, ja oft über etwas nur reden, ohne es erfahren zu haben? Aber wie komme ich zu einer Erfahrung? „Im Kleinen, im Sanften, und auch im Dazwischen suchen“ lautet der Hinweis.


In der letzten Nacht sitze ich in eine Decke eingewickelt auf der Mauer und schaue in den mondbeleuchteten Himmel. Plötzlich frischt der Wind auf und trägt Nebelschwaden vom Meer herauf. Zischend ziehen die weißen Schleier zwischen den Baumästen durch, verdecken den Mond und hüllen auch mich ein. Meine Augen sind wie Fenster, meine Ohren wie Antennen, und ich erahne den allumfassenden Raum.

Während des Rückwegs sehe ich eine Sternschuppe fallen. Ich wünsche mir - nichts.

Andrea Brkic

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...UND DIREKT AUS DER PRAXIS...
WÄHREND DES „10 PERSONEN-EXKLUSIV-CAMPS“ IN ST. HONORAT 2009

Meditation: Wir meditierten zweimal täglich. Diese Praxis unterstützte Jan mit Vorträgen und Diskussionen zu spirituellen Themen und natürlich half auch der Aufenthalt im Kloster. In der Gesamtkonstellation konnte ich in dem Camp eine tiefere Ruhe erfahren, als je zuvor – haste ich doch sonst leider eher wie ein aufgeregtes Frettchen durchs Leben. Die einschneidenste Erfahrung machte ich bei einer Meditationssitzung, in der Jan uns angewiesen hatte, zunächst unsere volle Aufmerksamkeit auf Dantian zu lenken (2.
Stufe der Sitzmeditation). Während wir so saßen, sollten wir auf sein Signal hin, ein Klatschen in die Hände, die Aufmerksamkeit
von Dantian loslassen. Im Optimalfall sollte in der 2. Stufe nur ein Gedanke, d.h. der Fokus auf Dantian, existieren. Lassen wir diesen Gedanken los, so sollten wir theoretisch gedankenfrei sein, d.h. können eine sog. „beginnende“ Leerheitserfahrung machen (3. Stufe). Bei der Ausführung der Übung riss mich das Klatschen für eine Schrecksekunde aus der Konzentration auf Dantian heraus. Im gleichen Moment hatte ich das Gefühl, dass die Welt in sich zusammenstürzt. Das ganze dauerte eine Millisekunde und wurde durch meine Verwunderung darüber, was gerade geschah, beendet. Jan meinte später, dass ich versuchen solle diesen Zustand, dieses Gefühl, zu halten. So würde man zunächst „aktiv“ einen gedankenfreien Raum aufrechterhalten, um in einem zweiten Schritt die Wände dieses Raums aufheben, bzw. loslassen zu können, ohne dass dieser Zustand verloren ginge. Von hier aus könne sich dann eine nächstfolgend tiefere Leerheitserfahrung einstellen.

China Reise 2009Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, den Zustand der Gedankenfreiheit längere Zeit aufrecht zu halten. Das braucht dann halt noch Zeit. Bei den ersten Meditationsversuchen vor fünf Jahren fiel mir der Blick nach Innen extrem schwer und eine ganze Zeit lang konnte ich gar nicht mehr meditieren. Aber nun zieht es mich zur Stille. Das Gefühl, dass dort - hinter den Gedanken - ein Ort wahrhaftigen inneren Friedens und ungetrübter Liebe auf mich wartet, lässt mich nicht mehr los. Hätte mir noch vor einigen Jahren jemand gesagt, dass die „Erlösung“ in der Befreiung von den eigenen Gedanken liegt, so hätte ich ihn vor dem Hintergrund unserer materialistischen Gesellschaft für verrückt erklärt.
Jetzt, wo ich versuche meinen Geist möglichst oft zu beobachten und immer wieder erleben muss, wie mein Ego meinen Körper und meine Mitmenschen z.B. mit Ärger, Neid und Zorn malträtiert oder mir nachts den Schlaf raubt, da finde ich es sogar logisch: Wie friedvollmüsste das Leben doch sein, wenn man diesem aufgeblasenen Quälgeist einfach bei Bedarf den Stecker ziehen könnte.
Wenn in der Meditation die Wahrnehmung des Körpers und der Gedanken wegfallen können und dahinter ein Bewusstsein zutage tritt, das sich unbeschreiblich viel größer und schöner anfühlt, dann sind wohl Körper und Gedanken wichtige Teile von mir, aber die Essenz liegt dahinter.

Beten: Auch wenn ich der katholischen Kirche in vielen Punkten mit Vorbehalten gegenüber stehe, so habe ich auf St. Honorat doch mit tiefer Freude an den Messen und auch am Abendmahl teilgenommen, welche dort Freiwilligen angeboten wird. Dort habe ich eine ganz andere, eine offene, liebevolle und einnehmende Kirche erlebt und bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Auch durch eine unserer Diskussionsrunden zum Thema Religion bin ich dahin gekommen, dass ich jetzt wieder beten kann. Jetzt kann ich wieder sagen, “lieber Gott“ oder „Vater“, ohne mir selber blöde dabei vorzukommen, ohne mir einen alten Mann mit Bart vorzustellen, oder an eine manipulierende Kirche zu denken. Noch besser, ich kann die zu meiner Kultur und Sozialisation gehörende Religiosität sinnvoll nutzen. So bete ich nun voller Inbrunst das Vater Unser.
Manchmal beschränke ich mich auch auf einzelne Zeilen, zwei davon besonders häufig. „Dein Wille geschehe“. Jan meinte dazu plakativ: „Gott ist in Allem, auch in uns. Wenn wir gehen, dann bleibt da nur noch Gott.“ Wir nähern uns also dem göttlichen Prinzip, indem wir zunächst unser Ego und im Weiteren tiefer liegende Instanzen unseres Geistes loslassen. So öffnen wir uns dem heiligen Geist und unser Leben kann im Gleichgewicht und Einklang mit der Welt verlaufen. Ich selber bete diese Zeile z.B., wenn ich mich sorge oder ein Entscheidungsproblem habe. Das Gebet hilft mir dann, abzuwarten und zu akzeptieren, was kommt.
Es hilft mir, den Knoten zu lösen und ich kann mein Herz fragen, was zu tun ist. Die andere Zeile ist: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Gott hat uns schon lange vergeben, aber wir müssen unseren Mitmenschen vergeben lernen, um uns selber vergeben zu können. Das Gebet kommt bei mir praktisch ständig im Straßenverkehr zum Einsatz, wenn in mir der Ärger aufflammt, weil mal wieder „so ein blöder Hund ...“. Auf einmal denke ich dann, vielleicht fährt der/die ja so, weil es ihm/ihr nicht gut geht und Aggression und Selbstgefälligkeit lösen sich in Mitgefühl auf.
Vielleicht genießt der andere ja auch einfach nur die schöne Landschaft. Das sollte ich vielleicht auch lieber tun, anstatt mich aufzuregen? Insgesamt sehe ich nun auch die Kirche als Institution mit anderen Augen. Neben den Dingen, die man sicherlich kritisieren kann, finde ich in der Kirche auch viele Menschen, die ernsthaft auf der Suche sind und sich wahrhaftig bemühen. Viele
gute Hilfsprojekte entstehen durch die Kirche und sie unterhält auch die Gebetshäuser in unseren Städten, die wichtige Rückzugsorte sind. Durch die Meditation habe ich allerdings auch erfahren: Der wichtigste Rückzugsort - das wichtigste Gebetshaus - für unseren Geist ist unser Körper und unser Herz ist der Altar von dem aus wir uns Gott zuwenden.

Das Ego: Es hat keinen Zweck das Denken oder das Ego zu verteufeln. Das Denkvermögen ist ein wunderbares Werkzeug, das Erstaunliches und Schönes leisten kann. Ferner sind die Gedanken, die das Ego ablehnen offensichtlich auch bewertend und dualistisch. Anders gesagt, handelt es sich dabei also lediglich um einen neuen Teil des Egos, der sich selber„chic“ findet und auf den alten Teil des Egos geringschätzig herabschaut. Es hat also keinen Zweck, sich nun voll auf den neuen Teil zu versteifen. Vielmehr geht es darum zu lernen, das Ego für sich zu nutzen, ohne sich von ihm einnehmen zu lassen. Vor diesem Hintergrund verstehe ich nun die Aufforderung in der Bibel zu wahrer Nächstenliebe und selbstloser Hilfe. Um z.B. jemandem helfen zu können, muss ich mich in die Lage des Gegenübers versetzen und die Situation analysieren. Manchmal brauche ich auch Durchhaltevermögen bis meine Hilfe Wirkung zeigt. Ich kann also in der selbstlosen Hilfe üben, zu Handeln ohne dabei vom Ego beherrscht zu werden - denn für das Ego sollte dabei Nichts herausspringen.
Natürlich muss man immer auf der Hut sein, dass sich nicht doch noch „niedere Beweggründe“ mit einschleichen, dass ich mich z.B. nicht doch auch ein bisschen hervortun will. Da muss man sehr genau schauen und schnell loslassen. Die Taijipraxis hilft mir auf ähnlicheWeise: Struktur, Entspannen und aus dem Zentrum agieren sind hier wesentliche Aspekte. Wir geben unserem
Geist durch das Taiji-Training eine Struktur, die ein „entspanntes Konzentrations vermögen“ schult. Wir erkennen eine„neutrale“ Instanz in uns, die ständig unsere Abweichungen von der „richtigen“ Bewegung erkennt und korrigieren kann. Das unerschöpfliche Bewusstsein hinter den Gedanken wird die Quelle meines Geistes.

Im Moment treiben mich persönlich natürlich auch noch „niederere Beweggründe“ zum Training an. Ich bin beeindruckt, wenn der Lehrer mich mühelos wegschiebt, sich geschmeidig bewegt, immer ausgeglichen ist und nie krank zu werden scheint. Dann denk ich mir: „Toll, das will ich auch können!“ Da spricht natürlich das Ego. Solange ich auf dem Level aber nicht stehen bleibe und die Motivation immer mehr aus mir selber heraus, z.B. aus der Sehnsucht nach wahrer innerer und äußerer Balance erwächst, soll es mir nur recht sein, dass das Ego sich für eine Sache begeistern lässt, die irgendwann hoffentlich zum Ende seiner Herrschaft führt.

Von Herzen danke ich Meister Jan Silberstorff, meinem Lehrer Frank Marquardt und natürlich Großmeister Chen Xiaowang für ihre stete Unterstützung und die unterschiedlichen Lektionen, die jeder zu meinem Weg beigesteuert hat. Insbesondere möchte ich an dieser Stelle Jan für seinen Einsatz für die Beschäftigung mit dem Geist, der Spiritualität und Religion danken.

Robert Grosch

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TRAINING IM TEMPELPARK

Sanfter Wind rauscht durch den Park. Ich stehe entspannt, am Scheitel wie aufgehängt, mein Körper und Geist werden eins. Die Stille durchdringt mich. Tief und gleichmäßig fließt mein Atem, ich höre mein Herz schlagen, fühle ein Kribbeln in den Fingern; ich horche in mich hinein und nehme meinen Körper auf eine besondere Art und Weise wahr. In diesem Augenblick weiß ich – jetzt bin ich bereit. Ich bleibe in meiner Konzentration und hebe langsam die Arme… ich laufe die Taiji Form.

Ich bin in einer schönen Umgebung, mitten in Hamburg; unter Freunden… imWohlerspark. Inzwischen komme ich täglich her, trainiere beständig mehrere Stunden das Taijiquan. Vormittags übe ich für mich alleine und nehme im Anschluss an einer offiziellen Unterrichtseinheit mit Frank Marquart teil.

Frank hat das offizielle Parktraining Anfang des Jahres von Jan Silberstorff übernommen. Die Sorge, ob das Parktraining auch ohne Jan weiterhin so bestehen kann, war bei mir als auch bei den anderen Parkmitgliedern groß. Aber Frank ist eine wertvolle Bereicherung für uns! Frank hat das Training soweit ergänzt, dass es, auf das Jahr bezogen, festgelegte Schwerpunkte und Themengebiete vorgibt. Beispielsweise haben wir uns die letzten zwei Monate intensiv mit der Speerform auseinandergesetzt. Diesen Monat beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit den 5 Partnerroutinen und Anwendungen aus der Form.
Und im nächsten Monat freue ich mich schon auf die Doppelsäbelform. Trotz dieser Kerninhalte gibt es noch ausreichend Zeit für
spezielle Fragestellungen oder Korrekturen. Es ist ein gemeinsamer Unterricht, den Frank so persönlich wie möglich gestaltet. Dazu kann Frank sehr gut motivieren und lehren. Seine hohe Sachkompetenz sorgt für ein ausgesprochen harmonisches Training. Auch Jan schaut immer wieder vorbei, wenn er gerade wieder in Hamburg ist. Dann ist die Freude immer sehr groß. Oft
setzen wir uns dann zusammen und folgen neugierig seinen Ausführungen über Taiji und Spiritualität.

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen habe ich keinen Zweifel daran, dass das Taijiquan eine große Kampfkunst und eine wertvolle Lebensbereicherung ist. Schließlich fing ich durch die Begegnung mit Taijiquan an, auch die gelernten Formen und Techniken aus dem äußeren Kung Fu besser zu verstehen. Richtig angewendet steigert das Taiji zudem ein körperliches und geistiges Wohlbefinden. Gerade an Tagen, wo ich mich ausschließlich dem Taiji Training widmen kann, komme ich innerlich unheimlich ausgewogen nach Hause. Ich bin dann sehr entspannt und sehr zufrieden mit mir selbst. Für mich entpuppte sich das Taijiquan als ein fehlender Teil eines erstaunlich machtvollen und effektiven Puzzles, nach dem ich sehr lange Zeit gesucht habe. Aber eigentlich habe ich das Gefühl, dass dieses fehlende Puzzleteil schon immer in mir steckte und nur geweckt werden musste. Und jetzt ist dieses schöne Gefühl da und ich komme davon nicht mehr los...

Marius Leszkiewicz

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TAIJIQUAN - „ANWENDUNGEN“ IM ALLTAG

Hamburg Altona, Samstag, früher Nachmittag, Sonne, tierisch viele Menschen auf den Gehwegen. Geschäftigkeit, Unachtsamkeit,
Aggressivität, all das mischt sich an einem solchen Tag. Und in diesem Getummel ist es dann passiert…

Aber von vorne.

Ich war mit meiner Frau und ihrer Mutter unterwegs in Altona. Wir bummelten ein wenig an Schaufenstern vorbei und wollten danach Essen gehen. An einem dieser Auslagenpräsentationen blieben die beiden, natürlich unentwegt redend, stehen und schauten und redeten und schauten… Man(n) ist dann schnell mal außen vor. Ich dachte mir so, wenn ich jetzt einfach langsam aber bestimmt weitergehe, dann kommen die beiden schon hinterher. Klappt sehr häufig. Diesen Plan in die Tat umsetzend, drehte ich mich also in Richtung des fließenden Gehwegverkehrs. Und dazu muss man wissen, dass ich 1,98 m groß und dementsprechend einigermaßen schwer bin. In eben dieser nach vorne gerichteten Bewegung, läuft mir von rechts hinter mir kommend, eine kleine Frau, so um die 45 Jahre, genau in meinen Weg. Und nicht nur das. Sie war so nah dran, dass ich automatisch schon in ihrem Zentrum stand. Im Grunde eine Situation wie beim Push Hands, wo der Gegenüber sein Zentrum schon verloren hat und man „nur noch“ den letzten Impuls zum freien Fall des Gegners gibt. Wenn ich das getan hätte, weil man ja vielleicht eine automatische, womöglich einstudierte Reaktion vermuten könnte, wäre diese zierliche Person mit Sicherheit im Rinnstein gelandet. Passiert ist aber was ganz anderes. Ich merkte dass, jemand mein Zentrum okkupieren wollte. Habe diesen „Angriff“ aber nicht als bösartig sondern als Versehen gewertet und eben diesen letzten Impuls nicht gegeben. Sondern ihn kontrolliert zurückgehalten. Und zwar deshalb, weil ich sofort merkte, dass diese kleine Frau sich nicht mehr alleine auf den Beinen gehalten hätte.
Ich hätte sie früher, und dessen bin ich mir sehr sicher, einfach umgerannt. Zumal mit meinem Gewicht. Sie hätte keine Chance gehabt. Ich allerdings auch nicht. Denn vermutlich hätte ich nicht schnell genug, geschweige denn kontrolliert handeln können.

So habe ich sie also an den Schultern festgehalten!
Ich habe sie wieder „hingestellt“, vermutlich noch bevor sie gemerkt hat, dass sie gleich stürzen würde. Ich habe natürlich sofort wieder losgelassen, mich deutlich entschuldigt und sie quasi „laufen lassen“. Sie hat sich nicht mal umgesehen und ist, irgendetwas essend in geduckter Haltung weitergelaufen.

Das ist `ne lange Geschichte für etwas, das vielleicht 1 Sekunde gedauert hat.

Auffällig war, dass ich alle Zeit derWelt hatte um die „richtige“ Aktion durchzuführen. Das war derart beeindruckend für mich, dass ich meinen beiden Begleiterinnen das ganze Essen über vom Taiji vorschwärmen musste.

Nun ist dieses „entsprechend richtige Handeln“ etwas, das ich schon öfter von den Profi-Taijilern gehört habe. Vorstellen konnte ich mir das nie so richtig. Und ich dachte mir auch, dass ich mit meinem geringen Trainingspensum niemals auch nur heranreichen könnte an solche Taten. Aber ich muss feststellen, dass sich, selbst bei geringerem aber aufmerksamen Aufwand,
eine Struktur und Geschlossenheit einstellen kann, die automatisch abrufbar zu sein scheint.
Toll!

Deswegen bin ich kein Kampfkünstler, aber ich verstehe das Prinzip, welches hinter dem Ganzen steckt, ein bisschen mehr.

Raimund Burke

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ERFAHRUNGSBERICHT ZUR 2. STUFE DER SITZMEDITATION
(KONZENTRATION AUF DANTIAN)

100 Tage täglich 22-23 Uhr, 22.4.-29.7.2009, Sitzposition: Auf einem Stuhl
Von Kursleiter Andreas Laske-Schmidt, Berlin

Energie:
1. Tag: Dantian ist deutlich spürbar. Auch wenn die Gedanken zwischendurch noch kurzzeitig abschweifen, bleibt eine „2. Aufmerksamkeit“ immer auf Dantian. Selbst nachts im Traum und im Halbschlaf ist es zu merken. Ein intensives Hitzegefühl breitet sich vom Dantian im ganzen Körper aus. Das Dantian ist als Energiespeicher zu spüren. Später ist die Intensität sehr wechselhaft. Ein Hitzegefühl ist jedoch meist zu spüren. Auch komme ich häufig bei der Meditation ins schwitzen (obwohl ich ja still sitze, und das spät abends).

Alltag:
Auch außerhalb der Meditationszeiten ist mir viel schneller heiß. Es verlangt mich deshalb auch mehr nach kaltem Wasser (Dusche...), was sonst nicht so mein Fall ist. Auch mein Biorhythmus / meine innere Uhr tickt etwas anders: Ich wache früher auf als sonst und fühle mich dann frischer als sonst (ich bin eigentlich ein ausgeprägter Morgenmuffel). Ich beobachte einen Zusammenhang der Meditationsintensität zu meiner Konzentrationsfähigkeit, und damit zu meiner Alltagsbelastung. Während dieser 100 Tage habe ich 5 Wochen Urlaub, 2 davon verreise ich an den Bodensee (hier meditiere ich draußen in der Natur). Im Urlaub geht die Konzentration natürlich besser.

Psyche:
Wieder intensive Träume. Vor allem im ersten Monat. Die gesteigerte sexuelle Erregung ist, wie Du (Jan, Anm.d.Red.) schon vorher angedeutet hast, in der 2. Phase wieder abgeebbt. Insgesamt bin ich sehr an die Grenzen meiner Konzentrationsfähigkeit
gekommen. Es mogeln sich immer wieder Alltagsgedanken dazwischen. Dabei hat der Tag ja noch genug weitere Stunden dafür. Es ist eher so, als wenn etwas in mir einfach nicht „die Klappe halten“ kann. Als wäre innere Stille etwas Schlimmes. Dabei sehne ich mich doch danach. Das „Ego“ zappelt, um stets die Nummer eins zu bleiben. Ganz schön lästig und hartnäckig. Dem Ego fällt zudem immer etwas ein, warum ich gerade heute eigentlich gar nicht oder kürzer meditieren sollte. (Habe aber trotzdem täglich gesessen.) Ich habe das Gefühl, da gibt es noch viel zu entdecken. Diese Meditation werde ich sicher auch später immer wieder mal nutzen. Mein Werteempfinden verändert sich: Äußere Ziele („Ruhm“, Graduierungen / Prüfungen, berufliche Titel / Fortbildungen, Besitz, Klischees ...) verlieren an Bedeutung. „Innere Werte“ wie innere Ruhe, Gesundheit (zur Abwechslung auch mal die eigene (Andreas ist Heilpraktiker, Anm.d.Red.), ich gönne mir z.B. mal selbst ein paar Massagen...). Meine inneren Herzensbedürfnisse nach Liebe werden spührbarer, .. in der Routine einer langjährigen Ehe mit Streit, Frust und Alltag verdrängt man so manches. Dafür erscheinen sexuelle Phantasien eher als hohl und unwichtiger.

Formentraining:
Das Fajing ändert sich: Bisher hatte ich eine Empfindung eines Peitschenschlageffektes, ausgehend von Bewegungen des Beckens und der Beine in die Arme schwingend. Jetzt fühlt es sich mehr wie eine Energieexplosion in Dantian an, die in der ausgerichteten Struktur von Becken, LWS und Beinen nur einen Rückhalt findet. Der Schlüssel zu kraftvollem Fajing scheint also nicht das direkte Üben eines möglichst schnellen„Kraftaktes“ sondern im Gegenteil die meditative Sammlung zu sein. Yin und Yang. Der kürzeste Weg ist der Umweg.

Tuishou:
Beim Tuishou wirkt sich die andere Art des Fajing sehr positiv aus. Es ist wie eine stets geladene „Geheimwaffe“, die dann bei Bedarf plötzlich „abgefeuert“ werden kann. Oben genannte Effekte beim Fajing sind leider noch sehr „wackelig“ und noch lange
nicht jederzeit abrufbar. Aber es ergibt sich zumindest eine neue Zielvorstellung. Wie nach einer harten Korrektur. Die Sitzmeditation ist schon eine extrem spannende Angelegenheit. Meines Erachtens einer der wichtigsten Bereiche des Taijiquan überhaupt. Allerdings hat sich mein persönlicher Fokus in den 30 Jahren Kampfkunsttraining auch verändert. Während mir früher
die Selbstverteidigung besonders wichtig war, ist es heute der geistige / meditative Aspekt. Hat halt alles seine Zeit. Schön das unser Taiji so vielseitig ist.

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NICHTS, WAS MAN SELBST PHANTASIERE, SEI SO ABSURD, DASS ES NICHT IRGENDWO AUF DER WELT VORKOMMEN KÖNNE!1

Man stelle sich ein schlankes, blondes, blauäugiges Mädchen ungefähr ein Meter achtundsiebzig groß vor – Alter: 15 Jahre!

Mit Tränen in den Augen wird sie von einer ihr sehr vertrauten, männlichen, etwas kräftigeren Person mit sehr auffallenden Haaren
noch einmal in den Arm genommen, um diese dann zu all den anderen Deutschen in einen großen Bus steigen zu sehen – welcher dann mit den fleißigen Winkern durch das Tor und um die Ecke verschwindet: Der neue Lebensabschnitt hat endgültig begonnen!

Das Mädchen befindet sich vor dem großen, roten Eingangstor der Chenjiagou Taijiquan Xuexiao2, ihrer neuen Heimat. Im Tor stehen viele schwarzhaarige Menschen, die dieses bewachen und mit staunenden Blicken das zurückgebliebene Mädchen betrachten. Wie sich herausstellt unter ihnen auch ihre zukünftige „Mutter“. Nach einer kurzen Einweisung auf gerade eben verständlichem Englisch wird das Mädchen erst einmal ihrem neuen Kumpel überlassen, einem netten männlichen Typen aus Hamburg, der zwar nicht mehr in ihrer Schule, aber im selben Dorf wohnt, und der die Lage im Griff zu haben scheint; schon Minuten später kann das Mädchen wieder lachen.

Der Wecker klingelt um 06.15 Uhr, um dich dann in 10 Minuten fertig zu machen, damit du pünktlich um 06.30 Uhr zum Joggen und Training parat stehst. Wenn du dir nicht gerade Waschen, Saubermachen, Aufräumen oder wichtige-Gedanken-aufschreiben zur Aufgabe gemacht hast, trainierst du noch weiter, bis dich der Hunger zum Frühstück drängt. Falls sie nicht gerade verschlafen
haben, triffst du dort neben deiner Familie dann auch auf die anderen Ausländer und kannst dein Englisch und dein Allgemeinwissen etwas erweitern. Mit dem Klingeln der unüberhörbaren Schul-„Glocke“ machst du dich dann auf denWeg nach oben in dein„Luxuszimmer“, um deine Schulsachen zu holen. Mit etwas sehnsüchtigem Blick gehst du an den Schülern, die nicht in die Schule müssen, und den ganzen Morgen trainieren, vorbei zur anderen Seite des riesen Innenhofes– meist nicht ohne von mindestens einem in irgendeiner Weise begrüßt und zum Grinsen gebracht zu werden. Wenn du früh genug losgegangen bist, tauchst du dann kurz vor dem Klingeln zum Unterrichtsbeginn im Lehrerzimmer der Frauen, einem länglichen Raum mit einem Vier-Personen- Tisch (natürlich wie immer ohne Heizmöglichkeiten) auf. Es liegen in der Regel 4 Stunden Chinesisch-Einzelunterricht vor dir.

Voll gefüllten Kopfes begibst du dich danach in Richtung Mittagessen. Nach einer Laojia zusammen mit deiner neuen Schülerin ruhst du dich in der Mittagspause bis um 14.30 Uhr meist im Bett aus, um dann mehr oder weniger pünktlich zum Nachmittags- Training zu erscheinen. Wenn du Glück und Kraft hast, bekommst du Unterricht, sonst trainierst du meist für dich, oder mit ein paar wenigen anderen zusammen. Wirst du nicht gerade durch das Quatschen mit deinen Freunden abgehalten, trainierst du in der Regel ziemlich viel und hart, denn schon nach den ersten Tagen hast du gemerkt, dass das Training neben dauerhaften Knie- und Beinschmerzen auch viel anderes bewirkt, du neue Erfahrungen machst, und einzig und allein das Training (natürlich neben einem guten Lehrer) der Schlüssel zum Erfolg ist – ein endloser Prozess ist in Gang gesetzt, du wirst regelrecht süchtig nach mehr und mehr Training!

Gut durchgeschwitzt begibst du dich gegen 18 Uhr zum Abendessen, um danach nicht selten wieder den Trainingsplatz aufzusuchen– denn du weißt nicht, ob du das allgemeine Training von 19.30 Uhr – 20.00 Uhr mit trainieren oder mit Quatschen, Chinesischüben und Englisch Beibringen zusammen mit deinen neuen Freunden verbringen wirst. Wenn es dir das Feeling der Dunkelheit erlaubt, trainierst du anschließend noch ein, zwei Laojia, um den Tag dann mit einem halbwarmen Rinnsal, auch genannt Dusche, neben dem Straßen- und Restaurantlärm vorm Fenster „in Ruhe“ ausklingen zu lassen.

Man stelle sich einen großen Trainingsplatz mit vielen trainierenden Menschen chinesischer Herkunft vor. Mitten unter ihnen Eine,
deren Haare von der Sonne beschienen wie Gold in alle Richtungen strahlen – Achtung, Achtung, eine Westlerin!

Übersetzt aus dem Englischen und Chinesischen:
„Hallo?“ Hallo. „Schön dich zu treffen. Woher kommst du?“ Aus Deutschland. „Aus Deutschland, das ist aber sehr weit weg!“ Ja, geht. „Wie lange bist du schon hier?“ Zwei Monate. „So lange?“ Ich werde hier für ein Jahr bleiben. „Oh!“ „Du machst sehr gut Taiji, hast du in Deutschland schon Unterricht gehabt?“ Ja, ungefähr 8 Jahre. „Oh!“
„Du bist sehr hübsch!“ Danke. „Was studierst du?“ Ich gehe noch zur Schule. „Du gehst zur Schule?“ Jap. „Wie alt bist du?“ 15. „15?“ Ja, richtig verstanden. „Du bist groß und jung! Mit wem bist du hier?“ Ich bin alleine hier. „Das ist aber sehr mutig!“ Geht. „Auf Wiedersehen.“ Tschüß.

Das Mädchen zieht hinter dem Rücken der Fremden die Freunde anschauend grinsend eine Grimasse, um sich dann wieder ihrem Training zu widmen.

Nach zwei Monaten unzähliger neuer Erfahrungen kann ich sagen, ich habe eine neue Heimat gefunden! Denn: Ich habe eine Schwester, die nach mir ruft, habe „Eltern“, die sich sorgenvoll um mich kümmern, eine„Tante“, die mich mit großem Erfolg zufüttert, Freundinnen und Freunde, mit denen man immer quatschen, lernen und vor allem lachen kann, eine Freundin, die sich ebenfalls um mich sorgt, und einen aus der Reihe meiner „Spezialisten“, der auch schon die ersten Verkupplungsversuche in Angriff genommen hat; und natürlich ein höchst friedvolles Leben, in dem man von einem zum anderen Tag oder eher von einer Stunde zur anderen lebt, das neben den lebensnotwendigen Tätigkeiten aus Taiji trainieren, Chinesisch lernen, Taiji trainieren, Nachdenken, Taiji Trainieren besteht!

Von meinem derzeitigen Standpunkt aus kann der Aufenthalt hier gar nicht lang genug dauern, ich nicht genug chinesisch lernen,
nicht genug quatschen und lachen, und erst recht nicht genug trainieren! Und ich bin ganz sicher glücklich hier!

Siehst du vor dem Essen, nach dem Essen, oder eigentlich immer dann, wenn der normale Mensch nicht trainiert, ein blondes Mädchen beim Training, weißt du, es muss„Weile“ (Vera) sein, die, wenn sie einmal angefangen hat, trotz aller Schmerzen vor lauter Freude über ihren Trainingserfolg kaum mehr mit dem Training aufhören kann…Der Weg ist das Ziel! Dieser Weg kann ganz sicher Taijiquan sein! Und das Ziel ist, glücklich zu sein und das Leben zu genießen!

Vera Dorothea Neumann, Oktober 2009

1 Zitat aus „Jan, mein Freund“ von Peter Pohl; aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
2 Die Taijji-Schule von Chenjiagou, Henan-Provinz, China

 

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„Chenjiagou bei mir Zuhause“

Die TiT von Frank fanden dieses Jahr imSeminarhaus Hanne Wilberg in Schlagsülsdorf mit 20 Teilnehmern statt. Wie in den vergangenen Jahren erwartete mich dort viel China Reise 2009gemeinsames Training, viele gute Korrekturen, schöne Möglichkeiten zum Austausch und gutes vegetarisches Essen (ja tatsächlich!).
Der Trainingsplan war an das Dao-Camp angelehnt. Am Vormittag stand die Arbeit an der Basis im Vordergrund: stehende Säule, Seidenübungen und Laojia Yilu. Am Nachmittag ging es dann mit den zuvor abgesprochenen Schwerpunkten Paochui, Waffenformen und Partnerformen/Anwendungen weiter. Abends gab esMöglichkeiten zur Vertiefung des Gelernten, z.B. in Workshops oder ganz anschaulich mit Filmen („Die Tochter des Meisters“, „Kung Fu Panda“, etc.). In dem Zeitplan waren aber auch ausreichend China Reise 2009Erholungspausen vorgesehen, in denen man z.B. ein Käffchen in der bäuerlichen Gartenidylle genießen konnte. Überhaupt war für unser leibliches Wohl gut gesorgt, sei esmit einem Bad im eigenen Teich oder in der Sauna.
Die TiT bieten eine sehr gute Gelegenheit, mich intensiv und zugleich entspannt im Taiji weiterzubilden. Der gut durchdachte Unterricht in unterstützend motivierender Atmosphäre kommt mir sehr entgegen. Zum Beispiel versucht Frank eine möglichst große Bandbreite an Lernerfahrungen einzubauen: mal läuft er die Form vor, lässt uns selber üben, uns gegenseitig korrigieren, korrigiert unsere Struktur, oder führtunsere China Reise 2009Bewegungen, etc. Zwischendurch baut er bei Bedarf Erholungspausen ein, in denen er den Energiefluss oder theoretische Hintergründe veranschaulicht. Bei der Vermittlung der Bewegungen legt er (passend für unser Niveau) großen Wert auf die Trennung von Gewichtung und Drehung und dem Einhalten der „äußere drei Zusammenschlüsse“ während der gesamten Form. Auf dem Weg hin zu einer fließenden Bewegung (die nur schwer nachzumachen ist), schlüsselt er die Bewegungen zunächst nach den Phasen der Seidenübungen auf.So wird der Energiefluss oft von alleine klar und wir wissen was wir da tun (sollten). Auch beginnt er das Training locker und lässt die Trainingsintensität über die Tage ansteigen. Das hilft mir, da ich wohl sonst am Anfang zu viel „wollen“ würde. Dadurch, dass Frank mir diese innere Auseinandersetzung abnimmt, kann er mir mehr von sich mitgeben. Die Auseinandersetzung behalte ich dann als Hausaufgabe - dabei kann er mir eh nur begrenzt helfen. Es lässt sich wohl auf diesen Ansatz und die ständigen Korrekturen zurückführen, dass ich trotz eigentlich schwerwiegender Knieprobleme den ganzen Workshop hindurch voll mit trainieren konnte. Die gewonnenen Eindrücke und Korrekturen verarbeite ich jetzt noch, d. h. Monate später, in meinem eigenen Training!

Dafür danke ich Frank von Herzen. Ferner danke ich im Namen aller Holger „Holly“ Neumeyer und Christian Behla für die video-/fototechnische Dokumentation und Holly für seinen Einsatz in vielerlei Hinsicht. Das Gleiche gilt für Ines Brachmann – u. a. wegen des gelungenen Workshops - und für alle Anderen, die dazu beigetragen haben, dass diese Woche ein besonderes Erlebnis wurde.


Robert Grosch

China Reise 2009

 

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Meditation -
ein Erfahrungsbericht der besonderen Art

Jede Sitzung war anfänglich immer auch eine Krisensitzung, physisch sowie psychisch. Am zweiten Tag überfielen mich vollkommen körperlich und langanhaltend derartige Zustände von Beklemmung im gesamten Brustbereich, dass ich ohne jede Übertreibung glaubte, mein letztes
Stündlein habe geschlagen. So körperlich existentiell ist es dann nicht mehr gewesen, aber nach wie vor scheint es mir jeden Tag ein Ringen mit einem oft schier übermächtigen Gegner. Der aber mietfrei seit je her in mir drinnen wohnt und  listenreicher ist als der alte Odysseus. Ich mich also mit der Kraft der Verzweiflung in jedem Moment festgeklammert mit meiner Aufmerksamkeit im Bauchbereich, indessen schwere Stürme tobten im Geiste, Stürme gemacht aus nutzlosem Gedankenloops, Melodiefetzen sowie überflüssigen „to-do-Listen“.
Wenn aber das überstanden war und es allmählich ruhiger wurde, dann kam die Schicht der sehr leisen Empfindungen, die sich gewöhnlich als leichtes Unbehagen oder Unruhe tarnten um sich dann, da ich ja keine Anstalten machte aufhören zu wollen, gelegentlich in schreckliche Ungeduld, dann schiere Panik, ja geradezu Todesangst, verwandelten.
Gleichzeitig immer enorme Hitze im Bauch, die auch den Tag über anhielt, sowie ein unentwegtes selbsttätiges Schaffen und Gurgeln im rechten Hüftbereich bis ins Bein hinein, dass es manchmal schon recht nervig ist, weil es ja eigentlich Dauerzustand ist.
Überdies sich der Bauch als solcher in seiner Ausformung zu verändern anschickte, was notwendig die Anschaffung neuer Beinkleider mit sich führt. Denn ich kann absolut nichts auch nur halbwegs eng sitzendes mehr ertragen. Dies aber nur nebenbei.
Und doch gelingt es auf täglich mich aufs Neue, überraschender Weise, so im letzten Viertel der Stunde, sozusagen ein Stockwerk tiefer zu
gelangen. Etwas gibt kurzzeitig nach und plötzlich ist man im gelobten Land. Da wo Stille ist und keine Anfechtungen von Seiten des ewig
ruhelosen Geistes. Sei es auch nur für kurz. Dafür lohnt sich der Aufwand allemal. Es geschieht einfach, ich kann’s nicht vorsätzlich herbeiführen. So nach und nach, habe ich das Gefühl, bekomme ich eine Idee davon, was es mit dem häufig zitierten "Ego" so auf sich hat. Tatsächlich scheint es mir momentan, als handle es sich dabei um eine Instanz, die vor undenklichen Zeiten auf dubiose Weise die Macht ergriffen hat über das eigene Sein. Aus Gründen vermutlich, wird es nach Art der Tyrannen "nur gut gemeint haben". Man selbst hat von dieser Machtübernahme selbstverständlich äonenlang nicht das Geringste bemerkt und ist darin derart  fintenreich verstrickt,  dass man den Usurpator ununterbrochen mit sich selbst verwechselt, wenn man nicht aufpasst wie ein Luchs. Seine Aktivitäten scheinen sich hauptsächlich darin zu erschöpfen, pausenlos Sorgen, Gedanken und Vorstellungen zu kreieren über "das was ist" und darüber, was für ein edler oder wahlweise auch nichtswürdiger Zampano man doch  sei. Denn es befürchtet, die Welt und die gesamte Existenz sowie es selbst würden zusammenbrechen, falls das Herrchen bzw. Frauchen auch nur einen Augenblick mit dem Denken aufhörte. Und am Ende gar noch herausfinden würde, dass es sich ohne seine pausenlosen Interventionen wesentlich geschmeidiger leben ließe.
Und um dies zu verhindern, da hat es schon ein paar pfiffige Ideen! Ich weiß mir aber doch zu helfen. Ich wehre mich nämlich noch nicht mal.
Warte nur ab, bis der Ansturm sich mal wieder gelegt hat. Und so geschieht es, dass ich immer häufiger in ein Gebiet vorgelassen werde,
welches ich nur als das Zentrum des wirklichen eigenen Seins  beschreiben kann. Nicht etwa, dass ich bereits in das Innere des
Heiligtums Zutritt hätte! Aber immerhin aus einiger Entfernung einen Blick auf den Tempel zu erhaschen und in dessen Anblick andächtig zu
verweilen, das geht ganz oft. Klingt vielleicht etwas pathetisch. Oder um es anders zu sagen: Es ist, als ob da zwei Elektroden wären, das
Dantien und die eigene Aufmerksamkeit. Und wenn die passgenau aufeinander treffen, dann ist Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig.
Überdies hat sich bei mir das dringende Bedürfnis eingestellt, auch noch jeden Tag 45 Minuten zu „stehen“.
Morgens das eine, abends das andere. So fühlt es sich an, als ob das tägliche Leben durch zwei starke Säulen gestützt würde. Man könnte auch
sagen, im Osten ein Fluss, im Westen ein Fluss. Und die versuchen sich durch kleine Nebenarme einander anzunähern. Und das Land dazwischen wird immer häufiger überschwemmt. Häufig habe ich nach dem Sitzen eine Art, naja, Eingebung, die eigenen
religiösen Wurzeln betreffend. Dass mir dann z.Bsp. eine Geschichte, ein Gleichnis oder ein Bild einfällt aus dem neuen Testament und ich dann
denke, "ach so ist das gemeint! Sapperlot! Das ist ja ein Ding!"Je nachdem, was grade dran war, beim Sitzen.
Phänomene sonderzahl.  Energetischer Art und auch sonstwie. Man weiß nicht, was noch werden soll.

Nun kann man sich vorstellen, dass ich das alles um keinen Preis wieder aufgeben würde. Für einen ängstlichen Wohnzimmerentdecker wie mich nämlich der ideale  Zustand: Man sitzt in der warmen Stube und die Abenteuer finden völlig ohne körperliche Entbehrungen und Gefahren direkt im Geiste statt.
Und Erinnerungsfotos symbolischer Art gibt’s obendrein.
So ist das mit dem Sitzen zurzeit.

Angelika Maisch

 

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„Chenjiagou bei mir Zuhause“

Konstatin Berberich„Chenjiagou bei mir Zuhause“ dürfte der passendste Ausdruck für drei Wochen im September sein. Chen Zhiqiang, Lehrer und Leiter der Chenjiagou Taiji-Schule, und zwei seiner Schüler Chen Hui und Zhang Yan Fei waren auf Einladung von Jan Silberstorff als Delegation des Chenjiagou Showteams aus China angereist.
09.September 2007, Flughafen Frankfurt: Dank der Tatsache, dass die globalen Unterschiede in Sachen Trainingsbekleidung sehr gering ausfallen, hätte ich die drei jungen Chinesen vermutlich auch erkannt, wenn ich sie nicht schon vorher einmal bei meinem Besuch in Chenjiagou kennen gelernt hätte. Mit mehr Waffen als Klamotten im Gepäck ging es noch am selben Abend nach Lüdinghausen wo das erste Seminar mit Chen Zhiqiang auf deutschem Boden stattfinden sollte.
Dank der tollen Gastfreundschaft und Organisation von Gerhard und Sun-Pill Milbrat konnte ich in aller Ruhe meine Sprachkenntnisse auffrischen und die chinesischen Marotten studieren: Ständig Nudelsuppen essen, morgens um 5:30 Uhr joggen gehen, im Internet chatten und Martial-Arts Filme gucken, egal in welcher Sprache!
Der Westfalen-Ausflug endete mit einem Showauftritt auf dem von Gerhard organisierten Lüdinghausener „Asiatischen Abend“ und jeder Menge leckeren koreanischen Essens von Sun Pill.

Nun ging es weiter nach Hamburg wo in den kommenden zwei Wochen mein Zuhause auch die Heimat der drei weit gereisten Gäste sein sollte. Die Woche über standen keine Termine auf dem Plan und so war erst einmal Sightseeing, gemeinsames Training und allem voran Pause angesagt. So konnte ich Einblick gewinnen in die „chinesische Methode“ des Taijiquan, die ich bis dato nur aus Erzählungen und Legenden kannte.
Am Wochenende danKonstatin Berberichn, eingerahmt von einem zweitägigem Tuishou-Lehrgang tagsüber und zahlreichen Fernsehaufnahmen zwischendurch, hieß es am Sonntagabend Vorhang auf zur „Kiai“ Kampfkunstgala. In der mit 600 Gästen voll besetzten Hamburger Markthalle wurden zahlreiche Darbietungen des Taijiquan, Dacascos Kungfu, Aikido, Capoeira und vieler weiterer Kampfkünste präsentiert.
Ein Glanzpunkt war der deutsch-chinesische Vergleichskampf im Pushhands zwischen Armin Fabian und Zhang Yan Fei. In einem spannenden und actiongeladenen Kampf konnte Zhang Yan Fei den deutschen Herausforderer besiegen.
Trotz eines Kampfes, in dem sich beide Kämpfer nichts schenkten und die Anstrengung auch in der letzten Reihe noch spürbar gewesen sein dürfte, trat Zhang Yan Fei nur wenige Minuten nach dem Kampf scheinbar mühelos auf die Bühne. Zusammen setzten Chen Zhiqiang, Chen Hui, Zhang Yan Fei das finale Highlight des vom WHKD Verband und der WCTAG gemeinsam veranstalteten grandiosen Abends.

Nach einer weiteren Woche in Hamburg, in der noch ein Kurzlehrgang im Tempelpark stattfand, ging es für zwei Tage nach Karlsruhe, der letzten Station der Deutschlandtournee.
Zu diesem Zeitpunkt musste ich mich leider von meinen neu gewonnenen Freunden verabschieden, die letzten Tage übernahm Jan die „Reiseleitung“ selbst.
In Karlsruhe gab es ebenfalls die Möglichkeit für alle Pushhands-Begeisterten an einem Seminar mit Chen Zhiqiang teilzunehmen - samt einer von unseren Gruppen in Karlsruhe organisierten Gala-Show im Anschluss daran!

Was bleibt, ist die Ruhe nach dem Sturm, ein Loch in der Wand (Gruß an Roger!) und der Geruch nach chinesischen Nudelsuppen. Noch dazu eine innere Zufriedenheit durch die Beobachtung, so verschieden die Praxis aufgrund kultureller Unterschiede, Anspruch und Anforderungen auch sein mögen, so arbeiten doch alle an ein und derselben Sache.
Eine schöne Szene dazu im Anschluss an den Herausforderungskampf :
Während der Siegerehrung hob Jan zuerst den Arm des Siegers Zhang Yan Fei um wenige Sekunden später die Arme beider Kämpfer in die Höhe zu strecken.

Zwei Sieger. Kein Verlierer. Verbunden mit gegenseitigem Respekt vor den Qualitäten des Anderen - im internationalen Vergleich ein schönes Ergebnis.

 

Konstantin Berberich

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„WCTAG-Kids“ TAIJI MIT KINDERN

Seit ich im Mai 2004 in Berlin meinen TaiJi-Kinderkurs ins Leben rief, beschäftigte mich der Gedanke der „WCTAG-Kids“ fortlaufend. Im Sommer 2006 gab mein Meister Jan Silberstorff dann die Erlaubnis für den Aufbau sowie den Namen der WCTAG Kids„WCTAG-Kids“. Ich freue ich mich, dass sich im letzten Jahr mehrere Lehrkräfte der WCTAG an mich gewandt haben und mich bei dem Ausbau der Sektion Kinder-TaiJi in Deutschland unterstützen. Die ersten Schritte sind getan. Im November 2007 begann eine weitere TaiJi-Kindergruppe in Warberg (Helmstedt) mit dem Training. In den Städten Dortmund, Münster, Leichlingen (Köln/Leverkusen) und Gelsenkirchen planen weitere WCTAG-Lehrkräfte Kinder-TaiJi-Gruppen. Die „WCTAG-Kids“ gehen nun in das erste offizielle Jahr. Um die Strukturierung und Organisation weiter auszubauen finden ab 2008 zweimal im Jahr Termine für die interessierten Lehrkräfte statt. Diese sind jeweils am Kursleiter-Lehrer-Wochenende inWCTAG Kids Hamburg an dem Samstagabend ab 20.00 Uhr. Die Termine finden in Form einer Gesprächsrunde statt, in der Erfahrungen untereinander ausgetauscht werden können sowie neue Vorschläge oder Ideen.
Allgemeine Informationen und Absprachen zu den WCTAG-Kids können jederzeit unter wctag-kids@web.de oder www.wctag-kids.de eingeholt bzw. getroffen werden. Weitere Lehrkräfte, die Interesse am Kinder-TaiJi haben oder bereits unterrichten (auch Einzelunterricht), bitte ich um eine kurze Mail, damit ich diese mit in die Liste der WCTAG-Kids aufnehmen kann.
Bezogen auf die Altersgruppen und das Training hat sich erfahrungsgemäß eine günstige Einteilung in folgende Altersklassen bewährt: 3-7 Jahre alt (Kindergarten/Vorschule/Schule), 8-11 Jahre alt (Schulkinder/Grundschule),
12-15 (Schulkinder/Oberstufe).
Um den Aufbau der WCTAG-Kids in Deutschland leichter umzusetzen, habe ich angefangen, mein Konzept zum Kinder-TaiJi in Form einer kleinen Broschüre (Mini-Büchlein) etwas detaillierter mit Bildern zu gestalten. Somit haben die Lehrkräfte ein kleines Nachschlagewerk zur Unterstützung und können nach einem einheitlichen Prinzip vorgehen. An den WCTAG-Kids interessierte WCTAG-Lehrkräfte, die sich auf der WCTAG-Kids-Liste eintragen lassen und einen Kinderkurs an ihrem Wohnort planen / aufbauen, erhalten einen komprimierten Auszug aus dem ersten Teil des Kinder-TaiJi-Konzepts.


Tina Baylis (Ansprechpartnerin „WCTAG-Kids“

 

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Taijiquan - eine Krankengymnastik ?

Aufgrund einer Knochenerkrankung hatte ich mehrere Operationen an Hand und Knie, wodurch eine relativ stark eingeschränkte Beweglichkeit und Belastbarkeit der Gelenke resultierte: Bänder, Gelenkkapseln, Muskeln, die im OP zerschnitten wurden, vernarbten und versteiften. Es muss ganz klar gesagt werden, dass ein chirurgischer Eingriff ab einem gewissen Stadium die einzige Rettung darstellt. Inzwischen denke ich aber, dass ich so manche Operation durch eine andere Lebensführung hätte verhindern können. Ich Robert - Peitschehatte die Krankheit mein Leben lang verdrängt. Erst als mir das ganze Ausmaß bewusst wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun und begab mich auf die Suche. Zufälligerweise nahm ich zu dieser Zeit an einem Workshop bei Jan teil. Ich hatte schon vorher Taijiquan als langsame Gymnastik (ohne Prinzip) schätzen gelernt, weil kein anderer Sport mehr möglich war. Die langsamen Bewegungen halfen mir meine Grenzen auszuloten. Ich vermutete auch, dass da wohl mehr dahinter steckte, ahnte aber nichts von der Tiefe dieser Kunst, die Jan auf dem Workshop demonstrierte. Ich war sofort begeistert, hatte aber so meine Zweifel, ob ich dieses anspruchsvolle Chen System (tiefe Stände, Sprünge, Fajin) erlernen könnte. Als ich kurz darauf den Großmeister Chen Xiaowang persönlich auf einem Workshop erlebte, wollte ich unbedingt das Taiji-Prinzip erlernen, denn dazu reichen schon die Seidenübungen. Die Art wie der Jan und der Großmeister auf mich eingingen, hat mich sehr bewegt und ermutigt. Der Großmeister ist in meinen Augen der lebende Beweis, dass Körper und Geist zu unglaublichem im Stande sind. Seit März 2005 lerne ich Taijiquan bei Frank Marquardt in Dortmund. Jan hat mich auf meinem Weg übergreifend betreut.

Seither hat sich mein gesundheitlicher Zustand rapide verbessert. Das Training fiel mir jedoch anfangs sehr schwer. Später habe ich zu meinem Erstaunen festgestellt, dass meine „gesunden“ Trainingspartner ähnliche Probleme hatten, wie z.B. das Bedürfnis besser nicht zu üben, weil man ja eh nur die schönen Korrekturen des Lehrers kaputt macht, Schmerzen, Atemprobleme, Ohrensausen, etc.. Besonders die Stehende Säule empfand ich als Tortur. Hier gibt es nichts womit man sich ablenken kann, so dass einem die eigenen körperlichen und geistigen Schwächen quasi ins Gesicht springen. Frank hat dann immer gesagt, dass ich selber Üben muss, um Fortschritte zu machen und dass ich mir Zeit für Veränderungen geben muss. In den Korrekturen zeigte er mir immer wieder, wie ich mit meinen Problemen arbeiten kann. Heute habe ich zwar immer noch oft Schmerzen beim Üben, die aber schnell wieder verschwinden. Durch die Korrekturen lernte ich im Laufe der Zeit, Ausweichbewegungen so weit zu verringern, dass ich inzwischen fast ohne Humpeln laufen kann. Muskeln die zerschnitten und durch ewige Ausweichbewegungen schon bis zur Verkümmerung geschont wurden, Chen Xiaowangwerden wieder aktiviert. Blockierte Gelenke wurden geöffnet, so dass ich wieder wesentlich beweglicher bin. Durch diese äußeren Erfolge wurde Taijiquan zur besten Krankengymnastik, die ich je hatte. Dabei blieb es aber nicht. Die Krankheit selbst hat sich inzwischen stark verlangsamt und ich habe Hoffnung vielleicht sogar eines Tages zu genesen. Neben dem Taijiquan haben noch weitere Dinge zur Besserung beigetragen: Z.B. habe ich sehr gute Erfahrungen mit sexuellem Qigong gemacht, das durch Jan vermittelt wird. Es hilft mir, mit meiner ohnehin schon geringen Nieren-Energie zu haushalten. Daneben befinde ich mich bei einer Ärztin für traditionelle chinesische Medizin in Behandlung und habe meine Ernährung grundlegend umgestellt. Diese Bemühungen der letzten Jahre sind untrennbarer Bestandteil meines Weges, auf dem Taijiquan eine zentrale Rolle zukommt. Es ist mein Medium zur Selbsterkenntnis, durch das mir notwendige Veränderungen bewusst werden. Diese Veränderungen sind nicht immer einfach umzusetzen. Lange Zeit konnte ich mich nur äußerlich korrigieren, z.B. in dem ich mich an einer Linie auf dem Boden ausrichtete. Allmählich bekomme ich den Mut in mich hinein zu spüren, meine körperlichen und geistigen Fehler auf einer tieferen Ebene zu akzeptieren und damit zu arbeiten. Wenn ich mich öffne und bestehende Konzepte auflöse, werde ich unsicher, weil ich nicht das Level habe um klar sagen zu können, was richtig und was falsch ist. Daher möchte ich meinem Lehrer Frank, meinem Meister Jan, und dem Großmeister Chen Xiaowang von ganzem Herzen danken. Sie haben mir immer wieder geholfen, Vertrauen zu finden und mich den Veränderungen hinzugeben.

 

Robert

 

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Meine erste Begegnung mit Chen-Taijiquan

Seit vielen Jahren bin ich dem inneren Weg, einem spirituellen Weg, verpflichtet.
Ich habe die Gnade erfahren, meinem spirituellen Lehrer zu begegnen, was eine radikale Veränderung meines Lebens bedeutet hat. Hier im Westen gibt es diese Tradition mit einem spirituellen Lehrer zu sein noch sehr wenig. Doch ich hatte Glück.
Viele Jahre der stillen Meditation, des Rückzugs und der inneren Einkehr folgten. Je tiefer ich jedoch dem inneren Weg folgte, desto stärker zeigte sich mir, dass die Physis hinterher hinkt. Ich hatte einige energetische Zusammenbrüche, die aus medizinischer Sicht nicht mehr zu erklären waren und ich spürte, daß mein Energiekörper sehr kraftvoll und fließend ist, daß mir aber die Verbindung zum physischen Körper schlichtweg fehlt.
Per Zufall geriet ich in eine Gruppe von Menschen, die die äußeren Kampfkünste erlernen und praktizieren und so auch eine Form von Taiji in das Trainingsprogramm integrierten. Während ich dieses Training mitmachte, spürte ich, daß es ein rein äußerliches Training ist und gleichzeitig, daß im Taiji das große Juwel verborgen liegt, den Energiekörper und die Physis zu vereinen. Ich mußte staunen ob dieser Offenbarung und war gleichzeitig auch voller Freude. Von da an wußte ist, daß es das Taiji ist, was mich auf dem inneren Weg unterstützen und weiter führen wird. Es wird mich körperlich, geistig und emotional in der Mitte halten und wird mir zeigen, wie die aufsteigenden Gedanken, die ich als Energie erfahre, wieder zurücksinken können und so kein Energieverlust entsteht. Aber wo das „echte“ Taiji finden, das lebendige Taiji und einen Lehrer, der das lehrt ?
Ein paar Tage später fiel mir – ohne dass ich danach gesucht habe – das Buch von Meister Jan Silberstorff „Chen – Lebendiges Taijiquan im klassischen Stil“ in die Hände und ich begann zu lesen. Während ich das Buch las, wurden die

Worte in mir lebendig – ich konnte fühlen, was er schreibt und ich fühlte Taiji! und ich wußte, daß dort ein Meister schreibt und daß es sich hier nicht um inhaltslose Worte und Bewegungen handelt. Ich freute mich sehr.
Doch was jetzt ? Ist es möglich, direkt von ihm zu lernen?
Von Bekannten aus der „Kampfkunstszene“ war mir bekannt, daß Meister Jan Silberstorff fast nie in Hamburg ist, eigentlich sogar unerreichbar und gleichzeitig erfuhr ich, daß er sehr exzentrisch sein sollte. All das schreckte mich nicht ab. Die Freude in mir blieb und mein Wunsch, Chen-Taijiquan zu lernen, auch.
Und so halfen das Glück und der Zufall nach. Ein paar Tage später begegnete ich Meister Jan Silberstorff ganz zufällig während meines Zusammenseins mit dem Dalai Lama. Alles über ihn Nachgesagte war mit einem Schlag verschwunden. Was ich sah und fühlte ist mit Worten nicht zu beschreiben, aber ich kann sagen, daß sich in mir alles kraftvoll entspannte und mein Herz sich mit Freude füllte.
Jetzt, nach den ersten Unterrichtsstunden, die mir Frank Marquardt gibt, beginnt mein Körper sich umzustrukturieren. Ich gehe durch teilweise sehr schmerzhafte Phasen, in denen sich energetische Blockaden, wie alte Brüche in der Wirbelsäule z.B., anfangen zu lösen – ganzheitlich! Sowohl auf der Ebene der Physis als auch auf der emotionalen Ebene, in der Form, daß sich diese Traumata auflösen.
Man nennt China das „Reich der Mitte“ und Chen-Taijiquan ist für mich eine „Bewegungskunst der Mitte“. Der Stille, die sich auftut, wenn jeder Gedanke und jede Handlung in seinen Ursprung zurückfällt. Und so möchte ich der WCTAG und natürlich Meister Jan Silberstorff danken, daß dieses Juwel bei mir angekommen ist und mich einlädt, es zu empfangen.


Carola Herzog

 

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Taijiquan-Training mit Handicap
(Schülerin: Mandy Eidtner, Kursleiterin: Tina Baylis)

Unser Meister und Lehrer, Jan Silberstorff, bat uns im letzten Jahr um einen Erfahrungsbericht aus Kursleiter –und Schülersicht. Ein hauptsächlicher Grund war zu zeigen, dass das Praktizieren des Taijiquan für Menschen mit einem Handicap durchaus realisierbar ist und in jeder Hinsicht positive Auswirkungen auf das Leben, die Gesundheit und viele weitere schöne Aspekte hat. Hierfür möchten wir gerne eine Motivation geben.
Mein Name ist Mandy Eidtner. Bevor wir beschreiben, welche Auswirkungen das Taijiquan-Training auf mein körperliches sowie geistiges Wohlbefinden hatte und immer noch hat, möchte ich zunächst erklären, was für ein körperliches Handicap ich habe. Ein Sauerstoffmangel im Gehirn, bedingt durch eine Frühgeburt, verursachte das Absterben der Zellen, die für die Bewegungen zuständig waren und operativ auch nicht ersetzt werden können. Es handelt sich um eine zerebrale Bewegungsstörung, von der beide Beine, dabei rechts stärker als links, betroffen sind. Diese Bewegungsstörung, die auch spastischartige Teillähmung genannt wird, bringt verschiedene Einschränkungen mit sich. Erhebliche Gleichgewichtsstörungen, schnelles bzw. leichtes Verkrampfen der Gliedmaßen durch falsche Körperhaltung, geringe Gelenkigkeit sowie Einschränkungen in der Feinmotorik. Zudem besteht seit frühester Kindheit eine Neigung zu Infekten mit einer besonders hohen Anfälligkeit zur Bronchitis. Es sah nicht danach aus, als ob ich jemals eine Kampfkunst würde erlernen können. Und so wurde es mir von einem Lehrer, der den Yang-Stil praktizierte, auch suggeriert. Diesen lernte ich im Alter von 16 Jahren (Juni 2001) kennen und war fasziniert von der Schwertform, die er vorführte. Als ich ihn fragte, ob Menschen mit körperlichen Handicaps Taijiquan lernen können, meinte er: „Du wirst zwar Taijiquan lernen können, aber du wirst nicht alles mitmachen können!“. Zudem hatte ich die Befürchtung, dass es körperlich für mich ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr machbar war, Taijiquan auszuüben und ich eines Tages zusehen müsste, wie die anderen Schüler sich weiterentwickelten.Mandy Eidtner
Im September 2003 fing ich dann doch aus gesundheitlichen Gründen, zunächst unregelmäßig, mit dem Taijiquan-Training an. Ab Mai 2004 nahm ich dann fortlaufend bei WCTAG-Kursleiterin Tina Baylis Unterricht im Chen-Stil. Nach ein paar Trainingseinheiten erkannte ich, dass auch „gesunde“ Menschen so ihre Schwierigkeiten hatten. Und vor allem habe ich, seitdem ich Taijiquan regelmäßig trainiere, nie wieder gehört, dass ich diese Kampfkunst nicht würde erlernen können. Um das komplette System des Chen-Stils zu erlernen, trat ich im Juli 2004 in die WCTAG ein.
Bevor ich mit dem Training anfing, war ich unausgeglichen und anderen Menschen gegenüber sehr verschlossen und misstrauisch. Auf körperlicher Ebene kann ich sagen, dass längeres Stehen und Laufen sehr schmerzhaft für mich war und ich keine Freude daran hatte, mich zu bewegen. Jetzt werde ich zunehmend selbstbewusster und offener gegenüber meinen Mitmenschen, was mir durch Familie und Freunde bestätigt wurde. Ich bewege mich viel lieber als früher und Muskeln, bei mir speziell in den Beinen, werden aufgebaut, die vorher wenig beansprucht wurden. Erkältungskrankheiten sind seltener und meine Stimme, sonst leise und piepsig, ist kräftiger und tiefer geworden.
Ich habe es nie bereut, jemals mit Taijiquan angefangen zu haben, auch wenn es anfangs und heute gelegentlich auch noch, nicht leicht für mich war und ist, diese Kampfkunst zu erlernen!
Vieles ist machbar, wenn man etwas wirklich möchte und es Menschen gibt, die einen unterstützen!
Mein Name ist Tina Baylis. Vor knapp drei Jahren lernte ich Mandy als eine sehr nette, ruhige und schüchterne Person kennen. Die Freude und das Interesse am Taiji waren ihr deutlich anzusehen. Anfangs hatte sie teilweise Schwierigkeiten, den Bewegungsabläufen der Formen zu folgen und sich diese zu verinnerlichen. Längeres Verweilen in einzelnen Figuren war meist nicht möglich, da die Gliedmaßen schnell verkrampften und leichte Rückenschmerzen auftraten. Die Übung „Stehende Säule“ war im ersten halben Jahr des Trainings, bedingt durch Mandys zerebrale Bewegungsstörung, nur etwa 5 Minuten möglich. Unmittelbar darauf schmerzte der ganze Körper, v.a. Beine, Knie und Füße waren betroffen. Bei der Korrektur lag der Schwerpunkt daher besonders auf der Hüfte und den Knien, um die „X-Stellung“ der Knie in eine „normale“, gerade Haltung zu bringen und die Hüfte zu lösen. Die Annahme und Umsetzung der Korrekturen fiel Mandy anfangs schwer, doch im Laufe der Monate zunehmend leichter. Durch regelmäßiges Üben und entsprechend angepasste Korrekturen ergab sich im zweiten halben Jahr des Unterrichts eine Steigerung der Standmeditation auf 15-20 Minuten. Nach dem Praktizieren war sie leicht erschöpft und doch angenehm „k.o.“. Im zweiten Jahr des Trainings fiel das Augenmerk zusätzlich auf die Schultern und Arme Mandy Eidtnerund darauf, die dortigen Verkrampfungen zu lösen. Heute, nach gut zweieinhalb Jahren Zusammenarbeit und vielen gemeinsamen Taiji - Stunden voller Spaß hat Mandy nur noch selten Schmerzen, und wenn, dann nur durch kurzfristige Verkrampfungen. Die Entspannung ist nun überwiegend gegeben. Mandys Beine sind inzwischen besonders in der Stehenden Säule fast gerade und sie hat einen festen Stand entwickelt. Die Knie bedürfen mittlerweile nur noch einer geringen Korrektur. Die Hüfte ist beweglicher und viel gelöster. Mandy kann nunmehr Verkrampfungen teilweise selbst lösen und daraus entstandene Schmerzen lindern. In den letzten drei Monaten war es möglich, vertiefende Standkorrekturen durchzuführen. Die Stehzeit in der Stehenden Säule liegt jetzt bei mindestens 30 Minuten. Mandy hat kaum noch Schwierigkeiten, bestimmte Korrekturen anzunehmen und umzusetzen. Sie hat ein gutes Verständnis für Bewegungen, die in der Form aufeinander folgen, um diese einheitlich abzuschließen. Alleiniges Praktizieren ist für sie bereits selbstverständlich. Das Üben ist durch anspruchsvoller gewordenes Training immer noch wohltuend anstrengend. Zeitweise ist eine „gesunde Erschöpfung“ zu sehen, die sich im Anschluss des Unterrichts in Entspanntheit wandelt. Auch diverse andere Aspekte möchte ich hervorheben. Mandys Gangart beim Laufen ist viel geschmeidiger und fließender als früher. Gleichgewichtssinn und Bewegungsfähigkeit haben sich sehr verbessert. Sie ist wesentlich selbstbewusster, lockerer und aufgeschlossener anderen Menschen gegenüber und viel ausgeglichener. Die Anfälligkeit zur Bronchitis ist kaum noch vorhanden. Mandy ist inzwischen mehr eine Freundin als Schülerin für mich und ich freue mich über ihre großen Fortschritte in dieser kurzen Zeit. Für die Möglichkeit, sie auf ihrem Taiji-Weg zu begleiten und zu unterstützen bin ich sehr dankbar und freue mich auf die künftigen Unterrichtsstunden mit ihr. Ein besonderes Dankeschön möchten wir hiermit an Jan Silberstorff richten, der uns durch seine Erfahrung, seine regelmäßigen Fortbildungsseminare und seine Menschenkenntnis bei der Umsetzung unserer Praxis des Taijiquans begleitend unterstützt!

Anmerkung der Redaktion: Mandy bestand Ende 2005 erfolgreich und mit großer Sicherheit ihre Übungsleiterprüfung.

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TaiJi mit Kindern

Nach Absprache mit meinem Meister Jan Silberstorff habe ich die Initiative ergriffen, in der WCTAG den Bereich „Kinder-TaiJi“ ins Leben zu rufen und starte mit den „WCTAG-Kids Berlin-Brandenburg“, einer Gruppe von acht Kindern zwischen 7 und 11 Jahren. Es gibt sicher einige Lehrkräfte unter uns, die bereits Kinder unterrichten oder dies vorhaben. Dieser Bericht und die „WCTAG-Kids“ möchten zum TaiJi-Training mit Kindern motivieren. Ich hoffe auf Euer reges Interesse und die Kommunikation mit Euch und freue mich darauf diesen Bereich auf -und auszubauen.
Anfangs ist es für Kinder nicht leicht, sich auf die überwiegend ruhigen Bewegungen des TaiJi zu konzentrieren, da sie noch nicht gelernt haben, ihre vorhandenen Energien bewusst einzusetzen. Durch regelmäßiges Praktizieren des TaiJi erlernen die Kinder diese Energien gezielt und kontrolliert zu nutzen. Nach regem Austausch mit meinem TaiJi-Meister, Jan Silberstorff und einigen TaiJi-Lehrern sowie durch mehrjährige Praxis mit meiner TaiJi-Kindergruppe, unterrichte ich nach meinem speziell auf das Kinder-Training zugeschnittenen Konzept. Natürlich kann das Kindertraining nicht genauso durchgeführt werden wie das Training mit Erwachsenen, da die „innere Ruhe“ erst entwickelt werden muss. Mit Spaß werden die Kinder spielerisch nach und nach an konkrete Basisübungen des TaiJi herangeführt. Anfangs sind das Körperbewusstsein, die Körperwahrnehmung und das Gleichgewicht die Schwerpunkte der Trainings-„Spielstunden“, wie ich sie hier noch nennen möchte. Die ersten Stunden beinhalten gezielte Spiele und Übungen sowohl mit dem eigenen Körper/gewicht, als auch mit kleinen Hilfsmitteln wie Ball, Stock und Partnerübungen. Diese Spiele und Übungen haben mit dem TaiJi-Training wie wir Erwachsene es kennen keine Ähnlichkeit. Das Ziel der Übungen ist es, eine Grundlage zu schaffen, mit der dann das eigentliche TaiJi-Training beginnen kann. Sobald diese Grundlage vorhanden ist, erfolgt ein fließender Übergang zu den TaiJi-Basisübungen: „Stehende Säule“ (Standmeditation), „Seidenübungen“ und „Tui Shou“ (Schiebende Hände) als Partnerübung. Spiel und TaiJi gehören eng zusammen. Man könnte es bildlich mit einer Waage vergleichen. Anfangs überwiegt klar das Spiel(en) und macht ungefähr 45 Minuten der Unterrichtsstunde aus. Die Seidenübungen bilden 15 Minuten der Stunde. Auch 5-jährige Kinder sind hier sehr neugierig und interessiert. Nach spätestens einem Jahr stehen Spiel und TaiJi schon im Gleichgewicht. Die Stehende Säule, Seidenübungen und die ersten beiden Teile der 19ner Form sind inzwischen „Routine“ für die Kinder. Nach ca. zwei Jahren macht das TaiJi 45 Minuten der Stunde aus, das Spiel insgesamt 15 Minuten (je 5 am Anfang, in der Mitte und am Ende der Stunde).Die positiven Wirkungen wie u.a. Steigerung des Körperbewusstseins, Verbesserung der Konzentration, Entspannung, Ruhe / innere Ausgeglichenheit, Stärkung des Immunsystems, Beweglichkeit sind deutlich bei den Kindern zu erkennen.

Tina Baylis

Kinder Taiji 1 Kinder Taiji 2 Kinder Taiji 3 Kinder Taiji 4

Anmerkung: Es ist geplant, ab nächstem Jahr eine selbstständige Kindersektion innerhalb des Verbandes zu etablieren. Ich bitte daher alle KursleiterInnen-AusbilderInnen, die sich spezieller mit der Ausbildung von Kindern beschäftigen, sich mit Tina in Verbindung zu setzen um eine Struktur zu entwickeln, die wir dann ab 2008 in offizielle Bahnen geleiten. (Jan Silberstorff)

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